Alternativen

Predigt Epheser 5,1-8a von Pfarrer Johannes Taig

1 So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder
2 und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch.
3 Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört.
4 Auch schandbare und närrische oder lose Reden stehen euch nicht an, sondern vielmehr Danksagung.
5 Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger – das sind Götzendiener – ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes.
6 Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams.
7 Darum seid nicht ihre Mitgenossen.
8 Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn.


Liebe Gemeinde,

lebt in der Liebe! Was sollen wir nur damit anfangen? Das ist so ein Satz, der sagt alles und nichts. Geht diesen Worten nicht schon vor der Kirchentür die Luft aus?

Auch hier in der Kirche wird der Satz ja gerne gesagt und soll bedeuten: Seid brav, macht keinen Ärger, gebt klein bei, um der christlichen Nächstenliebe und Harmonie willen. Müsst ihr denn immer streiten? So sagen es die Wölfe den Lämmern, die Starken den Schwachen, die Oben auf der Kanzel denen Unten, die Eltern den Kindern. So sagen es die Wasserprediger, die in Wahrheit oft genug Weinsäufer sind. So kraftlos und wirkungslos moralisieren, das hat nicht nur in der Kirche eine unsägliche Tradition. Da trifft dann schnell zu, was der Predigttext selber sagt: Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten. Aber – kommt unser Predigttext nicht genauso daher?

„Verbraucht ist die Liebe“, konstatiert der Dichter, „Verbraucht ist die Liebe, wie Äther, Staat und Kunst. Verbraucht, zerschlissen und durchdacht, zutiefst verrückt. (…) Sieh nur: überlastet ist unsere Liebe mit uns. Mit Zweien, die weiter auf Erden nichts wollen, als sich. (…) Und Höhe der Unwissenheit: Denen an Unbedingtem eins nach dem anderen ausging.“ (Botho Strauß, Diese Erinnerung an einen, der nur einen Tag zu Gast war, Hanser, 1992, S.42)

Soviel zur Lage oder besser zur Tragödie der Liebe in unserer Zeit. Und nicht nur in Ehen und Zweierbeziehungen wird sie sichtbar, wenn vom großen Gefühl schließlich nur der erbitterte Krieg um jeden Cent übrig bleibt. Ist das nicht auch der Krieg, der uns von allem anderen noch übrig bleibt – vom sozialen Gedanken, von der Kultur in Wirtschaft und Politik, vom Traum von einer besseren Zukunft und einer besseren Welt? Ach, die Liebe, selbst nur im Sinne von Mitmenschlichkeit; hat sie als letzte Gegenspielerin und Bezähmerin des erbitterten Kriegs um jeden Cent nicht längst schon verloren? Bei uns und bei allen, denen an Unbedingtem eins nach dem anderen ausging?

Die Kabarettistin Luise Kinseher hat letzte Woche als Mama Bavaria beim Politikerderblecken auf dem Nockherberg schon die richtige Tonlage getroffen, als sie zum Thema Flüchtlinge sagte: „Es ist schwer eine Obergrenze für Menschen zu finden, wenn das Leid keine hat.“ „Ich erwarte als eure Mutter, die ich euch auch die Mitmenschlichkeit und die Liebe mitgegeben habe, dass ihr’s nicht verlernt, auf das Schicksal jedes einzelnen Menschen zu blicken, damit er nicht in eurem unbarmherzigen Wald aus Polemik und Statistik zugrunde geht.“ Da war für ein paar Momente echte Betroffenheit und die ganz vorne saßen, wollten gar nicht mitklatschen.

Der Philosoph Jürgen Habermas hat während eines internationalen Symposions über Kants Religions- und Geschichtsphilosophie in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien vorgetragen, dass heute der Glaube an die Vernunft selbst in Frage steht. Er registriert ein ringsum verkümmerndes normatives Bewusstsein. Das Projekt der Moderne – die vernünftige Selbstbestimmung – sei durch Entgleisung bedroht; durch die Vorherrschaft ökonomischer Imperative und die naturalistische Selbstdeutung des Menschen. Habermas empfiehlt dringend das Zwiegespräch der Philosophie mit der Religion.

Und das empfiehlt unser heutiger Predigttext auch. Die Liebe, der an Unbedingtem eins nach dem anderen ausging, kann sich nicht retten, ohne das Zwiegespräch mit der Liebe, die ihr von Gott entgegenkommt. Der verlorene Sohn, der im Schweinestall sitzt, besinnt sich auf den Vater, der zuhause schon vor der Tür auf ihn wartet (Lk 15/11ff.). Die Verse aus dem Epheserbrief malen uns den Christus vor Augen, der das Verlorene liebevoll sucht bis in den eigenen Tod. Eine Liebe, die keine Angst vor dem Tod hat, ist unbedingte Liebe. An sie sollen wir uns nicht nur in der Passionszeit erinnern, weil die Liebe des Christus uns niemals ausgehen kann. Wir könnten allenfalls verlorene Söhne sein, die im Dreck sitzen bleiben.

Ein solcher Sohn wäre eine Karikatur – wie der Christ, der von der unbedingten Liebe des Christus lebt, und keinen Gedanken daran verschwendet, wie denn ein menschliches Leben im Sinne seines Herrn aussehen würde, und der stattdessen lieber ein Unmensch bliebe. Ein Christ, der lieber ein Unmensch in unmenschlichen Verhältnissen bliebe, wäre eine Karikatur. Normal wäre, dass er sich als Gottes geliebtes Kind an seinem Vater ein Beispiel nimmt. Normal wäre, dass sich die Nachfolger Christi an ihrem Herrn ein Beispiel nehmen – ein Beispiel der Menschlichkeit. Insofern ist das, was der Epheserbrief fordert, nichts Besonderes, sondern das Selbstverständliche.

Freilich, wenn schon Philosophen vom Kaliber eines Habermas für die Vernunft die weiße Flagge hissen, dann darf und muss auch das, was sich eigentlich von selbst versteht, immer wieder in Erinnerung gerufen werden. Nicht als Aufzählung der Dinge, mit denen eine moralisierende Kirche ihre Machtansprüche über das Leben der Gläubigen erhebt, sondern als Aufzählung der Dinge, die unser Leben zur Hölle auf Erden machen. Wie konnte die Kirche immer wieder übersehen, dass Unzucht und Habsucht Geschwister sind? Unzucht, die den Menschen lieblos als Wegwerfware benutzt und die Habsucht, die den Menschen lieblos als Wegwerfware benutzt. Unzucht ist alles, was ohne Liebe geschieht. Die Sucht nach Geld und die Sucht nach Sex sind gleichermaßen sinnfreie Steigerungen um ihrer selbst willen. Sucht kommt nicht von Suche, sondern von siech, d.h. krank. Sucht beschreibt Verhältnisse die unmenschlich sind, weil sie Menschen zerstören, ihnen Herz und Seele rauben und sie schließlich verschlingen. Sucht verlangt blinde Gefolgschaft – Götzendienst.

Sucht sagt TINA. There Is No Alternative! Es gibt keine Alternative! Das ist die Botschaft aller schandbaren, närrischen und losen Reden. Die werden darum nicht in der Faschingsbütt gehalten, sondern in Parlamenten und Synoden, in Gemeinderäten und Kirchenvorständen; nicht im Clownskostüm, sondern in Nadelstreifen. TINA hat immer die gleiche Strategie: Sie malt ein Horrorszenario vor Augen und prophezeit anhand von Statistiken und Prognosen den baldigen Untergang, wenn nicht sofort getan wird, was sie fordert. TINA ist gut fürs Geschäft und für den Krieg um jeden Cent. Und davon müssen wir moral- und vernunftfrei immer mehr kriegen, damit es uns immer besser geht. TINA sagt uns, wie gut es uns erst gehen wird, wenn wir vom Guten nichts mehr wissen.

Die TINA-Ideologie ist der fundamentale Widerspruch zur Botschaft der Bibel. Die weiß immer eine Alternative: Zur Finsternis zeigt sie uns Licht. Zum Schweinestall den zuhause vor der Tür wartenden Vater. Zum Weltuntergang das hereinbrechende Himmelreich. Zum Tod den lebendigen Christus. Zur Gleichgültigkeit die Liebe Gottes. Zum Geld die Geschenke Gottes. Zur Fahrt in den Abgrund die Umkehr zur Heimkehr.

So lockt uns die heutige Botschaft vor allem zum Widerspruch gegen all die TINA-Lehren, in denen wir uns im Großen und Kleinen, in Gesellschaft, Wirtschaft und sogar in der Kirche eingerichtet haben. Sie malt uns den Christus vor Augen, der das Verlorene liebevoll sucht bis in den eigenen Tod. Wer sich diesem Christus zuwendet, wird sich von all den Zeitgenossen abwenden, denen das Verlorene bei uns und in der weiten Welt nicht einmal ein Achselzucken wert ist. Wir müssen nicht auf allen Hochzeiten tanzen und über jeden Witz lachen. Wir müssen unser Fähnchen nicht in jeden Wind hängen. Wir können nicht jeden Dreck gebrauchen. Das ist Moral, wie sie biblisch ist: Ausdruck von Freiheit. Denn wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit (2.Kor 3/17).

Die Predigt zum Hören

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