Auf den Leib geschrieben

Predigt 1. Korinther 13 von Pfarrer Johannes Taig

Paulus schreibt:
1 Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.
2 Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.
3 Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen und hätte die Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze.
4 Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf,
5 sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu,
6 sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit;
7 sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.
8 Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird.
9 Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk.
10 Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.
11 Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war.
12 Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.
13 Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.


Liebe Gemeinde,

es gibt Stellen in der Bibel, die kennt man schon ewig und doch wird einem irgendwann schmerzlich bewusst, dass man sie eigentlich nicht wirklich verstanden hat. Unser heutiger Predigttext gehört dazu. Das „Hohelied der Liebe im Neuen Testament“ hat man diesen Abschnitt genannt. Immer wieder werden Verse daraus als Trauspruch gewünscht. Das gibt dann leicht Gelegenheit, sich in Sentimentalitäten zu ergehen, wozu wohl auch das Kokettieren mit den bekannten menschlichen Schwächen gehört. Damit sie nicht so ins Kraut schießen, wird dann „mit Gottes Hilfe“ gesagt. Das war’s. Und wenn sich dann früher oder später herausstellt, dass die Liebe zwischen zwei Menschen doch nicht alles ertragen, glauben, hoffen und dulden kann, dann sind wir uns nicht zu schade, dem lieben Gott die Schuld zu geben, weil er so Unmögliches von uns verlangt und uns dann offenbar im Stich lässt.

Erschwerend kann hinzukommen, dass man gerade „Die Krankheit zum Tode“ von Sören Kierkegaard gelesen hat, der ein bissiger Kritiker der Kirche seiner Zeit war und die Diagnose stellt: „Das Unglück besteht nicht darin, dass das Christliche nicht gesagt, sondern dass es in einer Weise gesagt wird, dass sich die Menge der Menschen am Ende gar nichts mehr dabei denkt.“ (Sören Kierkegaard, Die Krankheit zum Tode, Saga Klassikerreihe, E-Book, Position 1574). Das Christliche ärgert niemanden mehr, es ist zum Allgemeinplatz geworden und die Kirche zur Gemeinplatzbewacherin. Das findet eigentlich niemand mehr besonders spannend.

Nun weiß freilich auch der Volksmund, dass die Liebe eine Himmelsmacht ist. Dass sie nicht etwas ist, was der Mensch aus gutem Herzen und edler Gesinnung entwickelt, sondern etwas, das ihn überfällt. Sie ist kein Werk des Menschen, sondern bemächtig sich seiner. Sie ist Einschlag aus heiterem Himmel, Impact. Sie ist kein Akt des Willens. Sie kann nicht gemacht werden, und doch will der, den sie trifft, hinterher gar nichts mehr anderes. Sie hält die Vernunft für beschränkt, sie pfeift auf alle Bedenken, sie lacht sogar dem Tod ins Gesicht (Hoheslied 8/6). In ihr findet das Ich sich nicht wieder, weil sie bewirkt, dass das Selbst sich verliert. Sie lässt sich nicht kontrollieren. Sie lenkt deinen Lauf. Sie ist, was sie ist. Die Liebe kann gut machen, böse machen, traurig und froh machen. Es gibt sie nicht light. Sie schießt in den Himmel und stürzt in den Abgrund. Unter den unzähligen Erzählungen des menschlichen Daseins, schreibt sie dir deine Tragödie und deine Komödie auf den Leib!

So wie Martin Walser in seinem Roman „Ein liebender Mann“ (rowohlt Digitalbuch, 2009) sie dem schon über 70-jährigen Goethe auf den Leib schreibt, der sich noch einmal verliebt und sich am Ende gar nicht mehr anders zu helfen weiß, als ebenso verzweifelt, wie umsonst, die Lieblosigkeit zu suchen: „Eine Leichtigkeit, die er noch nicht empfunden hatte. Die hieß Lieblosigkeit. Ja. Nie gekannt. Nie erlebt. Aber anders konnte er dieses Gefühl nicht buchstabieren. Er war frei. (…) Die Kreatur ist erlöst. Was Moses, vom Aufstieg auf den Gesetzgebungsberg erschöpft, überhört hatte, das allererste Gebot, (…) er, auf seinem eigenen Sinai angekommen, erschöpft auch, aber kein bisschen schwerhörig, hellhörig wie noch nie, hat das Gebot gehört und begriffen: Du sollst nicht lieben. Er legte sich ins Bett. Keine Gedanken mehr, gegen die er sich erfolglos hätte wehren müssen. (…) Als er aufwachte, (…) wusste er, von wem er geträumt hatte.“ (Position 2981)

Die absolute Freiheit, in der das Ich lieblos, freudlos, leblos, schmerzlos sein eigener einsamer Gott und sein eigener Horizont ist, ist – Gott sei Dank – keine himmlische Offenbarung, sondern wohl eher der Alptraum des modernen Individualisten. Schon der Jubel jeder menschlichen Liebe, der – nach Rilke – unwiderruflich ist, widerspricht ihm. Denn, so schreibt es auch der Apostel Paulus: Ohne die Liebe ist alles – nichts!

Und gerade darin kommen sich menschliche und göttliche Liebe näher, als wir denken. Hat Meister Eckhart nicht gepredigt, dass Gott die menschliche Liebe manchmal benutzt, wie der Angler den Wurm, um uns zu sich zu ziehen? Hüpft Gott selbst nicht vor Ungeduld von einem Fuß auf den anderen, bis der Mensch ihm endlich den Platz im Herzen freiräumt, damit er in der Seele des geliebten Menschen endlich geboren werden und wohnen kann? Ist es nicht Gottes Liebe, die ihn dazu treibt, im Christus unser Menschsein anzunehmen? Und kann – nein – muss die Geschichte des Christus nicht so verstanden werden: Die Liebe Gottes schreibt ihm sein Leben und auch sein Leiden auf den Leib.

Ich sehe Paulus nicken. Er hätte in seinem Hohelied, für das Wort Liebe auch jedes Mal „Christus“ schreiben können. Das wäre vielleicht sogar besser gewesen, damit wir uns dieser wunderbaren Sätze nicht trostlos bemächtigen, ohne an ihn zu denken. Denn das hätte ja nichts anderes zur Folge, als das wir an diesen Sätzen verzweifeln müssten. Aber so kann das stehen bleiben: Der Christus erträgt alles, er glaubt alles, er hofft alles, er duldet alles. Sein Leiden und Sterben, an das wir in den kommenden Wochen der Passionszeit denken, ist ja keine Verklärung des Leids und schon gar kein Ausweis eines strafenden Gottes. Das Kreuz ist unüberbietbares Zeichen der Liebe Gottes. „Niemand hat größere Liebe, als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.“ (Johannes 15/13) So sagt es Jesus im Johannesevangelium. Am Kruzifix hängt ein von Gottes Liebe Gezeichneter.

Das mag die Welt für eine Tragödie halten oder sogar für eine Komödie. Der Spaß hört auf, wenn Paulus uns zu verstehen gibt, dass alles und jeder, der nicht von dieser Liebe gezeichnet ist, nutzlos und hohl, ja, ein dröhnendes Nichts ist.

Kierkegaard hat das gesehen. Nicht irgendwo, sondern in seiner eigenen Kirche. Er schreibt: „Es ist unendlich komisch, dass jemand fähig ist, die ganze Wahrheit zu verstehen – wie erbärmlich und kleinlich die Welt ist usw. -, dass er fähig ist, dies zu verstehen, und dann nicht wieder erkennen kann, was er verstanden hat; denn fast im gleichen Augenblick unternimmt er es selbst, sich an derselben Kleinlichkeit und Erbärmlichkeit zu beteiligen, lässt sie sich zur Ehre gereichen und lässt sich von ihr ehren, das heißt, er erkennt sie an.

Oh, wenn man jemanden sieht, der versichert, er habe vollkommen verstanden, wie Christus in der Gestalt eines geringen Dieners herumgelaufen sei, arm, verachtet, verspottet, wie die Schrift sagt: verspeiet – wenn ich dann denselben so fürsorglich seine Zuflucht dorthin nehmen sehe, wo es weltlich gut sein ist, um sich dort auf das Sicherste einzurichten, wenn ich sehe, wie er so ängstlich, als ob es das Leben gelte, vor jedem ungünstigen Windhauch von rechts oder links flieht, wie er so glückselig ist, so höchstglückselig, so kreuzfidel – ja, um es komplett zu machen, so kreuzfidel, dass er sogar Gott gerührt dafür dankt -, weil er unbedingt von allen, allen geehrt und angesehen ist: Da habe ich oft zu mir selbst und bei mir selbst gesagt: ‚Sokrates, Sokrates, Sokrates, sollte es möglich sein, dass dieser Mensch verstanden hat, was er verstanden zu haben behauptet?‘“ (Kierkegaard, aaO., Position 1376)

Was für eine Komödie, die doch eigentlich eine Tragödie ist. Kirche, die Leib Christi sein soll, aber der die Liebe Gottes gar nichts mehr auf den Leib schreiben kann. Eine solche Kirche führt im Namen Gottes in die Irre. Sie predigt die Liebe Gottes und führt selbst ein Leben wie ein Alptraum: lieblos, freudlos, leblos, schmerzlos. Und merkt es noch nicht einmal! Kierkegaard würde sagen: Daran erkennt man ihre ganze Verzweiflung, weil sie sich selbst sichern will und nicht einfach das sein will, was die Liebe Gottes aus ihr macht. Denn das allein wird bleiben!

Das Selbst, das sich durchsichtig gründet in jener Macht, die es setzte, das ist für Kierkegaard die Definition von Glauben (aaO. Position 2065). Und auch Paulus gibt allen, die in ihrem Leben auf der Suche nach sich selbst sind, etwas Entsprechendes auf den Weg. Wer wir in Wahrheit sind, werden wir in diesem Leben wohl nicht wirklich scharf und eindeutig zu Gesicht bekommen. Da können wir uns kindlich so lange in den Spiegel, oder als Erwachsene so lange in die Seele schauen, wie wir wollen. Dunkles Bild, schreibt Paulus. Unser wahres Bild und das, was wir in Wahrheit sind, liegt im Auge dessen, der uns liebt – und das ist Gott selbst. Aber das wissen alle, die wahrhaft lieben, schon lange.

Die Predigt zum Hören.

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