Unterwegs – Zeichen von Nähe und Verbundenheit (1.Korinther 11, 23-26)

Er gab sich alle Mühe, es immer so zu machen, wie es auch seine Frau voller Liebe, Zärtlichkeit und Fürsorge getan hatte, wenn die Kinder Geburtstag hatten, wenn sie Ostern oder Weihnachten feierten. Sie sollten am wenigsten darunter leiden, wie sehr die Mutter  seit ihrem plötzlichen Tod fehlte.
Er konnte den Kuchen zwar nicht so gut backen wie sie, ihm fehlte die Gabe, alles schön, bunt und kindgerecht, leicht und verspielt und dadurch ganz heimelig zu schmücken, aber mit vereinten Kräften, war es am Ende fast wie früher und wenn sich dann alle tief in die Augen schauten, war es ein bisschen so, als ob die Mutter, die Vertraute, die Geliebte, mitten unter ihnen war, auch wenn die Trauer mächtig und stark blieb, der Mittelpunkt, der Halt, die Liebe verloren schien.Er brauchte Erinnerungspunkte und Erinnerungsorte. Er brauchte Rituale, Zeichen, die ihm das Gefühl von Nähe und Verbundenheit für einen Augenblick zurückbrachten, und ihm so Kraft für den Alltag gaben. Er merkte, dass die Kinder eintauchten, auflebten und aufblühten, wenn sie miteinander so lebten, als könnte alles so sein und bleiben, wie es früher einmal war. Er besuchte das Grab, er hatte neben ihrem Bild immer frische Blumen zu stehen, die sie so liebte, er hörte ihre Lieder und macnhmal hatten selbst seine Tränen, seine Trauer etwas tröstliches, wenn sie denn fließen durften,  er sich der Trauer und den Tränen hingab. Nur für die Kinder wollte er stark und zuverlässig sein.
Wenn sie zusammen hielten,  dann war es so, als ob sie mitten unter ihnen war;
wenn sie von ihr erzählten, dann weinte das Herz und es wurde zugleich getröstet, weil sie sich an die Liebe erinnerten, die sie empfangen hatten, und die durch den Tod ja nicht ihre Realität verloren hatte.
Ja, von Jahr zu Jahr war es sogar so, dass das Lachen und die freundliche, warme Erinnerung stärker wurden, als der betäubende Schmerz der Trauer. Sie konnten immer leichter, immer fröhlicher ihre Erinnerungen teilen und manchmal reichte schon das Bild, eine Kerze, eine Blume, um der Dankbarkeit und der Liebe Raum zu geben.
Erinnerung braucht Raum, Zeit und Zeichen.
Das Tröstliche der Erinnerung kann man sich in dem Augenblick noch nicht vorstellen, wenn man  mit dem Wissen beisammen, dass dies unwiederbringlich das letzte Mal sein wird. Dann rebelliert etwas in uns, möchte das unvermeidlich Kommende verleugnen und einfach ignorieren, als würde es dadurch verhindert und nicht Realität werden.
Wie viele haben schon in diesem Wissen um das letzte Mal zusammen gesessen und gefeiert: Geburtstag, Ostern, Weihnachten, Passah… und die Uhr ließ sich nicht an-, die Stunden nicht festhalten, bestenfalls im Herzen und in der Erinnerung, diese manchmal auch zu Papier gebracht oder in einem Bild eingefangen.
So war es auch damals nach der Nacht, in der Jesus verraten wurde, und es war lange noch sehr lebendig, so dass Paulus auch die Korinther daran erinnern kann. Er war zwar nicht dabei, aus dem Christenverfolger musste ja erst noch ein Christusnachfolger werden, aber als er die Mahlfeiern kennenlernte, in die Tradition mithineingenommen wurde, Erinnerungs- und Gedächtniskultur im besten Sinne des Wortes persönlich erlebte, da war es ihm, als ob er doch mit dabei, also Augen-, Ohren- und Sinneszeuge gewesen wäre, so lebendig und so eindrucksvoll waren diese Begegnungen. „Ich habe es vom Herrn empfangen“ wird er schreiben, „ich stehe in einer ungebrochenen Erinnerungskette.“
Bis heute ist sie ungebrochen, denn noch immer geschieht es zu seinem Gedächtnis und uns als Gedächtnisstütze, die wir alle zwischen Trauer und Freude solche Erinnerungszeichen brauchen, um mit hineingenommen zu werden, und uns am Tisch mit Jesus und den Jüngern wiederzufinden.
Es sollte ein letztes Mal sein, dass sie alle vor seinem Tod beisammen waren, vor seinem Tod, vor dieser Grenzerfahrung, die uns allen bevorsteht, und vor dir wir uns alle gleichermaßen fürchten.
Es stimmt ja, was die Dichterin Mascha Kaleko schreibt, „den eigenen Tod, den stirbt man nur, mit dem Tod der anderen muss man leben“, aber man lebt ja eben, darf, würde ich sagen, weiterleben, und, dass diese Sehnsucht leben zu wollen nicht mehr gestillt werden könnte, macht uns ja so Angst vor dem Tod.
Aber an diesem Abend feiern sie das Leben und danken für das Leben, beklagen nicht einfach nur die Mühe und Arbeit, für die das Brot steht, das Leiden, wenn geliebte Menschen sterben, wenn Menschen zerrieben werden zwischen Ansprüchen und Erwartungen, Hoffnungen und Enttäuschungen, zerrieben wie Körner zwischen den Mühlsteinen, ehe denn aus ihnen das Brot werden kann. Wir brauchen es täglich zum Leben und es wird uns wie das Leben täglich geschenkt, wir können die existentielle Dimension einer Bitte um das tägliche Brot gar nicht mehr wirklich ermessen. Dringlicher klingt da unter uns da die Bitte um das tägliche Stück Lebenszufriedenheit und Lebenserfüllung, die satt machen können wie ein Stück Brot.
Auch damals schon wird der Abend, weil es der letzte um einen Tisch herum war, erinnerungsträchtig gewesen sein: wie oft haben sie in so vielen Häusern und mit so vielen Gästen oder bei so vielen Gastgebern zusammengesessen, dass man ihn schon Fresser und Säufer schimpfte.
Aber das war es ihm wert, dass sein Ruf zwar litt, dafür aber viele ihr Leben neu ausrichten und endlich wieder in Beziehung zu Gott, Mitmenschen und Umwelt treten konnten. „Heute ist diesem Hause Heil widerfahren“ erwidert Jesus den Kritikern, als er bei Zachäus, dem Zöllner einkehrte, der seine Güter den Armen und zu Unrecht erworbenes Vermögen vielfach zurückgeben wollte. Die Frau, die als Sünderin verschrien war – und wir alles wissen, wie ein Ruf auch Leben zerstören kann, wie schwer man einen schlechten Ruf wieder los wird – darf am Rande eines Festmahls Jesu Füße salben, ihn küssen und hört vor den Augen und Ohren aller mit höchster Glaubwürdigkeit ein befreiendes: dir sind deine Sünden vergeben.
Und jetzt brechen sie wieder das Brot, erinnern daran, dass Gott schon immer ein befreiender und erlösender Gott war und ist, dem das Klagen und Bitten seines Volkes nicht egal bleibt, der sein Herz bewegen lässt: der Auszug aus Ägypten ist das Sinnbild eines von Gott geschenkten Aufbruches in das neue Leben, das immer heute anfangen will.
Und sie trinken aus dem Kelch und werden noch einmal erlebt haben, wie sehr die Weggemeinschaft mit Vertrauten tragen kann. Die Freude wird noch einmal lebendig und groß geworden sein, die sie miteinander auf ihrem gemeinsamen Weg geteilt haben, der kein leichter war, dornig und schwer, aber ein Weg, der schon nach dem Reich Gottes schmeckte. Er hat die Sehnsucht nach mehr in allen wachgerufen, die dabei waren. Denn sie haben erlebt, wie Menschen aufstehen, endlich wieder hinhören, ihre Umwelt wieder wahrnehmen durften und ihr Leben wieder zu greifen bekamen, und sie haben erfahren , dass das wirklich Frohbotschaft, Evangelium war Der Kelch ist ja nicht nur Sinnbild für das Keltern der Trauben, für das Leiden, das uns Herzblut kostet, sondern auch für die Freude am Leben, die Gott schenkt, selbst wenn die Freude nicht wirklich Wein braucht, um groß zu werden.
Noch einmal wurde die Erinnerung ganz lebendig und gegenwärtig, die Grenzen der Zeit dazwischen verflossen für einen winzigen Augenblick voller Ewigkeit.
So soll es sein, das ist der Bund, für den Gott einsteht: Menschen stehen auf, Menschen hören Worte, die trösten und klären, Augen werden geöffnet, Schuld verliert ihre Macht, der Tod seinen Schrecken, das Reich Gottes den Beigeschmack der Unsicherheit, als ob es doch nie komme. Gott wird gewiss, seine Gegenwart wird real und lebendig. Nichts kann wirklich von seiner Liebe trennen.
Immer und immer wieder wird seitdem Brot gebrochen und der Kelch geteilt zu seinem Gedächtnis. Bei aller Trauer, die wir in uns tragen, ist es dann so, als ob er mitten unter uns und wir an diesem Abend mit an seinem Tisch sitzen: das Weinen dürfen wir für einen Augenblick lassen, in der Erinnerung lächeln über all das , was wir in der Vergangenheit miteinander erlebt haben und uns trösten, dass dies bleibt: Heute ist diesem Haus Heil widerfahren, dir sind deine Sünden vergeben, das Reich Gottes schmeckt schon jetzt nach vollem Leben, nach Zufriedenheit und Trost, nach Hoffnung und Geborgenheit…
Der Vater brauchte Rituale, Zeichen, die ihm das Gefühl von Nähe und Verbundenheit für einen Augenblick zurückbrachten und ihm so Kraft für den Alltag gaben und er merkte, dass die Kinder eintauchten, auflebten und aufblühten, wenn sie miteinander lebten, als wäre alles gut, als könnte alles so sein und bleiben, wie es früher einmal war.
So dürfen auch wir für einen kurzen Augenblick der Ewigkeit eintauchen in das Gefühl und in die Erfahrung von Nähe und Geborgenheit, um Kraft für den Alltag zu gewinnen und aufzublühen in dem Leben, als wäre schon alles gut und als könnte es so bleiben, wie es einmal war oder wie wir es uns erhoffen…
Darum : solches tut zu meinem Gedächntis.

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