Perlchen kann alles

Perlchen kann alles.
Tauf-Erzählung zu Mk 9,23
Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.

„Schön, dass Du wieder einmal hier bist“. Ihr guter Freund lächelte sie an. „War es ein langer Weg?“, wollte er wissen. „Ja“, sprudelte Perlchen los, “ich habe so viel erlebt“. Ein ärgerliches „Miau“ unterbrach sie, gefolgt von einem fast geheultem „Wuuuff“.
„Nie sagt sie wir, wenn sie mit uns geht“, klagte Caruso.
„Wir haben so viel erlebt“, verbesserte Perlchen. Und dann erzählte sie alles. Der gute Freund hörte aufmerksam zu.

Sie erzählte von ihrem Spaziergang durch die Stadt.

„Meine Perle“, pass auf dich auf hatte Mutter gesagt. „Wo gehst du hin? “wollte Vater wissen „In die Stadt“. „Viel Spaß“, riefen die Eltern ihr zu.
„Kommt“, rief Perlchen, „wir gehen“. Caruso, der Kater erhob sich und Schnuffel, der Hund, reckte, streckte und schüttelte sich, bis alle vier Pfoten ordentlich sortiert waren.

In Nachbars Garten stand Klaus. „Du traust dich wieder in die Stadt“. Bewunderung lag in seiner Stimme. Für eine solche Tour fehlte ihm der Mut. Seine Mutter hatte ihn nämlich im Gefängnis ihrer Angst eingesperrt.

„Mama, Papa, der gute Freund geben mir Mut“, entgegnete Perlchen. „Und wer am meisten?“, wollte Klaus wissen. Perlchen sann nach und antwortete: „Das ist schwer zu erklären. Das können nur Wieso-Sophen“. Klaus blieb der Mund offen stehen. Er staunte stets darüber, was für schwere Worte seine kleine Nachbarin flink aussprechen konnte.

„Kommt, ihr Lieben, wir sagen dem Konditor guten Morgen“. „Du willst doch nicht etwa Kuchen essen“, fauchte Caruso, „der macht dich dick. Ich will nicht, dass du Kuchen isst!“ Schnuffel war anderer Meinung: „Wir Hunde fressen auch gerne. Ich verstehe das.“ Beide sahen erwartungsvoll zu ihrer kleinen Herrin auf, wer wohl Recht bekäme? „Ich will jetzt ein kleines Stückchen essen“, verkündete sie. „Kommt, ich halte die Tür auf“. Aber beide Tierchen stießen mit ihren Schnauzen an das Schild „Wir müssen draußen bleiben“. „Ach was, “ meinte Perlchen, „da ist nur ein Hund drauf. Keine Katze. Also Caruso, komm mit. Du auch, Schnuffel.“ Gesagt, getan.
Der Bäcker begrüßte die kleine Wandertruppe. Gab dem Mädchen eine Nussecke und sagte dann: „Tiere dürfen nicht in meinen Laden“. „Ich will das aber“, trotzte Perlchen auf. „Nicht alles, was wir wollen, ist uns erlaubt“, belehrte sie der Herr des Zuckers, bückte sich und streichelte beide Tiere. „Raus mit euch“, befahl er freundlich.
„Dicke Perle, du bist jetzt schon fett geworden“, maunzte Caruso ärgerlich. Er musste seine Wut ablassen. Ein Rauswurf war nichts für sein starkes Ehrgefühl. „Ach, Caruso – Perlchen blickte zu ihm hinab – Mir ist alles möglich, was ich will“. „Nein“, mischte sich Schnuffel ein, „ich als Hund habe beides gelernt: zu wollen und zu gehorchen. Alles zu seiner Zeit“. Wenn Perlchen lernt, kann sie das auch.

Schweigend zogen die drei ihres Wegs.

„Da, die Schneiderei, da dürft ihr mit rein“. Perlchen begann zu laufen. Sie liebte den Laden von Frau Kunterbunt. Sogleich begann das übliche Spiel. Perlchen nahm eine Uniform vom Bügel. „Jetzt bin ich ein General“, verkündete sie zackig. Dann war sie Braut, Tänzerin, eine edle Dame, ein Pfarrer, eine Busfahrerin und schließlich Königin. Frau Kunterbunt schaute zu. Ihr gefiel es, dass Perlchen solch eine Freude mit ihren Kleidern hatte.
„Ich welchem Kleid habt ihr mich am liebsten?“ wollte Perlchen von ihren Begleitern wissen.
Caruso aber fragte zurück: „Hast du mich lieb?“ „Aber ja doch“, bekam er zur Antwort, wurde hochgerissen und empfing einen Kuss. „Du magst mich, obwohl ich tagein tagaus immer das gleiche Fell trage. Ihr Menschen seid so komisch. Andauernd wechselt ihr das Fell und meint, das würde euch besser machen“.
„Ich kann aber alles sein, was ich will“, wollte Perlchen sich verteidigen. „Du bist aber nicht Fell, du bist…“, Schnuffel fiel kein rechtes Wort ein.
„Du bist du. Dessen darfst du dich niemals schämen“, vollendete Caruso statt seiner den Satz.

„Und da kam mir ein Satz in den Sinn, den ich in deinem Buch gelesen hatte“, unterbrach Perlchen ihre Erzählung. Der gute Freund schaute sie fragend an. „Ja, da steht bei Davids Geschichte der Satz „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an“.
„Und das heißt?“, wollte der gute Freund wissen.
„Ich muss wohl zuerst wissen, was ich werden will. Und dann das Kleid aussuchen, das dazu passt. Nicht umgekehrt.“
„Kannst du das?“
Perlchen schwieg. Und errötete. „Du, “ – sie sah ihrem guten Freund fest in die Augen –„ kannst du auch in mein Herz schauen. Was siehst du da?“
„Ich sehe in deinem Herzen die Zeit, in der in dir reifen wird, was du werden wirst.“
„Ach, von dem hat sie die komplizierte Rederei“, dachte sich Schnuffel, dem Sätze mir mehr als vier Worten Kopfweh bereiteten.

„Habt ihr noch mehr erlebt?“ wollte der gute Freund schließlich wissen.

Und Perlchen erzählte vom Bauernhof, wo sie auch gewesen waren und wie der Bauer stets schrie, „Finger weg, das kannst du nicht“ und wie die Bäuerin dagegen hielt: “Lass sie doch. Nur so lernt sie etwas“. Und tatsächlich durfte Perlchen Heu tragen, Tiere füttern, die Melkmaschine anstellen und vieles andere mehr.
„Wir sind ganz stolz weitergegangen. Wir haben viel gelernt beim Bauern“, sagte sie. Caruso und Schnuffel sahen sich vielsagend an. Beide wiederholten flüsternd im glücklichen Chor „Wir“.

Seltsam aber war die Begegnung mit den Straßenkünstlern. Sie tanzten und sangen und jonglierten mit Bällen. „Darf ich mitmachen“, platze es aus Perlchen heraus und sie sprang auf die bunte Truppe zu. „Nein“, schallte es ihr entgegen. „Du nicht zu uns gehörst“. Der Satz war wie ein Schlag vor den Kopf. Perlchen hätte beinahe geweint. „Ich kann doch alles. Ich bin auch lustig und kann tanzen und singen“, klagte sie ihren beiden Freunden, „warum darf ich nicht mitmachen?“
„Das ist ein anderes Rudel“, erklärte Schnuffel schlicht und einfach. „Da gehörst du nicht dazu“.
„Ich bin…“, setzte Perlchen zu sprechen an, aber Caruso unterbrach sie: „Du bist keine Gauklerin. Du kannst doch Ablehnung ertragen, oder?“ „Also gut“, sprach unsere kleine Heldin, “dann schauen wir eben nur zu. Ich bin keine Gauklerin. Ich bin, was ich bin. Und übrigens, Caruso, ich bin nicht dick“. Das musste noch gesagt werden.

Als sie Hunger bekamen, gingen sie ins Gasthaus. Nahmen Platz. Bestellten ein Menschenessen, Fischreste für Caruso und übrig gebliebene Fleischbrocken für Schnuffel. Schweigend aßen die drei. „Warum schaust du immer da hinten hin“. Caruso war es nicht entgangen, wohin Perlchens Augen wanderten. „Da sitzt Frederic. Der geht in ihre Klasse. In den ist sie verknallt“, erklärte Schnuffel die Sache nüchtern.
„Eih, kleine Schnecke“. Erschreckt fuhren die Tiere hoch. Charly hatte sich ohne zu fragen an den Tisch gesetzt und ebenso selbstverständlich seinen Arm und Perlchen gelegt. Er flüsterte ihr etwas ins Ohr. Schnuffel hört es, weil Hunde alles hörern. „Oh je, er hat etwas von Küssen gesagt“, raunte er Caruso zu.
Der handelte sofort. Fuhr seine Krallen zum Kriegsmodus aus. Schlug zu und flüchtete unter den Nachbartisch. Charly jault auf. Denn auch Schnuffel hatte zugeschnappt. „Blöde Viecher hast du, Kleines. Na, komm das nächste Mal lieber ohne die.“ Stand auf und verschwand wie er gekommen war.
„Ihr blöden Viecher“, schimpfte Perlchen. „Charly mag mich. Der ist doch toll.“ „Herrin“, – immer wenn Carusos so anfing – war er ziemlich wütend, „Herrin, das ist doch kein Typ für dich.“
„Aber er liebt mich, hat er mir gesagt“. „Der liebt nur, das du ihn toll findest, Herrin. Das ist keine Liebe.“
„Mein Gott“, dachte sich Schnuffel unterm Tisch, “ Menschen und Liebe. Das ist immer eine komplizierte Sache. Gut, dass Hundefrauen total entspannt sind.“
„Herrin“, setzte Caruso seine Belehrung fort, „deine Augen wandern doch ganz woanders hin. Überleg dir genau, wem du deine Liebe schenkst“.
„Ich kann lieben, wen ich will“, widersprach Perle.
„Liebe ist ein Geschenk. Du kannst viel. Aber Liebe kannst du nicht machen.“
„Ich schon und immer“, dachte sich Schnuffel, dem das Gespräch schon wieder viel zu kompliziert wurde.
„Du bist, wen du liebst, Herrin“, beendete Caruso seinen Vortrag. „Lass dir das von einer Katze sagen. Wir prüfen sehr genau, wer uns nahe kommen darf. Das solltest du auch tun.“

Und dann sind wir noch einem Bettler begegnet, setzte Perlchen ihre Erzählung fort. Da haben die beiden Vierbeiner sich ganz schön blamiert.
„Erzähl es mir“, ermutigte der gute Freund.
„Also ich bin zu dem Bettler hin und hab ihm Geld in seine Mütze geworfen. Da hättest du beiden einmal erleben sollen. Der da – sie deutete auf Caruso – hat gefaucht vor Wut. ´Fressen gibt man nicht weg. Ihr Menschen kriegt Fressen für euer Geld. Geld ist Fressen. Da ist nur für dich ganz allein. `
Auch der Hund da wollte mich hindern, dem Bettler etwas zu geben. `Erst wenn du absolut statt bist, darf der nächste an den Trog. `“
„Und warum hast du dem Bettler etwas gegeben?“, wollte der gute Freund wissen.
„Das steht doch auch in deinem Buch. Hast du das vergessen. Die blöden Tiere können nichts weggeben. Ich aber kann das. Da bin ich stolz drauf. Das ist Nesterliebe.“
„Du meinst Nächstenliebe“, verbesserte der gute Freund.
„Ja, das meine ich. Aber das ist ein schwer zu lernendes Wort.“
Caruso hatte sich abgewendet und leckte sein Fell. Und Schnuffel ließ die Ohren hängen.
„Ich kann alles, ich kann auch geben“, beendete Perlchen den Bericht über ihre Stadterkundung.

„Da hast du viel gelernt heute, kleine Schwester“. Der gute Freund blickte auf sie herab.
„Ja“, stimmte Perlchen zu, „soll ich dir das alles jetzt aufzählen.“
„Nein, das ist nicht nötig. Ich sehe, du hast verstanden.“
„Was habe ich verstanden?“
„Das erste Wort, das du von mir gehört hast“.
„Das erste Wort?“
„Ach ja, ich habe vergessen, wie klein du damals warst“.
„Was war das erste Wort?“

„Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“

Das habe ich dir am Tag deiner Taufe gesagt. Das war der Tag, an dem unsere Freundschaft begann.
Versonnen blickte Perlchen zum guten Freund. Er stand in der Kirche und hielt ein Schäfchen auf dem Arm.
„Immer wenn ich Angst habe …, “ gestand Perlchen mit einem verlegenen Unterton in der Stimme. „Ich habe dann immer das Gefühl, ich bin das Schäfchen, das du trägst. Wenn ich daran denke, werde ich ganz mutig. Ist das Glaube?“
Der gute Freund antwortete nicht. Er lächelte.
„Bis bald, kleine Freundin, ab nach Hause. Mama und Papa warten bestimmt schon.“

„Auf, ihr beiden beleidigten Leberwürste. Ab nach Hause!“ Auf einmal hatte Perlchen große Sehnsucht. Mama sollte sie in den Arm nehmen und Papa auch.
Das sind meine drei Mutmacher, dachte sie sich, als sie die Kirche rennend verließ.

Caruso aber sagte: „Mein Gott, was müssen Menschen alles lernen. Mäusefangen ist leichter“. Und Schnuffel sagte gar nichts. Er rannte mit. Aus reiner Lebensfreude.

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