Das Kreuz ist aufgerichtet, der große Streit geschlichtet (2.Korinther 5, 19-21)

Der Streit war mittlerweile uralt. Keiner wusste mehr, worüber man sich eigentlich so heillos zerstritten hatte. Irgendwann vor langer Zeit hatte ein Wort das andere ergeben, sind Dinge gesagt worden, die man besser nicht sagt, sind Wunden zugefügt worden, die man bei allem Streit sich nicht zufügen wollte. Sie waren doch lange Zeit ziemlich beste Freunde, ein Herz und eine Seele gewesen, konnten sich alles erzählen. Keiner konnte es mit ihnen aufnehmen, wenn sie gemeinsam auftraten. Aber jetzt kam keiner von ihnen aus diesem Konflikt mehr raus, keiner fand den Mut und die Kraft zum ersten Schritt und zum ersten Wort, um den Streit zu beenden.

An Versöhnung dachte jeder von ihnen hin und wieder, immer wenn die Sehnsucht nach der alten Freundschaft groß wurde, um dann gleich wieder in die Schranken verwiesen zu werden: soll doch er den ersten Schritt tun. Es war nicht meine Schuld…

Aber braucht Versöhnung wirklich vordringlich die Klärung der Schuldfrage?

Die ist ja oft nicht so eindeutig zu beantworten. Aber die Suche nach der Schuld ist vor allem rückwärtsgewandt. Sie ist so oft mit dem ausgestreckten Zeigefinger verbunden: „du bist Schuld“ und so selten mit dem Eingeständnis: „tut mir leid; es war meine Schuld, das nehme ich auf meine Kappe.“

Ich glaube, dass Versöhnung zu aller erst den Mut zum ersten Schritt aufeinander zu braucht – ehe ich die Frage stellen kann, wie es denn zu dem Streit überhaupt kommen konnte.

Versöhnung darf auch nicht immer auf Wiedergutmachung oder Bestrafung/Sanktionierung der Schuldigen warten, weil so vor allem verzweifelte Selbstrechtfertigungsversuche und Ausreden provoziert werden. Die Wirklichkeit und insbesondere die Vergangenheit sind immer viel komplizierter, als wir es uns wünschen, wenn wir nach Verantwortung fragen und Entlastung („Ich bin es nicht gewesen….“) meinen.

Der Streit ist oft alt. Aber manchmal gelingt die Versöhnung doch, weil einer den Mut zum ersten Schritt fand und der Sehnsucht nach dem Anderen nachgab, weil einem das Theater leid war, weil die Liebe ungeahnte Kräfte und Möglichkeiten freisetzen kann, weil die Angst vor einem Zu-spät dann doch größer wurde als der Trotz, der immer sagt: ich habe doch nicht angefangen mit dem Streit.

Manchmal hilft es, nicht zurückzuschauen, sondern nach vorne. Versöhnung ist die Zukunft, der Streit ist und bleibt Vergangenheit. Ist der erste Schritt getan, dann kann man sich an die Beseitigung der Altlasten machen. Versöhnung heißt ja nicht: schauen wir mal nicht so genau hin und Schwamm drüber. Stattdessen schaut man, einmal aus dem Kreislauf von Vorwurf und Gegenvorwurf ausgebrochen, in einem zweiten Schritt genau hin, worum es im Kern ging und heute noch geht und ob die Sache den Streit wirklich wert war oder immer noch wert ist. Wie bei einer Verhandlung hilft dann mit Abstand der Blick auf den Streitgegenstand und den Streitwert.

Der Streit ist alt.  Das würde auch der Apostel Paulus sagen, der sich zum Anwalt der Versöhnung im Auftrag Gottes macht.

Der Streit ist so alt, dass viele schon gar nicht mehr wissen, dass und warum das Tischtuch zerschnitten ist. Ja der Streit zwischen Gott und Mensch geht so tief, dass Menschen Gott schon gar nicht mehr wahrnehmen, ihn statt dessen ganz und gar ignorieren. Dabei geht dieser Konflikt ganz tief. Er begann mit dem Misstrauen: sollte Gott es wirklich gut gemeint haben, als er sagte „von allen Früchten darfst du essen außer..?“ oder wollte Gott den Menschen nur klein und abhängig halten?

Misstrauen vergiftet und zerstört jede Gemeinschaft. Und als das Misstrauen einmal gesät war, da musste Gott hinnehmen und anschauen, wie Menschen seinen Platz einnahmen, sich nicht mehr nur als Verwalter seiner guten Schöpfung, sondern als ihre Herren aufspielten – ohne Rücksicht auf Verluste. Gott wurde von seinem Thron gestoßen und der Mensch hat seinen Platz eingenommen. Wir können zerstören, was Gott liebevoll geschaffen und uns anvertraut hat. Wer oder was hindert uns zu tun, was möglich ist, egal ob es nützlich oder schädlich sei…?

Die Bibel erzählt von diesem Streit mit alten und eindrücklichen Geschichten und jeder, der aufrichtig und ehrlich ist, wird entdecken, wie wahr und real sie unsere Wirklichkeit beschreiben.

Das Misstrauen gegenüber Gott hat auch das Vertrauen zwischen Menschen zerstört. Was ist ein Leben wert, wenn wir so einfach hinnehmen, dass in gewaltsamen Konflikten und Kriegen, im Affekt oder Streit, auch auf der Flucht über das Meer an die Strände Europas Kinder, Frauen, Alte und Männer ertrinken, oder in der vermeintlichen Sicherheit angekommen, bespuckt, angebrüllt, verfolgt oder verletzt werden?

Der Bruch geht so tief, dass Gott missbraucht wird, um Mord und Schrecken – wir sagen dann Terror – in seinem Namen zu verüben, schlimmer noch: zu rechtfertigen als Kampf gegen vermeintlich Ungläubige, als ob Gott das fordere. Und so werden zugleich Menschen in Misskredit gebracht, die seinen Namen tragen und versuchen als Glaubende das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe mit Leben zu erfüllen. Alle werden unter Generalverdacht gestellt und am Ende sind alle, egal ob Christen , Muslime oder Andersgläubige, verdächtig.

Ja, aus dem Wettstreit der Überzeugungen um die Wahrheit, um den rechten Glauben, wird unversehens der Kampf der Kulturen und es entscheidet die Macht des Stärkeren über Wahrheit oder Lüge im Namen Gottes.

Aber auch wer sich von all dem nicht angesprochen fühlt, weil er in Frieden versucht mit seinen Nächsten und den Fremden zu leben, die Umwelt und Schöpfung zu achten und zu bewahren, wer sich für Aussöhnung und Gerechtigkeit einsetzt, kennt den Streit mit Gott, um das was, das Leben einem zumuten kann. Wie kann Gott das zulassen? Wie kann er zulassen, dass unzählige Unschuldige hingemordet, in die Luft gesprengt oder einfach nur leichtsinnig über den Haufen gefahren werden?

Wie kann es sein, dass die junge Mutter ihre Kinder nicht aufwachsen sieht, weil die Krebserkrankung zu spät erkannt wurde, oder die Eltern ihre Kinder zu Grabe tragen, obwohl es doch andersherum sein sollte?

Warum, so die öffentliche Wahrnehmung und schon die Klage in den alten Liedern und Gebeten der Bibel, geht es den Schlechten vergleichsweise gut und den Guten vergleichsweise schlecht? Ist das gerecht? Ist Gott dann noch Gott, allmächtig und barmherzig? Er erklärt sich nicht, er entzieht sich, so der Vorwurf. Pochte er lange Zeit darauf, dass wir uns vor ihm für unsere Bosheit rechtfertigen müssen, so haben sich die Verhältnisse längst umgekehrt: wenn einer sich erklären muss, dann Gott.

Wenn einer gerechtfertigt werden muss, dann nicht der Mensch, sondern Gott. Nicht wir haben uns das Leben ausgesucht. Wir sind nicht gefragt, sondern in das Leben hineingeworfen worden. Von wem? Wenn Gott der Schöpfer und Geber allen Lebens ist, dann doch mindestens ebenso sehr von ihm, wie geboren aus dem Wunsch der Liebenden nach einem Kind, dass sie aufwachsen sehen können.

Der Riss geht so weit, dass viele von Gott nichts mehr wissen wollen, ja sogar diese Verleugnung und Weigerung ihn zur Kenntnis zu nehmen, schon längst verdrängt haben. Man kann sich im Streit und auch im Leben ohne Gottesglauben wunderbar einrichten und den Frommen gegenüber angesichts der Welt und der Wirklichkeit einen ungeheuren Rechtfertigungsdruck aufbauen. Deshalb möchte ich gerne auch den Muslimen, die ihren Namen ernst nehmen, Gott zu dienen, gerne ebenso beistehen, wie denen, die nichts mehr wollen, als mit Ernst Christen zu sein.

Gott scheint in der Defensive zu sein, steht mit dem Rücken an der Wand, schlimmer noch: ist in Jesus ans Kreuz genagelt und dem Spott und dem Hohn ausgeliefert und ausgesetzt.

Nur wer ignorant ist, kann behaupten, es gäbe keinen Streit. Da hängt er, der Streit für alle sichtbar und nicht einfach von der Hand zu weisen. Es ist kein Streit nur für Akademiker in den Gelehrtenstuben und für kluge und dicke Bücher, sondern er tobt mitten in der Welt und mitten im Leben.

Der Streit ist alt. Nichts ist so real, so konkret und so wirklich wie das Kreuz. Deshalb ist es gut, dass heute so vieles schweigt, dass Stille und Trauer Raum und Zeit finden. Aber ist es das alles wert? Hat das Leben es verdient, in Zorn, Aggression, Abwehr, Ausgrenzung und Ablehnung und Auflehnung zugebracht zu werden, statt mit Verständnis, Ehrfurcht und Liebe?

Der Streit ist alt, aber für die Versöhnung ist es nie zu spät.

Die Hand ist längst ausgestreckt und das Wort, das die Aussöhnung einleiten kann, ist längst ausgesprochen.

  • Gott hat sich ans Kreuz schlagen lassen und hat nicht zurückgeschlagen.

  • Gott hat nicht überheblich oder unberührt von oben herab auf das Leid, die Not, die Armut und Ungerechtigkeit hinabgeschaut, sondern ist hinabgestiegen zu denen, die schon ganz unten sind.

  • Er hat sich buchstäblich mit dem Tod allen gleich machen lassen, um allen gleich nahe zu sein.

  • Er hat die Frage, wo er denn angesichts des Leid und der Gewalt in dieser Welt ist, längst beantwortet: an der Seite der Opfer, aber mit dem Angebot der Versöhnung auch an die Täter: Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.

Der erste Schritt ist getan. Die Hand ausgestreckt, das erste Wort gesprochen: so bitten wir euch an Christi statt: lasst euch versöhnen mit Gott.

Nur so kann Misstrauen weichen und mit dem Vertrauen und dem Glauben auch Hoffnung wachsen. Das schenke uns der sich in seiner Allmacht herabneigende und sich bis ans Kreuz erniedrigende Gott heute und allezeit

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