Der weinende Christus in uns

Predigt Hebräer 5,7-9 von Pfarrer Johannes Taig

7 Und er (Christus) hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt.
8 So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt.
9 Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden.


Liebe Gemeinde,

sie saß mitten in der Trauergesellschaft, sehr jung und sehr blond, und sie schälte sich meiner Aufmerksamkeit mehr und mehr heraus aus der Herde der bedrückten Menschen, die um einen Toten trauerten. Sie sah bald auf die Uhr, dann auf ihre Fingernägel; sie ließ den Blick zwinkernd durch die Kapelle schweifen. Nichts hielt diesen Blick fest, nicht der Sarg, nicht die weinenden Angehörigen, nicht die Blumen, nicht der Altar, nicht das Kreuz. Sie kaute mal spitz und mal breit ihren Kaugummi quer durch ihr hübsches geschminktes Gesicht. Eine aalglatte Maske, perfekt gerissen aus wasser- und tränenabweisendem Ölpapier. Ein Mädchen, dem die Zukunft gehört. Bei diesem Gedanken wurde mir angst und bang.

Was konnte dieses Mädchen noch erschüttern, außer ein eingerissener Fingernagel oder eine ruinierte Frisur? Nein, ich war ihr nicht böse, weil sie nicht gehorsam tat, was sich gehört und nicht ihr Beerdigungsgesicht aufsetzte. Mir wurde nicht bang bei der Vorstellung, dass sie jedem, der etwas von ihr verlangte, ihr „aber nicht ums Verrecken“ entgegenschleuderte. Mir wurde angst bei der Vorstellung, sie könnte ein Mensch sein, der hermetisch eingeschlossen in seiner kleinen Welt lebt. Und nichts und niemand könnte sie dort mehr erreichen.

Vielleicht hat sie einfach auf Durchzug gestellt. Zum Auge und Ohr rauscht der unablässige Strom von Bildern und Tönen hinein und durch sie hindurch. Die tägliche schrille Überdosis, der keine Aufmerksamkeit jemals gewachsen ist und kein Gefühl hinterherkommt. Und jetzt in der Stille könnte sie nicht einmal mehr horchen, selbst wenn sie wollte. Sie ist längst blind und taub geworden und ihr Herz mag nur noch für sich selber schlagen. Autismus als Überlebensstrategie.

„Zwei Drittel der Deutschen betrachten die biblischen Zehn Gebote als verbindlich für ihr tägliches Leben. 66 Prozent der mehr als tausend Befragten konnten dieser Aussage zustimmen, ergab eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid. Jeder Zweite kennt danach das Gebot „Du sollst nicht töten“. Mehr als ein Drittel der Befragten konnten die Gebote „Du sollst nicht stehlen“ und „Du sollst nicht ehebrechen“ nennen. Das dritte Gebot „Du sollst den Feiertag heiligen“ sei dagegen nur fünf Prozent bekannt und damit kaum mehr im allgemeinen Bewusstsein.“ (epd, vom 24.3.04)

Wer horcht noch ins Leben, ob er herausfände, wie es gut und menschlich wäre? Wer betritt noch eine Kirche, ein Museum, ein Konzert oder die Gegenwart eines anderen Menschen und horcht, ob er herausfände, wie er sich hier zu benehmen hätte? Schon Gott hat in seiner Enttäuschung den Menschen für alles seine Gebrauchsanweisung zukommen lassen, zum Glauben, zum Miteinander, ja sogar noch zur Liebe. Und so ist auch der deutsche Mensch oft einer, dem nichts selbstverständlich ist, dem man alles vorschriftlich und gesetzlich geben muss, sonst weiß er’s nicht, sonst tut er’s nicht. Sonst kann man keinen Gehorsam verlangen.

Mir ist das Wort Gehorsam im Ohr geblieben. Der Sohn Gottes hat Gehorsam gelernt. Gehorsam kommt von Hören, nein intensiver, von Horchen. Gut möglich, dass der Sohn Gottes in seiner Herrlichkeit alles Mögliche um die Ohren hatte. So viel Herrlichkeit, dass sie den Appetit seiner Aufmerksamkeit ein paar Ewigkeiten lang gestillt hätte. Und doch kam er auf die Welt und hat Horchen gelernt.

Unerhört, dass der Sohn Gottes noch etwas zu lernen hat. Doch kann es gut sein, dass dem Hörvermögen Gottes durch ihn etwas hinzukommt. Denn der Sohn Gottes hat Horchen gelernt an dem, was er litt. Als würde Gott sein Riesenohr nun nicht vom Himmel herab, sondern von ganz unten herauf an die Erde legen, um zu horchen. Um zu horchen auf jeden Seufzer, auf jeden Schrei, auf jeden Schmerz. Um zu erhören, was unerhört bleibt: Die Verschleppten, Vertriebenen, Gefallenen, Gemordeten, Hingerichteten und in namenlosen Gräbern Verschwundenen und auch all die Tränen in den stillen Kämmerlein. Freilich geht all dies dem Christus nicht in Augen und Ohren hinein und durch ihn hindurch, sondern mitten ins Herz. Sein Gesicht ist nicht gerissen aus tränenabweisendem Ölpapier. Es kann bitten und flehen, schreien und weinen. Die Weisen aus dem Morgenland bringen dem Jesuskind Weihrauch, Gold und Myrre, und der Christus bringt Gott seine Tränen zum Opfergeschenk und in ihnen uns.

Und als er nahe hinzukam, sah er die Stadt und weinte über sie (Lk 19,41). Er sah die Stadt Jerusalem und brach über ihr in Tränen aus. Was gäbe es bis heute zu sagen über diese geschundene Stadt, in der sich die Menschen in einer trostlosen Spirale der Gewalt schinden und umbringen. Jesus ist Besseres eingefallen, als diese trostlose und staubtrockene Kritik der Besserwisser. Die Welt ist schlecht, weiß der kaltherzige Achselzucker. Was geht ihn das an. Der Christus hat geweint. Er brachte diese Stadt und ihre Menschen in seinen Tränen vor Gott.

Das ist der tränenreiche Fürbittendienst des Christus für uns alle. Das ist Fürbitte auf der höchsten Horchstufe des Herzens. Und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. Nicht mit Weihrauch, Gold und Myrre hält man Gott in Ehren, sondern mit einem horchenden Herzen. Wer es Gott ausschüttet, hält ihn in Ehren. Und bleibt nicht unerhört.

Und deshalb werden wir bei unserer Taufe auch in Wasser getaucht. Damit wir nicht staubtrocken bleiben, bis das Ölpapier der Gleichgültigkeit unser Gesicht überzieht und unser Herz nur noch für sich selbst schlagen will. Bevor uns ein eingerissener Fingernagel und eine ruinierte Frisur mehr erschüttern, als die Not des Menschen nebenan.

Aber selbst dann gibt es einen, der über uns weint. Und wenn wir schon nichts mehr hören als unsere eigene Stimme, dann können wir wieder lernen, auf ihn zu horchen – auf den weinenden Christus in uns. Denn er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt.

Es gibt in unserer Kirche eine unsägliche Tradition, die sagt: Lerne leiden, ohne zu klagen. Denn Klagen hilft dir nicht weiter. Zynisch wird es, wenn solches von denen geraten wird, die anderen Schmerz und Leid zufügen. Täter, die ihre Opfer mundtot machen und zur Tagesordnung übergehen wollen. Keine Frage, es gibt das Jammern auf hohem Niveau, es gibt das Selbstmitleid, das viel mit dem Gewinsel eines Hundes zu tun hat, dem man sein Spielzeug weggenommen hat. Es gibt Tränen aus berechnendem Kalkül.

Aber wer wollte bestreiten, dass auch der Christus in Gethsemane sein eigenes Leben, betrübt bis an den Tod, vor Gott brachte (Markus 14,34) und er erhört wurde. Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und stärkte ihn (Lukas 22,43). Darum sollten wir ganz vorsichtig sein, Bitten und Flehen, Schreien und Tränen unter Verdacht zu stellen. Dies ist nicht nur in der Kirche, sondern noch viel mehr in der Politik ein probates Mittel, die eigene Gleichgültigkeit, Hartherzigkeit und Ungerechtigkeit zu entschuldigen. Wer Not nicht wenden kann und will, sollte denen, die darüber Weinen und Klagen nicht den Mund verbieten. Wer Weinen und Klagen aus tiefer Not nicht hören will und kann, sollte weder in der Kirche noch in der Politik ein Amt bekleiden. Denn solche können nicht ins Leben hineinhorchen und herausfinden, wie es gut und menschlich wäre.

Aber eben das ist es, was die Not wendet: Das Horchen des Herzens. Das tut der Christus. Das ist sein Gehorsam. Und er gibt allen Tränen, die höchste Aufmerksamkeit, die sie haben können. Er bringt sie vor Gott. Und wird zum Urheber des Heils. Darum hört – auf den weinenden Christus in Euch.

Die Predigt zum Hören

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