Papa lernt

Liebe Festgemeinde,

was Pfarrer den ganzen lieben langen Tag  machen? Ich weiß es. Andere stellen Vermutungen an! Die eine geht so: Unter der Woche möchte ich Pfarrer sein und am Sonntag Lehrer. Wobei unterstellt wird, beide Berufe haben es nicht so sehr mit der Arbeit.

Pfarrer arbeiten nicht

Das hat mein Sohn mit fünf Jahren schon gewusst. Angesprochen darauf, wo sein Vater denn arbeite, gab er zur Antwort: „Mein Papa arbeitet  nicht, der ist Pfarrer“.

Sie können sich vorstellen, mit welch breitem Grinsen diese Feststellung später den Eltern erzählt worden ist. „Papa lernt“, pflegten meine Kinder zu sagen. Das war ihre kurze Beschreibung meines Berufes. Kindermund sagt Wahrheit.

Lernen wir nur, um zu funktionieren? In zurückliegenden Jahren sprach man gerne vom „life-long-learning“, dem „lebenslangen Lernen“.  Heute wird diese Idee mit Recht auch  kritisch gesehen.  Denn die Forderung nach „lebenslänglichen Lernen“ meint – so sagen die Kritiker – die Reduktion von Bildung auf die Optimierung von Menschen für ökonomisch verwertbare Arbeit. M.a.W.  „Mensch, lerne – um zu funktionieren“. Wir fühlen uns nicht gut, wenn wir nur funktionieren müssen als „Humankapital“.

Und jetzt hören wir Paulus. Wir zitieren Verse aus dem 1. Timotheus-Brief. Eine Ermahnung:

So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen.

Auf die Höhe

Damit wir diese Worte verstehen können, bitte ich Sie, mit mir im Geiste die Kirche zu verlassen. Wir steigen den Festungsberg hinauf.  Erreichen verschwitzt das Burg-Tor. Biegen nach rechts ab und steigen noch weiter hinauf bis zum Rondell. Gönnen uns eine Pause. Atmen tief durch. Schauen. Wir schauen nur.

Vor genau 16 Jahren bin ich diesen Weg hinauf auf die Burg zum ersten Mal gegangen. Am 11. Mai 2000. Das war der Sonntag meiner Amtseinführung. Na ja, ich habe mich hochgeschleppt – mit Lutherrock unter sehr warmer Sonne..

Wer da oben schon gestanden  ist, mag sich der Gefühle erinnern, die mit diesem Blick verbunden sind. Wer es nicht kennt, kann es sich aber bestimmt gut vorstellen. Vom Rondell aus geht der Blick weit über das Land. Faszinierend.

Hier oben hören wir noch einmal das Zitat aus dem Timotheus-Brief  – in anderer Übersetzung: Am wichtigsten ist, dass die Gemeinde nicht aufhört zu beten. Betet für alle Menschen; bringt eure Bitten, Wünsche, eure Anliegen und euren Dank für sie vor Gott (zitiert nach: Hoffnung für alle).

Seltsam, hier oben auf dem Rondell hat die „Ermahnung“ zum Gebet keinen zwängenden Charakter. Fast von alleine formt sich in unserer Seele ein Dankgebet für die Schönheit, für die Weite der Landschaft, für all das, was das Auge erblickt. Ja, danke, möchte man Paulus sagen, danke, dass du mich erinnerst, zu danken, zu beten, für andere zu beten.

Hier oben  ist meine Seele frei. Hier muss ich nicht funktionieren. Und wenn ich bete, kontrolliert niemand meine Worte. Nur Du hörst sie. Hier kann ich lernen – zu leben.

Wer es mit Gott zu tun hat, steht immer in der Herausforderung eines „life-long-learning“. Nicht mit dem Ziel, zu funktionieren. Nein, mit dem Ziel, für andere und mit anderen vor Gott zu leben. Das ist die Wahrheit des Lebens.

So geht unser Zitat weiter: „Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“. Das ist das Lernziel.

Übungsleiter

Was ein Pfarrer tut? Er ist ein Trainingsgehilfe Gottes, ein Übungsleiter.  Er betet mit den Familien am Taufstein Er betet mit Ehepaaren vor dem Altar. Er steht mit jungen Menschen im Kreis des Abendmahls. Er hofft mit den Trauernden auf Trost. Das ist Arbeit – freilich. Arbeit, die man mit vielen anderen Kollegen und Kolleginnen zusammen tun kann und darf. Ich danke für alle Geschwisterlichkeit im Pfarrkapitel.

Wir Pfarrer lernen mit  jeder Begegnung stets dazu. Wir lernen in der Begegnung mit all den vielen Menschen von Gott, seinem Tun und Handeln. Wir Pfarrer dürfen uns Zeit nehmen, Bibel zu lesen und darüber nachzudenken! Am Sonntag lernen wir mit der Gemeinde zusammen in der Verantwortung vor Gott in dieser Zeit zu leben: Fröhlich, kritisch, bedrängt, befreit. Wir das Leben halt so kommt. Ein spannender Beruf! Ich danke unserer Gottesdienstgemeinde für stets treuen Besuch und für viele gemeinsam gefeierte Gottesdienste.

Ordnungsruf

Ein Pfarrer lernt und er  ruft natürlich auch zur Ordnung. Aber das geht nur, wenn er sich selbst zur Ordnung rufen lässt. Ich sehe  meine damals noch kleine Tochter vor mir, wie sie mich mit feurigen Augen ansah, weil sie sich sehr über mich geärgert hatte. „Das erzähle ich heute Abend deinem Gott“, schleuderte sie mir entgegen. Was hat sie da als Kind erkannt?  Vater mag – wie Mutter auch – aber erst an zweiter Stelle – eine Autorität sein. Aber über beiden steht etwas Höheres,  da steht Gott.

Wohl den Kindern, die das erkennen. Denn in dieser Erkenntnis liegt der Gedanke von Freiheit begründet. Wir leben auf dieser Welt. Wir sind eingebunden in Pflichten, Aufgaben, Abläufe und Zwänge.  Oft müssen wir „funktionieren“.  Versagen bisweilen und machen Fehler. Verletzen andere. Aber darin gehen wir, darin geht unser Leben nicht auf: Weder im Erfolg noch in unseren Fehlern. In Gott haben wir einen geistigen, einen geistlichen Raum der Freiheit. Für uns Menschen in Europa hat dieser Raum der Freiheit auch Ausdehnung in unserem Leben. Für viele andere Menschen gibt es diese Freiheit – dem wandernden Gottesvolk gleich –  nur in Gott als Hoffnung, dereinst aus der Sklaverei der Kriege, der Unterdrückung und Ausbeutung zu entkommen.

Gott will, dass allen Menschen geholfen wird

Vor Gott sind alle Menschen gleich, sagen wir. Von Gott gilt: Er will, dass allen Menschen geholfen werde. Vom Rondell aus sieht man den Mainpark und kann bis zur Kreuzkirche schauen, wo das Wohnstift steht. In unserer Diakonie wird die Hilfe Gottes real erfahrbar. Ich danke  allen, die in unserem Diakonie-Verbund Kulmbach tätig waren und tätig sind. Hinter uns liegen aufregende, schöne, herausfordernde Jahre.

Diese Weite, die in Gott wohnt, diese Weite erfasst man sehr gut, wenn man oben auf dem Rondell steht. Unser Denken verharrt ja oft in engem Horizont: Gewinn für mich, meine Firma. Wohl für unsere Stadt. Für unser Land.  Das andere, das Fremde lassen wir gerne vor der Tür.

Betet, betet für alle Menschen. Das schließt uns ein und die Weite der Schöpfung Gottes zugleich. Diese Erinnerung an das Gebet hebt uns stets geistig-geistlich in eine Höhe, die unseren Horizont auf Gott hin weitet. Als Christ lerne ich ein Leben lang. Gott sei Dank! Das ist geistige Arbeit.

Die eingangs zitierte, spöttische Rede über Pfarrer und Lehrer ist ja Ausdruck der Geringschätzung dieser geistigen Tätigkeit. „Beten hilft nicht“ sagt man gerne in Fortsetzung dieser Linie.

Im Haus Gottes

Und nun kehren wir zurück in unsere Petrikirche und wir behalten im Herzen diese Weite, die wunderbare Weite, in die Gott uns gestellt hat. All solche Empfindungen, all solche Gefühle der Dankbarkeit, der Hoffnung und des Trostes lassen uns singen in diesem Haus Gottes. Ich danke für all die wunderbare Kirchenmusik, die in unseren Gottesdiensten und Kirchen erklungen ist und erklingt.

Und dann heißt es in unserem Zitat: Betet für die Könige und für alle Obrigkeit.

Als Menschen die sich selbst zur Ordnung rufen lassen von Gott beten wir Christen für die Ordnung des Lebens. Wir beten darum auch für die, deren Aufgabe es ist, für diese Ordnung zu arbeiten. Im Gebet für die Obrigkeit beten wir nicht die Mächtigen an – so sehr sich mancher vielleicht nach vielleicht nach Verehrung sehnt – sondern begleiten ihr Tun mit Gebet. Dankbar bin ich für das seitens vieler politischer Mandatsträger/innen entgegengebrachte Vertrauen und alle Zusammenarbeit.

Ein Pfarrer lernt. Ein Leben lang. Das ist seine Arbeit. Er trägt das Wort Gottes in diese Welt. Er ist – ich erinnere an die Predigt vom vergangenen Sonntag –  ein Kellner, jemand, der den Gästen im Haus Gottes das Wort Gottes serviert. Schmackhaft und gewürzt, falls er kochen kann.

Was passiert draußen?

Was aber daraus wird erfährt ein Pfarrer so gut wie nie.

Ich erinnere mich an einen ganz lieben Kollegen – Gott hab ihn selig – der erzählte Folgendes. Nach einer Predigt klingelte ein Mann. Drückte ihm in der Tür eine dicke Spende in die Hand mit den Worten: „Ihre Predigt gestern hat mein Leben verwandelt“.  Drehte sich und ging davon. Ließ den Kollegen ratlos zurück. „Wohl fast hundert Mal habe ich diese Predigt gelesen“ erzählte er. Aber ich habe nie herausgefunden, welcher Satz, welcher Gedanke diesen Mann verändert hatte.

Höchstens einmal im Pfarresleben kommt es anders. Ich erinnere mich, wie ich mit meiner Frau durch Rummelsberg spazieren ging. Wir begegneten einer Mutter mit zwei Kindern. „Die verdanke ich ihrem Mann“, sagte sie grinsend. Befreite mich dann aber gleich im nächsten Satz vom falschen Verdacht. „Ihr Mann“, so sagte sie, “ hat mir in einer sehr schweren Ehekrise das Richtige gesagt. Daran habe ich immer gedacht und hab so die Krise überstanden. Nun haben wir zwei Kinder “. Was ich damals gesagt hatte? Na, das bleibt geheim.

Christus auf den Aktenbergen

Vor gut dreißig Jahren habe ich diese Figur erworben.

„Der ist nichts wert“, sagte mir der Verkäufer. „Gib mir – ach gib mir fünfzig Pfenning“.

So bin ich den Besitz dieser kleinen Christusfigur gekommen.

Sie lag nun fast dreißig Jahre lang auf meinem Schreibtisch. „Christus auf den Aktenbergen“, nenne ich sie.

Manchmal war er ganz von Papier bedeckt. Fiel auf den Boden. Musste es sich gefallen lassen, dass Aktenordner ihm den Platz nahmen oder gar auf ihm abgelegt wurden. Aber mit mir im Haus in der Huthergasse arbeiten viele Mitarbeiterinnen, die es stets verstanden  haben, die wichtigen Verwaltungsaufgaben voranzubringen. Danke! Ihnen und ihrem Fleiß verdanke ich die Zeit, die ich mir nehmen konnte für die Ausarbeitung von Predigten. Und so konnte auch mein „Aktenberg-Christus“ wieder zum Vorschein kommen. Und mit ihm die Erinnerung, wozu der Kellner – naja, bis zum Oberkellner habe ich es ja gebracht – am Schreibtisch sitzt.

Ach, am Sonntag möchte ich gerne Pfarrer sein. Für mich war und ist das kein spöttischer Satz. Für mich war das oft eine Sehnsucht,  ein Tag der Erhebung, ein Tag der Befreiung aus all dem Alltagskram, die wir so ernst nehmen. Ernst nehmen müssen. Ein Tag der Freiheit, dem wertvollsten nachzudenken, was uns Menschgen gegeben ist: Gottes Wort der Wahrheit.

Der Kellner hat frei

16 schöne Jahre Dienst im schönsten Beruf dieser Welt hier in Kulmbach. 38 Jahre insgesamt.

Am Ende danke ich meiner Frau Hannelore und meinen Kindern. Sie haben diese Zeit bisweilen mit erlitten, miterlebt, mitgetragen. Dafür bin ich dankbar. Am Ende danke ich allen, die mit mir zusammen gearbeitet haben. Ich danke für unzählige, schöne Begegnungen,  Stunden und Aufgaben. Ich danke für alle hier entstandene Freundschaft!

Und nun hat der Kellner frei. Aber Papa lernt weiter.

Amen

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