Kosmische Blickwinkel

Predigt Hebräer 4/14-16 von Pfarrer Johannes Taig

14 Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis.
15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde.
16 Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.


Liebe Gemeinde,

bestimmt haben Sie es aus den Nachrichten erfahren: Vor 1,3 Milliarden Jahren kollidierten irgendwo da draußen zwei schwarze Löcher, schwarze Ungetüme von der vielfachen Masse unserer Sonne, deren Schwerkraft so stark ist, das ihr nicht einmal Licht entkommt. Deshalb kann man sie auch nicht sehen. Die dabei frei werdenden Gravitationswellen breiteten sich mit Lichtgeschwindigkeit aus, kamen also 1,3 Milliarden Jahre später an unserer Erde vorbei und wurden im letzten September von Wissenschaftlern gemessen. Dass es solche Wellen im Raum-Zeit-Gefüge gibt, hatte Albert Einstein vorhergesagt. Jetzt ist bewiesen, dass er wieder einmal recht hatte.

Die Menschheit jubelt über die Größe dieser Entdeckung und muss sich doch durch solche Einsichten auch daran erinnern lassen, dass sie im Rahmen des Universums fast nichts ist. Vor 1,3 Milliarden Jahren, als das gemessene Ereignis stattfand, gab es auf unserer Erde noch nichts, was Augen, Flossen oder Beine hatte. Im Ozean tummelten sich die ersten einzelligen Lebewesen. Der Mensch besteht aus vielen Milliarden lebendiger Zellen. Nehmen wir an, die 4,6 Milliarden Jahre seit der Entstehung unserer Erde wären ein Jahr, dann tauchen wir Menschen in den Abendstunden des 31. Dezembers auf. Drei Sekunden vor Ablauf des Jahres entdeckt Kolumbus Amerika. Sparen wir uns die Berechnung, wie winzig der Bruchteil einer Sekunde im Rahmen dieser Geschichte ist, die ein ganzes Menschenleben dauert! Keine Sekunde hat es jedenfalls gedauert, als der Mensch durch explosionsartige Vermehrung und Industrialisierung begann, die Erde in riskanter Weise so zu verändern, dass seine eigenen Lebensgrundlagen bedroht sind. So weitermachen hieße, dafür zu sorgen, dass die Episode „Mensch“ im Rahmen der weiteren Erdgeschichte im Rückblick nicht mehr war als ein Silvesterfeuerwerk.

„Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber beim Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“ Auch das hat Albert Einstein gesagt. Was die menschliche Dummheit betrifft, muss gar nichts mehr bewiesen werden. Es genügt ein Blick in die Geschichte oder ein Blick in die Meldungen des Tages. Was da zu aktuellen Fragen z.B. der Flüchtlingspolitik in den sozialen Netzwerken geschrieben wird, beweist nicht nur Einsteins Einschätzung, sondern legt nahe, dass es wirklich sehr viele Menschen gibt, die auch noch meinen, ein Menschenrecht auf ihre eigene Dummheit zu haben. Immer da, wo pauschalisiert statt differenziert wird, einfache Lösungen für komplizierte Probleme gefordert werden, Fakten und Argumente nichts mehr gelten und sich gegen dumpfe Gefühle nicht mehr durchsetzen, hat jede Form der Dummheit ihren idealen Nährboden gefunden. Oder sagen wir es wie Kurt Tucholsky vor hundert Jahren: „Unterschätze nie die Macht dummer Leute, die einer Meinung sind.“ Beten wir, was das Zeug hält, dass sich böse Geschichte nicht wiederholt.

Wir brauchen immer wieder einmal den Blick aus der Ferne auf unser kleines Dasein im gewaltigen Universum und in unserem kleinen Kopf, um wenigstens ansatzweise zu ermessen, was die Worte aus dem Hebräerbrief uns anbieten. Behaupten sie doch, dass wir in jeder Hinsicht Kleinen einen großen Hohenpriester haben, der Jesus Christus heißt, die Himmel durchschritten hat, uns den Weg zu Gott führt und uns ermuntert, diesen Weg einfach und ohne falsche Scheu zu gehen.

Der Theologe Karl Barth in seiner Predigt zum Text: „Zu Christus dürfen, zu Christus sollen wir kommen wie wir sind, wie wir wirklich sind. Wir sind aber wirklich nicht die kleinen Götter, (…) als die wir uns manchmal so erfolgreich zu geben wissen, so erfolgreich, dass wir schon selber ein wenig daran glauben. Unsere Wirklichkeit ist unsere Schwachheit und unsere Versuchlichkeit, unsere ganze heillose Bedrohtheit jetzt durch Hochmut, jetzt durch Schwermut, jetzt durch weiche Eitelkeit, jetzt durch harte Lieblosigkeit, jetzt durch törichte Gedankenlosigkeit, jetzt durch unnütze Grübelei, jetzt durch Verzweiflung an Gott, jetzt durch bösen Trotz gegen seinen wohlerkannten Willen. Das ist der Mensch, das sind wir, das Wesen, das nach allen Seiten gerade nicht sicher ist. Oder wer dürfte aufstehen und von sich etwas Anderes behaupten? (…) Mit uns als denen, die wir sind, hat er Mitleiden. Uns, wie wir sind, hat er sich gleich gestellt und ist er nahe. Uns, wie wir sind, sagt er sein großes Wort: Ich für Dich! Deine Sünde soll mein und wiederum meine Gottesgnade soll dein sein! Wie sollte das nicht Evangelium, frohe Botschaft sein, dass wir einen solchen Hohenpriester haben, der die Sünder annimmt (…) Lasset uns halten an dem Bekenntnis! Lasset uns hintreten mit Freudigkeit! Den Anfang von oben als gemacht anerkennen, das heißt bekennen, das heißt hinzutreten.“ (Die große Barmherzigkeit, Predigten von K. Barth und E. Thurneysen, München, 1935, S 235 f.) Zitat Ende.

Damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben. Wer wollte bestreiten, dass wir in Zeiten leben, in denen wir Hilfe nötig haben. Wer sich in den vergangenen Jahrzehnten in unserem Land auf der reichen Insel der Seligen wähnte, während scheinbar weit weg für Millionen die Welt unter und die Heimat verloren ging, der erwacht unsanft aus seinen Träumen – und muss zugeben, dass es sehr dumm war, so lange zu träumen, weil wir längst schon in EINER Welt leben, in der alles, was irgendwo auf der Erde geschieht, irgendwann auch uns selber betrifft. Und dass es noch viel dümmer war, dass wir uns nur um unser eigenes Wohlergehen gekümmert haben, statt uns auch über die Nöte und Konflikte der Menschheit anderswo Gedanken zu machen und uns zu kümmern.

Kann schon sein, dass es uns angesichts dieser Einsichten richtig gut tut, wenn wir – wie in diesen Tagen – unseren Blick einmal in die unendlichen Weiten des Weltraums schweifen lassen können. Gott freilich macht es umgekehrt. Er lässt seinen Blick von den unendlichen Weiten weg und ganz tief hinunter auf unsere winzige Erde schweifen. „Was sieht das Auge des Todes von mir?“, fragt der Schriftsteller Botho Strauß, „Nur mein mühseliges Entgegenkommen. Nichts als ablaufende Zeit. Gesehen aber, wahrhaftig gesehen werde ich nur durch sein Partikular. Das Partikular, durch das der Ewige uns sucht, erfasst uns ohne zeitliches Brimborium, ohne geschichtliche Ergänzung und Verfälschung. Erkennt jeden in seiner göttlichen Vereinzelung. Jeden dürftigen Stein unter Millionen in der Kiesel-Schwarte der Bucht. Denn des Allerhöchsten Auflösung sieht dich mutterwindallein auf Erden.“ (Botho Strauß, Das Partikular, Hanser, 2000, S.84) Gegen die Empfindlichkeit und Sehschärfe der göttlichen Wahrnehmung sind unsere kosmischen Sensoren wohl eher blind und taub.

Aber Gott lässt nicht nur seinen Blick vom Großen ins Allerkleinste und Einzelne schweifen. Er macht sich selbst im Christus auf den Weg durch unsere Welt und unser Menschsein, bis ganz hinunter in die Abgründe des Menschlichen, bis hinunter ins Leiden und in den Tod. Auch das ist ein wirklich kosmischer Weg, von dem, der Galaxien zum Leuchten bringt und wieder auslöscht, bis zu dem, der zerschlagen an einem Holzkreuz hängt. Erstaunlich.

Erstaunlich noch viel mehr, was der Christus am Kreuz zu dem Mörder sagt, der neben ihm hingerichtet wird: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. (Lukas 23,43) Damit ist die Mission des großen Hohenpriesters Christus treffend beschrieben. Sein Weg führt ihn allein hinunter in unsere Welt, aber nicht mehr alleine hinauf! Dann hat er nämlich alle im Gepäck, die er die Verlorenen nennt, die, die seine Liebe auf unserer kleinen Erde gesucht und gefunden hat. (Lukas 19,10) Uns bleibt, uns finden zu lassen, anzuerkennen, dass Gott den Anfang von oben gemacht hat. Hinhören auf das, was er uns sagte, bei unserer Taufe und was er uns sagt durch sein Wort und Sakrament. Lasst die Kirchenbänke nicht leer, um es immer wieder zu hören und zu schmecken.

Nein, dadurch werden wir nicht göttlicher, aber vielleicht menschlicher. Nicht schlauer, aber vielleicht vorsichtiger. Vielleicht lernen wir, der Bewegung des Allmächtigen in unsere kleine Zerbrechlichkeit zu folgen. Es gibt so viel Leben, das empfindlicher, kleiner, ärmer, kränker, verletzlicher, bedürftiger, hilfloser ist als wir selbst. Vielleicht passen wir einfach besser auf, wo wir hintreten. Damit auch andere durch uns Gnade und Barmherzigkeit erfahren, wenn sie Hilfe nötig haben.

Die Predigt zum Hören.

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