Das macht man nicht!

Mich würde am Anfang folgendes Interessieren:

Was haltet Ihr von einem jungen Mann, der nicht arbeiten geht, sich nur mit seinen Freunden rumtreibt und große Reden schwingt, und der sich das Ganze von mehreren Frauen finanzieren lässt, die nicht mit ihm verwandt sind, die mit anderen Männern verheiratet sind, die sie für ihn verlassen haben, und die ihm auch noch den Haushalt führen und die Wäsche waschen?

Wenig, oder?

Aber genau so hat Jesus gelebt.

Wir erfahren davon im Lukasevangelium im 8. Kapitel:

Bald darauf zog Jesus durch viele Städte und Dörfer. Überall sprach er zu den Menschen und verkündete die rettende Botschaft von Gottes neuer Welt. Dabei begleiteten ihn seine zwölf Jünger und einige Frauen, die er von bösen Geistern befreit und von ihren Krankheiten geheilt hatte. Zu ihnen gehörten Maria aus Magdala, die er von sieben Dämonen befreit hatte, Johanna, die Frau des Chuzas, eines Beamten von König Herodes, Susanna und viele andere. Sie waren vermögend und sorgten für Jesus und seine Jünger.

Bald darauf: Skandal im Haus des Pharisäers Simon (stadtbekannte Prostituierte salbt die Füße von Jesus, wäscht sie mit ihren Tränen und trocknet sie mit ihrem Haar)

Auch das war damals absolut skandalös.

Ein Mann, der sich von einer fremden Frau berühren lässt.

Das macht man nicht.

Das gehört sich nicht.

Und dann „öffnet sie auch noch ihr Haar“, so heißt es, und dass eine Frau ihr Haar öffnet, also nicht mit einem Kopftuch bedeckt hält, das war damals ungefähr sexuell so aufgeladen, wie wenn heute eine Frau oben ohne ist.

(vgl. Kenneth E. Bailey, Jesus Through Middle Eastern Eyes, S.246ff)

Wenn eine verheiratete Frau mit unbedecktem Haar auf der Straße herumläuft, das war damals ein anerkannter Scheidungsgrund, und zwar für eine Scheidung ohne jede finanzielle Entschädigung.

Jesus hat trotzdem keine Berührungsängste.

Das tut man nicht.

Dieser Satz hat für Jesus offensichtlich keine Bedeutung.

Darum hat er Frauen unter seinen Jüngern.

Darum lässt er sich von Frauen finanzieren, die mit anderen verheiratet sind.

Darum lässt er zu, dass Ehefrauen nicht brav daheim bei ihren Familien sind, sondern mit ihm durchs Land ziehen, und bei Fremden übernachten.

Noch einmal:

All das war und ist für die Kultur, aus der Jesus kommt, vollkommen falsch, unakzeptabel, skandalös.

Das macht man alles nicht.

Das ist alles schändlich.

Das tut man nicht.

Das macht man nicht.

Wie sehr bestimmt uns dieser Satz?

Ich glaube, da lohnt es sich einmal sehr, darüber nachzudenken.

Das gehört sich nicht.

Jesus tut es trotzdem.

Warum?

Im Allgemeinen gibt es mehrere Gründe, warum man so gesellschaftliche Regeln und Tabus überschreitet:

Entweder weil man grundsätzlich überhaupt keine Regeln gelten lassen will.

Oder weil man Spaß hat am Provozieren.

Oder weil man einen guten Grund dafür hat.

Wie zum Beispiel: Diese Regel, die ich missachte, ist ungerecht.

Und ich bin mir sicher:

Das war der Grund, warum Jesus diese Regeln ignoriert hat.

Weil das alles Regeln sind, die Frauen zu Menschen zweiter Klasse gemacht haben.

Und das darf nicht sein.

Das darf nicht sein.

So wie Paulus schreibt:

Ihr gehört zu Christus, weil ihr auf seinen Namen getauft seid. Jetzt ist es nicht mehr wichtig, ob ihr Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, Männer oder Frauen seid: In Christus seid ihr alle eins. (Galater 3,27f)

Von Anfang an war das Christentum besonders attraktiv für Frauen.

Weil bei den Christen die Frauen nicht Menschen zweiter Klasse waren, sondern den Männern gleichgestellt.

Bis das Christentum Staatsreligion wurde, Volkskirche wurde, und viele Regeln und Gebräuche der damaligen Gesellschaft in die Kirche eindrangen.

Damals wurden die Frauen in der Kirche auch wieder herabgestuft.

Nur noch die Männer hatten das Sagen.

Ein wichtiges Thema ist ja heute: Es kommen so viele arabische Männer nach Deutschland.

Sie kommen aus einer Kultur, in der die Frauen nicht gleichberechtigt sind, nicht frei sind, nicht emanzipiert sind.

Manchmal habe ich den Eindruck, diese Männer werden für rückständig und primitiv gehalten.

Es wird auf sie und ihr Frauenbild herabgeschaut.

Ich glaube, uns täte da ein bisschen Demut ganz gut.

Bis 1957 brauchte in Deutschland eine Frau die Erlaubnis ihres Mannes, um ein Bankkonto zu eröffnen.

Bis 1977 stand im BGB: § 1356 BGB Absatz 1: „[1] Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. [2] Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.“

1975 gab es eine Folge von „Der 7. Sinn“ mit dem Titel: Achtung – Frau am Steuer!

In dem Film wurden Frauen als Menschen dargestellt, die den Rückspiegel nur zum Schminken benützen, so langsam fahren, dass hinter ihnen lange Schlangen entstehen, sich nicht anschnallen, weil sie Angst haben um ihren Busen, beim Austeigen nicht aufpassen, wen sie mit der Autotür treffen und sowieso von Technik keine Ahnung haben. Darum sollen sie, wenn sie eine Panne haben, die Motorhaube öffnen und hilfesuchen herumschauen.

Das ist noch nicht lange her!

Auch heute haben Frauen bei uns nicht die gleichen Karrierechancen wie Männer.

Männer verdienen bei uns in der Regel mehr als Frauen.

Es gibt da auch bei uns noch viel zu tun, und darum bin ich froh, dass der Evangelist Lukas über die Frauen berichtet, die mit Jesus ziehen und ihn finanzieren.

Warum machen die Frauen das überhaupt?

Lukas schreibt:

Dabei begleiteten ihn seine zwölf Jünger und einige Frauen, die er von bösen Geistern befreit und von ihren Krankheiten geheilt hatte. Zu ihnen gehörten Maria aus Magdala, die er von sieben Dämonen befreit hatte, Johanna, die Frau des Chuzas, eines Beamten von König Herodes, Susanna und viele andere.

Es waren also Frauen, die „von bösen Geistern befreit und von Krankheiten geheilt worden waren.“

Aus Dankbarkeit also.

Was ich mich frage: Sind denn nur Frauen geheilt worden?

Das kann schon sein, denn Männer gehen ja bekanntlich nicht zum Arzt.

Männer sind stark und unabhängig und beißen lieber die Zähne zusammen als dass sie zugeben, dass sie Hilfe brauchen.

Das verletzt nämlich unseren Stolz.

Frauen sind da im Allgemeinen offener, wenn es um Hilfsbedürftigkeit geht.

Vielleicht liegt es daran, dass es nur Frauen waren, die geheilt worden sind.

Oder die Männer, die auch geheilt worden sind, díe sind halt einfach wieder arbeiten gegangen.

Egal warum, jedenfalls sind da Frauen, die haben etwas großes mit Jesus erlebt, und das hat ihr Leben verändert.

So sehr, dass auch sie bereit waren, Tabus zu brechen.

Etwas zu machen, was man nicht macht.

Aber sie machen es, weil sie spüren: Es ist richtig, es so zu machen.

Und sie sind bereit, ihr gewohntes Leben zu verändern.

Sie sind bereit, Ärger mit ihren Männern zu bekommen, denn es ist sehr wahrscheinlich, dass die alles andere als begeistert waren, dass ihre Frauen da mit diesem komischen Wanderprediger losziehen und sich die Nachbarn und die Verwandtschaft das Maul über sie zerreißt.

Das alles war ihnen egal.

Sie waren sogar bereit, ihr Geld dafür auszugeben.

Denn die Frauen haben was erlebt mit Jesus – das hat ihr Leben verändert.

Ich frage mich:

Was haben wir mit Jesus erlebt?

Welche Folgen hat das für unser Leben?

Was machen wir mit unserem Geld?

Das sind Fragen, die dieser Bibeltext an uns alle stellt.

 

Die Frauen haben großes mit Jesus erlebt.

Wahrscheinlich oder vielleicht mehr als wir erlebt haben.

Warum haben wir nicht mehr erlebt?

Warum haben die Frauen mehr mit Jesus erlebt?

Haben sie ihn mehr eingeladen?

Ihn mehr gesucht?

Größere Not erlebt?

Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur: Diese Frauen haben sich aufgemacht: Sie sind zu Jesus gegangen und haben ihn um Hilfe gebeten. Und das hat ihr Leben verändert.

Und Jesus hat sie darin bestärkt.

Wenn immer Menschen Grenzen überwinden wollen und aus Gefängnissen ausbrechen wollen, in die andere Menschen oder die Gesellschaft oder „das was man halt so macht“ hineinsperren will – Jesus wird sie dabei unterstützen.

Denn Jesus überwindet gesellschaftliche Grenzen und Tabus.

Wenn es dem Reich Gottes dient.

Wenn es der Gerechtigkeit dient.

Wenn es der Menschenwürde dient.

Und darum sollen wir, wenn wir Christen sind, auch so handeln.

Und auch bereit sein, die Folgen zu tragen, die Konsequenzen, die das mit sich bringt.

Das Gerede der Leute.

Das schief angeschaut werden.

Das geschnitten werden.

Denn Jesus tut, was er für richtig hält, egal, was das für Folgen für ihn hat.

Ich kann mir gut vorstellen:

Manche der Männer dieser Frauen hatten Verständnis für das, was sie gemacht haben.

Manche der Männer dieser Frauen haben sie vielleicht sogar dabei unterstützt und bestärkt und ihnen gesagt: Das ist gut, was du da tust, das musst du tun.

Und manche dieser Männer haben sicher einen großen Zorn und Hass auf Jesus bekommen, der ihren Frauen den Kopf verdreht hat, der sie ganz verrückt gemacht hat, so dass sie nicht mehr auf ihre Männer hören. Und die so ihre Männer zum Gespött der Leute machen.

Entehren.

Bloßstellen.

Jesus hat sich so einflussreiche Männer zum Feind gemacht.

Hat auch das zu seinem Tod geführt?

Wir wissen es nicht.

Wir wissen nur:

Jesus hat auch das in Kauf genommen.

Weil er tut, was richtig ist.

Und nicht, was man halt so macht.

Und er ist bereit, die Folgen zu tragen.

Und er sagt uns:

Komm, und folge mir nach.

Amen.

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