Mit Mut fangen die schönsten Geschichten an

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Griechenland. Wo sonst Menschen auf der Suche nach Urlaub landen, die dort Erholung und Zerstreuung suchen, bestimmen jetzt Menschen das Bild, die in einfachen Zelten Schutz vor Wind, Kälte und Regen finden. Tagelang hat es geregnet. Die Schuhe vom Matsch verdreckt, Hosen und Hemden feucht und klamm. Regen von oben, Nässe in den Klamotten, Feuer qualmen. Es brennt in den Augen, weil auch das Holz viel zu nass ist.

In Idomeni, am Rande Griechenlands, aber immer noch in der Wiege Europas, sinken die schmerzenden Füße tief in den Matsch. Wie die Schuhe kleben auch die Träume fest. Irgendwo singt jemand. Mir wäre jetzt nicht nach singen. Schon gar nicht nach einem Loblied.

Deutschland. Wo niemand weniger hat, weil es die Flüchtlinge gibt, geht die Angst um. Dumpfe Parolen finden ihre Wege in die Köpfe der besorgten Bürger. Offen sprechen manche vom Schießbefehl. Nur um das gleich wieder zu relativieren. Auf Kinder wolle man nicht zielen, aber auf Mütter schon. Klingt jetzt auch nicht viel besser. Parteien, die so etwas auch nur bedenken, sind keine Alternative für Deutschland. Wohl aber eine Schande für dieses Land, in dem niemand weniger hat, weil andere kommen.
Aber trotzdem fragen wir uns täglich, ob wir das schaffen. Wir fragen uns, wie das weitergeht.
Obwohl das doch die Fragen derer sind, die zu uns kommen.
„Schaffen wir es raus aus der Stadt, schaffen wir es über die Grenze?“
„Wie geht es dann weiter bis zur Küste?“
„Schaffen wir es übers Mittelmeer?“
Und vor allem: „Was wird aus denen, die zurückbleiben?“ (Vgl.: A. Kurschus, Predigt zum ZDF-Fernsehgottesdienst über Flüchtlinge aus der St. Petri-Kirche in Dortmund 2015)
Das sind die Fragen, die wir nicht vergessen sollten. Gerade wenn jetzt hier viele Fragen: Wo bleibe ich? Wie geht es weiter mit mir? Fragen, gestellt von Menschen, die den Luxus haben, einfach eine Seite weiter zu blättern, die einfach umschalten können zum nächsten Programm, wenn die Bilder in den Nachrichten unerträglich werden.

Vielleicht bin ich auch schon zu satt, zu abgeklärt, zu abgestumpft, als das ich in meiner privilegierten Lage überhaupt noch etwas fühle. Jeden Abend kann ich das Elend vor meiner Haustür beobachten und wenn es mir reicht, dann schalte ich um. Kopfschüttelnd und für ein kleinen Moment hoffentlich fassungslos, aber dann doch froh, dass ich diese Bilder nicht mehr ertragen muss. Und wenn ich auf einen anderen Sender wechsle und zufällig Werbung läuft dann erfahre ich auch noch, dass ich dem ganzen Leid hier billig entfliehen und einen Shoppingtrip nach New York buchen kann, für ganz schmales Geld. Es kostet nicht viel, vor dem Elend davon zu fliegen.
In Idomeni, mitten in Europa, erkranken derweil Menschen an Lungenentzündung. Der Gesundheitszustand vieler  dort ist besorgniserregend.

In Deutschland wiederum teilen andere Zeitgenossen in den sozialen Netzwerken, die bei diesem Thema immer asozialer werden, im Gespräch mit den Nachbarn oder als Kommentar unter Zeitungsberichten unverhohlen mit, dass man sich schon wahnsinnig freue auf die fliegenden Knüppel und das Tränengas, dass an der mazedonischen Grenze auf die Flüchtlinge wartet. Dabei waren diese Menschen, die manche nun mit derlei Schlechtigkeit bedenken, einst auch aufgebrochen um Schlagstöcken und Fesseln zu entfliehen…
Es steht schlecht um das vielbeschworene christliche Abendland, dass mancher so gerne verteidigen möchte, wenn solche Aussagen zigfach geteilt, geliked oder in irgendeiner Form verbreitet werden.

Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht!
Die Menschen in Idomeni sitzen derweil in ihren Zelten, atmen den letzten Funken Hoffnung aus und wissen auch nicht weiter. Mit dem Rücken zur Wand und brennendem Qualm im Gesicht.

Für Gott ist das alles eine große Sache. Auch wenn der Text, der das beschreibt, so fern klingt. So distanziert. So dogmatisch. Aber Gott macht Ernst und denkt sich: Nur Mut! Denn damit fangen ja die schönsten Geschichten an. Der Oberste der Oberen, der König der Herrscharen, der Herr im Himmel, der Gott aus dem Wettersturm, der das Meer mit Toren verschlossen hat, als es herausbrach wie aus dem Mutterschoß, der, der die Welt mit Wolken kleidete und in Dunkel einwickelte wie in Windeln. Dieser Gott dort oben, der oft genug von den Herrschenden hier unten als Legitimation für die eigene Machterhaltung missbraucht wurde und wird, dieser Gott wird Mensch.
Und er kommt in Knechtsgestalt. Nichts Großes und für seine Verhältnisse unscheinbar. Der ganze dogmatische Kram ist jetzt unwichtig. Viel wichtiger ist, dass Gott sich ein Herz fasst und auf alle Herrschaftsinsignien verzichtet. Er geht sogar so weit, dass man sagen muss, wer zu diesem Gott aufblicken will, muss seinen Blick ans Kreuz heften. Was für ein Ort für einen Gott.
Gewiss ein Ort wie Idomeni. Ohne Gloria und ohne Glanz. Einfach nur matschig und dreckig und die schmerzenden Füße und die großen Träume bleiben kleben im Morast. Auch Gott hat Schmerzen. Ihm tun die Füße weh, die Dornenkrone schneidet in seine Kopfhaut. Er fällt hin, steht wieder auf, er leidet – wie ein Mensch. Es ist unerträglich, dieses Bild. Aber er will das so. Mit Mut fangen schließlich die schönsten Geschichten an.

Mutig fühlen sich auch andere. Die ziehen abends laut in Horden durch die Straßen und grölen, dass sie das Volk sind. Dass christliche Abendland zu verteidigen haben sich diese Menschen auf das schwarz-rot-golden angemalte Kreuz geschrieben und machen damit schon den ersten Fehler. Christlicher Glaube hängt nicht an Nationalstaaten. Christlicher Glaube sprengt alle trennenden Grenzen zwischen Menschen auf.
Ängste schüren und andere Menschen verunglimpfen. Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht! Mit Christentum hat das nichts mehr zu tun. Solche Feindseligkeit und solcher Hass, der in vielen Teilen der Bevölkerung gegenüber Flüchtlingen geäußert wird, erschrecken mich und machen mich traurig. Als Christ fühle ich mich aber besonders in der Pflicht, mich für notleidende Menschen auf der Flucht einzusetzen.
Und das ist so, weil ich mir meinen Gott anschaue, der am Kreuz hängt, der sich nicht herausgehalten hat.
Der sich auf seinen Teil zurückzieht und sagt, es geht mich nichts an. Die Welt da draußen interessiert mich nicht. Gott sagt nicht: Kommt, wir bauen einen Zaun und noch einen und noch einen größeren und überlassen die Menschen ihrem Schicksal. Gott sagt: Ich werde Mensch. Ich überlasse euch nicht eurem Schicksal. Ich mische mich ein, indem ich mitmische. Mit Haut und Haaren, mit Schmerzen, mit Schweiß und Tränen. Mit allem was dazu gehört. Gegen die Enthemmung im Miteinander setzt er auf die Entäußerung füreinander. Gott schließt so die Gräben, die andere aufreißen. Für uns heißt das: Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht. Und Gott sagt: Nur Mut, denn damit fangen die schönsten Geschichten an!
AMEN!

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