Glauben ist hören und aufbrechen

Die meisten Menschen sind eher konservativ.

Das ist jetzt nicht politisch gemeint.

Sondern ich will damit sagen:

Den meisten Menschen fällt es schwer, sich auf etwas Neues einzulassen und das bisherige Leben zu verlassen.

Wir plaudern gerne mit unseren Freunden über das, was wir sollten, müssten, wollten, wo Veränderungen, ein neuer Anfang und Aufbrüche uns locken und „eigentlich“ schon längst überfällig wären.

Aber schon im Gespräch fallen uns 1000 Gründe ein, warum das alles nicht geht und es besser – oder zumindest sicherer ist – alles so zu lassen, wie es ist.

Denn wer weiß schon, wohin wir dann kämen, wenn wir einen neuen Weg gingen?

 

Und so halten die meisten von uns auch lieber Zustände aus, unter denen sie leiden, die viele Probleme und Schwierigkeiten und Enttäuschungen und Schmerzen mit sich bringen, als dass sie etwas ändern.

Das vertraute Unbefriedigende – mit dem ich mich arrangiert habe, mit dem ich gelernt habe, irgendwie mehr schlecht als recht zurecht zu kommen – das vertraute Unbefriedigende ist den meisten von uns lieber als das unbekannte neue, andere.

Veränderung ist unbequem und macht uns Angst.

Und so muss meistens der Leidensdruck unerträglich groß werden, bevor wir endlich etwas ändern.

 

Mir geht das manchmal auch so.

Und oft frage ich mich im Nachhinein, wenn ich endlich den Schritt der Veränderung gewagt habe:

Warum war ich eigentlich so lange so blöd und hab das hingenommen und ausgehalten, anstelle etwas zu verändern?

 

Jungen Menschen fallen Neuaufbrüche meistens leichter.

Aber je älter wir werden, je mehr auf dem Spiel steht und mehr wir dabei ja auch zurücklassen würden, desto schwerer fällt es uns, sich auf etwas Neues einzulassen.

 

Aber gerade darin besteht Leben: Sich ständig auf etwas Neues einzulassen.

Das einzige beständige im Leben ist die Veränderung, hat mal jemand gesagt.

Und: Das Leben ist nichts für Feiglinge.

 

Es braucht Mut – oder zumindest Vertrauen, um sich auf etwas Neues einzulassen.

Mut zum Leben – Mut zur Veränderung – Mut, sich auf eine Sache mit offenem Ausgang einzulassen – genau diesen Mut möchte Gott uns gerne geben.

Wir erkennen das am Beispiel von Abraham, dem Stammvater aller Glaubenden – so wird er in der Bibel genannt. Stammvater, Ur-Vorbild, Ur-Muster aller Glaubenden.

Im Hebräerbrief heißt es:

Auch Abraham glaubte fest an Gott und hörte auf ihn. Als Gott ihm befahl, in ein Land zu ziehen, das ihm erst viel später gehören sollte, verließ er seine Heimat. Dabei wusste er überhaupt nicht, wohin er kommen würde. Er vertraute Gott. Das gab ihm die Kraft, als Fremder in dem Land zu leben, das Gott ihm versprochen hatte. Wie Isaak und Jakob, denen Gott dieselbe Zusage gegeben hatte, wohnte er nur in Zelten. Denn Abraham wartete auf die Stadt, die wirklich auf festen Fundamenten steht und deren Gründer und Erbauer Gott selbst ist.

 

Die Geschichte von Abraham ist eine Geschichte von gelebtem Vertrauen.

An Abraham sehen wir:

An Gott glauben heißt, Gott vertrauen. Das ist ein und dasselbe.

Und die Geschichte von Abraham und seiner Familie zeigt uns an anschaulichen Beispielen, was es bedeutet, Gott zu vertrauen.

 

Für mich ist die Geschichte von Abraham eine Mutmachgeschichte.

Die Geschichte eines alten Mannes, der irgendwo in Mesopotamien sitzt und sich damit abgefunden hat, dass er in ein paar Jahren kinderlos sterben wird und der nichts Besonderes mehr von seinem Leben erwartet hat.

Jemand, der denkt: Da ändert sich eh nichts mehr.

Und statt dass er sich zur Ruhe setzt und still am Lagerfeuer sitzt, macht sich Abraham eines Tages auf, packt sein Zeug und macht sich auf den Weg in ein unbekanntes Land um mal zu sehen, was denn dabei herauskommt.

Im Vertrauen auf Gott brach er auf, ohne zu wissen, wohin er kommen würde.

Im Gottvertrauen – oder ein anderes Wort dafür: Im Glauben.

Der Glaube, das Gottvertrauen gibt Abraham den Mut, als alter Mann noch einmal etwas ganz neues anzufangen.

Das alte, unbefriedigende hinter sich zu lassen und sich auf etwas Neues einzulassen.

Und wie fing das ganze an?

Als Gott ihn rief – wurde er gehorsam, heißt es.

Am Anfang steht: Gott ruft Abraham.

Verlasse deine Heimat, sag ich dir, verlasse das, was du kennst, was dir vertraut ist, was du gewohnt bist und lass dich auf etwas Neues ein.

 

Am Anfang steht der Ruf Gottes.

Gott vertrauen heißt darauf vertrauen, dass Gott wirklich Menschen ruft. Abraham hat darauf vertraut.

Hier könnte man nun schnell einwenden, dass Gott nur ganz wenige Menschen beruft, und Abraham war so eine Ausnahme.

Das sehe ich anders.

Gott ruft alle Menschen.

Und zwar immer wieder.

Ich bin mir zum Beispiel sicher: Gott hat mich dazu berufen, dass ich Pfarrer werden soll.

Sonst würde ich es nicht wagen, hier zu stehen und euch anzupredigen.

Aber eigentlich ist das ein schlechtes Beispiel, auch wieder so etwas Großes und irgendwie frommes.

Gott ruft nämlich hinein in unseren ganz weltlichen Alltag.

Gott ruft uns alle immer wieder auf, in seinem Namen zu handeln.

Manchmal sind das große Dinge.

Manchmal aber auch ganz kleine Dinge.

Vielleicht dass ich in einem Streit endlich nachgebe.

Oder dass ich jemanden, der mich ärgert, etwas Nettes sage und etwas Gutes tue.

 

Gott ruft uns oft durch die Stimme des Gewissens.

Oder durch Gedanken, die er uns in den Sinn kommen lässt.

Oder durch ein Bibelwort.

Oder vielleicht durch etwas, was uns ein anderer Mensch sagt.

Oder das wir irgendwo lesen und das unser Herz berührt.

Gott ist da sehr einfallsreich.

 

Das Problem ist: Wir sind meistens anders beschäftigt.

Oder schwerhörig.

Oder unwillig.

Wir wissen ganz genau: Das oder jenes sollte ich jetzt tun. Das wäre jetzt richtig.

Ich will aber nicht.

Und manchmal sind wir einfach zu faul und zu bequem.

 

Abraham hat nicht nur gehört, sondern auch gehorcht.

Das ist der entscheidende Unterschied.

 

Abraham hört, dass Gott ihn ruft.

Und seine Antwort ist nicht ein wohlformuliertes Bekenntnis vom Glauben an einen rufenden, sich den Menschen gnädig zuwendenden Gott.

Seine Antwort ist: Er steht auf und packt seine Siebensachen und marschiert los.

 

„Die Antwort des Jüngers ist nicht ein gesprochenes Bekenntnis des Glaubens (…), sondern das gehorsame Tun.“ Sagt Bonhoeffer.

 

Ich glaube, die Hauptursache dafür, dass die Kirche in Deutschland und in Europa so in der Krise ist, die Hauptursache dafür, dass unser Christsein oft so saft- und kraftlos daherkommt und so wenig verändert ist genau dieser:

 

Wir wissen vieles, was wir tun sollten. Aber wir tun es nicht, sondern reden nur darüber.

 

Im Glauben geht es darum zu hören, was Gott uns sagt und es dann zu tun. Um nichts anderes.

Alles andere ist frommer Selbstbetrug, aber nicht der Glaube, von dem die Bibel redet.

 

Der Glaube, mit dem wir über Mauern springen können.

Der Glaube, der uns den Mut gibt, Neues zu wagen.

Der Glaube, der es uns möglich macht, über unseren eigenen Schatten zu springen.

 

„Der Weg zum Glauben geht durch den Gehorsam gegen den Ruf Christi“, schreibt Bonhoeffer.

Und er bringt es auf den Punkt:

„Nur der Glaubende ist gehorsam, und nur der Gehorsame glaubt. (…) Es muss der erste Schritt des Gehorsams gegangen werden, damit Glaube nicht frommer Selbstbetrug, billige Gnade werde. Es liegt am ersten Schritt. (…) Diesen Schritt kann jeder tun.“

 

Dieser Glaube, der aus hören und gehorchen entsteht und besteht, dieser Glaube engt nicht ein, sondern er befreit.

 

Er befreit dazu, aus unguten Verhältnissen auszubrechen.

Er befreit dazu, negative Bindungen zu zerreißen.

Er befreit dazu, etwas ganz Neues zu wagen.

 

Und dieser Glaube führt uns in ein Abenteuer.

Abraham wusste nicht, was Gott mit ihm alles vorhat.

Er wusste nicht, wie das Land aussieht, in das Gott ihn führen will.

 

Mit Gott zu leben ist spannend.

Da sind alle Fernsehkrimis dagegen echte Langweiler.

Wenn Du aus deinem Leben ein Abenteuer machen möchtest – dann fang an, auf Gott zu hören und ihm zu gehorchen.

 

Und wer sich so auf Gott einlässt, wie es Abraham vorgemacht hat, der wird außer einem großen Abenteuer noch etwas erleben:

 

Die Welt wird ihm fremd werden.

Er wird immer mehr das Gefühl haben: Ich passe hier nicht so richtig her.

Ich gehöre da nicht so richtig dazu.

Denn meine Heimat ist woanders.

In einer Stadt mit festen Grundmauern, die Gott selbst entworfen und gebaut hat.

Er wird immer mehr spüren: Ich bin in der Ewigkeit Gottes zu Hause und hier nur zu Besuch.

Wie im Ausland.

 

Abraham hat das so erlebt. Er hat sich als Fremder erlebt.

In einer Welt, die auf Macht und auf Geld und auf Einfluss baut, da hat er sich fremd gefühlt, weil er lieber auf Gott vertraut.

In einer Welt, die sagt: Der Zweck heiligt die Mittel und der Stärkste setzt sich durch, da hat er sich fremd gefühlt, weil er das anders sieht.

In einer Welt, in der Image und Ansehen und alles Vordergründige, Sichtbare im Mittelpunkt stehen und ganz wichtig sind, in einer Welt, die ihr Herz an Vergängliche Sachen hängt und in der Dinge und Gegenstände oft wichtiger sind als Menschen – in dieser Welt hat sich Abraham mehr und mehr als Fremdkörper erlebt.

Als Außenseiter.

Als Außenseiter, der sich nicht an alles angepasst hat, was „man“ halt so tut und redet.

 

Unser Predigtabschnitt ist einem Kapitel der Bibel entnommen, in dem es um die Frage geht: Wer ist denn vor uns auf dem Weg des Glaubens gegangen? Neben Abraham werden auch viele andere genannt. Ihre Lebenswege sind ganz unterschiedlich. Aber in drei Punkten gleichen sie sich alle:

 

Alle haben ein Ziel vor sich, das Gott ihnen geschenkt hat.
Alle machen sich gehorsam auf den Weg zu diesem Ziel hin.
Und alle erfahren immer wieder, dass Gott verborgen an ihrer Seite mitgeht – auch dort, wo der Weg beschwerlich und unübersichtlich wird.
Bemerkenswert ist die Ermutigung, mit der unser Kapitel schließt. Da heißt es von den vielen Glaubenden:

 

Sie sollen nicht ohne uns vollendet werden.
Nicht ohne uns, das heißt:
Wir dürfen und sollen dazugehören zu den Ungezählten, die vor uns und neben uns den Weg des Glaubens gegangen sind und gehen.

Wir sollen dazugehören zu der Gemeinde der Glaubenden, für die Jesus Christus, der Anfänger und Vollender des Glaubens  geworden ist.

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