Es ist eine Zumutung

Jesus kann richtig unsympathisch sein.

Jedenfalls kann er ziemlich unsympathisch rüberkommen, hart und unbarmherzig. Das ist bei dem Text, der wir eben gehört haben so. Ich lese noch mal einige Zeilen vor:
Jesus sprach zu ihm: „Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe.“ Aber Jesus sprach zu ihm: „Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!“ Und ein andrer sprach: „Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind.“ Jesus aber sprach zu ihm: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ (Lk 9,60-62)

1. Nachfolge als Zumutung
Das ist eine ziemliche Zumutung. Und direkt nach diesem Text mute ich Ihnen auch noch das letzte Lied zu. Und wenn ich das hier heute so zu Ihnen sagen würde, würden Sie mir entweder energisch widersprechen oder einfach gehen. „Lass die Toten ihre Toten begraben.“ Abschied nehmen ist nicht vorgesehen – nicht von den Verstorbenen und nicht von den Lebenden. Wer Jesus Nachfolgen will, muss alles – und zwar wirklich alles und alle – hinter sich lassen. Warum sagt der so unbarmherzige Sachen? Ich dachte immer, wir sollen barmherzig sein?

Barmherzig zu sein heißt nämlich nicht unbedingt nett und freundlich zu sein. Manchmal ist auch hart sein barmherzig.
Denn das hier, was Jesus sagt, ist keine Einladung, sondern eine Warnung!

Eine Warnung vor Folgen, die eintreten, wenn man sich nicht klar macht, auf was man sich einlässt. Und das ist dann durchaus barmherzig.
Natürlich möchte Jesus die Menschen, die ihm da zuhören dazu gewinnen, seinem Vorbild zu folgen. „Folge mir nach!“, sagt er schließlich. „Aber folge mir nicht leichtfertig nach. Glaube nicht, dass es ein Zuckerschlecken ist. Erwarte nicht, dass du dich auf eine Luxusreise begibst, wie in der Werbung, die gerade gelegentlich im Fernsehen zu sehen ist:
Eine Frau berichtet, dass ihr Urlaub so spartanisch war, dass sie sogar rohen Fisch essen musste. Die Bilder zeigen aber eine geradezu luxuriöse Kreuzfahrt und der rohe Fisch ist natürlich Sushi.

Nein, so ist ist das bei Jesus nicht gemeint. Sondern er meint es ernst: „Wer mir nachfolgen will, der wird echte Entbehren erfahren und der muss sein bisheriges Leben wirklich aufgeben. Der muss alles zurücklassen, was er an Besitz hat und auch die Menschen zurücklassen, die ihm wichtig sind.
Natürlich darf man von den Angehörigen Abschied nehmen und eben auch von den verstorbenen. Aber dann muss man auch loslassen.

DENN Jesus zu folgen hier damals ganz praktisch: auf Wanderschaft zu gehen, durch’s Land zu ziehen, ohne zu wissen, was man essen und wo man schlafen würde. Jesu nachzufolgen und ihn als Vorbild im Leben zu nehmen war eine echte Zumutung.

2. Kirche ist gemütlicher – oder?
Da ist es heute in der Kirche schon gemütlicher. Selbst in einer schlecht geheizten Kirche, denn schließlich kann man nach dem Gottesdienst ja wieder nach Hause gehen.
Und sein Leben weiterleben.

Vergessen wir nicht: Jesus hat nicht die Kirche gegründet und er hat auch keine Kirchen gebaut und keine Gottesdienste gefeiert, wie wir es heute tun. Jesus ist durch’s Land gezogen und hat den Menschen von Gott erzählt, hat das Evangelium, das heißt auf Deutsch „die gute Nachricht“, verkündet. Er hat Menschen wach- und aufgerüttelt, hat das Leben der Menschen ganz real verändert.
Und vergessen wir nicht: Wir leben zwar nicht vor knapp 2000 Jahren und haben deshalb auch nicht die Chance Jesus wirklich nachzufolgen. Nein, wir sind als Christenmenschen alle zusammen die Kirche – und zwar die Kirche Jesu Christi.
Jesus hat nicht die Kirche gegründet, aber die Kirche hört auf seinen Namen
Und sein Wort.
Sollte sie jedenfalls.
Das ist ihr Auftrag.
Unser Auftrag.

3. Besondere Wege
Und trotzdem lassen sich bis heute Menschen ihr Leben von Jesus durcheinander bringen und beschließen für sich wirklich ein neues Leben zu beginnen.
Ich kenne einige. Ich möchte Euch heute von Schwestern Katharina erzählen, die ich auf dem Schwanberg in der Nähe von Würzburg kennengelernt habe.

Sie war damals salopp gesagt eine evangelische Nonne, eine Schwester in der Communität Casteller Ring, einem evangelischen Benediktinnerinnen Orden, wenn man so will. Und ja, so etwas gibt es und nicht nur auf dem Schwanberg.
Diese Frau hat ein recht bewegtes Leben hinter sich. In Berlin aufgewachsen, als Leistungsschwimmerin erfolgreich. Aber auch schlimme Erfahrungen macht sie. Durchaus religiös interessiert, aber eben auch sehr auf der Suche. Ein unruhiger und recht rebellischer Geist. Mit kurzen, blond gefärbten Haaren, roter Brille, geschminkt, Lederhose und mindestens vier Ohrringen – in jedem Ohr! So trifft mitten in einer Messehalle auf dem Kirchentag auf die Schwestern vom Schwanberg, die dort mitten im Trubel ganz ruhig ihr Tagzeitengebet feiern und singen.
Und ist sofort gefangen von der Art, wie diese Frauen ihren Glauben leben.
Eine Erfahrung die sie so beschreibt: „Ich hatte offensichtlich meinen Traumprinzen gefunden: 48 Frauen in Unterfranken in einer Kirche.“ (Schridde, K.: …und plötzlich Nonne, Freiburg 2009, S. 147.)
Wenige Wochen später fährt sie von der quirligen Großstadt Berlin nach Unterfranken auf dem Schwanberg. Lebt dort drei Wochen, hilft in den Spülküchen der Gästehäuser mit und besuchte die Gebetszeiten.
Und nochmal drei Wochen später bat sie um Aufnahme in die Gemeinschaft der Schwestern.
Die damalige Priorin (also Abtissin) der Communität schaute sie durchdringend und keineswegs überzeugt an. „Aber“, schreibt sie, „ihr Blick ruhte einfach lange Zeit auf mir und ging tiefer. Ließ sie wortlos durch die Verkleidung hindurch schauen; und schließlich willigte sie ein, es mit mir zu versuchen.“ (a.a.O., S. 149f.)

Und auch die Priorin schreit nicht Hurra, sondern ist zurückhaltend, denn sie weiß, welchen Weg die junge Frau da gehen will, während Katharina das damals erklärter Maßen nicht wirklich wusste.

4. Nachfolge als Zu-Mut-ung
Nun sind wir sicherlich nicht alle berufen in klösterlicher Gemeinschaft zu leben. Aber als Christenmenschen sind wir streng genommen sowohl dazu berufen unser Leben mindestens zu bedenken. Und zwar immer wieder. Unser Tun und unser Denken und unsere Meinungen.
Und wir sind tatsächlich auch aufgefordert ein Leben zu führen, das uns erlaubt loszulassen.

Das ist beides eine Zumutung. Aber wer seinen Glauben ernst nimmt – nicht bierernst, sondern freudig ernst –, der kann nicht einfach so leben, als sei alles egal. Der kann nicht einfach so leben, als ginge es im Leben nur um Spaß oder um Geld oder um Urlaub oder was auch immer.

In besonders frommen Kreisen wir die Frage „What would Jesus do?“ – „Was würde Jesus tun?“ sehr hochgehalten. Und diese Frage ist gar nicht mal so dumm. Wenn ich nicht weiß, was ich von etwas halten soll, wie ich mich verhalten soll, dann kann es durchaus hilfreich sein sich mal zu fragen „was würde Jesus denn tun/denken/sagen.“ Nicht immer wird man eine Antwort finden. Aber immer öfter.

Vergessen wir nicht: Wir sind die Kirche Jesu Christi. Und hört auf seinen Namen. Und sein Wort.
Sollten wir jedenfalls.
Das ist unser Auftrag.
Und das ist eben auch eine Zumutung.

Aber interessanterweise steckt in dem Wort „Zumutung“ ja auch das Wort „Mut“ drin.
Wer jemandem etwas zumutet, der hat auch den Mut dazu jemandem etwas zuzumuten.
Und: Wer jemandem etwas zumutet, der weiß, dass der andere den Mut aufbringen kann
Und: Der gibt selbst seinen Mut dazu. Und stärkt den anderen. Dann ist eine Zumutung immer auch eine Zu-Mut-ung.

Und auch darum geht es Jesus. Deshalb ist er scheinbar so unbarmherzig:
Zum einen weil Jesus weiß, dass es eine echte Zumutung ist, ihn wirklich zum Vorbild zu nehmen und sich sein Leben von Jesus umkrempeln zu lassen. Niemand soll sich unvorbereitet und ohne Vorwarnung und reifliche Überlegung in dieses Abenteuer stürzen.
Zum anderen aber weiß Jesus auch, dass Menschen den Mut haben und aufbringen können, seinen Weg zu gehen. Jesus selbst geht schließlich mit.
Wir Menschen können diesen Mut aufbringen
Und empfangen.
Und sogar weitergeben.

Amen.

drucken