Jesus war ein Absteiger

Ich hab am Anfang einmal ein paar Begriffe mitgebracht:

 

Selbstverwirklichung

Selbstbewusstsein

Selbstbestimmung

Freiheit.

 

Und noch ein paar andere:

 

Erniedrigung

Entäußerung

Knechtschaft

Gehorsam

 

Welche klingen attraktiver?

Ich glaube, für die meisten klingen die ersten besser.

Sie passen auch besser zu uns Menschen.

Nach oben kommen.

Etwas erreichen.

Aufsteigen.

Karriere machen.

Das ist uns wichtig.

Unseren Kindern bringen wir das immer bei:

Du musst dich anstrengen.

Du musst etwas lernen.

Damit du es einmal zu etwas bringst.

 

Es ist wichtig, es zu etwas zu bringen.

Erfolg haben.

Sich einen Namen machen.

Das ist ein Stück Unsterblichkeit.

Jedes Jahr kommt im Fernsehen DSDS.

Deutschland sucht den Superstar.

Und wer wird Germany’s next Topmodel?

Und wer wird Deutscher Meister?

Wer holt den Pokal?

Wer wird Weltmeister?

Welches Land hat die meisten Goldmedaillen?

 

Wir Menschen, wir wollen nach oben.

Diejenigen, an denen wir uns normaler Weise orientieren, das sind doch die Aufsteiger, die die Karriereleiter hinauf klettern. Die Erfolgreichen, die Gewinner, die Siegertypen – denen versucht man normaler Weise doch nachzueifern, vor allem als junger Mensch.

 

Das ist menschlich.

 

In der Bibel, im Philipperbrief erfahren wir, dass Jesus da genau anders herum dachte.

Er wollte nach unten.

Völlig freiwillig.

Und zwar von ganz oben.

Wir hören das Lied vom heruntergekommenen Gott:

 

Jesus war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, 7 sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; 8 er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. 9 Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, 10 damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu 11 und jeder Mund bekennt „Jesus Christus ist der Herr“ – zur Ehre Gottes, des Vaters.

 

Ich hab mal mit Konfirmanden über diesen Text geredet.

Konfirmanden sind oft gnadenlos ehrlich und direkt.

„Ich hätte das niemals gemacht“ hat einer gesagt.

Und ein anderer war noch direkter, er hat gesagt:

„Wie kann einer nur so bescheuert sein? Das ist doch voll der Looser!“

 

Ich kann diese Konfirmanden verstehen, denn hier begegnet uns der absolute Gegenentwurf zu dem, was bei uns zählt:

Es ist die Geschichte eines „Absteigers“, – eines, der die Karriereleiter nicht nach oben, sondern nach unten geklettert ist, und das auch noch freiwillig.

Und dabei hätte er es gar nicht nötig gehabt.

Er hätte sich wunderbar raushalten können aus allen Unannehmlichkeiten des Lebens.

Hätte sich als der absolute Supermann fühlen können, der über allem steht, dem niemand etwas anhaben kann.

Mit göttlicher Macht, mit göttlichen Eigenschaften ausgestattet – da ist man doch fein raus!

Da kann man sich doch das ganze Treiben der Menschheit gemütlich aus der Ferne, von oben anschauen. Ja, er hätte sich etwas einbilden können, dieser Jesus, auf seine göttliche Gestalt. Er hätte überheblich oder auch mitleidig auf uns herab schauen können, wie wir uns abmühen, ein halbwegs gescheites Leben zu führen. Er hätte sich den irdischen Problemen und Schwierigkeiten, mit denen wir es tagtäglich zu tun haben, locker entziehen können.

 

Aber er hat es nicht getan

Er ist ganz nach unten gegangen.

 

„Er wurde ein Mensch“, wie du und ich. Und der Predigttext betont: er hat sich nicht etwa nur verkleidet als Mensch, und ist in Wirklichkeit weiter göttlich geblieben. Nein – er ist wirklich durch und durch Mensch geworden. Ein Mensch aus Fleisch und Blut, in nichts mehr zu unterscheiden von jedem anderen Menschen: verletzbar, verwundbar und sterblich, wie wir alle.

 

Wie gesagt: nach unseren heutigen Maßstäben eigentlich ganz schön dumm. Denn wer gibt schon freiwillig das auf, was er hat. Wenn ich mit Privilegien geboren bin, weil ich eben das Glück hatte, reiche Eltern zu haben, oder ein gebildetes Elternhaus – dann werde ich das doch nicht einfach preisgeben. Dann werde ich doch alles tun, um das, was ich den anderen voraus habe, festzuhalten, oder etwa nicht?

Von Jesus aber heißt es, dass er das Gegenteil tat. Und sogar noch mehr: er erniedrigte sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz. Soweit ist er also mit seinem Weg der Hingabe und der Selbstaufgabe gegangen. Sein Weg von ganz oben nach ganz unten endete dort: an dem Ort, an dem damals Verbrecher hingerichtet wurden.

 

Warum eigentlich?

Sicher nicht, um einen Demutswettbewerb zu gewinnen.

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Demütigste im ganzen Land?

 

Sondern einfach nur darum:

Weil es notwendig war.

Erstens weil ich – wenn ich jemandem helfen will – zu ihm kommen muss.

Auf seine Ebene kommen muss.

Wenn wir mit kleinen Kindern reden, dann gehen wir auch in die Hocke.

Nur so ist Begegnung wirklich möglich.

Von oben herab geht es nicht.

Um uns Menschen zu erreichen, musste Gott selber Mensch werden.

Ganz und gar.

Jesus war kein Übermensch, sondern ein Mitmensch.

Er war ganz mit Gott und ganz mit uns. Sein Leben war echtes Mitfreuen und Mitleiden, Mitlieben und Mittragen, Mitdenken und Mitfühlen, Mitwissen und Mitwirken.

Gott ist in Jesus wirklich mit uns und geht den untersten Weg.

 

Und zum zweiten:

Jesus musste ganz nach unten gehen, bis ins Reich des Todes – so sagen wir es in jedem Gottesdienst: hinabgestiegen in das Reich des Todes – um uns Menschen da heraus zu holen.

Zu befreien.

 

Sich selber hergeben für andere.

Das ist Liebe.

Und nicht für sich selber sorgen und rackern, sondern das alles Gott überlassen.

Das ist Glaube.

 

Jesus hat sich aus Liebe hergegeben.

Ist aus Liebe ganz nach unten gegangen.

 

Und Gott selbst hat ihn von dort unten wieder herauf geholt.

Warum?

Weil er gehorsam geblieben ist.

Weil er auf seine innere Stimme gehört hat.

Weil er den Weg gegangen ist, den Gott ihm bestimmt hat:

den Weg zu den Menschen, den Weg der Hingabe, den Weg der mitleidenden Liebe, die nicht den eigenen Vorteil, sondern das Heil der anderen sucht. Darum also hat Gott ihn erhöht, so paradox es auch klingen mag:

weil er darauf verzichtet hat, Gott gleich zu sein;

weil er darauf verzichtet hat, sich selber zu inszenieren;

weil er darauf verzichtet hat, sich selber einen Namen zu machen.

Darum hat Gott ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist:

über Coca Cola, über Mc Donalds, über Nike, über Microsoft, über Google. Über die Namen auch der Karrieremänner und –frauen, der vermeintlichen Sieger, der Mächtigen dieser Welt.

 

So ist das.

 

Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden.

Und wer bereit ist, selber den Weg nach unten zu gehen, den wird Gott nach oben bringen.

 

Wer andere klein macht, den wird Gott auch klein machen.

Wer sich selber klein macht, den wird Gott groß rauskommen lassen.

 

Wer sich nur um sich selber kümmert, der wird vor Sorge vergehen.

Und wer sich um andere sorgt, um den wird Gott sich kümmern.

 

Wer sein Leben zu erhalten versucht, der wird es vernichten.

Und wer sein Leben verschenkt, wird es behalten.

 

So geht die göttliche Logik.

Heute beginnt die Karwoche, die Woche, in der wir diese Abwärts- und Aufwärtsbewegung ganz genau betrachten und feiern.

 

Heute am Palmsonntag erinnern wir uns daran, wie die Leute Jesus begeistern zugejubelt haben.

Am Gründonnerstag ist es schon sehr einsam geworden um ihn.

Am Karfreitag schrieen die Leute: Ans Kreuz mit ihm.

Und er ging bis hinunter in den Tod.

Am Ostersonntag hat ihn Gott erhöht.

Herausgeholt aus dem Tod.

Und er hat uns verheißen:

Ihr alle, die ihr Christen seid.

Auch euch hole ich heraus aus dem Tod.

Der heruntergekommene Jesus holt euch heraus.

Dazu ist er heruntergekommen.

 

Und darum schreibt Paulus:

Seid untereinander so gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Jesus Christus entspricht.

Seid untereinander genau so gesinnt, wie es Jesus auch war.

 

Weil es ein angemessenes Zeichen der Dankbarkeit ist.

Weil es heilsam ist.

Weil es Segen bringt.

Weil es Frieden bringt.

Und weil es uns in die Nähe von Jesus bringt.

 

Das schreibt er direkt vor diesem Predigttext.

Ich bitte euch in Gottes Namen:

Seid untereinander genau so gesinnt, wie es Jesus auch war.

Lasst nicht zu, dass euch etwas gegeneinander aufbringt, sondern begegnet allen mit der gleichen Liebe und richtet euch ganz auf das gemeinsame Ziel aus. Rechthaberei und Überheblichkeit dürfen keinen Platz bei euch haben. Vielmehr sollt ihr demütig genug sein, von euren Geschwistern höher zu denken als von euch selbst. Jeder soll auch auf das Wohl der anderen bedacht sein, nicht nur auf das eigene Wohl. Das ist die Haltung, die euren Umgang miteinander bestimmen soll; es ist die Haltung, die Jesus Christus uns vorgelebt hat. Er, der Gott in allem gleich war und auf einer Stufe mit ihm stand, nutzte seine Macht nicht zu seinem eigenen Vorteil aus.

 

Wie anders wäre es hier bei uns Christen, wenn wir mehr so gesinnt wären, wie es Jesus auch war.

 

Und ich denke, der erste Schritt dorthin ist sich ehrlich die Frage zu stellen:

Bin ich so gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Jesus Christus entspricht?

Und der zweite Schritt ist:

Gott zu bitten, dass er uns dorthin bringt.

Dass er uns verändert.

Denn wir selber, wir können das nicht.

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