Schreie in der Passionszeit (mit Bildbetrachtung : Edvard Munch)

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.

Amen.

 

Predigt zu Hebräer 5, 7-9 (wird während der Predigt verlesen)

Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt. Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden.

 Herr, segne unser Reden und Hören durch deinen Heiligen Geist. Amen.

 

I.

Liebe Gemeinde,

Es ist ein winterlicher Tag in Oslo mit Kälte und Schnee. Dunkle Wolken verhängen den Himmel. Einfach ein Tag grau in grau. Dieses triste Wetter lädt nicht gerade zu einem Spaziergang ein. Die Stimmung eines Mannes stimmt mit dem Wetter überein. Er beschließt, dass dieser Tag perfekter für den Besuch in einem  Kunstmuseum ist. So macht sich der Mann auf den Weg.

In der Ausstellung treibt es den Mann von einem Raum in den nächsten. Die Bilder hier lassen ihn kalt. Sie sprechen ihn nicht an. Er geht weiter und weiter, wandert von Raum zu Raum, von Bild zu Bild bis er plötzlich verharrt. Er rührt sich nicht von der Stelle und betrachtet schweigend dieses eine Bild.

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(Bild aus der Ausstellung im Munch-Musuem in Oslo, Tempera auf Pappe)

Ich lade Sie ein, sich dieses Bild anzusehen und in der Stille auf sich wirken zu lassen. Es ist „Der Schrei“ von Edvard Munch.

Der Himmel ist in leuchtenden Farben gezeichnet: rot, gelb und orange. Feurige Farben, die ein letztes Mal aufleuchten bevor sie durch die Dunkelheit der Nacht erlöschen.

Das Meer und die Natur zur Rechten sind in dunklen Farben blau, grün und schwarz dargestellt. In dunklen Wellen greift die Nacht nach dem Licht des Tages. Dunkelheit breitet sich unaufhaltsam aus. Furcht und Angst machen sich breit in dieser Dunkelheit.

Eine gerade Brücke – ein Weg – erscheint in holzwarmen Tönen und durchdringt in ihrer Klarheit den Raum. Scheinbar grenzt sie damit die Dunkelheit ab. Dieser Weg über die Brücke kommt aus dem Licht und überwindet die Dunkelheit.

Auf diesem Weg sind zwei Gestalten im Hintergrund zu sehen. Im Vordergrund zieht eine weitere Gestalt den Betrachter in den Bann. Eine Gestalt, die ein furchteinflößend aussieht wie die gesamte Szene. Die wellenförmige Dynamik in der Natur aus dem Hintergrund endet in der Gegenwart – in einem Schrei.

Dieser „Schrei“ erinnert den Mann in der Ausstellung an einen Brief von Paulus an die Hebräer, den kürzlich er gelesen hatte.

Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt. Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden.

II.

Die zwei Gestalten im Hintergrund sind vornehm gekleidet. Sie schreiten in ihrer aufrechten und geraden Haltung als wären sie etwas Besseres oder hätten andere Rechte. Könnten es gar Jakobus und Johannes, die beiden Söhne des Zebedäus, sein?

Geradlinig und zielgerichtet nehmen sie ihren Weg. Sie folgen ihm nach, der Gestalt im Vordergrund. Und dann plötzlich dieser herzzerreißende Schrei! Ihre Augen blicken in die Richtung, aus der er kam. Sie ahnen, was vor dem Schreienden liegt. Sie sehen den Weg, der sich vor ihnen offenbart. Zweifel, Angst und Sorgen machen sich breit. Es gibt nur diesen Weg.

Auf diesem Weg zeigt sich ein Gott, ein Gott der Passionszeit, der Leiden-schafft – ja, ein Gott der Leiden zulässt. Er lässt uns im Leben zweifeln, lässt uns leiden mit Krankheit und Schmerz. Er führt uns bis an die Grenzen unserer menschlichen Existenz.

Manche von uns könnten enttäuscht sein, wenn sie naiv meinen: Gott lässt es nicht so schlimm werden. Nein, wer an Gott glaubt schließt damit keine Versicherung im irdischen Leben ab, so dass alles Schritt für Schritt immer nur besser wird. Es gibt keine Gewissheit auf einen einfacheren Weg bis zum Tod. Das gab es damals bei Jesus von Nazareth nicht und gibt es heute ebenso wenig.

Gott hat ihn nicht von Leid und Tod erlöst, sondern ist den Weg mit ihm gegangen und ist mit ihm gestorben. Das ist die nüchterne Erkenntnis! Sie gilt für Jesus von Nazareth, für dich und mich, für die Gesellschaft und die ganze Menschheit.

Auf unserem Weg dürfen wir auf Gott bauen und ihm vertrauen, dass er uns nicht ins Leere fallen lässt. Er ist immer und überall bei uns. Wenden wir uns ihm zu, so hört er unser Bitten und Flehen. Gott hört die lauten und auch die stummen Schreie.

In der Ausstellung hört der Mann hinter sich eine leise Stimme: Ich höre dich. Siehe, das ist dein Weg, der vor dir liegt. Ein Weg mit Höhen und Tiefen von Anfang bis zum Ende. Vertrau mir, denn ich bin bei dir.

III.

Die Gestalt im Vordergrund ist ein schmaler, junger Mensch. Er ist dunkel gekleidet und wirkt sehr groß. Der Mund ist O-förmig weit geöffnet und die Hände trichterförmig um den Mund gelegt. Das Gesicht ist vor Furcht verzerrt und schimmert grün-weiß. Mit Schrecken erstarren seine Augen bei dem Anblick, was vor ihm liegt. Entsetzen spiegelt sich in den geweiteten Augen des Schreienden wider. Die Angst breitet sich aus. Er schreit, bittet und fleht um sein Leben. Leid und Tod sind nah. Tränen rinnen über seine Wangen. Doch bei allem Schrecken und Schreien wendet er den Blick nicht ab und geht weiter. Schritt für Schritt nähert er sich dem Ende und …

Es ist ein dramatisches Schicksal, das im Bild und auch Jesus von Nazareth zum Ende der Passionszeit ereilt. Er hat alles erlitten und schmerzvoll erfahren. Er ist verzweifelt und gepeinigt von der Angst bis zum Tod. In den dunkelsten Stunden seines Todes hat Jesus von Nazareth nicht von Gott gelassen. Er hielt in weiterhin in Ehren. Im vollsten Vertrauen auf seinen Vater hat er sich als Gottes Kind in seine Arme fallen lassen. Jesus von Nazareth als Gottes Sohn war gehorsam und Gott hat ihn erhört.

Auf seinem Lebensweg stellt er immer wieder Gottes Werke und Handeln in den Mittelpunkt. Dabei nimmt er sich selbst zurück wie ein Diener. Er ist gehorsam und erfüllt seinen Dienst bis zum Letzten.

In der Ausstellung hört der Mann wieder die leise Stimme: Ich höre dich mein Sohn. Ich spüre dein Leid, denn ich habe dich bei meiner Hand. Vertrau mir, denn ich gehe mit dir Schritt für Schritt.

IV.

Der Schrei ertönt so eindringlich, dass seine Schallwellen Besitz von der Umgebung nehmen. Der Schrei breitet sich aus, weiter und weiter. Er durchdringt alles und dringt vor bis zu diesem Mann vor dem Bild in der Ausstellung. Er hört den Schrei! Das Bild spricht zu diesem Mann, zu seinem Herz und auch uns.

Hören und Dienen / Dienen und gehört werden. Dienen wir unserem Nächsten, so dienen wir Gott. Das ist nicht immer einfach. In unserer heutigen Welt ist dieses manchmal auch mit Leid verbunden. Leid, das wir tragen oder ertragen.

  • Erwachsene und Kinder fliehen mit letzter Kraft aus dem Heimatland und entgehen dem Krieg, nur um in Frieden und in Freiheit zu leben. Ihr Weg führt sie bis an die Mauer, bis an Grenzen und bis an den Stacheldraht. Unter unmenschlichen Zuständen müssen sie dort ausharren bis ihr Bitten, Flehen und Weinen erhört wird. Schmerzvolle Bilder, die das Herz anrühren und vor denen wir ohnmächtig sitzen und erstarren. Uns bleibt das Gebet.
  • Hilfskräfte gehen bei Unfällen, in den Kriegs- und Krisenregionen dieser Welt bis an ihre Grenzen; sie sehen, fühlen und leiden mit. Bilder und Schreie, die sich in ihr Gedächtnis brennen.
  • In sozialen Berufen wie den Pflegediensten muss eher einem System gedient werden als zum Wohle der Bewohner oder Patienten. Den Dienenden schmerzt das Herz, wenn die Zeit für den Nächsten nur noch auf dem Papier existiert.

Unser Gott ist treu und gnädig. Auf ihn dürfen wir bauen und ihm uns anvertrauen, denn er bringt uns, unser aller Heil.

Wieder hört der Mann hinter sich diese leise Stimme: Ich höre dich mein Kind. Ich spüre dein Leid, denn ich bin mit dir. Vertrau mir, denn ich teile deine Last mit dir und führe dich zur Quelle des Heils.

V.

Bilder einer Ausstellung in Oslo und darunter „Der Schrei“ von Edvard Munch. „Der Schrei“ … ein Bild recht einfach, …

  • einfach mit Tempera auf Pappe gemalt.
  • einfach und doch so ausdrucksstark.
  • einfach ein Meisterwerk, das zu uns spricht.

Die Stimmen sind leise, ganz leise und doch da.

Wer Ohren hat, der höre.

Amen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.