Morgenroutine

Ich glaube, jeder von uns hat so sein Morgenritual.

So eine feststehende Abfolge, wie der Start in den Tag beginnt.

Manches dürfte da sehr ähnlich sein.

Wecker aussschalten.

Aufstehen.

Toilette.

Waschen und Zähne putzen.

Rasieren

Anziehen.

Kaffeemaschine an.

Frühstücken. Oder auch nicht.

Und manches ist wahrscheinlich unterschiedlich.

Die Einen schalten das Radio oder den Fernseher an – andere nicht.

Die einen holen die Zeitung herein und lesen sie – andere nicht.

Und viele schauen heutzutage als allererstes auf ihr Smartphone und schauen, was alles an Nachrichten eingegangen ist.

Und manche beginnen den Tag nochmal anders.

Sie beginnen ihn, indes sie sich auf Gott besinnen, sich Zeit nehmen für ein Gebet, für einen Moment der Stille, für Gottes Wort, für die Losungen, für die Bibel.

Wie hören heute Morgen von einem Menschen, der den Tag mit so einem Hören beginnt – und das hat ganz entscheidende Auswirkungen auf sein Leben:

Gott, der Herr, gibt mir die richtigen Worte, damit ich erschöpfte Menschen zur rechten Zeit ermutigen kann. Morgen für Morgen weckt er mich, und dann höre ich zu: Der Herr lehrt mich wie ein Lehrer seinen Schüler. Ja, Gott, der Herr, hat mich bereit gemacht, auf ihn zu hören. Ich habe mich nicht gesträubt und bin meiner Aufgabe nicht ausgewichen. Meinen Rücken habe ich hingehalten, als man mich schlug; ich habe mich nicht gewehrt, als sie mir den Bart ausrissen. Ich hielt ihren Beschimpfungen stand und verdeckte mein Gesicht nicht, als sie mich anspuckten. Und doch werde ich mich ihnen nicht beugen, denn Gott, der Herr, verteidigt mich. Darum habe ich auch die Kraft, ihnen die Stirn zu bieten. Ich weiß, ich werde nicht in Schimpf und Schande dastehen. Der Richter, der mich freisprechen wird, ist schon unterwegs. Wer will mir da noch den Prozess machen? Lasst uns nur vor Gericht gehen! Wer will mich anklagen? Soll er doch herkommen! Ja, Gott, der Herr, verteidigt mich! Wer kann mich da noch schuldig sprechen? Alle meine Ankläger werden umkommen, sie vergehen wie ein Kleid, das die Motten zerfressen.

(HFA)

Ich möchte gerne vier Fragen an diese Bibelworte stellen:

Erste Frage: Von wem ist hier die Rede?

Zweite Frage: Wie geht das Hören?

Dritte Frage: Wozu soll das gut sein?

Vierte Frage: Was erfahren wir hier über Gott?

 

Ich fange mit der ersten Frage an: Von wem ist hier überhaupt die Rede?

Diese Frage hat eine dreifache Antwort:

Zunächst hören wir da den Propheten Jesaja, der über sich selber redet.

Ein Mensch, der grob gesagt über 700 Jahre vor Christus begann, im Namen und im Auftrag Gottes zu den Menschen in Israel zu sprechen.

Und was er ihnen gesagt hat, war beides:

Kritisch und ermutigend.

Für das Kritische bekam er heftigen Gegenwind.

Und seine Trostworte helfen heute noch vielen Menschen.

Zum Zweiten ist hier von jedem Menschen die Rede, der anfängt auf Gott zu hören.

Alle Menschen, die anfangen auf Gott zu hören, in der Bereitschaft, das Gehörte dann auch zu tun und weiterzusagen, machen nämlich diese gleichen Erfahrungen:

Es gibt Gegenwind, man muss sozusagen die Komfortzone verlassen – und Gott steht einem bei und stärkt den Rücken.

Und zum Dritten ist hier von Jesus die Rede, der das alles gelebt und erlitten hat wie kein anderer.

Niemand hat so auf Gott gehört wie er, niemand hat darum so Gegenwind bekommen wie er, und niemand hat so klaglos seinen Rücken hingehalten wie er.

 

Zweite Frage: Wie geht denn dieses Hören?

Jesaja sagt:

Morgen für Morgen weckt er mich, und dann höre ich zu: Der Herr lehrt mich wie ein Lehrer seinen Schüler. Ja, Gott, der Herr, hat mich bereit gemacht, auf ihn zu hören. Ich habe mich nicht gesträubt und bin meiner Aufgabe nicht ausgewichen.

Es geht also nicht um etwas einmaliges, sondern um eine andauernde Gewohnheit. Ausdauer ist also gefragt. Morgen für Morgen.

Weiterhören, auch wenn mal tote Hose ist.

Jeden Morgen neu.

Anscheinend geht das am Morgen am besten.

Diese Erfahrung haben schon viele gemacht.

Zum Beispiel auch Dietrich Bonhoeffer:

Jeder neue Morgen ist ein neuer Anfang unseres Lebens. Er ist lang genug, um Gott zu finden oder zu verlieren. In die ersten Augenblicke des neuen Tages gehören nicht eigene Pläne und Sorgen, auch nicht der Übereifer der Arbeit, sondern Gottes befreiende Gnade, Gottes segnende Nähe. Bevor das Ohr die unzähligen Stimmen des Tages vernimmt, soll es in der Frühe die Stimme des Schöpfers und Erlösers hören. Die Stille des ersten Morgens hat Gott für sich selbst bereitet. Ihm soll sie gehören. Wie könnten wir anders gerüstet den Aufgaben, Nöten und Versuchungen des Tages entgegengehen?

Hören als Gewohnheit.

Und hören aus der Stille heraus, bevor der Lärm des Tages über einen hereinbricht.

Und noch etwas sehe ich da:

Die Bereitschaft, sich auch etwas sagen zu lassen:

Der Herr lehrt mich wie ein Lehrer seinen Schüler.

Wer nicht die innere Bereitschaft hat, sich von Gott hinterfragen zu lassen, korrigieren zu lassen, beauftragen zu lassen – der wird nichts hören.

Und wer hört, aber dann nicht tut, was er hört – weil es unbequem ist, weil es weh tut, weil es unpopulär ist – der wird auch nichts mehr hören.

 

Und damit sind wir schon bei der Dritten Frage angelangt: Wozu soll das gut sein, dieses Hören auf Gott?

Antwort: Damit ich verstehe, die Müden zu stärken durch ein aufmunterndes Wort.

Ich finde das wunderbar.

Es gibt so viele müde, kraftlose, Menschen. Niedergeschlagen und Hoffnungslos.

Und immer wieder gehören wir alle da auch dazu, zu diesen Menschen.

Ich jedenfalls auf jeden Fall.

Gottes Wille ist, dass wir solche Menschen nicht übersehen, sondern sehen.

Gottes Wille ist, dass wir solche Menschen nicht meiden, sondern aufsuchen.

Und Gottes Wille ist, dass wir aufmunternde, ermutigende Worte für sie haben, die mehr sind als ein „wird schon wieder“.

Christ sein, Jesus nachfolgen heißt: Für die dasein, die müde sind. Die kaputt sind. Die am Ende sind.

Das steht an allererster Stelle.

Und an zweiter Stelle wird genannt:

Sich nicht wehren und zurückweichen. Den Rücken denen hinhalten, die auf ihn schlagen. Es ertragen, sich beschimpfen und bespucken zu lassen.

Wozu das Ganze?

Ist das eine Aufforderung zum Masochismus?

Nein, das sehe ich nicht so.

Es ist eine Einladung, Konflikte gewaltfrei, friedlich zu beenden.

Normalerweise schaukeln sich ja Streitereien und Konflikte so gegenseitig hoch.

Es gibt so ein hin und her, immer ein bisschen mehr.

Keiner gibt nach.

Keiner will sich etwas gefallen lassen.

Und so eskaliert der Streit immer mehr.

Es sei denn, jemand spielt da nicht mehr mit.

Schlägt nicht zurück, sondern hält nur den Rücken hin.

Schimpft nicht zurück, sondern hält die Beleidigung aus und hat sogar ein freundliches Wort übrig.

Lässt sich anspucken und sieht nicht rot.

Die Erfahrung zeigt, dass sich die Gewalt, das Böse so immer wieder beenden lässt.

Überwindet das Böse mit dem Guten, heißt es darum auch.

Jesus hat das auch so gemacht.

Er hat den Bösen und hat den Tod besiegt, indem er stillgehalten hat.

Sich nicht gewehrt hat.

Bis zuletzt nicht.

Das ist nicht einfach, das sagt auch niemand.

Und das ist mit Schmerzen verbunden, das leugnet auch niemand.

Aber es ist möglich.

Denn Gott, der Herr, wird mir helfen; darum werde ich nicht in Schande enden.

 

Und die vierte Frage war:

Was erfahren wir hier über Gott?

Eine ganze Menge.

Wer mich am Morgen wecken will und mir ins Ohr reden will, der muss mir nahe sein.

Gott ist ein naher Gott. Der uns auch genau kennt.

Gott ist ein Gott, der redet. Der uns etwas sagen will.

Gott ist ein Gott, der uns die Ohren öffnet, wenn wir ihn lassen. Wenn wir ihn darum bitten.

Gott ist ein Gott, der uns verändern will, der uns etwas beibringen will, der uns befähigen will.

Gott ist ein Gott, der am liebsten durch Menschen handelt. Durch uns. Der uns brauchen will.

Und dieses Handeln hat immer seinen Anfang, indem wir auf Gott hören.

Das Hören ist zentral.

Was erfahren wir weiter über Gott?

Gott ist ein Gott, der uns beisteht und den Rücken stärkt.

Er bewahrt uns oft nicht vor Leiden, vor Schmerzen, vor Beleidigungen, vor Mobbing.

Aber er hilft uns, dass wir darunter nicht zerbrechen, nicht kaputt gehen.

Und zuletzt vielleicht das Wichtigste:

Gott ist ein Gott, der mich freispricht.

Jochen Klepper hat das in seinem Lied wunderbar ausgedrückt:

Will vollen Lohn mir zahlen, fragt nicht, ob ich versag.

Wer anfängt auf Gott zu hören, ist sein Lehrling, sein Schüler, sein Jünger.

Und auch wenn ihm alles misslingt, und jeder Versuch, das Gehörte in die Tat umzusetzen scheitert, in die Hose geht, dann gilt:

Der Richter, der mich freisprechen wird, ist schon unterwegs. Wer will mir da noch den Prozess machen? Lasst uns nur vor Gericht gehen! Wer will mich anklagen? Soll er doch herkommen! Ja, Gott, der Herr, verteidigt mich! Wer kann mich da noch schuldig sprechen?

 

Das ist Evangelium.

Und alles beginnt mit dem Hören.

Wer auf Gott hört, wird anders.

Reinhold Schneider, der Romanschreiber und Liederdichter, hat das einmal so ausgedrückt:

Wenn wir es wagen, oftmals des Tages vor Gottes Angesicht zu treten, dann muss sich unser Leben ändern.

Fragt sich nur, ob wir das wollen.

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