Christus erkennen

Unser heutiger Predigttext ist eigentlich ein Gebet. Nun soll man ja eigentlich nicht über Gebete anderer Menschen reden, aber wenn sie sie als Brief versenden, kann man das wohl machen. Vielleicht können wir dann etwas lernen über das Beten und das Hören – und vielleicht auch über uns:

14 Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, 15 der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden, 16 dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, 17 dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid. 18 So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, 19 auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle. 20 Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, 21 dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Da betet einer aus der Schule des Apostels Paulus (genauer wissen wir das nicht) für Menschen, die ihm am Herzen liegen und die zur Gemeinde Jesu Christi gehören.

Er beugt seine Knie vor dem Vater. Für Evangelische ist Kniebeugen ja eine katholische Einrichtung und außerdem machen die Knochen das ja auch nicht recht mit. Also das geht ja gar nicht: Knie beugen.

Für ihn geht das gut mit dem Knie beugen, weil es eine freiwillige Aussage von Respekt und von Demut ist. Er tut das aus eigenem Antrieb aus der Achtung vor Gott und aus Liebe zu der Gemeinde. Und er dokumentiert damit den Mut, sich selbst klein zu machen, sich einzureihen, in die Menge der Menschen, die bekennen, dass für sie Gott wichtig ist, lebensbestimmend. Und dass sie Gemeinde brauchen, um gemeinsam den Mittelpunkt im Leben zu finden und nicht mehr zu verlieren.

Darum kann er das tun, was für alle damals normal war, die Herrschaften über sich hatten. Und wir dürfen heute überlegen wie wir Respekt und Demut Gott und den Menschen gegenüber angemessen bekunden. Wie wir öffentlich machen, dass wir spüren, dass unser Leben eben nicht einfach unser Leben ist, sondern in den Händen Gottes liegt. Dass jeder spürt: Ich bin nicht nur ich selber, sondern auch Kind Gottes.

Dass ich so Gott erfassen kann, ist Geschenk. Dass ich es Anderen zeigen kann, ist meine Mission in dieser Welt. Ich darf mein Leben genießen und den Menschen erzählen von den Wundern Gottes, die er tut.

Und dass es Menschen gibt, die für mich beten und für die ich beten darf, ist auch ein Geschenk. Ich finde den Gedanken manchmal tröstlich, dass ich wie unser Briefschreiber beten darf für die, die mir am Herzen liegen und darauf vertrauen darf, dass Andere für mich beten.

Inhaltlich geht es hier aber auch um eine Fürbitte für die Gemeinde. Ich muss allerdings auch da aufpassen: Es gibt gute und böse Fürbitten. Eine böse Fürbitte ist, wenn ich für meinen Gegner bete, dass er zur Einsicht kommt, dass ich recht habe. Wenn es mir weder darum geht, dass es dem Anderen gut geht, noch dass Gottes Wille geschehe.

Hier betet einer für Schwestern und Brüder, dass sie gemeinsam begreifen, wer Gott für sie ist. Das ist eher eine gute Fürbitte, weil der Glaube sie eint. Man kann trotzdem heraushören, dass er sich weiter fühlt als die Lesenden. Aber im Mittelpunkt steht trotzdem die Gemeinde und der Wille Gottes, der in ihr Raum greifen kann.

Solch ein Gebet ist gut, weil es wohltuend ist. Es ist wohltuend, wenn jemand da ist, der für mich betet, weil ich ihm wichtig bin. Und es ist wohltuend, wenn ich für jemanden beten kann, auch da, wo ich sonst nichts tun kann.

Wenn mich früher jemand bat, für ihn zu beten, war ich mitunter verwirrt. Das kann doch jeder selbst machen, für sich beten.

Heute weiß ich: Ja, das kann jeder selbst machen. Aber es ist wohltuend und heil machend, wenn ich das Bewusstsein habe, dass andere für mich beten, Gott sagen, dass sie wollen, dass es mir besser geht, ohne dabei zu sagen, dass sie eigentlich besser wissen als ich selber, was gut für mich ist. Auch das Gebet muss durch die Liebe gedeckt sein.

Übrigens – heute ist Muttertag und auch der ist nur sinnvoll, wenn er mit Liebe erfüllt ist. Ohne Liebe sind alle Anstrengungen nichts wert. Mit Liebe wird auch aus einer hilflosen Geste Wertvolles. Und ich glaube, das wird wichtig für unser ganzes Leben sein. Alles erhält seinen Wert durch die Liebe, mit der es gelebt wird.

Der Geist ist uns gegeben, dass wir füreinander Verantwortung übernehmen können, das Evangelium in Verantwortung in die Welt tragen können und in Liebe Leben gestalten können. Und das Gebet der Schwestern und Brüder ist geschenkt, dass wir miteinander Glauben leben können und Gemeinschaft feiern.

Wir werden wahrscheinlich Christus nie vollständig erkennen können, aber vielleicht gelingt es uns in der Gemeinschaft von Schwestern und Brüder, ihn annähernd zu erkennen. Wenn wir nur gemeinsam gehen und gemeinsam beten, dann werden wir vielleicht auch gemeinsam darin wachsen, Christus zu erkennen und seine Spuren in unserem Leben zu sehen.

Vielleicht werden wir dann sogar im Gebet miteinander lernen, auch mit schlimmen Erfahrungen umzugehen.

Heute ist ja nicht nur Muttertag, sondern auch Tag der Befreiung Deutschlands vom Faschismus. Der zweite Weltkrieg wurde am 8. Mai 1945 beendet, das Volk befreit und die Barbarei beendet. Damit müssen wir uns immer neu auseinandersetzen, obwohl heute kaum noch einer lebt, der wirklich aktiv an dieser Barbarei beteiligt war. Aber Christliche Kirche hat nicht stark genug widerstanden, vielleicht auch nicht intensiv genug gebetet und ist auf jeden Fall nicht in Solidarität geblieben mit denen, die verfolgt wurden.

Vielleicht für uns heute ein Ansporn: Beten für alle, die uns brauchen und unser Gebet und solidarisch leben mit den Menschen, die in Not sind. Das könnte Leben sein für eine Kirche in den Spuren ihres Herrn.

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