Heilung im Herzen

1. Von der Bedrängnis zur Hoffnung
Verletzungen – Verletzungen sind nicht schön.
Wer ist schon gerne verletzt?
Wer wird schon gerne verletzt?
Das gilt
→ für den Schnitt im Finger, wenn man beim Brotschneiden nicht aufgepasst hat
→ für die Operationsnarbe, die auch nach Wochen und Monaten noch Schmerzen und Probleme bereitet,
→ genauso wie auch für die seelischen Verletzungen, die wir zugefügt bekommen und anderen zufügen.
Wer wird schon gerne verletzt?
Gerade weil wir doch so verletzlich sind.

Verletzlichkeit gehört zum Menschsein dazu. Ich bin kein Supermann und kein gefühlloser Roboter, habe kein Herz aus Stein, obwohl ich es manchmal ganz nett fände, wenn ich wie bei einem Computer den Emotionschip in meinem Kopf hin und wieder ausschalten könnte.

Und so muss ich damit leben, dass ich immer wieder mit meinen Gefühlen in Bedrängnis komme. So muss ich damit leben, dass ich mich mit Angst, mit Schmerzen, mit Abschieden, mit Kränkungen und vielen anderen Dingen auseinandersetzen muss. Dass ich mich und mein Leben immer wieder hinterfrage und dass Zeiten voller Selbstbewusstsein von Zeiten des Zweifelns und des Selbstzweifels abgelöst werden. Das ist nicht schön, denn eigentlich geht’s mir da wie allen Menschen: Verletzlichkeit ist nicht schön.

Und dann kommt der Apostel Paulus und schreibt:
Wir rühmen uns auch der Bedrängnisse <und der Verletzlichkeiten>, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden. (Röm 5,3-5a)

Das ist ein interessanter Gedanke, den man aber nicht abkürzen darf:
Wenn ich sage „Bedrängnisse bringt Hoff­nung“, dann klingt es nach einem sehr schwachen Trost: „Naja, wenn’s dir schlecht geht, dann hast du ja immer noch die Hoffnung, dass es dir auch mal wieder besser gehen könnte.“
Super! Das ist war richtig, aber nicht tröstlich.

Aber der Weg ist ja länger und der erste ist wie immer der schwerste Schritt: Wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt. (Röm 5,3) → Wenn das mal immer so einfach wäre. Zunächst bringen Bedrängnisse und Anfechtungen, Zweifel und Verletzlichkeiten eher das Gegenteil: Ungeduld – die dann das Leiden oft noch schlimmer macht.

Aber irgendwann klappt das um: Wenn man merkt, es wird nicht so schnell besser, dann entwickelt sich tatsächlich langsam eine gewisse Ruhe, eben eine Art von Geduld. „Ja, mir geht es schlecht, aber ich muss das jetzt ertragen, denn es wird ja gerade nicht besser. Aber ich schaffe es immer besser mit der Situation umzugehen.“

Aber Achtung: Hier lauert ein gefährlicher Abzweig! Immer droht auch die Gefahr in die Resignation abzugleiten. Aufgeben. Die Hoffnung fahren lassen, dass es noch einmal Licht geben könnte auf dem dunklen Weg. Resignation ist die böse Stiefschwester der Geduld. Man kann sie schnell verwechseln.

Und so lerne ich mit der Situation umzugehen und kann Strategien entwickeln, wie es mit trotzdem gut gehen kann. Und dann ist die Hoffnung schon in greifbarer Nähe.

Das ist der Weg der Heilung. Wer Heilung sucht – sei es an Leib oder Seele – wirkliche Heilung, dass wir heil werden, der muss lernen: Heilung ist nicht schmerzfrei.

Ich merke dass gerade an einem ganz kleinen eigentlich harmlosen Beispiel: Mir wurde vor eineinhalb Wochen ein Zahn gezogen und das Loch heilt gerade. Wenn ich in meinen Mund schaue kann ich das sehen. Aber immer mal wieder fühlt es sich nicht so an.
Der Weg der Heilung ist durchaus auch ein Weg der Schmerzen.

2. Frieden mit Gott
Der Weg der Heilung ist aber auch ein Weg zum Frieden.

→ Das gibt es zum einen den Frieden, den z.B. die Menschen in und aus Syrien oder dem Irak sich wünschen. Kein Krieg mehr. Keine Bomben, die fallen. Keine Bomben, die in Autos oder am Körper von Selbstmordattentätern explodieren. Ein Leben, das bestimmt ist von Dingen, die für uns so normal sind: Frühstücken, zur Arbeit gehen, die Pause auf dem Schulhof und die nervigen Hausaufgaben, Putzen und Unkraut jäten, daran denken, den Müll rauzustellen – das ist Frieden, den sich nicht wenige Menschen auf der Erde wünschen würden.

→ Und es gibt auch den kleinen Frieden. Was nicht heißt, dass er unbedeutend ist, sondern nur dass er sich im Kleinen abspielt. Oft sogar nur in mir drin.

Diesen inneren Frieden zu finden, den Frieden mit Gott, das ist auch Heilung. Das ist heil werden an der Seele. Und auch dieses heil werden, ist ein mitunter steiniger Weg, der schwierig zu finden ist.

Und dann kommt schon wieder Paulus und schreibt:
Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus. (Röm 5,1)

Wieder klingt es recht merkwürdig, wenn mein Gefühl mir doch sagt, dass es mit weder mit meinem inneren Frieden noch mit dem Frieden mit Gott so weit her ist. Schließlich ist jeder Frieden immer brüchig, was wir in der großen Weltpolitik genauso merken, wie in den Tiefen unserer Seele.
Aber vielleicht geht es hier doch wieder einmal vor allem darum, Gott zu vertrauen. Gott zu vertrauen ist ein anderer Ausdruck für Glauben. Wer glaubt, vertraut Gott und vertraut auf Gott. Also muss ich nur glauben/vertrauen, dass ich mit Gott Frieden habe.

Nichts trennt mich mehr von Gott, wenn ich darauf vertraue. Nichts mehr muss zwischen Gott und mir stehen.
Das ist ein guter Gedanke, den ich gerne glauben will. Denn mit meinen Mitmenschen sieht es oft anders aus. Das gibt es einige Menschen zwischen denen und mir etwas steht. Manchmal bin es sogar nur selbst. Wie bei Paul Watzlawiks Hammergeschichte:
Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt er, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Vielleicht hat er die Eile nur vorgeschützt, und er hat was gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts getan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht´s mir wirklich. – Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, unser Mann schreit ihn an: „Behalten Sie doch Ihren blöden Hammer.“ (nach Watzlawik, P.: Anleitung zum Unglücklichsein, München 1983.)

Das Buch, in dem diese kleine Episode steht, heißt bezeichnenderweise „Anleitung zum Unglücklichsein“.

In der Tat: Manchmal stehen vor allem auch wir selbst zwischen uns und unseren Mitmenschen. Frangen wir also selbst an die Brücken zu bauen und die Mauern einzureißen und warten nicht auf den anderen.

Und ich fürchte manchmal stehen vor allem auch wirselbst zwischen uns und Gott. Deshalb ist so gut sich immer wieder sagen zu lassen: Du hast den Frieden mit Gott! Gott hat Frieden mit dir! Von Gott her muss dich nichts von ihm trennen.

3. Die Liebe Gottes im Herzen
Von Gott her haben wir Frieden. Es ist an mir diesen Frieden in mein Herz zu lassen und dort wirken zu lassen.
Wenn nur nicht diese elende Verletzlichkeit wäre, wenn ich doch nur selbst diesen Frieden nicht immer hinterfragen würde, wenn doch nur Zweifel und Anfechtungen nicht immer wieder dazwischen funken würden. Zum Glück ist da eben immer noch die Hoffnung: Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen. (Röm 55)

Das ist ein sehr schönes Bild: Die Liebe ist ausgegossen. Wie aus einer großen, edlen Kanne hat sich Gottes Liebe in mein Herz gegossen und gießt das zarte Hoffnungspflänzchen, was dort nach und trotz aller Zweifel, trotz aller Verletzungen, trotz allen Schmerzes und trotz allen Elends wächst. Und es so kann wachsen und gedeihen und die Heilung bewirken, die ein jeder so dringend braucht.

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