Liebe zu Gott und Liebe zu den Menschen

Was macht eigentlich christliches Leben so besonders? Dass christliche Gemeinde Jubilate feiert, wenn Anderen ganz mulmig zumute ist angesichts von Terror und Korruption?

Ich persönlich denke nicht, dass es Ziel christlicher Gemeinde sein sollte, besser als alle anderen zu sein oder dass wir immerzu jubeln sollten. Das wäre eine schöne Erscheinung, aber ist nicht das Ziel.

Von einem wirklichen Ziel christlichen Lebens redet der 1. Brief des Johannes:

1 Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren; und wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der von ihm geboren ist. 2 Daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten. 3 Denn das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer. 4 Denn alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

Für Johannes ist das ganz wichtig: Glaube und Liebe gehören untrennbar zusammen. Und als Bindeglied gibt es die Gebote Gottes, die zu halten nicht schwer ist. Behauptet Johannes zumindest.

Im Alten Testament wurde aus diesen Geboten ein ganzes komplexes Vorschriftenwerk gemacht, dass es den Menschen praktisch unmöglich gemacht hat, sich an alle Regeln zu halten. Ich glaube nicht, dass Johannes das gemeint hat. Ob es ihm aber einfach um die 10 Gebote gegangen ist – da bin ich auch skeptisch. Denn auch die 10 Gebote zu halten, fällt vielen Menschen schwer, auch weil sie gedeutet werden müssen: was bedeutet denn z.B. den Feiertag halten oder sich kein Bild von Gott oder seine Geschöpfen machen. Und das mit dem nicht Begehren, da sind schon viele dran gescheitert.

Ich glaube für Johannes definieren sich die Gebote Gottes ganz anders. Gottes Gebote sind lauter Liebe. Und diese Liebe macht Menschen stark und macht Gemeinde stark. Diese Liebe ist mehr wert als alle Wehrhaftigkeit und Stärke.

‚unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat‘. Dieser Vers ist in Stein gemeißelt über dem Eingang zum Berliner Dom. Davor gab es in der DDR Aufmärsche und Demonstrationen von Macht und Gewalt. Das war das Ziel der Regierung: Macht demonstrieren und die Kirche langsam zerfallen lassen. Die christlichen Gemeinden dort beantworteten diese Machtdarstellungen mit der Liebe, mit Kerzen und mit dem Gebet. Ob deswegen die Mauer fiel? Es könnte schon sein.

Und natürlich werden etliche sagen: gut, das war einmal, aber gleichzeitig erleben wir die schrecklichen Nachrichten über christliche Gemeinden im arabischen Raum, hören von Bedrängung christlichen Glaubens in China. So ganz einlinig ist die Geschichte da ja wohl nicht.

Genau. Das Leben ist nicht so einfach, wie es manche immer beschreiben wollen. Schwarz oder weiß sind selten die bestimmenden Farben, eher ein sattes Grau, ein sowohl als auch, ein Licht mit Schatten.

Wir selber müssen lernen, damit zu leben, dass wir auch nicht immer eindeutig sind unser Ja nicht immer ein Ja, unser Nein nicht immer ein Nein und unser guter Wille nicht automatisch zur guten Tat wird.

Jesus ist der Christus, der, den Gott gesandt hat zu den Menschen. Und ob wir zu ihm gehören, entscheidet sich weder an vollmundigen Bekenntnissen noch an großartigen Taten, sondern allein darin, wie wir Liebe leben gegenüber allen Menschen, die Gottes Kinder sind. Wie wir wenigstens versuchen, Liebe zu halten.

Liebe bedeutet Gottes Gebote zu halten – das sei nicht schwer behauptet der Johannesbrief. Aber wir tun uns selbst immer wieder schwer damit, vielleicht weil wir nicht mehr so klar wissen, was Liebe eigentlich bedeuten soll. Kindern gegenüber haben wir da manchmal Probleme. Verbieten, weil wir wissen, wie wertvoll das im Leben sein kann, auch einmal Grenzen erfahren zu haben. Erlauben, weil wir ahnen wie wohltuend es mal werden kann, Dinge gedurft zu haben, etwas zugetraut bekommen zu haben.

Ich glaube allerdings weniger, dass es Ziel des Willens Gottes sein kann, dass wir zu perfekten Menschen werden. Er hat uns geschaffen, mit Verstand, mit Geist und mit Gewissen. Er hat uns zum Guten geschaffen und mit der Freiheit ausgestattet unseren weg im Leben zu finden. Und er hat uns seinen Willen geschenkt. Und wir dürfen lernen mit ihm umzugehen und ihn zu tun. Und dann wird manches einfacher, auch weil es praktisch wird.

Glauben ist etwas Anderes als Religion. Die Religion ist das theoretische Gebäude, das wichtig ist, aber wertlos, wenn dazu nicht das praktische Verhalten passt. Gott traut uns zu, dass wir tun können, was seinem Willen entspricht. Darum dürfen wir uns selber das auch zutrauen.

Der Glaube, der lebt, das ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. Dort wo wir uns wirklich dem Leben stellen, wie Gott es will, werden wir Antworten finden auf Fragen, die der Alltag uns stellt. Und können stärker werden als all das, was uns in dieser Welt in Versuchung führt.

Gottes Gebote sind kein unüberwindbares Sammelsurium wie ein Gesetzbuch. Sie sind einfach und klar unter der Überschrift: Liebe zu Gott und Liebe zu den Menschen. Liebe ist das einzige Kriterium christlichen Handelns. Das ist schwer genug herauszufinden, was genau in welcher Situation dran ist. Aber seine Gebote sind auch deswegen nicht schwer, weil er uns begleitet, wenn wir wirklich Antworten suchen, die seinem Willen entsprechen und nicht unseren Sehnsüchten. Der Geist des Auferstandenen ist bei mir und hilft mir, den Willen Gottes herauszufinden und zu tun.

Und außerdem brauche ich den Gottesdienst, brauche die Gemeinschaft, um Liebe leben zu können. Ich brauche die Schwestern und Brüder, mit denen ich zusammen beten und leben kann, mit denen ich feiern kann und die mir in Krisenzeiten helfen. Ich brauche sie und sie brauchen mich, weil Gott uns zur Gemeinschaft geschaffen hat.

Christliche Gemeinde ist sicher nicht besser als andere Gemeinschaften. Auch hier gibt es Streit und Neid, aber in ihr lebte der Geist Gottes und dass macht sie so wertvoll.

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