Vom reichen Trost in unseren armen Worten und Taten (2.Korinther 1, 3-7)

Jeden Morgen schlagen sie gemeinsam am Frühstückstisch die Zeitung auf. Sie gehört zum Tagesbeginn wie die erste Tasse Kaffee. Im Lokalteil wird nachgelesen, was sie vom Hörensagen aus der Nachbarschaft eigentlich schon wissen , Lokalsportnachrichten werden sehr genau verfolgt. Die Weltnachrichten kennen sie schon aus der Tagesschau und dem Heutejournal und am Ende, immer am Ende, werden die Todesnachrichten und Traueranzeigen gelesen, wer aus der Gegend verstorben ist, aber auch wo Trauerfeiern schon stattgefunden haben und wem deshalb nun Dank gesagt wird. Dabei hat sich das in den letzten Jahren deutlich verändert. Lange Zeit war es beinahe selbstverständlich, dass neben den Bestattungshäusern, den Pflegediensten, den Gaststätten, in denen man noch zusammensaß, auch dem Pfarrer und der Pfarrerin gedankt wurde für die tröstenden Worte in der schweren Stunde des Abschiedes, heute geschieht dies viel seltener. Aber so wünschen sie es sich einmal am Ende ihres Lebens. Vor einigen Tagen haben sie wieder einmal eine Danksagung für eine kirchliche Trauerfeier gefunden, und sie haben sich auch an der Formulierung gefreut: „Unser Dank gilt besonders Herrn Pfarrer … für die trostreichen Worte im Augenblick des Abschiedes…“
Natürlich kann es geschrieben sein, weil es sich einfach so gehört, so wie in Todesanzeigen heute oft der Satz zu finden ist „von Beileidsbekundungen am Grab bitten wir Abstand zu nehmen“. Bei Trauerfeiern erleben Angehörigen dann, wie es ist, wenn viele mit gesenktem Blick sprachlos an den Trauernden vorübergehen, obwohl sie gerne ein Wort gesagt, die Hände gedrückt oder die Frau, die Kinder einfach in den Arm genommen hätten. Aber das war, wenn auch so nicht gemeint, ausdrücklich nicht erbeten. Aber hier, denken sie, war der reiche Trost hoffentlich real und wohltuend für die Angehörigen: Zeit, die sich der Seelsorger, die Seelsorgerin genommen hat, um zuzuhören, der Lebensgeschichte gemeinsam noch einmal nachzugehen, die Tränen miteinander auszuhalten, der langen Leidensgeschichte oder dem Schrecken über den plötzlichen Tod den gebührenden Raum zu geben…! Vielleicht war es auch die Einladung Schmerzhaftes, Unvorteilhaftes und Unaufgearbeitetes endlich einmal ungeschützt aussprechen zu dürfen, wohl wissend, dass es beim Seelsorger, der Seelsorgerin gut aufgehoben ist. Und es ist dann in dem Psalmgebet, für die Trauerfeier ausgesucht, für die, die um die Lebenswege und Leidensgeschichten wissen und sie mithören können, dennoch auf gute Weise ausgesprochen und aufgehoben gewesen.
Vielleicht kam ja auch in der Trauerfeier etwas zur Sprache, was mehr als nur eine Würdigung des nun vergangenen Lebens war, etwas, was neben dem Blick zurück, den Zurückbleibenden, aber auch dem Verstorbenen Zukunft verheißen und diese glaubwürdig gemacht hat! Etwas, was half, heute den Schmerz geduldig auszuhalten, weil es Hoffnung auf das Leben gibt, das trotz allem heute und morgen neu anfängt und nicht nur einfach weitergeht, womöglich sogar erst irgendwann, in einer anderen besseren Welt!
Jedenfalls ist dieses alte Wort aus der Danksagung wunderschön und wie sehr wünsche ich mir, auch trostreiche Worte zu haben und sprechen zu können, Worte, die nicht nur vertrösten, sondern, wie Paulus es erfährt, Geduld und Hoffnung schenken und ihr immer neue Nahrung geben.
Wie kostbar ist es, einen Trost zu haben, der wie einem Füllhorn gleich, reichlich vorhanden, ausgeschüttet, allen Schmerz erträglich machen und verwandeln kann. Verzweiflung, Ratlosigkeit, Ausweglosigkeit, Angst und Trauer mögen groß sein, Trostlosigkeit so real und übermächtig, dass sie alle lähmen und die Luft zum Atmen rauben. All das weiß auch der Apostel, aber er bleibt beharrlich dabei: die Hoffnung, der Trost, die Zuversicht, die Erfahrung, geborgen, in den Arm genommen, begleitet und unterstützt zu werden, sind viel größer.

Da konnten sich die Hinterbliebenen darauf verlassen , dass jemand den Überblick behielt und sie sich am Ende nicht mehr um alles, sondern nur noch um ihrer Trauer kümmern mussten.
Da wird jemand begleitet bei den notwendigen Behördengängen, die Unterlagen herausgesucht, die Situation erklärt, die Formulare ausgefüllt. Da wird an der Tür wenig hilfreicher Besuch auch schon einmal abgewimmelt und dafür der Tisch gedeckt. Da wird die Geschichte zum dritten, vierten und auch zum fünften Mal angehört und stößt immer noch auf offene Ohren. Sätze, wie: es wird schon wieder werden, das Leben geht weiter, denn die Zeit heilt ja alle Wunden, mögen ihr Recht haben, werden aber besser verschwiegen, weil sie mehr von der Hilflosigkeit der Umgebung erzählen, als dass sie Trost anbieten. Vielleicht ist das ja auch einer der Grundirrtümer, als müsste es aus unserem Mund das eine Wort geben, das gegen den Schmerz, gegen die Trauer und gegen die Hilflosigkeit sicher wirkt.
Das Kind, das sich das beim Sturz vom Rad das Knie aufgeschlagen hat und nicht glauben mag, dass dieser Schmerz bald wieder aufhört, wird getröstet, wenn die Mutter oder der Vater es in den Arm nimmt. Der Schmerz wird dann hinweggepustet gestreichelt oder hinweggeküsst. Die Arme sind so stark und schenken so viel Sicherheit und Geborgenheit, so viel mehr als der Schrecken über das blanke, wunde, aufgeschlagene Knie groß sein kann. Oft sind es also gar nicht die Worte, sondern die Taten, die ohne Aufsehen einfach geschehen, in den der größte Trost liegt.
Da wird Menschen, die nach langen Fluchtwegen, aufgebrochen aus einer Welt der Gewalt, des Krieges, der Verfolgung, des Hungers, irgendwann gelandet an den Küsten Europas und mit vielen Mühen, Nöten und Ängsten an Hoffnungsorten angekommen, von Menschen geholfen, die sie ernst nehmen, annehmen und die notwendigen Schritten mit ihnen gemeinsam gehen. Ihnen allen hilft es doch heute überhaupt nicht, allgemein über die Beseitigung von Fluchtursachen zu diskutieren, denn sie hat die Not doch schon längst vertrieben. Sie brauchen Hilfe zur Selbsthilfe, Anleitung zum Überleben und zum Leben, Ermutigungen zu den nächsten Schritten, das Gefühl wahrgenommen und ernst genommen zu werden. Das ist Trost und eine Tür zum Leben. Trost bedeutet Not zu lindern, zu ermutigen, zu zeigen, dass jemand nicht allein gelassen wird, ihm zu helfen, dass er neu innere Festigkeit gewinnt und die übermächtige Herrschaft der Angst und des Schmerzes gebrochen wird. Auch Gottes Trost sind nicht nur Worte, sondern ebenso Taten.
Dem „tröstet, tröstet mein Volk“ aus dem Trostbuch Jesajaa, folgt die Berufung des Gesandten, der die Botschaft von der Befreiung den Gefangenen bringen und ihnen eine Zukunft ansagen will, für die Gott persönlich einsteht – dieser Gott, von dem eben einer dieser Propheten, die wir unter dem Namen Jesaja kennen, sagt, dass er wie eine Mutter tröstet. Und dann erfährt das Volk, wie Gott befreit und ihnen eine Zukunft schenkt. Die Zeit der Gefangenschaft für viele findet ein Ende.
Die Lebensgeschichten Jesu, auch seine Leidensgeschichten, sind Trostgeschichten, weil sie zeigen, wie Jesus Menschen in ihr Leben zurückbringt und sie auf eigene Füße stellt und nicht mit Stillhalteparolen vertröstet: Hungrige werden gespeist, den Blinden werden Augen geöffnet, Lahme können aufstehen und gehen, Schuldiggewordenen werden Schulden erlassen und vergeben, im Tod gefangene stehen auf. Ja, das meint Paulus: wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. Wo Lebenshilfe geschieht, da erklingt der Lobpreis des Gottes der Barmherzigkeit und des Trostes, der uns tröstet, damit wir trösten können. Lasst uns auch unsere Geschichten erzählen, von dem was Gott zur Ehre und dem Menschen zum Wohl geschieht: in der Seelsorge in den Gemeinden, Krankenhäusern und Gefängnissen, in dem Fragen und Suchen mit Kindern und Jugendlichen in Schule und Gemeinde, in der Partnerschaftsarbeit mit den Geschwistern in Zeiden in Rumänien, in den Dörfern in Zimbabwe oder in Muku im Kongo, auch im Ringen um die rechte Schöpfungsverantwortungen im Alltäglichen unserer Ortsgemeinden. Aus dem Erzählen erwächst Ermutigung, Geduld, langer Atem und Hoffnung gegen die verbreitete Meinung, dass alles doch keinen Sinn macht. Es ist kein leichter Weg. Von dem Weg Jesu, der ihn ja letztlich erst ans Kreuz und dann zur Auferstehung führte hat Dorothee Sölle einmal gesagt: „Die Geschichte der Liebe macht uns nicht unverwundet und schmerzfrei. Die Geschichte der Liebe ist keine Happygeschichte. Es ist nicht wahr, dass wir dadurch schmerzfrei, besser durchkommen. Ich will damit nichts gegen das Glück sagen, aber ich will etwas sagen gegen die Naivität des Verständnisses, als sei die Liebe so ein Nettzueinandersein und das dann zu einer freundlichen Harmonie führt. Die Liebe, die Jesus getragen hat, hat ihn ans Kreuz geführt, und ich denke jede wirkliche Passion macht uns verwundbarer oder ist nicht zu Billigpreisen zu haben.“ (Sölle/Steffensky, Wider den Luxus der Hoffnungslosigkeit S. 95) Aber das Kreuz ist eben auch ein Zeichen dafür, dass da ein Gott im Spiel ist, der nicht in seiner Herrlichkeit geblieben, sondern Mensch geworden ist, unsere Tränen geweint hat und unseren Tod gestorben ist. Das Kreuz ist ein Zeichen der Solidarität Gottes mit uns Menschen und damit ein Hoffnungs- und ein Trostsymbol. Und wenn wir heute Abendmahl miteinander feiern, dann verkünden wir das alles entscheidende Geheimnis und den alles entscheidenden Trost des Glaubens, in dem wir nicht nur den Tod Jesu verkünden, sondern ebenso seine Auferstehung preisen. Kleiner ist der Horizont des göttlichen Trostes und der göttlichen Hoffnung nun einmal nicht zu haben.

drucken