Quasimodogeniti: wie neugeboren

Ich bin richtig stolz, ich fühle mich wie neugeboren. So strahlte eine junge kurdische Frau vor einigen Jahren bei ihrer Einbürgerungszeremonie, nachdem sie ihre und die Urkunde für ihre dreijährige Tochter erhalten hatte.Für sie bedeutet Deutschland Freiheit und Sicherheit. Özgül Haligür war aus der Türkei nach Leverkusen
geflüchtet.Ihr Traum: eine deutsch-türkische Konditorei aufzumachen.*
Wie neugeboren. So heißt es im 1. Petrusbrief, der Epistel heute. Wer in eine Suchmaschine eingibt „ich fühle mich wie neugeboren“, findet tausende von Links und Erfahrungen. Der Tagesschau-Sprecher Jan Hofer genießt mit neuer Partnerin und Baby das neue Familienglück.** Ich fühle mich wie neugeboren, berichtet eine Patientin nach einer Operation. Ein Raucher hat es geschafft, vom Rauchen loszukommen. Aus Manuel, dem Mann, der sich jahrelang im falschen Körper fühlte, wurde Manuela. Im Internet wird damit aber auch für Diäten geworben, für Abnehmprodukte.
Wann fühlen Sie sich wie neugeboren? Oder besser: Wann haben Sie sich das letzte Mal wie neugeboren gefühlt?
Vielleicht nach einem erfrischenden Bad, einer guten Massage oder wenn Sie  nach einer langen Wanderung tief geschlafen haben. Oft hat es mit unserem Körper zu tun. Unser Befinden, unsere Seele sind nicht davon zu trennen, wie es mit unserem Körper steht. Erdlinge sind wir, Erdwesen, sagt die Bibel, Adam von der Adamah (אֲדָמָה). Mit leerem Bauch hofft und träumt es sich nicht so gut. Oder gerade doch? Gerade deshalb? Weckt ein leerer Bauch den Hunger nach einem gedeckten Tisch für alle auf, nach fröhlichem Zusammensein? Lassen zerschlagene Glieder Sehnsucht wachsen, Mut, Lebensfreude – oder töten sie die Tatkraft eher ab?
Um Hoffnungen, um Träume geht es. Es geht darum, ob wir hoffen,
träumen, aufstehen können, uns mit frischer Kraft ausstrecken wie
neugeboren an Leib und Seele.

Die Christinnen und Christen, an die der 1. Petrusbrief gerichtet ist, hatten unter Verfolgung zu leiden, viele waren versklavt, Frauen waren von ihren Männern abhängig oder ihnen ausgeliefert. Den Christ_innen damals hat die Hoffnung geholfen zu überleben. Sonst hätten sie sich angepaßt und aufgegeben. Daß Jesus aufgestanden ist, hat ihnen Kraft gegeben zu widerstehen und hat sie selbst immer wieder neugeboren in der Zeit von Kaiser Domitian, um das Jahr 90.
Wir leben über 1900 Jahre später. Obwohl wir keine Unterdrückung fürchten müssen und Güter im Überfluß haben, purzelt den wenigsten morgens beim Aufwachen der Jubelruf „Ich fühle mich wie neugeboren“ aus dem Mund. Mut und Glück scheinen im Osten Mangelware, dafür sind umso mehr Neid und Ängste und Klagen im Umlauf. Daß in unserer Stadt Zuversicht geboren werden kann, Solidarität, Freundlichkeit, dazu können wir etwas tun.

Ich fühle mich wie neugeboren. So ein Satz sagt sich schnell dahin.Auch und besonders in der Kirche. Doch geboren werden ist anstrengend. Für ein Baby es nicht angenehm , den Bauch der Mutter zu verlassen. Alles ist ungewohnt. Es wird schlagartig kälter, die ersten Atemzüge tut vielleicht sogar weh. Das Licht blendet, es klappert und schallt ziemlich laut – jedenfalls wenn es vorher sonst nur gedämpfte Geräusche und das Gluckern des Fruchtwassers gab. Ein Neugeborenes braucht Zeit, Liebe, Wärme, damit es ankommen kann auf der Erde.

Wiedergeboren werden ist ebenfalls ein Prozess. Und wie jede Veränderung ist er mit Unsicherheit verbunden. Menschen wandeln sich. Sie denken um. Sie gestalten ihr Leben neu. Wenn die Zeit reif ist, geht es wie von selbst. Manchmal. Andere brauchen viel Kraft dafür, so wie für’s Aufräumen. Loslassen und Abschied nehmen brauchen ihre Zeit. Dann ist es erst einmal leer. Erst dann kann sich der Raum neu füllen, in der Wohnung, im Inneren, in einer Beziehung. In etwas Neues gehen heißt das Alte verlassen. Auch eine Gesellschaft wandelt sich so. Gott hilft uns in den Phasen des Übergangs, ja er / sie selbst ist es, die uns neu gebärt und zur Welt bringt.

Ich fühle mich wie neugeboren. Ich habe Kraft. Ich bin mutig. Besser: Wir sind wie neugeboren. Wir haben die Kraft, Hunger zu stillen und Brot zu teilen. Gemeinsam haben wir die Kraft, Gerechtigkeit zu schaffen, Fröhlichkeit zu verbreiten, in Frieden zu kleiden die ganze Erde.

Weitere Predigten: www.queerpredigen.com
Weitere Predigten in der Osterzeit: hier

* www.ksta.de/-ich-fuehle-mich-wie-neugeboren–13430898
** Tagesspiegel 2016

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