Lasst uns nicht müde werden!

Liebe Gemeinde!

Bevor ich den heutigen Predigttext verlese,
muss ich ein wenig ausholen und den Hintergrund erläutern,
damit der Text verständlich wird.
Entnommen ist er aus dem Hebräerbrief.
Wir wissen nicht, wer ihn geschrieben hat.
Auch nicht an wen genau er gerichtet ist.
Ja eigentlich, ist es kein Brief,
sondern eine – im Stil einer Predigt gehaltene – geschriebene Mahnrede.

Wir befinden uns am Ende des 1. Jahrhunderts.
Und die Gemeinde ist müde geworden und droht einzuschlafen.
Der Glaube kommt den Christen abhanden.
Da ist keine Lebendigkeit mehr – ähnlich wie heute.
Das Bekenntnis zu Jesus Christus droht zu verschwimmen.
Da sind andere Einflüsse. Die Esoterik breitet sich aus.

Ein halbes Jahrhundert – und von der Lebendigkeit des Anfangs ist nichts mehr zu spüren!
Wie mitreißend war das, als die Apostel herumgezogen und überall Gemeinden entstanden sind!
Überall, wo das Evangelium verkündet wurde, sind Menschen zum Glauben gekommen.

Sogar Wunder, wie sie Jesus selbst gewirkt hat, sind in dieser Anfangszeit häufig geschehen.
Menschen wurden geheilt!
Das Wirken Gottes war spürbar und ganz offensichtlich.
In den Gottesdiensten sind Menschen aufgestanden und haben berichtet,
was der Heilige Geist ihnen eingegeben hatte.

Das ließ niemanden unberührt.
Der Gottesdienst war ein Ort, an dem Gott ganz konkret erfahren wurde.
Und die Gemeinschaft der Schwestern und Brüder war eine herzliche und liebevolle.
Wer Not gelitten hat, dem wurde geholfen.
Man wähnte sich in der Endzeit und glaubte, dass die Wiederkunft Christi unmittelbar bevorsteht.

Doch dann verging ein Jahrzehnt ums andere.
Und der Ausnahmezustand ging verloren.
Dafür wurde, was man sich von Jesus erzählte, jetzt aufgeschrieben.
Paulus verfasste Briefe an Gemeinden,
die er gegründet hat bzw. mit denen er in Kontakt stand.
Es wurden die Evangelien geschrieben.
Und die weiteren Schriften des Neuen Testaments.
So auch, am Ende des 1. Jahrhunderts, der Hebräerbrief.
Während andere spätere Schriften des Neuen Testaments
sich mit der um sich greifenden Esoterik auseinandergesetzt haben,
entwirft der Verfasser des Hebräerbriefes eine eigenständige Theologie.
Um die Christen wieder wachzurütteln
und ihnen noch einmal auf ganz andere Weise zu sagen,
wer Jesus Christus ist, worin sein Auftrag bestand und was er für uns bewirkt hat.

Sein Erklärungsmuster ist der alttestamentliche Tempeldienst.
Er entwirft eine kultisch-mythische Christologie,
damit die Menschen wieder oder ganz neu begreifen, wer Jesus Christus ist.
Damit ihr Herz wieder brennt und sie den Mut nicht verlieren.
Damit sie gemeinsam am Glauben festhalten
und auch am gottesdienstlichen Leben in der Gemeinde.

Der Tempel war im Alten Israel der Ort, wo Gott gewohnt hat.
Und zwar im Allerheiligsten, einem Raum innerhalb des Tempels,
abgetrennt durch einen Vorhang.
Dahinter stand die sogenannte Bundeslade .
Dort waren die Tafeln mit den Zehn Geboten untergebracht.
Und auf dem Deckel waren zwei Engel, Cherubim.
Der Deckel selbst war ganz aus Gold
und wurde auch „Gnadenstuhl“ genannt.
Das war nach alttestamentliche Vorstellung der Thron Gottes,
sein Wohnort auf Erden.

Darum durfte niemand bis ins Allerheiligste vordringen.
Auch die Priester nicht. Mit einer einzigen Ausnahme.
Einmal im Jahr, am höchsten Feiertag des Judentums, dem Versöhnungstag,
durfte der oberste Priester, der sog. der Hohepriester,
den Vorhang öffnen und bis ins Allerheiligste vordringen.

Er hatte zwei Böcke dabei, der eine wurde geopfert,
dem anderen wurde symbolisch die Schuld des Volkes auferlegt.
Und mitsamt der Schuld wurde dieser – sprichwörtlich gewordene –
Sündenbock in die Wüste geschickt.

Der Hebräerbrief deutet nun Jesus als himmlischen Hohenpriester,
der nicht nur das irdische Allerheiligste durchschreitet,
sondern den Himmel selbst.
Und das kann er, weil er selbst ein für alle Mal
zum Opfer wurde und zugleich zum Sündenbock.
Er ist der wahre oder große Hohepriester,
der bis zum wahren Heiligtum im Himmel, zum Thron der Gnade, schreitet,
wo er nun seinen priesterlichen Dienst tut und für uns eintritt
als unser Fürsprecher, der uns die Versöhnung gebracht hat.

Und wir sind aufgerufen, ihm zu folgen. Der Weg ist frei.
Das deutet auch der zerrissene Vorhang im Tempel
in der Todesstunde Jesu an.

Hören wir nun den Text aus dem 4. Kapitel, die Verse 14-16:
Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben,
Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat,
so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis.
Denn wir haben nicht einen Hohenpriester,
der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit,
sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde.
Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade,
damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit,
wenn wir Hilfe nötig haben.

Jedes dieser Worte ist bedeutsam.
Und ich hoffe, das ist jetzt einigermaßen deutlich geworden.

Wir haben einen Hohepriester, den einen, den wahren,
der uns versöhnt hat mit Gott.
Dass der Thron Gottes für uns eine Gnadestuhl und kein Richterstuhl ist,
das müssen wir nicht erst durch unser Leben erwirken.
Dass wir Gnade finden vor Gott, darum müssen wir nicht zittern.
Durch unsere Taufe haben wir Anteil an Gottes Barmherzigkeit,
sind wir mit hineingenommen in dieses priesterliche Geschehen
und dürfen selbst hinzutreten mit fester Zuversicht zum Thron Gottes.

Darum lasst uns festhalten an dem Bekenntnis.
Das Bekenntnis ist einerseits der fest formulierte Glaube,
wie er im Gottesdienst und öffentlich bekannt wird.
Und wie er sich andererseits im täglichen Leben bewährt.

Darauf kommt’s in erster Linie an!
Auf den gelebten Glauben, der Zeichen setzt.
Das schätze ich so an Papst Franziskus.
Er ist bewusst auf der Seite der Armen.
Auch jetzt wieder, bei seinem Besuch in Mexico.
Und diese historische Begegnung
mit Kyrill, dem Patriarchen der Russ.-orth. Kirche auf Kuba.
Keine weltbewegenden Punkte haben sie verhandelt.
Aber dass sie sich überhaupt zusammengesetzt haben, ist ein deutliches Zeichen.
Das war bisher undenkbar.

Gelebtes Bekenntnis. Das griechische Wort für Bekenntnis ist: ὁmologίa.
Wörtlich: das eine, das gemeinsam gesprochene Wort.
Dass sich der Papst und der Patriarch der größten orthodoxen Kirche
zum ersten Mal zusammensetzen und miteinander reden,
das ist schon ein ganz besonderer Bekenntnisakt.

Lasst uns festhalten am Bekenntnis.
Das kann man nicht für sich alleine sprechen im stillen Kämmerlein.
Es muss zusammen gesprochen werden
und sich in der Gemeinde bewähren.

2900 Mitglieder hat unsere Pfarrgemeinde noch.
Wie viele davon kennen wir?
Es ist so mühsam, sie einzuladen und zu motivieren!

„Lasst uns nicht müde werden!“, ruft uns der Hebräerbrief zu.
Damit uns der Glaube nicht abhanden kommt.
Und wir auf diese Weise verlieren, was Christus für uns doch schon bewirkt hat.

Ja, denn das ist die Gefahr, dass uns der Glaube verloren geht.
Aber wenn uns der Glaube verloren geht, dann sind wir selbst verloren!
Dann verlieren wir alles, was Christus für uns schon gewirkt hat.

Dass ist die Versuchung, die hier gemeint ist:
Dass wir uns von Gott abwenden.

Wir denken bei Versuchung an Schokolade, an Schmiergeld und Korruption,
an manipulierte Sportwetten oder verführerische Frauen.

Aber es ist viel ernster:
Hinter aller Versuchung steckt die eine Macht der Sünde,
die uns ins Ohr flüstert:
„Sag’ doch Gott ab! Und du wirst sehen, es wird dir an nichts fehlen!“

Aber der Versucher führt uns hinters Licht:
Denn ohne Gott verlieren wir letztlich alles!
Den Zugang zum Thron der Gnade, uns selbst. Ohne Gott sind wir verloren!
Auch wenn viele meinen, auf Gott verzichten zu können.

Jesus hat dieser Versuchung widerstanden.
Obwohl er genau wusste, wohin ihn dieser Verzicht führt: ans Kreuz!
Er ist Gott und sich selbst treu geblieben.

So weiß er jetzt, wie das ist, der Versuchung ausgesetzt zu sein.
Darum ist er nicht nur unser himmlischer Fürsprecher,
der den Weg zu Gott für uns freigemacht hat,
sondern er ist auch unser Bruder, der mit uns mit leidet.
Der weiß, was es bedeutet,
wenn man in den verschiedenen Bedrängnissen des Lebens
am liebsten von Gott nichts mehr wissen möchte.

Aber wir haben ihn, der durchgehalten hat, an unserer Seite.
Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade,
damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit,
wenn wir Hilfe nötig haben.

drucken