Zeugnistag und Sündenböcke – zu sich stehen

(Als Lesung wurden Auszüge aus Lev 16 gelesen, die Vorschriften für den Hohepriester am Versöhnungstag – für das Opfer und den Sündenbock. Der Text des Liedes von Reinhard Mey ist rhytmisch schwer zu lesen. Es hilft, in Vorbereitung das Lied anzuhören.)

Liebe Gemeindeglieder,

Zeugnistag.
So heißt ein Lied von Reinhard Mey

Er beschreibt darin, wie er mit 12 ein totaler Schulversager war. Er bekommt das Zeugnis und ist noch mal so viel schlechter, als er gedacht hat. Er traut sich nicht, es seinen Eltern zu zeigen und fälscht mit krakeliger Schrift die Unterschriften.
Dann singt er weiter:

Der Zauber kam natürlich schon am nächsten Morgen raus,
Die Fälschung war wohl doch nicht so geschickt.
Der Rektor kam, holte mich schnaubend aus der Klasse raus,
So stand ich da, allein, stumm und geknickt.
Dann ließ er meine Eltern kommen, lehnte sich zurück,
Voll Selbstgerechtigkeit genoß er schon
Die Maulschellen für den Betrüger, das mißrat‘ne Stück,
Diesen Urkundenfälscher, ihren Sohn.

Mein Vater nahm das Zeugnis in die Hand und sah mich an
Und sagte ruhig: „Was mich anbetrifft,
So gibt es nicht die kleinste Spur eines Zweifels daran,
Das ist tatsächlich meine Unterschrift.“
Auch meine Mutter sagte, ja, das sei ihr Namenszug.
Gekritzelt zwar, doch müsse man versteh‘n,
Daß sie vorher zwei große, schwere Einkaufstaschen trug.
Dann sagte sie: „Komm, Junge, laß uns geh‘n.“

Ja, was macht man, wenn man sich als Totalversager fühlt?
Wenn man etwas Wichtiges total verhauen hat,
wenn man sich in unmoralisches verrannt hat?
Wenn man die Blamage fürchtet, Verurteilung, Abwendung, Strafe.

In alten Zeiten mit einer anderen Vorstellung von Gott kam auch noch dazu, dass Gott oder die Götter einen dafür strafen würden. Vielleicht schon bald durch Krankheit, Unglück, Tod – und nach dem Tod mit Höllenstrafen.

Alle Religionen waren sich einig, man muss Gott, den Göttern, Opfer bringen, um sie gnädig zu stimmen und als Buße für das eigene Versagen.

Auch das Judentum hatte den uralten Ritus, Tieropfer darzubringen. Bis in Zeiten, wo sie schon lange die Überzeugung gewonnen haben, Gott liebt uns obwohl er weiß, dass wir nicht ohne Fehler sind, hat sich dennoch der Opferbrauch erhalten.

Sie haben das in der Schriftlesung gehört, dieses große Fest. Der Versöhnungstag. Der Priester geht ganz unmittelbar zu Gott in das Allerheiligste und opfert dort einen Ziegenbock.

Und alle Sünden des Volkes spricht er aus über dem Kopf des anderen Ziegenbockes.
Was für eine eigentlich schöne Idee, alle Sünden auf einen Ziegenbock zu legen und den hinauszuführen, damit er sie fort trage in die Steppe. Und dieser Sündenbock wird gerade nicht getötet, sondern er trägt die Sünden und wird damit selbst in die Freiheit entlassen.

Wie viel Leid wäre der Menschheit erspart geblieben, wenn die Menschen weiter Ziegenböcke in die Steppe geführt hätten, statt Menschen zu Sündenböcken zu machen.
Nero hätte beim Brand Roms nicht die Christen zu Sündenböcken gemacht, Die Christen, als sie selbst mächtig wurden, nicht die Juden, die Kirche nicht die Ketzer und Hexen, die Nazis nicht wieder die Juden und heutige Nazis immer noch die Juden und überhaupt alle Ausländer.

Und im Kleinen ist das ja auch nicht viel anders.

Wegen dem ist das passiert! – War ich ganz unschuldig?
Was für ein rücksichtsloser Autofahrer! – Wie oft bin ich selber unaufmerksam!
Daran war doch schon wieder sie Schuld. – War sie? Sie alleine?

Wir Christen haben von Jesus den Auftrag, dieses Sündenbock-machen zu beenden, einen anderen Geist in die Welt zu tragen:
„Was siehst Du den Splitter in Auge des Anderen“, sagt Jesus, „aber merkst nicht, dass Du einen ganzen Balken im Auge hast. Zieh den doch erst mal raus.“

Wer versucht hat, den Blick wirklich auf die eigenen Fehler zu lenken, weiß: Leichter gesagt als getan. Man muss das ein Leben lang immer wieder neu ler-nen. Und man muss ja selber damit klar kommen, so viele Fehler bei sich zu sehen.

Man kann das eigentlich nur ertragen, wenn man im Geiste oder wirklich jeman-den hat, der so ist wie die Eltern von Reinhard Mey als er 12 war. Eltern, die zu einem stehen.
Die einem in die Augen schauen und in diesem Blick liegt tiefes Erkennen.
Für beide ist in diesem Blick ohne Worte glasklar, wie alles in Wirklichkeit ist: Der Unterschriftsbetrug, das Versagen, aber auch die tiefe Not, dazu nicht stehen zu können.
Dieser Blick ist der erzwungene Verzicht, irgendeinen anderen zum Sün-denbock machen zu können. Aber das geht, weil dieser Blick in derselben hundertstel Sekunde zugleich der Blick ist, der einen da raushaut, der sagt: „Und du bist trotzdem mein Sohn, zu dem ich stehe.“

So verstehe ich auch den heutigen Bibeltext.
Der richtet sich an jüdische Christen, die ganz konkret wissen, was am Versöh-nungstag geschieht: Wie der Hohepriester die Räume des Tempels durchschreitet zum Allerheiligsten, zu Gott selbst.
Die auch wissen, dass es vor Gott überhaupt nichts bringt, so zu tun, als hätte man eine weiße Weste.

Hebr4,13-15
13 Es gibt niemand, dessen Inneres vor Gott verborgen wäre. Alles liegt nackt und bloß vor den Augen dessen da, dem wir Rechenschaft schuldig sind.
14 Lasst uns also festhalten an der Hoffnung, zu der wir uns bekennen.
Wir haben doch einen überragenden Hohepriester, Jesus, den Sohn Gottes. Der hat alle Himmel durchschritten und ist schon bei Gott, im himmlischen Heiligtum.
15 Wir haben nicht einen Hohepriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat.

Alles liegt nackt und bloß vor den Augen. Wie bei dem 12jährigen Urkundenfäl-scher.
Aber das macht nichts. Im Gegenteil: Das Versteckspiel kann endlich aufhören.
Du kannst sein wie du bist, gerade weil Gott eh weiß, wie du bist.
Und deshalb kannst Du lernen, dazu zu stehen und brauchst nicht andere zu Sündenböcken zu machen.
Weil Jesus blickt und handelt, wie dieser Vater und diese Mutter, weil er Versöhnung gebracht hat wie ein Hohepriester.
Wie der ultimative Hohepriester, weil er mitfühlen kann mit unserer Schwäche. Weil er selbst die Versuchung kennt. Und weil er nicht nur in das Allerheiligste des Tempels in Jerusalem gegangen ist, sondern – bildlich gesprochen – durch alle Himmel zu Gott selbst.
Und der hat keinen anderen zum Sündenbock gemacht, sondern sich selbst ein für allemal.
Und mehr noch: Dieser Jesus hat uns seine Brüder und Schwestern genannt und damit die Trennung zwischen Vorraum und Tempel und Allerheiligstem abgeschafft. Wir brauchen keine Priester als Mittler und unser Wohnzimmer kann zum Allerheiligsten werden, in dem wir im Gebet vor Gott treten.

Mit Blick auf die Taufe von ___ möchte ich mit dem Schluss von dem Lied von Reinhard Mey enden:

Wie gut es tut, zu wissen, daß dir jemand Zuflucht gibt,
Ganz gleich, was du auch ausgefressen hast!
Ich weiß nicht, ob es Rechtens war, daß meine Eltern mich
Da rausholten, und wo bleibt die Moral?

Ich weiß nur eins, ich wünsche allen Kindern auf der Welt,
Und nicht zuletzt natürlich dir, mein Kind,
Wenn‘s brenzlig wird, wenn‘s schiefgeht, wenn die Welt zusammenfällt,
Eltern, die aus diesem Holze sind.

Aus dem Holz, wie Jesus sagt, aus dem auch Gott ist.

Amen.

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