Das gebrochene Herz Gottes

Predigt 2. Korinther 5,14-21 von Pfarrer Johannes Taig

14 Denn die Liebe Christi drängt uns, zumal wir überzeugt sind, dass, wenn einer für alle gestorben ist, so sind sie alle gestorben.
15 Und er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist.
16 Darum kennen wir von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch; und auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr.
17 Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.
18 Aber das alles von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt.
19 Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.
20 So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!
21 Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.


Liebe Gemeinde,

„Rabbi Mosche Löb, über dessen Sanftmut die kuriosesten Geschichten erzählt werden, schwor, nach dem Tod so lange in der Hölle auszuharren, bis er alle Bewohner der Hölle mitnehmen könne. (…) Für den Psalmvers ‚Wohl dem, den du, Herr, züchtigst‘ (Psalm 94,12) bevorzugte der Rabbi eine andere Lesart: ‚Wohl dem, der wagt, Gott zu züchtigen.‘ Als in einer Familie mehrere Kinder in frühem Alter starben, wandte sich die Mutter an die Frau des Rabbi: ‚Was für ein Gott ist denn der Gott Israels? Er ist grausam und nicht barmherzig. Er nimmt, was Er gegeben hat.‘ So dürfe man nicht reden, wiegelte die Frau des Rabbi ab; unergründlich seien die Wege des Herrn, der Mensch müsse lernen, sein Schicksal anzunehmen. In diesem Augenblick erschien Rabbi Löb auf der Türschwelle und rief der trauernden Besucherin zu: ‚Und ich sage dir, Frau, man muss es nicht annehmen! Man muss sich nicht unterwerfen. Ich rate dir, zu rufen, zu schreien, zu protestieren, Gerechtigkeit zu fordern, verstehst du mich, Frau? Man darf es nicht annehmen!‘“ (Navid Kermani, Der Schrecken Gottes, Beck 2011, E-Book, Position 4110)

Wir können dem Schriftsteller Navid Kermani nicht nur am Karfreitag dankbar sein, dass er in seinem Buch „Der Schrecken Gottes, Attar, Hiob und die metaphysische Revolte“ wieder einmal in Erinnerung gerufen hat, dass es auch in der Bibel und ihrer Auslegungsgeschichte eine Tradition der Feindschaft gegen Gott gibt, die alles andere als atheistisch ist. Sie kommt direkt aus der Liebe zu Gott! Denn dem, den man liebt, kann man nicht alles durchgehen lassen! Und Gott kritisiert sie nicht, sondern er reagiert darauf! Paulus leitet uns an, das Kreuz des Christus in diesem Zusammenhang endlich neu oder wieder richtig zu verstehen!

Das können wir nicht, ohne mit den Häresien aufzuräumen, die sich auch in evangelischen Bekenntnisschriften und in so manchem Lied in unserem Gesangbuch finden. Die Schlimmste und unter uns gebräuchlichste – und wohl auch am heutigen Karfreitag von vielen Kanzeln gehörte – lautet: „Christus hat mit seinem Tod am Kreuz die Strafe Gottes für die Sünde der Menschheit auf sich genommen und damit Gott versöhnt.“ „Mit diesem Satz in großen Lettern tourte vor neun Jahren die Melanchthon-Ausstellung „Grenzen überwinden“ durch Europa. So ungeniert stellte dieses offizielle Dokument der Evangelischen Kirche das Evangelium auf den Kopf.“ (Rainer Stuhlmann, GPM, 1/2016, Heft 2, S. 202, Anm. 2) Und kann sich dabei auch noch auf so manche Stelle in den evangelischen Bekenntnisschriften berufen. Aber wir wären nicht Evangelische, wenn wir in diesem Punkt nicht wieder die Heilige Schrift auch gegen solche Autoritäten zur Geltung bringen könnten.

Wir können die Worte des Apostels Paulus drehen und wenden, wie wir wollen: Es gibt keinen Gott, der versöhnt wird, schon gar nicht im Sinne irgendeiner Satisfaktion! Paulus spricht auch nicht von einem Gott, der sich mit der Welt versöhnt. Er spricht klar und eindeutig und ausschließlich von Gott, der die Welt mit sich versöhnt. Und das liegt daran, dass nicht Gott böse auf die Welt ist. Nein, die Welt ist böse auf Gott! Wer wollte es ihr verdenken!

Wie Rabbi Mosche Löb „leidet die Welt an den unabgegoltenen Versprechungen Gottes. Die Welt leidet an der Welt, wie sie ist, wenn die Gerechtigkeit auf sich warten lässt. Diesen Zustand nennt Paulus ‚Sünde‘ (Vers 21); und der Singular ‚Sünde‘ ist bei Paulus nie identisch mit ‚Schuld‘. Das Böse, in dem die Feindschaft der Welt gegen Gott (…) begründet ist, ist nicht nur das Böse, das Menschen tun und verantworten, sondern vor allem anderen das Böse, das Menschen erleiden – und nicht nur sie, sondern die gesamte Kreatur (…).

Die Welt liegt darum mit Gott im Streit. Sie ist nicht einverstanden mit ihrem eigenen Zustand. Sie findet sich damit nicht ab, sie ist damit nicht versöhnt, dass ihr Gerechtigkeit mangelt. Die Welt ist mit Gott so lange nicht versöhnt, wie sie nicht ist, wie sie sein soll, so lange, wie sie die alte Schöpfung ist, wie sie ‚Sünde‘ ist, der die Gerechtigkeit fehlt. Die Welt ist es, die Klage erhebt, die Gott auf die Anklagebank setzt, ihn anklagt über der Ungerechtigkeit. Wie das Blut Abels, des ersten Gewaltopfers, nach Gottes Gerechtigkeit schreit und das millionenfach vergossene unschuldige Blut bis in unsere Tage, so auch das Blut Jesu (…).

Der Schrei des Gekreuzigten: ‚Mein Gott, warum hast du mich verlassen?‘ (…) ist Ausdruck dieser großen biblischen Frage nach Gottes Gerechtigkeit. Jesus stellt sie stellvertretend für alle Juden und Nichtjuden, die danach hungern und dürsten. Sie heißen Hiob und Jeremia, sie singen oder beten die jüdischen Klagelieder, sie stoßen unartikulierte Seufzer aus oder fluchen Gott über dem Leid der Welt. Dass sie darüber auch schuldig werden, ist nicht von der Hand zu weisen. Die Feindschaft der Welt schließt den Aspekt des Schuldig-Werdens ein (…), aber das darf nicht dazu führen, die Feindschaft gegen Gott zu moralisieren und auf Schuld zu reduzieren.

Jesu Leidensgeschichte als Lamm Gottes ruft nach Erinnerung gegenwärtiger Leidensgeschichten, in denen die Opfer menschlicher Gewalt wie Lämmer abgeschlachtet werden in Terror und Krieg, durch Ausgrenzen, Ertrinken und Verhungern, die wie Lämmer ausgeliefert sind dem Sadismus im Folterkeller wie dem Missbrauch im Wohnzimmer. Sie schreien nach Heilung und Versöhnung. Es ist der Schrei nach Gottes neuer Schöpfung.“ (Rainer Stuhlmann, aaO. S. 203).

Wie trostlos bleibt eine Kirche, die angesichts solcher Schreie den moralischen Zeigefinger erhebt, sich auf die Seite der Guten stellt, auf die Bösen schimpft und ansonsten wie die Frau des Rabbi sagt: So darf man nicht reden, unergründlich sind die Wege des Herrn und der Mensch muss lernen, sein Schicksal anzunehmen. So kann nur reden, wer Hiob vergisst und all die anderen, die Gott lieben und eben wegen dieser Liebe zu seinen Feinden werden.

Schaut auf diese Heiligen, die all diejenigen verstehen, die mit einem solchen Gott nichts mehr zu tun haben wollen und sich abwenden, ohne es selbst zu können. Die mit ihm im Kampf bleiben, wie Jakob mit dem Engel am Jabbok. (1. Mose 32,23 ff.) Und schaut auf den Christus, in dem Gott nicht nur unser Menschsein angenommen hat, sondern am Kreuz auch die „Sünde“, die Feindschaft gegen Gott. Im Todesschrei Jesu kommt der Schrei aller gequälten Kreatur nicht nur vor Gott, sondern Ihm selbst aus dem Herzen! Gott stellt sich auf die Seite von Hiob und Jeremia und Attar und Rabbi Mosche Löb und aller seiner Feinde und aller Opfer des Bösen auf dieser heillosen Welt. Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht.

Im Christus lässt Gott sich das Herz brechen! Mit dem Todesschrei fährt der Christus hinab in alle Höllen dieser Welt und im Jenseits und wo immer sie sein mögen, um sie leerzuräumen, leerzufegen, und jeden noch so Großen und Kleinen auf seine Schultern zu laden und alle Tränen abzuwischen. Die Evangelien wissen, dass die Erde bebte, als der Christus die Augen schloss. Und die Felsen zerrissen, und die Gräber taten sich auf. (Matthäus 27/52f.)

Das mag man kaum glauben. Aber mit dem Todesschrei des Christus passiert die entscheidende Wende in Gottes eigenem Herzen. Gott versöhnt die Welt mit sich, zieht sie an sein Herz und die Welt nimmt Fahrt auf und ändert die Richtung. Sie treibt nicht länger ihrem Untergang entgegen, sondern nimmt Kurs auf die neue Schöpfung und mit ihr auch wir. An Ostern holt Gott den Christus aus seinem Grab und sagt: Nun soll es gelten! Und deshalb muss schon heute und jetzt gelten, was Paulus schreibt: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

Wer sich so von Gott mit Gott versöhnen lässt, kann und wird deshalb den Mund erst recht nicht halten können. Nein, man darf es nicht annehmen! Rabbi Mosche Löb hat recht! Denn Gott selbst macht sich am Kreuz des Christus zum Anwalt aller Klagen aus der Gottverlassenheit, zum Anwalt der Opfer, der Schwachen, der Sünder, ja sogar seiner Feinde. Deshalb bittet Gott uns am Karfreitag unter das Kreuz. Denn dort lässt er sich aus Liebe zu uns das Herz brechen. Wer sich an das Kreuz des Christus stellt, wird deshalb Hoffnung und Trost finden, wie er sonst nirgends zu finden ist: „Es gibt nichts Ganzeres, als ein zerbrochenes Herz!“ (Rabbi Nachman von Bratslav)

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