Versuchungen und Barmherzigkeit

Liebe Schwestern und Brüder,
der heutige 1. Sonntag in der Passionszeit, „Invokavit“ genannt, nach einem Antiphon aus den altkirchlichen Bußpsalmen (i.e. Psalm 91,15: ER RUFT MICH AN in der Not, darum will ich ihn erhören!) markiert einen Wendepunkt im Kirchenjahr. Wir merken das schon an kleinen Veränderungen in der Liturgie.
Unser Singen ist verhaltener: Der Lobpreis und das Halleluja entfallen vom heutigen Sonntag an bis zum Ostermorgen.
Und der Altar wird nicht mehr mit weißen oder grünen Altardecken geschmückt, sondern mit Antependien in lila. Der Farbe der Buße und Passion
Mit alledem werden wir an die Bedeutung der beginnenden Passionszeit erinnert.
Während der 40. tägigen Passions- und Fastenzeit werden in den Gottesdiensten Themen angesprochen, die nicht nur die Jünger damals bewegten. Viele Christen und Christinnen kennen diese zeitlosen existentiellen Erfahrungen auch. Denn auch viele Fragen, um die es zurzeit Jesu ging, können auch plötzlich in unserem Leben eine Rolle spielen.
In der Passionsgeschichte hören wir davon, wie Petrus seinen Herrn verleugnet hat. Auch wir kennen Augenblicke, wo wir feige waren und uns nicht zu Jesus Christus bekannt haben.
Die Jünger liefen in der Stunde der Gefahr von Jesus weg und ließen ihn im Stich. Auch wir wollen manchmal davonlaufen oder sind schon davongelaufen.
Die Jünger verstehen ihren Herrn auf einmal nicht mehr. Auch wir kennen das, dass uns die Gewissheit unseres Glaubens schwindet und der Zweifel sich im Hirn einnistet.
Solche Erfahrungen stehen hinter unserem heutigen Bibelwort.

Es sagt:
Wir haben einen Hohenpriester,
der versucht worden ist in allem wie wir.
Unser heutiges Bibelwort öffnet uns also die Augen für unsere Versuchungen. Und es nennt uns gleichzeitig die Hilfe, die wir in jeder Stunde der Versuchung ergreifen können:
Es ist Jesus selber, der Sohn Gottes, an dem wir uns festhalten können. Hören wir unser Bibelwort aus dem Hebräerbrief, Kapitel 4:
Weil wir einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat,
so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis.
Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde.
Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.

Es scheint zu stimmen: Wir Menschen sind häufig schwache, verführbare und versuchbare Wesen. Schwach und verführbar, weil wir auf uns selbst und unsere Größe stolz sind. Verführbar und korrupt, weil wir manchmal meinen, unser Leben bestünde nur aus Größe, Geld, Macht, Gier, Sex oder Schönheit und Ansehen. In dieser Phase des Lebens benötigen wir keinen Gott, wir verdrängen Gott aus unserem Leben und machen uns oder andere zu unseren eigenen Göttern. Eine dieser Zivilisationskrankheiten sind die täglich vorgespielten großen und dicken Egos, die manchmal vor lauter Kraft zu platzen scheinen. Oder dann in der Krise wie ein Soufflé zusammenfallen, weil die Luft rausgeht.
Viele Menschen scheinen in den guten Phasen des Lebens keinen Gott zu kennen, und in den schweren Tagen fangen sie an zu jammern, dass sich Gott von ihnen -und meistens herrscht dann eine naive Vorstellung über einen „lieben“ Gott Vor-, dass sich Gott von ihnen abgewendet habe. Hier stellt sich allerdings die Frage, wenn schon gefragt wird, was tut Gott für mich bzw. warum hat er mir das angetan -was habe ich für Gott getan, was habe ich für seine Gemeinde getan, was habe ich für meinen Nächsten getan?
Auch sollte man sich Gott in dieser Logik nicht wie einen Marionettenspieler vorstellen, der nach dem Motto verfährt: heute Herr X und morgen Frau Y!
Verkehrstote sind beispielsweise der Preis für unsere moderne hochtechnisierte und mobile Gesellschaft. Sie sind der Preis für unsere menschliche Freiheit, Unabhängigkeit und Schnelligkeit, aber auch bisweilen die tragische Folge von schlimmem menschlichem Versagen, wie das schlimme Zugunglück in Bad Aibling zeigte.

Ja, Gott ist und bleibt allmächtig und er hat eine verborgene Seite, die wir nicht verstehen, weil seine Wege und Taten unbegreiflich, unergründbar und manchmal schwer nach zu vollziehen sind

Liebe Schwestern und Brüder, die Worte des Hebräerbriefes sind Worte eines unbekannten Verfassers an eine römische Gemeinde. Es sind Worte des inneren Bekenntnisses, der Vergewisserung im Glauben und vor allem des Trostes für Menschen, die glaubensschwach und müde geworden waren.
Und vielleicht geht es uns heute manchmal ja auch so.

Der Hohepriester hat die Aufgabe Gott zu versöhnen, der Hohepriester Jesus Christus ist unser Fürsprecher bei Gott, er leistet die Fürbitte für uns schwache, verführbare, undankbare und existentiell zerrissene Menschen bei Gott. Und dabei ist Jesus Christus niemand gewesen, der nur zum Schein gelitten hätte. Er starb wirklich am Kreuz, er wurde vom Teufel versucht wie wir in der Schriftlesung gehört haben. Er ging den Weg des leidenden Menschen und dachte auch daran, dass der Kelch des Leids an ihm vorübergehen könnte.
In Jesus Christus wurde Gott zum mitleidenden, zum Verständnis aufbringenden und mitempfindenden Gott.
Unser Hohepriester Jesus Christus ist unser Fürbitter, er ist der Vermittler mit dem Göttlichen, er ist der Hilfesteller für Hilflose, Kranke und Schwache. Er hilft, wenn wir es nötig haben.

Und von dieser Lebenshoffnung, die im und durch den Glauben immer wieder Licht in die Dunkelheit der eigenen Trübsal und des Leides bringen will, erzählt uns der heutige Predigttext für die begonnene Passionszeit. In einer Zeit, in der wir uns in besonderer Weise daran erinnern, dass unser Gott Jesus Christus am Kreuz gestorben ist. Ohne diese Tat Christi für uns Menschen gibt es keine Auferstehung und ein neues Leben.
Im Text heißt es verkürzt:
Er leidet mit unserer Schwachheit
und
er hilft uns und schenkt uns seine Gnade, wenn wir es nötig haben.

Gott, unser Gott Jesus Christus, hilft uns, wenn wir es nötig haben, damit wir Gnade finden zur rechten Zeit.
Und vielleicht müssen wir uns auch in Zeiten der Trübsal, Sorge, Angst und Trauer daran erinnern, wie häufig Gott uns seine Gnade geschenkt hat. Seine größte Gnade ist unser Leben- bei aller Widersprüchlichkeit und Zerrissenheit des eigenen Lebens.
Ich bin mit Dietrich Bonhoeffer davon überzeugt, dass Gott jedem und jeder von uns so viel Gnade, Liebe und Barmherzigkeit schenkt und Hilfe gibt, um die schweren und traurigen Dinge im Leben zu ertragen. Aber nicht im Voraus, sondern, wenn wir es nötig haben bzw. durch litten haben. Unser Gott ist ein mitleidender, ein, die schweren und schönen Tage des Lebens mitgehender Gott, der uns in diesen Zeiten Menschen schenkt, die sich um uns kümmern und sich um unsere Seele sorgen.

Dieser Hohepriester, dieser Fürsprecher, Jesus Christus, der Sohn Gottes ist unsere Zuversicht und unsere Lebenshoffnung.

Und dieser Jesus Christus, der unser Glaubensinhalt ist, hat zu den Seinen gesagt und spricht zu uns:

„Kommt her zu mir alle, die ihr müheselig und beladen seid, ich will euch erquicken!“

Und das heißt: Wir können mit allem zu ihm kommen. Wir müssen ihm keine Show vorspielen und uns verstellen. Er nimmt uns so an, wie wir sind. Mit unseren Gaben und Stärken und unser Fehler- und Sündhaftigkeit. Er bringt unsere Ängste, Nöte, Sorgen und Freude und Dankbarkeit vor Gott.
Das sind unsere Zuversicht und unsere Lebenshoffnung auf der langen Reise durch unser Leben.
Möge diese Zuversicht und Hoffnung uns auch stets in Zeiten der Anfechtung und Versuchung begleiten.
Amen.

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