Fastenaktion 2016

Gen 3,1-19

1 Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? 2 Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; 3 aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! 4 Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, 5 sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. 6 Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. 7 Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. 8 Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN unter den Bäumen im Garten. 9 Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? 10 Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. 11 Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? 12 Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß. 13 Da sprach Gott der HERR zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß. 14 Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang. 15 Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen. 16 Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein. 17 Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen -, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. 18 Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. 19 Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.


(Die Predigt meditiert vorbereitende Gedanken von Pfarrer Dietrich Tiggemann zur Eröffnung der Fastenaktion 2016 in Bayern, Augsburg-St. Thomas)

Liebe Gemeinde,

die Geschichte vom Sündenfall haben wir alle schon häufig gehört oder gelesen. Im dritten Kapitel der Bibel gehört sie zu den wichtigen „Urgeschichten“ des Menschseins. Ähnlich wie die Schöpfungsgeschichte machen uns auch beim Sündenfall die Exegeten deutlich, dass hier kein Tatsachenbericht vorliegt, sondern dass uns die Bibel grundlegende Züge menschlichen Verhaltens und des menschlichen Wesens vor Augen führt und zu erklären versucht. „So sind die Menschen“ sagt uns diese Geschichte.

Schon in ihren ersten Kapiteln erzählt uns die Bibel vom großen Staunen des Menschen: in Gottes Schöpfung ist alles bereitet, damit Leben möglich ist. Bäume, Pflanzen und Tiere und mit ihnen der Mensch, der mit ihnen lebt, der bebaut, bepflanzt, bewahrt.

Der Mensch ist ein Beziehungs-Wesen, das Leben entdecken will und Grenzen überwinden. So wie auch Kinder ihre Welt erfahren, den Dingen Namen geben und sie in Besitz nehmen.

Der Mensch gibt sich nicht mit dem zufrieden, was er bebaut und bewahrt, sondern er will mehr. Er will klug werden, die Welt besitzen, sich die Erde untertan machen, Macht ausüben.

Wenn jetzt Flüchtlinge zu 100 tausenden zu uns kommen, dann sind wir als Menschen wieder aufgerufen klug zu werden, dazu zu lernen.

Wir lernen sie aufzunehmen und sie lernen, sich zu orientieren. Gemeinsam müssen wir lernen, uns über Werte zu verständigen und unsere jeweiligen Kulturen zu verstehen. Wie auch die Erde und die menschliche Gesellschaft nicht an einem Tag entstanden sind, braucht auch das Zeit. Ängste müssen überwunden werden. Vertrauen muss entstehen. Und es entsteht leicht, wenn man mit den Leuten redet statt über sie.

Auch in diesen Monaten des Flüchtlingszustroms beobachten wir den Sündenfall. Nämlich überall da wo Stimmen zuflüstern: ich weiß es besser. Lass es nicht beim ursprünglichen Auftrag von bebauen und bewahren bewenden. Reiße die Macht an dich: Ihr werdet sein wie Gott! Ihr könnt über Gut und Böse entscheiden!

Der Sündenfall beginnt auch da, wo Stimmen zuflüstern: keine Differenzierungen, sondern richtig oder falsch. Keine bereichernden Unterschiede, sondern schwarz oder weiß. Kein Nebeneinander, sondern Gehorsam oder Tod, Terror oder Untergang, Zäune und Schießbefehl oder das Ende der Zivilisation.

Dass der Mensch klug werden will, und zwar wirklich klug, nicht nur einfach machthungrig und gierig wie in der Geschichte vom Sündenfall, ist in Gottes Schöpfung vorgesehen. Klugheit von Machtgier zu unterscheiden gelingt aber nur durch Bildung. Ein gebildeter Mensch ist tolerant, aber nicht gleichgültig, er hat Respekt vor dem Anderssein des anderen. Bevor er sich festlegt, muss er erst einmal wissen wie der andere fühlt, handelt, und denkt. Menschen gegen die ich demonstriere, kann ich nicht verstehen.

Die Menschen im Paradies waren naiv und die Schlange hat Recht behalten: die Frucht am verbotenen Baum war schön zu Essen und eine Lust für die Augen.

Die Folgen seines Handelns muss der Mensch aber selber tragen, auch wenn Gott die Menschen nach dem Verstoß aus dem Paradies weiter begleitet. Aber sie haben ihre Unschuld verloren und müssen, um ihre Konsequenzen überhaupt tragen zu können, das Land bebauen und bewahren und ihr Wissen darum über Generationen weitergeben. Das nennen wir Bildung.

Gott gibt den Menschen weiterhin die Möglichkeit, im Einklang mit ihm zu sein, durch die Bildung der nächsten Generation. Gott gibt Gelegenheit, Christus zu begegnen. Deshalb erzählen wir von unserem Glauben weiter und bilden künftige Generationen. Auf diesem Boden der Bildung gibt Gott die Möglichkeit, an Christus zu glauben.

Was heißt Bildung im Glauben, in der Kirche?

Gottesgeschichten, Heilsgeschichten, Glaubensgeschichten. Das sind unsere Schätze, die wir weitergeben. Bildung in der Familie, im Kindergarten, in der Schule, in der Gemeinde. Bildung ist lebenswichtig, nicht nur für ein christliches Abendland. Bildung eröffnet neue Möglichkeiten. Gebildete Menschen wagen etwas, sie probieren sich über die bekannten Möglichkeiten hinaus aus. Sie öffnen sich anderen Menschen. Sie gehen einen Schritt weiter.

Auf diese Weise wird Bildung zu einer Grundlage für ein umsichtiges Miteinander zwischen Menschen, Kulturen, Religionen. Bildung bewahrt uns dabei, von Einzelsituationen her zu denken. Sie lernt vielmehr von den Kindern: Sie machen keinen Unterschied bei den Leuten, die vor ihnen stehen. Sie haben keine Vorteile, sie sind aber neugierig.

In der jetzt begonnenen Fastenzeit ist die Gelegenheit, dass wir uns als Geschenke Gottes begreifen. Dass wir uns bilden, uns weiterbilden als Ebenbild Gottes. In einer so verstandenen Bildung steckt nicht nur der Mensch allein, sondern auch Gott. Denn er hat mich so geschaffen, wie ich bin. In diesen Wochen vor Ostern kann ich danach fragen, wer ich überhaupt bin, ob ich mich selber kenne. Gibt es nicht etliche Stellen, wo ich noch gänzlich ungebildet bin?

Der Schöpfer hat uns alle dazu ausgerüstet, die Entdeckungsreise des Lebens zu bewältigen. Dabei greift Gott nicht von außen in die Regeln der Natur ein, oder verbiegt diese. Auch wenn wir uns das manchmal wünschten. Seit dem Sündenfall tragen wir Verantwortung. Sie ist uns zusammen mit unseren Gaben und Möglichkeiten verliehen worden. Gott stärkt durch seine Begleitung alle unsere Lebenskräfte.

Als wir uns von unserem Kinderglauben verabschiedet haben, ist uns bewusst geworden, dass wir nicht auf jedes Gebet eine Antwort bekommen und Gott nicht körperlich spüren können.

Wir wissen aber, dass er uns Menschen schickt, die mitgehen, die zu mir stehen. Ich spüre den Halt dieser Menschen und wie Gott mich trägt. Gottes Anwesenheit liegt im Mit-sein. Wie ein kleines Zeichen aus dem Paradies wird mir deutlich, dass Gott dabei ist, auch wenn er mich nicht gängelt und vor allen Widrigkeiten beschützt.

Passionszeit ist immer auch Fastenzeit. Beim Fasten entdecken Menschen den Geist Gottes in ihrem Leben. Sie konzentrieren sich auf Wesentliches. Sie nehmen das in den Blick, was wirklich wichtig ist, worin echte Lebensziele liegen, was Orientierung gibt. Fasten macht neugierig, nicht macht gierig.

So fördert Fasten auch die Lust auf Bildung, auf Einsicht, auf Umsicht. Gottes Geist will uns zu besseren Menschen machen. Im Fasten öffnet er Herzen, Verstand und Sinne. In dieser Verwandlung liegen neue Chancen.

Unsere Partnerkirche in Ungarn will dies für die Begleitung und Integration von Flüchtlingen nutzen. In einem Integrationshaus erfahren Flüchtlingsfamilien umfassende Hilfe. Vom Sprachunterricht bis zur Zusammenführung mit den ungarischen Einwohnern will die Kirche Integration mustergültig zeigen. Unsere bayerische Landeskirche fördert deshalb solche Integrationshäuser in Ungarn.

Entgegen allen Parolen, Liebe Gemeinde, die wir in diesen Tagen und Wochen hören, belehren uns Geschichten der Bibel eines Besseren.

Die Schöpfung Gottes hat alles bereit, was wir für ein gutes Leben brauchen. Wenn wir diese Quellen nutzen und im Miteinander unser Heil suchen, statt im gegeneinander und in der Angst, wenn wir uns von der Bibel weiterbilden lassen und uns zu Menschen der Nächstenliebe formen lassen, dann kann alles das gelingen, wovor andere Angst haben, und wo wieder andere Hass säen.

Wenden wir uns ab vom Sündenfall aus Angst, Gier und Macht. Übernehmen wir stattdessen Verantwortung und lassen wir uns dabei von Gott begleiten.

Denn er meint es gut mit uns und lässt uns niemals allein – dieses Versprechen gilt uns Menschen seit Anbeginn der Schöpfung. Amen

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