Über alle Zweifel erhaben

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt. Amen
Liebe Gemeinde, ich möchte Sie zu einer Zeitreise einladen. Es ist eine dunkle Zeit, die ich mit Ihnen bereisen möchte. Wir gehen ins Mittelalter, gut 500 Jahre zurück. Die Stadt, die wir besuchen, wimmelt tagsüber vor Menschen. Sie kommen aus den umliegenden Regionen, suchen Arbeit, verkaufen ihre Erträge auf dem Markt, preisen ihre Kunst an, bringen ihre Kranken, in der Hoffnung, dass zufällig jemand helfen kann. Die Straßen sind matschig, es riecht nach Kot und Urin, Pferdefuhrwerke quälen sich durch enge Straßen, Männer und Frauen in dunklen Kleidern flüchten fluchend in schmale Einfahrten. Priester klopfen auf Holzkästen und rufen: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seel aus dem Fegfeuer in den Himmel springt!“ Sie sammeln Geld für den Petersdom in Rom. Eine alte Frau in Lumpen wirft ein paar Groschen hinein und spricht mit dem Geistlichen ein schnelles Gebet. Auf dem Kirchplatz raucht noch der Scheiterhaufen. Gestern, so erzählt man sich mit einer Mischung aus Grausen und Schadenfreude, sei hier wieder eine Hexe verbrannt worden. Jetzt am Abend ist es ruhiger in der Stadt. Studenten taumeln trunken von einer Gaststätte in die nächste. Der Wächter macht sich bereit zum Dienst, die Priester ziehen sich in ihre Kirchen zurück, die Bettler suchen sich ein Lager für die Nacht. In der Nähe wimmert ein Kind.
Etwas abseits vom Getümmel liegt das Kloster der Augustiner still und dunkel. Im Leseraum beugen sich Mönche mit Tonsur in schwarzer Kutte über dicke Folianten. Die Gebetsglocke läutet. Sie erheben sich schweigend. Mit leise raschelnden Gewändern begeben sie sich in die Kapelle. Ein langer Arbeitstag geht zu Ende. Sie nehmen ihr schlichtes Abendbrot schweigend ein. Dann geht jeder in seine Zelle, um ein wenig zu ruhen und Kraft zu schöpfen für den nächsten Tag, der früh mit dem ersten Morgenlicht beginnt.
Nur einer arbeitet weiter. Noch eine volle Stunde verbringt er mit Meditation und Gebet, kniet nackt auf dem kalten Zellenboden und schlägt sich selbst hart immer wieder mit der schon lange blutgetränkten Geisel über die Schulter.
Zum Schluss nimmt er seine Bibel zur Hand. Liest wie jeden Tag einen kleinen Abschnitt zur Nacht.
Und plötzlich ist alles anders.

Ich lese den Predigttext für den heutigen Sonntag aus dem Brief des Paulus an die Römer in einer modernen Übertragung:
Wir sind freigesprochen, weil wir glauben. Und wir haben Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus. Durch ihn haben wir Zugang zum Glauben und zur Gnade. Dieser Gnade sind wir uns bewusst, und wir sind stolz darauf, dass wir auf Gott hoffen. Aber das gilt nicht nur in guten Zeiten. Wir sind auch stolz auf diese Hoffnung, wenn man uns bedrängt. Denn wir wissen, dass uns die Bedrängnis noch stärker macht. Und dann können wir noch kraftvoller hoffen. Und unsere Hoffnung kann uns niemand nehmen: Gottes Liebe ist in unseren Herzen lebendig durch den Heiligen Geist.

Wir wissen: Christus ist gestorben, noch bevor wir zum Glauben an ihn kamen. Und darin zeigt sich Gottes Liebe: Christus starb, als wir noch Sünder und ganz und gar verloren waren. Er starb für uns. Durch sein Blut sind wir freigesprochen von allem, was man uns vorwirft und von unseren Zweifeln, die uns vor Gott verklagen. Wir sind mit Gott versöhnt durch den Tod Jesu Christi. Und durch seine Auferstehung sind wir gerettet vom ewigen Tod. Wir sind stolz darauf, dass Gott uns durch Jesus Christus rettet. Und wir leben und sterben ganz im Frieden.

Plötzlich ist alles anders. Das hat auch Paulus erlebt. Um das zu erzählen müssten wir noch einmal eine Zeitreise machen, fast 2000 Jahre liegt das zurück. Er war ein frommer Jude, gottesfürchtig und gestreng. Er war frommer als andere. Er meinte es ernst mit dem Glauben an Jahwe, den Gott Israels. Er scheute keine Müh und keine Plage, um es diesem Gott recht zu machen.
Und plötzlich war alles anders. Plötzlich begegnet ihm der lebendige Christus.
Der Römerbrief ist sein theologisches Manifest. Er holt noch einmal hervor, was er in dieser Begegnung gelernt hat. Ob wir Juden oder Griechen sind spielt vor Gott keine Rolle, sagt er. Ob wir Fleisch essen oder nicht – alles ganz egal. Ob wir die Regeln der Bibel einhalten, ob wir fasten, ob wir große Spenden geben – das ist alles schön und gut, aber es bringt uns vor Gott nicht weiter.

Und Paulus stellt fest: Nur der Glaube zählt. Nur der Glaube und das absolute Vertrauen in Gott. Und im Glauben erkennt er: Ich kann nichts zu, damit Gott mich mag. Und im Glauben erkennt er: Ich muss nichts tun, um vor Gott zu bestehen. Er behandelt mich, als wäre ich so, wie ich sein sollte. „Christus ist gestorben, noch bevor wir zum Glauben an ihn kamen.“

Plötzlich ist alles anders. Unser Mönch liest den Römerbrief. Und es fällt ihm Schuppen aus den Augen: „Der Gerechte wird aus Glauben leben“, so steht es am Beginn des Briefes. Und diesen Satz dekliniert der Apostel durch alle Lebensbereiche. Unser Mönch begreift: Ich kann mich noch so sehr martern und quälen, ich kann arbeiten ohne Unterlass, ich kann meine Sünden bekennen und Buße tun, bis mir die Knie bluten – es wird nichts vor Gott nichts ändern. Der Mönch begreift: Es ist alles schon getan. „Christus ist für uns gestorben, als wir noch Sünder waren… Durch sein Blut sind wir freigesprochen von allem, was man uns vorwirft, und von unseren Zweifeln, die uns vor Gott verklagen.“
Plötzlich ist alles anders.
„Hier spürte ich, dass ich völlig neu geboren sei und dass ich durch die geöffneten Pforten in das Paradies selbst eingetreten sei, und da erschien mir von nun ab die Schrift in einem ganz anderen Licht“, schreibt der Mönch Jahre später. „Ich eilte durch die Schrift hindurch, wie es mein Gedächtnis hergab. Und so sehr ich die Vokabel Gerechtigkeit Gottes gehasst hatte, so viel mehr nun hob ich dieses süße Wort in meiner Liebe empor, so dass jene Stelle bei Paulus mir zur Pforte des Paradieses wurde.“
Und als alles anders wurde, begann zunächst in Martin Luther und dann durch die Luther die Reformation, die Rückbesinnung auf das Eigentliche, die Umkehr der Verhältnisse, die Revolution des Mittelalters.

Plötzlich ist alles anders. Es ist die Erfahrung, dass Steine von der Seele und vom Herzen rollen, es ist die Ermutigung, dass nicht alles bleiben muss wie es ist, es ist eine innere Umkehr, eine Wandlung von so großer Kraft, dass sie ohne Gottes Hilfe nicht denkbar wäre.

Auf eine Zeitreise habe ich Sie zu Beginn entführt. Ich habe Sie in das finsterste Mittelalter reisen lassen, wir haben miteinander in einer dunklen Klosterzelle gehockt und Sie haben in den dunklen Abgrund der Seele des jungen Martin Luthers geblickt. Sie haben seine Zweifel gesehen, seine innere Zerrissenheit und seine Not.
Lange her, und doch so aktuell. 7000 Menschen erkranken jährlich an Magersucht. Sie fühlen sich zu dick, sie hassen sich selber, sie martern und quälen sich mit Genuss, weil sie glauben, nur so ihrem Ziel von Perfektion näher kommen zu können. Und plötzlich ist alles anders. Die Krankheit übernimmt die Herrschaft, aus eigener Kraft kommen die jungen Menschen nicht mehr frei. Sie sterben an ihrem eigenen Anspruch an sich selbst.
So viele Suchtkranke leiden daran, dass sie nicht sind, wie sie sein möchten. Sie ertragen sich selber nicht und ersticken ihre Zweifel in Alkohol oder Drogen.
Und diejenigen unter uns, die nagenden Selbstzweifel kennen, die wissen, was Martin Luther gelitten hat: Warum ist meine Familie zerbrochen? Was habe ich falsch gemacht? Warum ist mein Kind so krank, warum hat mein Mann eine andere, wo habe ich Hinweise übersehen, an welchem Punkt einen falschen Weg eingeschlagen? Wie ein Hamsterrad drehen sich zermürbende Fragen im Kopf, immer neu in Schwung getreten durch den schrecklichen Zweifel, der einfach nicht zur Ruhe kommen will.

Plötzlich ist alles anders. Wie kommt es aber, dass wir die reformatorische Erfahrung Martin Luthers oder die befreiende Umkehr des Paulus so selten erleben? Plötzlich ist alles anders – das höre ich eher nach schlimmen Diagnosen oder schweren Unfällen. Auf einmal ist nichts mehr wie es war. Alle Selbstverständlichkeiten sind gebrochen, alle Ziele hinfällig, alle Beziehungen stehen auf dem Prüfstand. Und zu glauben, dass Gott dich liebt, wird plötzlich unsagbar schwer.

Leider kann ich Ihnen das nicht „machen“, liebe Gemeinde. Ich kann Sie auch nicht dazu aufrufen, doch richtig zu glauben, dann komme die Freiheit von den Ängsten schon von alleine. Vom Beten allein gehen die Zweifel nicht weg. Ich kann es Ihnen nur predigen. Das meint: Ich sage Ihnen, dass Gott Sie liebt. Mich liebt. Immer schon geliebt hat. Schon lange, bevor ich auch nur daran denken konnte, besser zu sein als ich bin, perfekter, liebenswerter, vollkommener. Christus ist für unsere Sünde gestorben, als wir noch Sünder waren, als wir noch nicht einmal glauben konnten – so schreibt es Paulus. Durch seinen Tod sind wir vor Gott über alle Zweifel erhaben. Geduld, Beharrlichkeit, Kraft und Hoffnung wachsen daraus. Und später schreibt er: „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Hohes noch Tiefes uns von der Liebe Gottes trennen, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“
Amen. Das heißt: So sei es.

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