Das Ziel richtet uns auf

Liebe Gemeinde!

(1) Um das Ziel wissen

Sätze, bei einer Bergwanderung gesprochen: „Warte nur, bis du da oben bist. Die Aussicht ist herrlich. Nun halt mal durch und mache ja nicht schlapp. Du schaffst das schon. Und außerdem können wir ja eine Pause einlegen. Aber wir geben nicht auf.“

Wenn wir um das Ziel wissen, wachsen uns Kräfte zu.

Meine kleine Enkeltochter – seit vorgestern 1 Jahr alt – ist dabei, gehen zu lernen. Mit schier unendlicher Geduld mit sich selber versucht sie, einen oder zwei Schritte ohne Hilfe zu tun, ohne sich festzuhalten. Und –plumps – sitzt sie wieder. Natürlich noch gut gepolstert. Nein, sie weint nicht. Sie lacht dabei. Rappelt sich auf. Und versucht es wieder.

Wenn wir ein Ziel vor Augen haben, dann macht es uns nichts aus, zu stolpern und hinzufallen. Das Ziel richtet uns auf.

Im Krankenhaus zu liegen heißt ja immer auch Zeit zu haben zum Grübeln. Stundenlang. Nächte durch. Es fühlt sich nicht gut an, wenn man sich der Todesnähe bewusst wird, in der man gestanden war. Und dann geht die Tür auf. Ehefrau, Kinder, Freunde, Bekannte treten ein. Gott sei Dank nicht alle auf einmal. Schön der Reihe nach. Und sie hören und sie sprechen, sie sprechen von der Zukunft und richten auf mit ihren Worten den, der darniederliegt.

Wenn jemand unseren Weg mit uns geht, uns aufrichtet, bekommen wir Anteil an der Kraft eines anderen. Und unsere eigene Kraft beginnt wieder zu wachsen. Und wenn man das Krankenhaus dann verlässt, geht das Leben mutig weiter. Das Wissen um das Ziel ist zurückgekehrt.

(2) Zielverlust

Und wenn wir alles aus den Augen verlieren? Was passiert dann? In unserer so unruhigen Zeit scheint mir das die stärkste Gefahr zu sein: Wir verlieren die Ziele aus dem Blick. Was ich damit meine, möchte ich durch ein bemerkenswertes Zitat darlegen. Die Worte dieses Zitats stammen nicht aus der Gegenwart, sie sind alt – weit über 100 Jahre. Sie stammen aus einer Zeit des Umbruchs.

Zitieren möchte ich Adalbert Stifter, einen österreichischen Dichter und – wie wir heute sagen würden – ein „Linksintellektueller“.

Im Jahr 1852, in den Geburtsjahren der Demokratie, macht er sich Gedanken über die Entwicklung der Menschheit unter der Fragestellung: Wie der Horizont weiter wird?

Am Anfang, so schreibt Stifter, wurden Menschen nur vom nächstliegenden berührt. Körperliche Stärke und Siege im Ringkampf wurden besungen. Dann kamen Tapferkeit und Kriegesmut, mit dem Ziel, heftige Empfindungen gegen feindselige Haufen auszudrücken. Danach wurde Stammeshoheit und Familienherrschaft besungen. Inzwischen auch Schönheit und Liebe. Freundschaft und Aufopferung. Dann aber erschien ein Überblick über ein Größeres: Die menschlichen Verhältnisse wurden geordnet. Das Recht des Ganzen vereint mit dem des Teiles und endlich wurde ein völkerumschlingendes Band gedacht, ein Band , das alle Gaben des einen Volkes mit denen des andern vertauscht, die Wissenschaft fördert, ihre Schätze für alle Menschen darlegt. (Adalbert Stifter, Bunte Steine, 1852)

Ich kann es nur vermuten, aber wahrscheinlich dachte Stifter an Immanuel Kants Spätwerk mit dem Titel: Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf.

Der ewige Friede aber kam nicht. Die Geschichte ging einen anderen Gang. Kants Buch blieb ungelesen. Und Adalbert Stifters Worte erweisen sich im Rückblick als Ausdruck einer Sehnsucht und nicht als Beschreibung einer Tatsache.

Die Menschen damals waren gerade erst fähig geworden „Nation“ zu denken, „unser Volk“. Bis Europa war der Weg noch weit und er führte durch zwei der grausamsten Täler der Weltgeschichte. Die Menschen damals waren unfähig, „Welt“ zu denken. Auch die Christen waren nicht besser, obgleich sie in Gott ale Schöpfer der Welt sonntäglich bekannten.

Ich wiederhole diesen einen Satz. In unserer so unruhigen Zeit scheint mir das die stärkste Gefahr zu sein: Wir verlieren die Ziele aus dem Blick. Ich denke, sie wissen, was ich damit meine.

Bleiben wir noch kurz bei Adalbert Stifter. Im Fortgang der Vorrede seines Jugendbuchs „Bunte Steine“ beschreibt er, was passiert, wenn das große Ziel aus dem Blick gerät.

„Untergehenden Völkern verschwindet zuerst das Maß. Sie gehen nach einzelnem aus, sie werfen sich mit kurzem Blick auf das Beschränkte und Unbedeutende. … Dann suchen sie den Genuss und das Sinnliche. Sie suchen Befriedigung ihres Hasses und Neides gegen den Nachbarn. In ihrer Kunst wird das einseitige geschildert, das Zerfahrene, Abenteuerliche, endlich das Sinnenreizende, das Aufregende und zuletzt die Unsitte und das Laster.

In der Religion sinkt das Innere zur bloßen Gestalt oder zur üppigen Schwärmerei herab. Der Unterschied zwischen Gut und Böse verliert sich. Der einzelne verachtet das Ganze und geht seiner Lust und seinem Verderben nach.“

Nun will ich gar nicht sagen, dass diese Worte in allem auch unsere Zeit beschreiben. Sie mögen aber auch heute unseren Blicj schärfen, Ziellosigkeit rechtzeitig zu erkennen.

Alle Probleme, mit denen wir es in unseren Lebenstagen zu tun haben, sind globaler Art. Vom Klima angefangen über Wirtschaftspolitik hin zur Flüchtlingsfrage. Die Lösungen aber, die den verzagten Menschen in immer größerem Maße zugetragen werden, sind kleinräumig. Wir können – bleiben wir beim unverfänglichen Beispiel des Klimas – den Gang der Wolken nicht in unsere nationalen Grenzen zwingen.

Die Bedrängnisse wachsen in unserer Zeit.

(3) Was uns umfängt

So für sich genommen möchte man ja sagen, dass die Reihung, die Paulus aufzählt, nicht stimmt.

Bedrängnis bringt Geduld. Nein. Zu oft haben wir erleben müssen, wie Bedrängnis ängstlich macht. Zu oft haben wir gespürt, wie Bedrängnisse Tag um Tag das Leben aus uns heraussaugen.

Bedrängnisse kosten Nerven, kosten Kraft, kosten Lebensmut. Zumeist bringt Bedrängnis auch ein gehöriges Maß an dummen, panischen Handlungen hervor

Und Geduld soll zur Bewährung führen? Nein. Überstrapazierte Geduld ist uns nicht fremd. Das Ende unserer Geduld haben wir alle erlebt. Und dann vielleicht später dazu noch den Vorwurf – oder Selbstvorwurf – „Du hast zu früh aufgegeben“. Wie lange muss man geduldig sein mit einem schwierigen Ehemann (bzw. Ehefrau), komplizierten Kinder oder auch mit sich selbst in harter Lebenssituation? Wir lange müssen wir geduldig sein in unserer globalen Welt? Wer die Geduld verliert muss sich bewusst sein, dass Ungeduld Kriege gebiert.

Es wird – so denke ich – deutlich: So für sich genommen passt die Reihung des Paulus nicht.

Hat Ovid es besser getroffen, wenn er die schöne Helena zu Paris sagen lässt: Hoffen und harren macht manchen zum Narren.

Man kann sogar annehmen, dass Paulus dieses Ovid-Zitat gekannt haben könnte, denn Ovid war zu Lebzeiten des Paulus ein weltbekannter Dichter Roms.

Was ich mit all dem sagen will, ist dies. Auch die Reihung, die Paulus im Römerbrief aufzählt, lebt vom Ziel her. Es sind nicht unsere Kräfte, die uns Geduld schaffen in der Bedrängnis. Es sind nicht wir selbst, die Geduld in Hoffnung fassen. Wir retten uns nicht selbst.

Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden. Sagt Paulus. Und dann stellt er diesen Satz in den richtigen Rahmen: Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist. Er nennt das Ziel. Er nennt den, der mit uns geht:

Unsern Herrn Jesus Christus. Durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird. Das ist das, was uns umfängt, trägt und leitet.

In Jesus – im Gebet, im Hören auf das biblische Wort, in Gott, im Glauben – in Jesu haben wir den, der in unser Zimmer tritt, wenn wir nächtelang nicht schlafen können und grübeln, weil der Tod uns so nahe gekommen war.

Aus Gott, aus dem Glauben gewinnen wir die Kraft, im Leben immer wieder aufzustehen. Und auch wenn wir nach zwei Schritten schon wieder fallen, so richten wir uns wieder auf. Hoffnung lässt und nicht zuschanden werden. Hoffnung, dass ist der geistliche Atem Gottes, der unsere Seele frisch hält.

Und dereinst, wenn es darum geht, den Gipfel des Lebens zu erklimmen, spricht Christus zu uns:

Warte nur, bis du da oben bist. Die Aussicht ist herrlich. Nun halt mal durch und mache ja nicht schlapp. Du schaffst das schon. Und außerdem können wir ja eine Pause einlegen. Aber wir geben nicht auf.

Unsere Zeit bleibt unter dem Segen Gottes, wenn sie das uns aufgegebene Ziel im Auge behält. So, wie es der alte Dichter Adalbert Stifter beschrieben hat: Es gibt Kräfte, die auf das Bestehen der gesamten Menschheit hinwirken. Es ist das Gesetz der Gerechtigkeit, das Gesetz der Sitte, das Gesetz, das will, dass jeder geachtet, geehrt, ungefährdet neben dem anderen bestehe, sich Liebe und Bewunderung seiner Mitmenschen erwerbe, dass er als Kleinod gehütet werde, wie jeder Mensch ein Kleinod für alle anderen Menschen ist.

Das ist das Ziel. Also gilt: Bedrängnis macht geduldig. Geduld ist unsere Bewährung vor Gott. Getragen in allem durch die Kraft der Hoffnung, die uns nicht so schnell atemlos werden lässt, wie die in Heidenangst lebenden Menschen.

Amen

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