Narren der Liebe

Liebe Närrinnen und Narren …

Ja, so beginnen an diesem Karnevalssonntag so manche Reden. In der Kirche ist diese Anrede eher unüblich. Obwohl sie schon bei Paulus in der Bibel zu finden ist, im selben Brief, aus dem wir heute einen Teil zu lesen bekommen, und zwar ein paar Kapitel vorher. Dort hält Paulus eine närrische Rede, freilich ohne Karnevalskappe und mit bisweilen bissiger Ironie. Er hält den Korinthern ihre unangebrachte christliche Blasiertheit und Hochnäsigkeit vor, die ihn und seine Apostelkollegen als „Narren“ dastehen lassen. Warum? Weil die Korinther glauben, schon alles verstanden zu haben, worum es beim christlichen Glauben und Leben geht und sich deshalb für klüger, stärker, ja sogar herrlicher halten als andere. Doch Paulus hält dagegen: „Bis auf diese Stunde leiden wir Hunger und Durst und Blöße und werden geschlagen und haben keine feste Bleibe. Man schmäht uns, so segnen wir; man verfolgt uns, so dulden wir’s; man verlästert uns, so reden wir freundlich. Wir sind geworden wie der Abschaum der Menschheit, jedermanns Kehricht, bis heute.“ Und schließlich: „Wir sind Narren um Christi Willen …“

Narren? Warum Narren? Ganz einfach, weil wir etwas Verrücktes tun: Wir folgen einem Menschen, dessen Lebensgrund und -ziel man auf ein einziges Wort reduzieren kann: Liebe. Eine Liebe, die Jesus von Nazareth in jeder Faser seines Lebens in sich trug und ihn zu komischen Verhaltensmustern motivierte, z.B. zu vergeben, wo andere verurteilten … zu erdulden, wo andere kämpften … zu heilen, wo andere Wunden schlugen … zu hoffen, wo andere verzweifelten … zu glauben, wo andere nur die Schulter zuckten …

Um diese Liebe geht es Paulus auch in dem Abschnitt, den wir heute besonders bedenken sollen:

[TEXT 1 Kor 13,1-13]

Das ist wahrhaftig ein Liebesbrief … mitten in einer Zeit, in der wir über Schusswaffengebrauch an unseren Grenzen diskutieren. Ehrlich gesagt habe ich es mir nicht vorstellen können, dass dieses Thema noch einmal auf der Tagesordnung der Medien und Politik stehen würde. Mit dem Fall der Mauer 1989 waren für mich die Schießbefehle an deutschen Grenzübergängen endgültig passé. Doch die Realität ist leider eine andere. Ausgerechnet gegen Menschen, die auf der Flucht vor Krieg und Terror in unserem Land Schutz suchen, sollen Grenzbeamte die Waffe einsetzen. Schlimmer kann es – hoffentlich – nicht kommen. Bei allem Verständnis für Bürger unseres Landes, die aufgrund der hohen Flüchtlingszahlen skeptisch sind, ob unsere Gesellschaft diese Herausforderung meistert: Solche Sorgen dürfen nicht dazu missbraucht werden, einer menschenverachtenden Politik das Wort zu reden. Das widerspricht nicht nur dem Geist des Grundgesetzes, sondern hat auch nichts mit den christlichen Werten zu tun, die ja bisweilen von deutsche Weihnachtslieder singenden, national-konservativen oder gar rechten Propagandisten beansprucht werden. Auch die Zeiten, in denen christliche Kultur für politische Ziele missbraucht wird, sollten ein für allemal vorbei sein. Und wir als Christen müssen deutlich machen: Mit unserem Glauben ist ein die Würde des Einzelnen ignorierendes und stigmatisierendes Menschenbild nicht zu vereinbaren!

Unser Menschenbild – und damit auch unsere Weltanschauung – spricht aus den Worten, die Paulus uns an diesem Sonntag schenkt. Für viele unter uns sind es bekannte Verse, an denen zumindest ich mich nicht sattlesen kann. Denn sie skizzieren ein Gemälde menschlichen Miteinanders, das geprägt ist von einer großen Leidenschaft: eben der Liebe – und zwar der tiefgründigen, wahrhaftigen, nachhaltigen, bedingungslosen, freimachenden und darum göttlichen Liebe. Sie hat im Reden und Handeln Jesu in unserer Welt ihren konkreten Ausdruck gefunden. Sie – und nur sie – ist unsere Leitkultur! Wer seinen Glauben ernst nimmt und ihn nicht nur sonntags in der Kirche leben will, schaut also am besten bei dem Zimmermann aus Nazareth nach, was das denn heißt, dass die Liebe am größten ist. Paulus ist jedenfalls davon überzeugt, dass nur sie am Ende bleibt, dass nur sie am Ende zählt, dass nur sie sich am Ende durchsetzen wird. Warum? Weil sie sich partout nicht aus unserer Welt verdrängen lässt. Weil sie hartnäckig auch dort gesucht und gefunden werden will, wo man sie am wenigsten vermutet. Weil sie durch nichts klein zu kriegen ist. Weil sie sogar den Tod überwunden hat. Und weil uns nichts und niemand von ihr trennen kann, wie Paulus an anderer Stelle im Römerbrief schreibt (Röm 8).

Diese Liebe ist in der Tat verrückt, weil sie uns und unser Leben in ein anderes Licht, in Gottes Licht rückt. Und das lässt den Menschen nun einmal nicht so erscheinen, wie wir ihn sehen, sondern so, wie Gott ihn geschaffen hat, als sein geliebtes Kind. Diese Liebe ist es also, mit der Gott uns Menschenkinder anblickt, mit der er uns begegnet. Und mit der er uns beauftragt, im Großen und im Kleinen das Antlitz dieser Welt in seinem Geiste zu verändern. Denn ohne sie verliert alles andere seine Bedeutung, und Paulus meint wirklich alles … auch unsere christliche Existenz, unser Leben, unsere Hoffnung, ja selbst unser Glaube! Ohne die Liebe hat das Christensein keine Substanz, keine Gestalt … Diese Kirche hier, sie könnte noch so voll sein … ohne Liebe bliebe sie dennoch gähnend leer. Meine Predigt, sie könnte noch so durchdacht und wohl formuliert sein … wenn in ihr nicht wenigstens ein kleiner Funke dieser Liebe aufleuchten würde, wären es nur leere Worthülsen. Die Musik, unser Gesang, unsere Gebete … dieser ganze Gottesdienst verpufft ins Nichts und bleibt ohne Konsequenz für uns selbst und für die Menschen da draußen, wenn sich in allem hier nicht Gottes Liebe finden würde. Eine verrückte, oder besser: eine verrückende Liebe, die uns mit ihrer Langmut, ihrem Glauben, ihrer Hoffnung anders aufstellt, herausfordert, ja auch, wenn ich z.B. an Jesu Wort von der Feindesliebe denke, an die Grenzen des Zumutbaren geht. Doch die – Gott sei Dank – trotzdem immer wieder aufblitzt: Irgendwo da draußen auf den griechischen Inseln, wenn hunderte Freiwillige im eiskalten Wasser eine Menschenkette bilden, um Kinder von einem überfüllten Boot ans rettende Ufer zu tragen … Und hier in unserer Kirchengemeinde, wenn es uns gelingt, eine Gemeinschaft zu bilden, die Freud und Leid offen und ehrlich miteinander teilt und damit unserem Leben einen Halt gibt.

Achten wir also darauf, dass uns diese Liebe nicht verloren geht. Sie bietet nicht nur jenen Paroli, die Menschen gegeneinander aufhetzen, sondern sie sorgt sich auch um jene, die darunter zu leiden haben. Und sie verhindert, dass wir uns als Christen in all unseren Sorgen nicht um uns selbst drehen. Denn die Zukunft unserer Kirche hängt nicht von steigenden oder fallenden Kirchensteuereinnahmen ab, auch nicht von schwarzen oder roten Zahlen in irgendwelchen doppelten Büchern und schon gar nicht von mehr oder weniger erfolgreichen Reformprozessen. Unsere Zukunftsfähigkeit entscheidet sich daran, ob es uns gelingt, so nah bei den Menschen zu bleiben, dass sie durch uns noch auf Tuchfühlung mit der Liebe Gottes gehen können. Denn Paulus hatte recht: sie ist der Grund für alles hier! Gott ist Liebe und als Gemeinde sind wir dafür das Aushängeschild. Was wir tun, was wir lassen, was wir entscheiden und welche Wege wir gehen sollte sich immer zuerst nach dieser Liebe richten, auch wenn das bedeutet, verrückte Dinge zu tun, die die Welt nicht erwartet. Denn wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Christus und mit ihm ist Gott zum Greifen nahe. Ein Gott, der dermaßen in seine Geschöpfe vernarrt ist, dass er verrückte Dinge tut und selbst den Tod zum Narren hält.

Also, geliebte Närrinen und Narren um Christi Willen: Fühlt Euch geborgen in dieser Liebe, ihr seid es. Aber behaltet sie nicht für Euch. Teilt sie, wo immer sie gebraucht wird. Denn die Liebe ist das Größte, das wir besitzen.

[Teile der Predigt sind entnommen aus: ePistel – die aktuelle Predigtmeditation]

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