Leben nach Gottes Willen

Ermahnungen bringen oft nichts. Das liest man in jedem mittelprächtigen Erziehungsratgeber und das weiß eigentlich auch jeder, der versucht, Menschen zu ändern, überholte Verhaltensmuster bei Anderen auszumerzen.

Ermahnungen vergrößern oft nur die Abwehrhaltungen bei den Menschen, die ermahnt werden. Selbst wenn die schon alt und erfahren sind, verhalten sie sich dann manchmal trotzig: jetzt gerade nicht!

Ich glaube, das ist eine uralte menschliche Erfahrung – und genauso uralt ist, dass es Menschen trotzdem immer wieder versuchen mit Ermahnungen: Trink weniger, fahr vorsichtiger.

Der Brief an die Epheser kennt auch solche Ermahnungen. Vermutlich ist er nicht von Paulus geschrieben worden, aber von einem Menschen der Paulus und der Ephesus ganz gut kannte. Und er schreibt an die Gemeinde:

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Dieser Briefschreiber hat für seine Ermahnungen einen Mantel gefunden, der sie erträglicher macht. Aber keine rosarote Schleife, mit der wir manchmal Ermahnungen umhüllen, sondern eine Verpackung, die Grund und Inhalt seiner Ermahnungen ist: Ihr seid Gottes geliebte Kinder, ihr seid Kinder des Lichtes und darum dürft ihr Euren Lebensstil daran ausrichten.

Der Mensch, der diesen Brief schreibt, geht mit offenen Augen durch Ephesus. Er sieht die quirlige Hafenstadt, er sieht die Slums und die reichen Bezirke. Und er sieht, wie die Menschen leiden, wie sie sich selber das Leben schwer machen.

Und er beschreibt in diesem Abschnitt eigentlich nur, was die Menschen so alles kaputt macht, obwohl sie mit Freuden mitmachen. Wenn ich hier nur den moralischen Impuls vernehme, dann habe ich den Schreiber noch nicht ganz verstanden.

Er klagt Habsucht, Unzucht und ein loses Mundwerk nicht deswegen an, weil das alles irgendwo verboten und unmoralisch ist, sondern, weil er sieht, wie sich die Menschen damit kaputt machen, sich gegenseitig das Leben schwer machen. Es ist wie mit den Drogen, die erst einmal schön und angenehm daherkommen, aber langsam den Menschen ruinieren.

Im Mittelpunkt seiner Gedanken steht die Taufe. Seit er getauft ist, gehört er zu Christus, ist eine neue Kreatur, haben manche Dinge einen neuen Wert gewinnen, manche ihren Wert verloren. Und davon will er den Leuten, seinen Schwestern und Brüdern, erzählen: Die Aussage ist deutlich: Ihr seid – durch die Taufe hat sich etwas verändert. Und jetzt könnt ihr neu suchen, was wichtig ist im Leben.

Mit seinen Worten: ‚Ihr seid Licht‘ – lebt das. Und für diesen Menschen, der schreibt, wird ganz deutlich, dass vom Glauben alle Lebensbereiche betroffen sind: meine Sexualität, der Umgang mit Geld und Gut und vieles Andere. Die Frage nach der Qualität meines Handelns insgesamt stellt der Verfasser mir. Er will von mir wissen: Wie lebst Du Deinen Glauben?

Seine Antwort ist sicher zeitgebunden, so wie jedes Reden über Ethik und Moral nicht unabhängig von der Zeit ist. Aber die Maßstäbe, die er anlegt, sind es nicht unbedingt.

Das bleibt bedenkenswert, dass zur Liebe auch der Respekt gehört. Der Respekt, mit dem ich meine Mitmenschen behandele. Da haben mich die Ereignisse von Silvester in Köln und der Fastnacht, die folgte schon beschäftigt:

Es ist ja nicht so, als wäre dass das Urereignis gewesen, dass Männer Frauen angrapschen und anbaggern, um ihnen zu schaden. Die Menge der Täter war erschreckend. Aber die Sache ist altbekannt. Neu ist, dass ausgerechnet die, die alles bisher unternommen haben um Gesetze zum Schutz von Frauen zu verhindern, plötzlich immer schon die besseren Frauenversteher waren bis hin zu den rechten Hetzern, denen der Schutz von Frauen plötzlich heilig wurde, auch wenn diese Frauen ansonsten kuschen sollen.

Und die Fastnachtsreden waren wie üblich voll von Frauenfeindlichkeit, aber sie fanden in diesem Jahr gleichzeitig Raum, die Flüchtlinge zu ermahnen, die Würde unserer Frauen gefälligst zu respektieren. Da ist Einiges an Scheinheiligkeit unterwegs.

Und trotzdem bleibt es wichtig, dass zu einem geschwisterlichen Umgang miteinander der absolute Respekt gehört. Letztendlich geht es um die Selbstbestimmung jedes einzelnen Menschen, dessen Grenzen ernst zu nehmen sind. Da muss unsere ganze Gesellschaft noch einiges lernen.

Es könnte ja sein, dass der Schreiber das zum Ziel hat, dass christliche Gemeinde lernt: Gute Manieren gehören zum Glauben dazu, Respekt vor Menschen. Und er weiß wohl zu genau, wie sehr Süchte aller Art mich besitzen können. Darum nennt er Habsucht und Unzucht in einem Atemzug. Ohne genau zu beschreiben, was er damit meint. Seinen Leserinnern und Lesern ist das wohl deutlich vor Augen. Sie erleben täglich mit, wie Frauen zu Objekten gemacht werden und wie Besitz vergöttert wird. Sie erleben das mit, dass Menschen, die viel besitzen, meinen, sie könnten sich alles kaufen, auch die Würde von Menschen. Und sie kennen die anderen, die sich prostituieren müssen, die sich ausliefern müssen der Willkür von Menschen mit Macht und Geld und Einfluss.

Sie erleben eine Welt, die alles andere ist als gerecht und partnerschaftlich und sie spüren, wie wenig Einfluss sie in dieser Gesellschaft haben. Und gleichzeitig wird ihnen bewusst, wie wichtig es ist, Glauben auch wirklich zu leben, überzeugend zu leben, auch wenn die Umwelt macht, was sie will. Leben nach Gottes Willen, heißt eben Leben für die Menschen und besonders für die am Rande, die sexuell oder wirtschaftlich ausgenutzt, missbraucht werden.

Dass der Briefschreiber die Gemeinde ermahnt, ist schon bemerkenswert. Das ist scheinbar vielen ChristInnen damals nicht so klar, dass es Dinge gibt, die sich einem Christenmenschen von selbst verbieten. Und wie ist das bei uns?

Leben nach Gottes Willen, heißt auch, die Fähigkeit entwickeln, sich selbst zu kritisieren. Diese Fähigkeit könnte ein Ziel sein, im christlichen Glauben zu leben. Nachahmer Gottes zu werden.

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