Dresscode: Agape

Predigt zu
Kolosser 3, 12-17

Dresscode
Angeblich verraten die Schuhe viel über einen Mann. Wer es genau wissen will, möge im Internet nachschauen. Nicht nur die Schuhe: Wie wir uns kleiden sagt viel über uns aus. Verrät uns. „Die Außenseite eines Menschen ist das Titelblatt des Innern“. So hat es jemand auf den Punkt gebracht.

Falsch angezogen
Einladungskarten enthalten gelegentlich einen kleinen Hinweis zum „Dresscode“. Das ist ein Tipp, ein Wunsch oder gar eine Vorschrift, in welcher Kleidung – nein, Garderobe – Gäste zu erscheinen haben.Nicht immer entdeckt man den meist kleingedruckt beigefügten „Dresscode“. Hat man ihn übersehen und zudem vergessen, die Ehefrau darüber zu informieren, eröffnet sich die Möglichkeit, eine weitere Lebenserfahrung abzuheften unter der Kategorie „Meine peinlichsten Erlebnisse“.

Wir fühlen uns nicht wohl, wenn wir falsch angezogen sind. Das hat den Beigeschmack von Alptraum. Der falsch Gekleidete guckt wortwörtlich dumm aus der Wäsche. Er hofft, dass andere seinen Fehler mit dem Mantel der Nächstenliebe zudecken und er vom Gastgeber nichts auf die Mütze kriegt, weil der seinem störenden Gast etwas am Zeug flicken will.

Wie sagte jemand (leicht ironisch-böse) über Frauen: Aus dem Bewusstsein, gut angezogen zu sein, empfängt eine Frau mehr innere Ruhe als aus religiösen Überzeugungen. Naja, auch Männer fühlen sich in Jeans nicht wohl, wenn Smoking erwünscht wäre.

Kleider machen Leute – nieder
Warum wir heute über Kleidung reden hat natürlich mit dem biblischen Zitat zu tun, über das heute gepredigt werden soll. „So zieht nun an…“, schreibt Paulus im Kolosser-Brief im 3. Kapitel. Welchen „Dresscode“ Paulus uns vorgibt? Dazu später.

Wir machen uns noch ein paar Gedanken zum Thema Kleidung. „Kleider machen Leute“, sagt das Sprichwort.
Damit kommt eine wichtige Aufgabe unserer Mode und Kleidung zur Sprache. Kleidung wertet uns auf. So hoffen wir. Falsche Kleidung wertet ab. Einer meiner mittlerweile erwachsenen Neffen hatte seine Mutter damals stets angefleht, das „C&A-Etikett“ herauszutrennen. Spätestens beim Umkleiden zur Sportstunde könnte diese „peinliche Marke“ ja auf den Träger abfärben.

Die alten Römer haben damit begonnen und das europäische Mittelalter hat es sozusagen perfektioniert. Toga durften z.B. nur Freigeborene  tragen. Kleiderordnungen waren tatsächlich bis in die Neuzeit hinein Bestandteil der Gesetzgebung.
Grundgedanke dieser Ordnungen war es, die hierarchische Gesellschaft auch optisch-modisch darzustellen. 1524 stritten Bauern dafür, Bürgerskleidung tragen zu dürfen. Es wurde ihnen untersagt.

Die Reichspolizeiordnung von 1530 regelte z.B. das Tragen von Pelzen: Marderpelze waren dem Adel vorbehalten. Bürgersfrauen durften ein Eichhörnchenfell tragen; Handwerker ein Lamm- oder Fuchsfell und Bauern mussten sich mit Ziegenfell begnügen. Heute hingegen hat das Diktum von B. Grzimek hohe moralische Geltung: Der einzige, der wirklich ein Marderfell braucht, ist der Marder.

Kleidung soll(te) erkennbar machen, wem man Ehre und wem man Verachtung schenkt. Die mittelalterlichen Gesetze schrieben Juden und Prostituierten eine Kleidung vor, an der ihr niederer Rang bzw. ihre Aussonderung sofort für jeden ablesbar war.
Kleider machen Leute – nieder. An der Kleidung werden wir erkennbar.

Christliche Unterwäsche
Und das nun ist der „Dresscode“, den Paulus uns vorgibt: So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten – nein: nicht Samt, nicht Seide, weder Frack noch Wollpullover und auch keine Birkenstock-Sandalen – zieht an als die Auserwählten: herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld. Das ist des Christenmenschen Kleidung! Kleidung, die man nicht sieht. Sozusagen des Christen Unterwäsche.

Es sind aus unserer Sicht sehr moderne Gedanken, die Paulus ausspricht. Es kommt nicht auf das Äußere an, sagen wir, sondern auf das Innere. Und gerne kritisieren wir die oft ungebrochene Lust der Menschen, sich mit teuren Logos oder Etiketten zu schmücken. Unsere Zeit kennt keine gesetzlich geregelten Kleiderordnungen mehr, aber nach wie vor einen Dresscode, der stets mit dem Gedanken der Ab- oder Aufwertung verbunden ist.

Jakobus stimmt zu
Es kommt auf das Innere an. Sagt Paulus. Und Jakobus – ein anderer Briefschreiben im Neuen Testament – pflichtet ihm bei:
Liebe Brüder, haltet den Glauben an Jesus Christus, unsern Herrn der Herrlichkeit, frei von allem Ansehen der Person. Denn wenn in eure Versammlung ein Mann käme mit einem goldenen Ring und in herrlicher Kleidung, es käme aber auch ein Armer in unsauberer Kleidung, und ihr sähet auf den, der herrlich gekleidet ist, und sprächet zu ihm: Setze du dich hierher auf den guten Platz!, und sprächet zu dem Armen: Stell du dich dorthin!, oder: Setze dich unten zu meinen Füßen!, ist’s recht, dass ihr solche Unterschiede bei euch macht und urteilt mit bösen Gedanken?

Höre ich ein leichtes Aufatmen? Es kommt auf das Innere an. Das sagen auch wir Protestanten recht gern und fühlen uns zumindest unbeobachtet im frommen Erker unserer Seele. Und mit Recht, um daran keinen Zweifel aufkommen zu lassen. Also könnte doch jetzt das „Amen“ erfolgen. Wir haben ja das Wichtigste gehört: Auf´s Innere kommst an!

Aber halt! Der biblische Text über die Kleidung geht noch etwas weiter! Das folgende Kapitel gehört  dazu.

Kleidung verpflichtet
Ein Gedankenspiel: Da ist ein Unfall passiert. Ein Polizeiwagen naht. Der Polizist dreht die Scheibe runter und ruft: „Selber schuld, wenn ihr andauernd so rast“. Und fährt weiter. Dieses Gedankenspiel könnten wir nun durchspielen für alle Berufe, die an Kleidung zu erkennen sind: Ärzte, Feuerwehren, Sanitäter, Pfarrer, Bedienungen usw. Es gibt Kleidung, die weist auf eine innere Verpflichtung hin.

Und so geht es auch bei Paulus weiter. Nachdem er die innere Kleidung des Christen beschrieben hat, skizziert er Verhaltensmöglichkeiten, die sich aus dem Tragen dieser Kleidung ergeben:
Ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar.

Nun wird es ganz deutlich, welchen Dresscode Paulus im Sinn hat. Dresscode: Agape. Agape ist der griechische Begriff für Liebe, den Paulus hier verwendet.

Über die Erkennbarkeit von Christen
Hier nun sind wir bei der Hauptsache unseres heutigen Bibeltextes angelangt. Ich formuliere es so: Werdet erkennbar als Christ, als Christin.
Wo und wie soll das geschehen? Darauf gibt es keine pauschalen Antworten. Die werden zwar versucht, haben aber nahezu immer den Charakter pharisäischer Selbstgerechtigkeit. So einfach ist das nicht, als Christ erkennbar zu werden.

Das wäre ein Gedankenspiel für den Heimweg: Wo gebe ich mich und wo könnte ich mich als Christ, als Christin zu erkennen geben. Woran erkennen andere Menschen, und – vor allem – woran erkenne ich selbst, dass eine besondere „Herzensregierung“ in mir wohnt. Wo bin ich erkennbar. Es ist ja nicht so, dass wir erst damit beginnen müssten. Wir haben diese Antwort ja schon immer auch gegeben: laut, unbewusst, fröhlich, ehrlich, scheinheilig, mutig, verschämt. Auch wer schweigt als Christ sagt etwas.

Die Frage danach, wo und wie ich als Christ erkennbar werde, ist eine bleibende, stets neu zu lösende Aufgabe. Es gibt keine fertige Antwort, weil Gott uns – einen jeden von uns – in immer neue Lebenssituationen führt. Man kann unsere Frage nicht – wie oftmals getan – mit der Auflistunmg der gerade en voque stehenden Taten eines „Gutmenschen“ beantworten.

Luthers Antwort zu unserer Frage hat m.E. bis heutige an Gültigkeit und Wahrheit nichts verloren: Dort, wo Gott mich hingestellt hat, genau dort kann, soll, muss, darf und will ich als Christ/in leben.

Die Frage bleibt: Wie wird meine innere Kleidung des Glaubens äußerlich erkennbar. Eine Lebensaufgabe. Mal kommen wir uns als Christen vielleicht vollkommen unpassend gekleidet vor. Ein andermal widersetzen wir uns ganz bewusst dem verordneten Dresscode dieser Welt. Wie auch immer. Pfarrer haben es übrigens meist viel leichter, sich als Christ zu zeigen, weil man das von ihnen erwartet. Ihnen Weltfremdheit nachsieht oder sie als „religiöse Exoten“ hinnimmt in einer ansonsten gottlosen Welt.

Talar tragen
Nun trage ich seit 38 Jahren den bayerischen Pfarrers-Talar. Ein Stück Stoff, eine Kleidung, die verpflichtet. Kleidung, die heraushebt. Nicht im Sinne der mittelalterlichen Kleiderordnungen, die auf Hierarchie abzielten. Nein, der Talar hebt heraus, weil der Träger eine Verpflichtung eingegangen ist, die ihm von der Gemeinde nach Ausbildung und Prüfung übertragen worden ist: das Wort Gottes zu verkünden. Im Sinne des Wortes Gottes zu handeln und zu leben.

Der Talar macht keinen Heiligen. Eventuell ist er deswegen ja auch schwarz, damit die Flecken, die sich im Lauf der Jahre sammeln, nicht so ins Auge springen. Man ist ja nie jedermanns Kragenweite und man tritt – gewollt oder ungewollt – auf den Schlips eines anderen.

Am Ende der Dienstzeit legt man sein Amt nieder und tritt nun wieder ganz in den Kreis der Gemeinde als Mitglied. Der Talar und die Verpflichtung aber bleiben. Er ist ja kein Mäntelchen, das man sich einfach so umgehängt hat. Pfarrer bleibt man ein Leben lang. Auch dann, wenn man seinen Hut nimmt und sich zur Gemeinde setzt.

Und so steht es um einen jeden von uns, der die innere Kleidung des Glaubens trägt. Sie bleibt. Sie trägt und schmückt uns. Und sie verpflichtet. Nein, sagen wir es besser so: Sie ermutigt.

Amen

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