Der Ohrwurm der Dankbarkeit

Text: Kolosser 3, 12-17

12 Zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld;
13 und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!
14 Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.
15 Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar.
16 Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. 17 Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.

Liebe Gemeinde,

kennen Sie das, wenn Ihnen jemand einen Ohrwurm einpflanzt?
Da läuft ein Lied im Radio – oder eine Arbeitskollegin summt eine bekannte Melodie vor sich hin – und schon ist es passiert: das Lied haftet sich fest in unsere Seele, wird immer wieder innerlich abgespielt und beeinflusst dabei unsere Laune und Stimmung – manchmal über einige Stunden hinweg.

Die Zeitschrift „Psychologie Heute!“ (https://www.psychologie-heute.de/news/emotion-kognition/detailansicht/news/schafft_mir_diese_melodie_aus_dem_kopf/) hat dieses Phänomen untersucht und dabei festgestellt, dass wir gerade in Zeiten der Entspannung besonders anfällig für Ohrwürmer sind. Und die Forscher meinten schließlich: „Vielleicht tritt das Phänomen auf, um Grübeleien oder [schlechte] Stimmung (…) vorzubeugen.“ – Ein innerer Ohrwurm also als Antidepressivum, das uns davor bewahrt, in schädliche Gedankengrübeleien und destruktive Stimmung zu verfallen! – Also Ohrwürmer sind wichtg für das gesunde seelische Gleichgewicht!

Nun, der Verfasser des Kolosserbriefes wusste noch nichts von diesen psychologischen Studien, aber sein Rat ging damals wie heute in eine ähnliche Richtung, wenn er schreibt: „mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen“.
„Lasst die Dankbarkeit und das Lob sozusagen als inneren Ohrwurm in eurem Herzen mitlaufen, damit ihr nicht auf falsche Gedanken kommt, die euch runterziehen, ins Grübeln bringen und in einen Strudel des Argwohns, der Angst und des Zorns reißen.

Liebe Gemeinde,
mir kommt es so vor, als seien nämlich genau das die Stimmungen und Ohrwürmer unserer Welt im Jahr 2016:
Da werden Angst- und Klagelieder angestimmt: 86% aller Deutschen hätten im Moment Sorge um die Zukunft.
Da wird ein Abgesang auf das christliche Abendland angestimmt und mit Kampfgesängen meint man mobil machen zu müssen gegen den Islam und alles, was fremd ist.

„Kind, wessen Lieder wirst du singen?!“, heißt es in einem Tauflied (EG 576).
Wessen Lieder möchte ich singen in diesem Jahr 2016?!

Liebe Gemeinde,
manche sagen dann: „Ja, ich würde ja gerne dankbar sein, aber ich bin halt nicht in der Stimmung dazu!“
Wir meinen oft, zuerst müsste die Stimmung passen, dann kommt das andere von selbst.

Der Kolossserbrief hat da einen ganz anderen pragmatischen Zugang: Er sagt, es ist eine Sache des Wollens und des Tuns, und dann kommt die Stimmung vielleicht hinterher.
„Zieht an als die Auserwählten Gottes herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander (…) Über alles aber zieht an die Liebe.“

Liebe Gemeinde,
so, wie ich morgens meine Jacke anziehe, wenn ich aus dem Haus gehe, so kann ich Freundlichkeit, Sanftmut, Vergebung, ja sogar Liebe anziehen und damit aus dem Haus gehen? – Geht das?

Liebe Gemeinde, in der Fastengruppe vor Ostern hatten wir das einmal ausprobiert. Wie haben uns im Spiegel selbst angelächelt – und dann wurde die Stimmung wirklich fröhlicher und heiterer – und das hielt auch die nächsten Tage an. (Psychologen nennen das das „Als-ob-Prinzip“. Ich verhalte mich jetzt schon so, als ginge es mir bereits so, wie ich es mir wünsche – das ermöglicht eine Entwicklung hin in diese Richtung.)

Sollte das also der Weg sein: Morgens freundlich lächelnd aus dem Haus zu gehen, obwohl ich überhaupt nicht gut drauf bin? Spiele ich da dem anderen nicht etwas vor? Bin ich da nicht falsch und unauthentisch?

Entscheidend ist hier das Ziel, das ich verfolge: wenn es mir nur darum geht, den Anderen zu täuschen oder einen Vorteil auf Kosten des anderen zu bekommen, dann wäre das wirklich Betrug. Wenn es mir aber tatsächlich um einen ersten Schritt in die richtige Richtung geht, dann darf ich jetzt schon so handeln, als wäre ich schon am Ziel, dann darf – ja soll – ich jetzt schon Freundlichkeit ausstrahlen, obwohl uns noch einiges trennt.

Die Königsdisziplin, so sagt der Kolosserbrief, ist die Vergebung und die Liebe:
Wir können uns vorstellen, wie groß Verletzung und Schmerz sein können, wenn Menschen aneinander schuldig geworden sind.
Wir meinen dann, das „einander die Hand der Versöhnung reichen“, könne erst am Ende eines Aussöhnungsprozesses stehen.
Aber der Kolosserbrief ermuntert uns, schon ganz am Beginn eines Versöhnungsweges einander die Hand zu reichen, als Zeichen dafür, dass wir nicht einstimmen wollen in die alte Leiher: „Wie du mir, so ich dir!“, in die Drohgesänge: „Das wirst du mir büßen!“ oder „Das verzeihe ich dir nie!“.

„Zieht an die Freundlichkeit und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! – mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.“

Da ist er wieder, der Ohrwurm der Dankbarkeit: Weil Gott mit vergeben hat und vergibt – jeden Tag neu – bin ich dankbar und möchte diese Vergebung auch weiterschenken an den, der an mir schuldig wurde. Auch wenn es noch weh tut – auch wenn noch nicht alles im Reinen ist, vertraue ich diesem Gott, dass er am Ende alles ins Reine bringen wird. – Und davon darf ich heute schon singen:
„Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!“
Eine Auslegerin schrieb einmal zu unserem Text: „Hier geht es um das ganz andere Fest. Die Feier einer Welt, deren Klangsphäre Dankbarkeit ist. Die Feier einer Welt, in der die Geliebten, die Erwählten und Berufenen einen großen Hymnus anstimmen: Den Klang der neuen Welt.“ (Johanna Haberer, GPM 1/2010, Heft 2, S. 235)
Das wäre doch mal ein schöner Ohrwurm – und davon dürfen wir heute schon singen! – Amen.

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