Den Karfreitag sollen wir ernst nehmen

Zur Kirche gehört das Kreuz. Und wenn alle Welt meint, Kreuze abhängen zu müssen, so mag das so sein. Aber in der Kirche geht das genau nicht. Ohne das Kreuz und das dahinter stehende Karfreitagsgeschehen ist Kirche nicht denkbar. Immer wieder haben Christenmenschen in ehrlichster Absicht versucht, das Kreuz zu umgehen. Gott bräuchte für seine Liebe nicht das Kreuz und die Menschen eigentlich auch nicht.

Und doch sollten wir nicht nachlassen, das Kreuz zu ertragen, nicht nur, weil wir unser Kreuz tragen müssen, sondern anerkennen, das unser Herr sein Kreuz für uns getragen hat. Darum haben wir heute 91 gesungen: Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken.

Ich muss stark werden, den Anblick des Kreuzes und das Geschehen am Kreuz auszuhalten. Auch weil das Kreuz viel über mich erzählt und was ich Gott wert bin:

14 wenn einer für alle gestorben ist, so sind sie alle gestorben. 15 Und er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist. 16 Darum kennen wir von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch; und auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr. 17 Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. 18 Aber das alles von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. 19 Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.  20 So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! 21 Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

Wenn wir von Jesus Christus reden, müssen wir auch von der Passion und vom Kreuz reden, sonst macht das keinen Sinn. Jesus war eben nicht nur der weise Wanderprediger, der gütige Wunderheiler und der Frauenversteher. Das alles und noch viel mehr war er auch. Aber vor allem war er der wirkliche Sohn Gottes.

Und er bleibt der Gekreuzigte. Und damit eben auch ein Skandal: Gott wird Mensch und stirbt den Tod als gefolterter, gequälter Verbrecher. Und es ist von Anfang an Teil des christlichen Glaubensbekenntnis ‚für uns‘! Und dem wollen Liederdichter und Liederdichterinnen seit Jahrhunderten nachsinnen, was das heißt, dieses ‚für uns‘. Wir sind oft erschrocken über dieses sich im Blut baden – gerade der Liederdichter aus vergangenen Jahrhunderten. Da darf man vielleicht nicht darüber vergessen, dass die das zum Teil hautnah miterlebten, wie Mächtige mit Gegnern umgangen, dass grausame Hinrichtungen zu ihrer Welt gehörten nicht nur im 30-jährigen Krieg. Diese alten Lieder versuchen zu beschreiben, was wirklich geschehen ist. Aber das ist auch für uns horrorfilmgeschulte schwer zu ertragen, vor allem, wenn dann das ‚für uns‘ so betont wird

Worum es wirklich geht, davon erzählt schon Paulus in seinem Brief an die Korinther. Dadurch, dass in ihm Gott Mensch geworden haben sich wesentliche Eckpunkte menschlichen Lebens verändert. Von Grund auf: Die Menschen sind neue Geschöpfe geworden, nicht aus eigener Kraft, sondern weil Christus sie berufen hat. Durch dieses Geschehen ist alles neu geworden.

Nicht wir müssen uns mehr darum, bemühen, Gott zu versöhnen mit irgendwelchen Opfern, wir müssen Gott keine Angebote machen, dass er uns nicht zu sehr böse ist. Er hat das in Jesus Christus alles für uns erledigt. Er selber ist auf die Menschen zugegangen, ist geworden wie sie, hat gelitten wie sie und an ihnen. Das war für Menschen damals eigentlich nicht zu akzeptieren, dass Gott nicht der Erhabene ist, der über allem schwebt, sondern der, der mitleiden kann, der gequälte Gott. Das erschüttert Menschen, die erwarten, dass Gott über allem erhaben ist, geradezu schwebt über den Misslichkeiten dieser bösen Welt. Aber Gott, der in Jesus Christus Mensch geworden ist, kann fühlen, leidet mit, wenn Menschen leiden, ist bereit sich ganz klein zu machen um den Menschen zu begegnen.

Und er hat Menschen beauftragt, einander zu helfen, dass sie in diesem Jesus Christus den Sohn Gottes erkennen und die Versöhnung, die von Gott kommt annehmen können. Wir sind Botschafter und Botschafterinnen an Christ statt. Wir dürfen von diesem Gott erzählen, der sich so tief zu den Menschen herabbeugt, wir dürfen sie in seinem Namen einladen. Wir dürfen von Karfreitag reden als dem Tag, an dem Gott gesiegt hat, indem er verloren hat.

Dieses Paradox können wir nie ganz verstehen, wir können es aber akzeptieren, und freudig annehmen, dass wir diesem Gott so viel wert sind, dass er sich nicht zu schade ist an den Menschen zu leiden.

Gott will sich mit uns versöhnen, weil uns die Kraft dazu fehlt, ihm eine Versöhnung anzubieten und er lädt uns ein, diese Versöhnung anzunehmen und von dieser Versöhnung zu erzählen. Die Welt, wie wir sie täglich erleben ist zerrissen von Allmachtsphantasien und Ohnmachtserfahrungen. Diese Welt braucht die Versöhnung, um Frieden zu leben. Daraus, dass wir meinen wir hätten alles im Griff und könnten alles lösen, entstehen dieselben Katastrophen, wie aus dem Gefühl, uns würde alles überrollen. Wir müssen die Hoffnung leben, dass wir manches Problem lösen können in dieser Welt, den Glauben bewahren, dass Gott uns helfen wird auch Unlösbares zu lösen. Und wir dürfen darauf vertrauen, dass das Leben noch lange nicht zu Ende ist, wenn wir meinen es sei am, Ende. Und manchmal brauchen wir genau diesen Sohn Gottes, der das herausschreit: Mein Gott, warum hast du mich verlassen.

‚Das Alte ist vergangen: Neues ist geworden‘. So schreibt Paulus. Und das Neue ist nicht einfach schön. Aber es ist befreiend.

Den Karfreitag wirklich ernst nehmen – für uns. Das ist die Herausforderung. Ich will den Karfreitag ernst nehmen. Dass unsagbare Leid, dass Gott auf sich genommen hat. Das unsagbare Leiden, unter dem heute noch Menschen leiden, weil sie im verkehrten Winkel dieser Welt leben.

Und die Botschaft, dass ich Gott so viel wert bin – ich und alle Menschen. Darum dürfen die Anderen auch mir etwas wert sein.

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