Der Klang der neuen Welt

Predigt Kolosser 3,12-17, Sonntag Kantate, von Pfarrer Johannes Taig

12 So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld;
13 und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!
14 Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.
15 Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar.
16 Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.
17 Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.


Liebe Gemeinde,

eigentlich wollte ich in der 4. Klasse die Pfingstgeschichte schon in der letzten Stunde erzählen. Da hatte ich die Kinderbibel dabei. Aber dann waren wir nicht soweit gekommen und heute hatte ich die Kinderbibel zuhause liegen lassen. Und so musste ich ganz frei erzählen und ließ es ordentlich brausen im Haus und auf den Köpfen der Jünger brennen. Ich erzählte wie ängstlich und mutlos sie gerade noch waren und niemandem von Jesus erzählen wollten, weil sie sich von ihm allein gelassen fühlten. Aber jetzt rissen sie die Tür auf und liefen hinaus auf den Marktplatz und predigten den Christus und alle verstanden sie. Die sie hörten ließen sich taufen und wurden eine Gemeinschaft, eine Gemeinde Jesu Christi. Das alles macht der Heilige Geist.

Die Kinder hatten atemlos gelauscht. Paul fand als erster seinen Arm und meldete sich: „Und das ist wirklich in echt passiert?“ „Ja klar“, gab ich ihm zur Antwort, „und es passiert immer wieder. Auch du hast den Heiligen Geist.“ Paul war verblüfft. „Aber meine Haare haben noch nie gebrannt,“ sagte er zu unser aller Belustigung. Quod erat demonstrandum. „Aber getauft bist du und traurig und mutlos und ängstlich bist du oft gewesen und bist getröstet worden, fandest neuen Mut.“ Und dann schauten wir uns noch einmal genau an, was der Heilige Geist mit den Jüngern angestellt hatte und all das gab Paul schwer zu denken. „Am Sonntag um 11 ist Kindergottesdienst,“ sagte ich am Ende der Stunde beim Gehen. „Ich komme,“ rief Paul mir hinterher.

Nicht nur am Sonntag Kantate dürfen wir mit Paulus fröhlich und dankbar darauf schauen, wie auch mitten unter uns das Reich des Christus und mit ihm das Himmelreich anbricht und einbricht und uns zu seiner Gemeinde macht. Es ist doch alles andere als selbstverständlich, dass so viele unserer Kirchenvorsteher und Kirchenvorsteherinnen sich bereit erklären, Mesnerdienste zu übernehmen, wenn unsere Mesnerin mal Urlaub macht. Es ist nicht selbstverständlich, dass unser Sitzungszimmer voll ist, wenn wir uns zum ersten Vorbereitungstreffen für das Gemeindefest treffen. Es ist nicht selbstverständlich, dass so viele Ehrenamtliche bereit sind unseren Gemeindebrief in die Häuser zu tragen. Freuen wir uns über den Studienkreis Meister Eckhart, in dem wir uns an aller theologischen Weisheit erbauen. Freuen wir uns, dass unsere Kirchenbänke zum Gottesdienst nicht überall leer sind. Freuen wir uns über die Hauptamtlichen, denen die Fantasie und die Kraft für ihren Dienst nicht ausgeht, und die in die Häuser kommen zu allerlei Gelegenheiten und so ein Netzwerk knüpfen, das die Menschen in der Gemeinde verbindet. Denn in der Kirche geht es um Gemeinschaft. Nicht um die Neigungsgruppe, die Fangemeinde und den Freundeskreis, sondern um die Gemeinschaft, zu der Christus und sein Wort uns durch den Heiligen Geist ruft und verbindet. Freuen wir uns über unsere Gottesdienste, in denen so vielfältig gefeiert, gepredigt und musiziert wird. Freuen wir uns, dass die Hospitalkirche einen Ruf als Predigtkirche hat. Wenn das Wort Christi reichlich unter uns wohnen soll, ist das ein Ruf, der jeder Kirche gut ansteht.

Eine Auslegerin schreibt: „Die Anknüpfungsfähigkeit der christlichen Gemeinde an die weltlichen Diskurse ist uns wichtig, die Nähe des Evangeliums zur Welt. Unserem Text an Kantate aber nicht! Hier geht es um das ganz andere Fest. Die Feier einer Welt, deren Klangsphäre Dankbarkeit ist. Die Feier einer Welt, in der die Geliebten, die Erwählten und Berufenen einen großen Hymnus anstimmen: Den Klang der neuen Welt.“ (Johanna Haberer, GPM 1/2010, Heft 2, S. 235)

Diesen Klang dürfen wir – um Gottes Willen – nicht aus den Ohren, aus den Gedanken und vor allem aus unseren Herzen verlieren bei allem, was wir planen und tun. Denn sonst holt uns ein, was wir nicht nur in diesen Tagen besichtigen können: Kirchenleitungen und Gemeinden, die schwanzwedelnd jedem Stöckchen hinterherrennen, das ihnen die öffentliche Meinung hinschmeißt. Das ist erstens nicht besonders interessant, zweitens äußerst ermüdend und drittens ziemlich lächerlich.

Wir haben als christliche Gemeinde zuerst und vor allem dem Klang der neuen Welt hinterher oder sagen wir besser entgegen zu lauschen und entgegen zu leben. Und das ist, wie unser Predigttext zeigt, alles andere als eine Flucht aus der wirklichen Welt in eine Scheinwelt. Diesen Vorwurf weisen wir mit Paulus entschieden zurück. Gerade die Gemeinde, gerade der Christenmensch, der der neuen Welt und ihrem Christus entgegen lauscht, wird sich der Differenz zwischen dem Himmelreich und dieser alten Welt und dem eigenen Leben besonders scharfsichtig bewusst. Gerade dem wird manches unerträglich erscheinen. Weil Paulus darum weiß, schreibt er: „Ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!“

Weil leider auch Christenmenschen nicht mehr wissen, was es mit der christlichen Vergebung auf sich hat. Gerade Christenmenschen dürfen und sollen ihre Schuld bekennen, beim Namen nennen, umkehren. Gerade Christenmenschen haben es nicht nötig, ihre Schuld zu verstecken und unter den Teppich zu kehren. Gerade dann und nur dann gilt: „Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr.“ Der Aufruf zur Vergebung und Versöhnung kommt nicht aus dem Munde der Kirchenleitung und schon gar nicht aus dem Mund der Täter. Er kommt aus dem Munde unseren Herrn Jesus Christus! Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Der Klang der neuen Welt holt uns nicht aus der Welt. Er nimmt es mit unserer verlorenen Welt auf und wird sie schließlich überwinden. Dem Klang der neuen Welt gehört die Zukunft der Welt. Zukunft hat, was mitsingt im Klang der neuen Welt und sich mit diesem Klang im Gleichklang befindet.

Ob die guten alten griechischen Tugenden wie Tapferkeit, Klugheit, Gerechtigkeit und Mäßigung oder die modernen wie Ordnung, Sauberkeit, Disziplin und Pflichterfüllung wirklich dazu gehören, darf bezweifelt werden. Eines fällt doch sofort ins Auge: Wie bei den alten Griechen, sind auch unsere modernen Werte und Tugenden, Tugenden, die sich der einzelne erwerben soll und muss, um im Wettbewerb mit anderen zu bestehen. Kompetent hat der einzelne Mensch zu sein. Selbst wenn seine Kompetenz eine soziale, kommunikative oder eine spirituelle ist, bleibt sie die Kompetenz des einzelnen, die ihm den Aufstieg in der Gesellschaft und natürlich auch in der Kirche ermöglicht. Die ganze Diskussion um die „Werte“ wird unsere Gesellschaft und auch die Kirche nicht besser und menschlicher machen, solange diese Werte nichts anderes sind als Ausweis des einzelnen, mit dem er andere in den Schatten stellen kann.

Und eben das hat in der Kirche Jesu Christi nichts verloren. Deshalb schreibt Paulus: So zieht nun neue Tugenden an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern. Das sind ausnahmslos Tugenden, die die Gemeinschaft befördern und stärken; die den anderen nicht in den Schatten, sondern in das Licht der Liebe Gottes stellen. So tönt der Klang der neuen Welt gegen die alte. Dem Getöse um die Professionalisierung des Einzelnen auch in der Kirche, wird das Lied von der Herzensbildung in der Christusgemeinschaft gesungen.

Und die geschieht allen anderen Stimmen zum Trotz vor allem im Gottesdienst. In der liturgischen Feier ebenso, wie in der Feier des täglichen Miteinanders. Im Gottesdienst in der Kirche ebenso, wie im vernünftigen Gottesdienst im Alltag der Welt, von dem Paulus schreibt: Stellt euch nicht dieser Welt gleich. (Römer 12, 1-2). Sondern lasst eure Mitwelt auch dort den Klang der neuen Welt hören. In der Tat: Er ist schon zu hören. Mitten unter uns. Und der Friede Christi zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen.

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