Lasst euch versöhnen!

Liebe Gemeinde,

Großes Finale! Vater und Sohn (seltener Mutter und Tochter) fallen sich in die Arme. Die Missverständnisse sind geklärt, der Streit ist beigelegt: Versöhnung.

Die Zuschauer im Kino oder vor dem Fernseher wischen sich die Tränen aus den Augen.

Paulus fordert uns im 2. Korintherbrief auf: Lasst euch versöhnen mit Gott!

Und ich frage mich, wieso?

Liege ich im Streit mit Gott? Gibt es ein Missverständnis, dass mich von Gott entfernt und das geklärt werden müsste? Wieso soll ich mich mit Gott versöhnen lassen?

Beides: Es gibt ein Missverständnis und ich liege im Streit mit Gott.

Zunächst das Missverständnis:

Das Missverständnis ist ein mittelalterliches, verzerrtes Bild von Gott, das immer noch sehr verbreitet ist. Anselm von Canterbury hat es auf die Spitze getrieben. Anselm stellt sich Gott als einen mittelalterlichen Herrscher vor, der sehr auf seine Ehre bedacht ist und leicht zornig wird. Gott ist sauer wegen unserer Sünden. Er ist wütend, dass wir uns nicht an seine Gesetze halten. Deshalb erfordert es seine Ehre, dass er uns schwer bestraft. Die einzige angemessene Strafe für unsere Vergehen ist der Tod. Gottes Ehre fordert die Todesstrafe für uns alle, denn wir haben alle Fehler gemacht. Jetzt möchte Gott uns aber begnadigen und aus dem Tod retten. Damit seine Ehre nicht beeinträchtigt wird, braucht er jemanden, der an unserer Stelle die Todesstrafe erleidet, damit sein Zorn besänftigt wird. Deshalb schickt er seinen Sohn in die Welt und opfert ihn, damit wir gerettet werden.

Dies steht nicht in der Bibel. Und es ist furchtbare Theologie. Mit einem solchen Gott will ich nichts zu tun haben. Auf diese Sorte Versöhnung, wo es die ganze Zeit nur um Gottes Ehre geht, und die Folgen brutal für Jesus sind, verzichte ich freiwillig.

Um das Missverständnis aufzuklären: Gott vergibt uns von sich aus ohne Opfer. Es geht nicht darum, Gott zu versöhnen. Wie Paulus im 2. Korintherbrief richtig schreibt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Es geht darum uns mit Gott zu versöhnen. Wir sind diejenigen die sich versöhnen lassen müssen. Und das tut Jesus Christus. Jesus Christus kommt zu uns. Er kommt in unsere schreckliche und brutale Welt. Er setzt sich den von uns Menschen gemachten Schrecken aus. Nicht Gott hat die Kreuzigung erfunden. Das waren die Römer. Jesus geht mitten hinein in unsere Leiden und in unseren Tod, um uns da rauszuholen. Und in Jesus ist Gott da, mitten drin in Leid und Tod. Jesus geht in den Tod hinein und besiegt den Tod von innen. Er geht in Schmerz und Leid hinein und besiegt es von innen. Gottes Arme sind geöffnet und wir dürfen uns einfach hinein fallen lassen. Gott muss nicht erst durch Jesus dazu bewegt werden, seine Arme zu öffnen. Sie sind schon immer offen. Das ist das Missverständnis.

Kommen wir jetzt zu dem Streit, wegen dem wir uns mit Gott versöhnen lassen müssen.

Gott hat uns zur Liebe geschaffen. Wir sind Beziehungswesen. Wir sind hier, um einander zu lieben und zu lernen und uns gegenseitig zu fördern.

Und das kriegt niemand richtig gut hin. Wir alle haben uns von Gott entfernt und tun nicht das, wozu wir geschaffen wurden. Insofern liegen wir mit Gott im Streit.

Wir haben Angst, nicht genug zu bekommen,

–         nicht genug Liebe,

–         nicht genug Autos,

–          nicht genug zu Essen,

–         nicht genug Ansehen,

–         einfach von allem nicht genug.

Und deshalb reagieren wir eifersüchtig und abwehrend und schützen unseren Besitz und schirmen und von anderen ab. Weil wir gelernt haben, dass sie uns verletzen werden oder uns etwas wegnehmen, was wir dringend brauchen. Wir haben eine Gesellschaft geschaffen, in der Neid und Missgunst herrscht.

Wir leben in einer Welt, in der wir ständig von Sucht bedroht sind. Alkohol, Spiel, Essen, Einkaufen, selbst Beziehungen alles bedroht unsere Freiheit. Wir sind ständig in Gefahr einer Sucht zu verfallen und uns selbst und die, die wir lieben, zu zerstören.

Wir haben Familien geschaffen, in denen alle Familienmitglieder sich benachteiligt fühlen. Wir leben in einer Welt, die geprägt ist von Verteilungskämpfen und Gewalt. Wir leben unter der Gewalt von großen Firmen, die so eingerichtet sind, dass sie Gewinn machen egal wie es den Menschen dabei geht.

Alles das haben wir nicht persönlich und wissentlich erfunden, an all dem sind wir nicht als einzelne schuld. Aber wir unterstützen durch unsere Entscheidungen diesen Zustand, in den wir hinein geboren wurden.

Paulus sagt dazu: Wir leben unter der Macht der Sünde und nicht unter der Macht Gottes. Wir haben uns von Gott entfernt. Und dann hat die Sünde uns versklavt. Sie benutzt unsere an sich gut geschaffenen Körper und Seelen, um ihre Macht auszubreiten. Und alleine können wir nichts dagegen tun.

Aber Jesus Christus hat etwas dagegen getan. Er hat uns von der Macht der Sünde befreit. In Christus sind wir neu geworden. Jetzt gibt es neue Möglichkeiten. Wir können uns versöhnen lassen mit Gott.

Wie hat Jesus das gemacht?

Er hat sein ganzes Leben lang die enge Verbindung zu Gott aufrecht  erhalten hat bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Jesus war klar, dass sie ihn umbringen würden. Er hat gemerkt, dass die Frommen seiner Zeit es nicht ertragen, dass er ihre Regeln und ihren Tempel in Frage stellt. Sie wollten nicht anerkennen, dass nur die Liebe zählt. Ihm war klar dass er sterben würde, weil die Römer ihr Imperium auf militärische Macht und auf Angst aufgebaut haben und sie es nicht ertragen würden, wenn jemand einer anderen Macht mehr gehorcht. Jesus wusste, dass seine Lehre gefährlich ist. Er wusste, dass es ihn das Leben kosten würde. Und er wusste auch, dass die Welt genau das braucht, was er gelehrt hat. Die Welt braucht Jesu Ideen, um sich zum Besseren zu entwickeln. Und deshalb hat Jesus trotzdem weiter gemacht. Insofern ist er sehenden Auges in den Tod gegangen. Er hat sich der Macht der Römer und der Macht der Frommen seiner Zeit nicht gebeugt. Damit hat er die Macht der Sünde besiegt. Sie konnten ihn töten. Aber sie konnten die neue Lehre nicht mehr aus der Welt schaffen. Sie konnten den Weg, den er gegangen ist, nicht mehr beseitigen. Und sie konnten ihn nicht im Tod festhalten.

Und insofern wir in Christus sind wie Paulus sagt oder Christus nachfolgen wie die Evangelien sagen würden, hat Christus uns von der Macht der Sünde befreit. Wir können uns jetzt versöhnen lassen mit Gott.

Und wie machen wir das?

Es ist ganz einfach: Zwei Schritte:

  1. Wir müssen etwas verstehen: Gott ist auf der Stelle bereit, jeden Streit zu beenden. Seine Arme sind offen, offen für uns und für die ganze Welt. Wir müssen die Welt nicht retten. Sie ist schon gerettet. Wir müssen auch uns selbst nicht retten. Wir sind schon gerettet. Wir haben von allem, was wir brauchen genug. Vor allem genug Liebe, solche phantastischen unendlichen Mengen großartiger, bedingungsloser  göttlicher Liebe, die wir durch nichts, was wir je tun werden, in Gefahr bringen können. Das ist unsere Wirklichkeit. Das begründet unsere unbesiegbare Freiheit. Wir sind nicht erpressbar, von niemandem, denn wir haben unendlich viel mehr als wir je brauchen werden. Wir können uns in Gottes offene Arme fallen lassen und alles wird gut. Wie es bei Jesus letztendlich gut geworden ist.
  2. Und der zweite Schritt: Da wir nicht mehr versklavt unter der Macht der Sünde leben, wird sich das auch in dem zeigen, was wir tun. Der Geist Gottes, der Geist Jesu ist in uns wirksam. Wir können frei entscheiden, ob wir das tun, was wir richtig finden, oder nicht. Wir müssen unser Handeln nicht von dem bestimmen lassen, was die anderen uns oder Welt Böses antun. Wir entscheiden.

Klar werden wir, wenn die große Schwester oder der kleine Bruder von den Eltern vorgezogen werden, einen Stich in unserem Herzen fühlen und uns ärgern. Aber wieso eigentlich? Das haben wir doch gar nicht nötig, zu konkurrieren um die Liebe unserer Eltern.

Klar werden wir uns ärgern, wenn die Nachbarin ohne zu grüßen an uns vorbei geht. Aber wieso eigentlich? Wir sind Gottes Kinder uns Hausgenossen. Was soll‘s?

Und wenn wir Schritt für Schritt immer mehr lernen in der Liebe zu leben, wird das Leben immer schöner.

Aus uns heraus können wir das sowieso nicht tun, dem Alkohol widerstehen oder der übermäßigen Menge Schokolade oder dem Wunsch uns zu rächen. Aber aus der Kraft Gottes heraus können wir das.

Und das wird sich zeigen.

Naja manchmal zumindest. Perfektion ist nicht erforderlich. Wenn wir Gott vertrauen und auf unsere innere Stimme hören, werden wir immer öfter das tun, was wir wirklich wollen.

Aber das ist nicht nötig, um mit Gott versöhnt zu sein. Nichts was wir tun, wird uns von Gottes Liebe trennen. Die Versöhnung macht Gott ganz alleine. Es gibt keine Bedingungen. Wir müssen uns nur in seine offenen Arme fallen lassen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinn in Christus Jesus zum ewigen seligen Leben!

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