Von der Großen Liebe und dem Leben im Alltag

„Das erste Mal hat er mit fünfzehn geliebt und seither nie wieder so groß. Sie war die Schönste auf dem Schulhof, stand in der Raucherecke oft nur zwei oder drei Schritte entfernt, ohne ihn zu beachten.“
Gedauert hat diese Liebe, so Navid Kermani in seinem kleinen Roman mit dem Titel „Große Liebe“, „keine Woche, gerechnet vom ersten Kuss bis zur Trennung, der Trennungsschmerz … natürlich länger, in gewisser Weise bis heute, sonst würde ich nicht unsere Geschichte erzählen“ Und das obwohl er dreißig Jahre nicht daran, besser nicht an sie gedacht hat.
Die erste große Liebe ist wie die Vertreibung aus dem Paradies hat jemand dem Vater gesagt, der den ersten großen Liebeskummer seines Sohnes erlebte, wollte er doch, nicht wesentlich älter als die Romanfigur, gleich das ganze Leben mit ihr verbringen. Aber um aus dem Paradies vertrieben zu werden, muss ich ja erst einmal in ihm zu Hause gewesen sein, muss es erlebt und ausgekostet haben!
Warum hat mich diese Geschichte des Fünfzehnjährigen so berührt?
Vielleicht lag es an der Ehrlichkeit, mit der Autor die Grenzen zwischen erfundener und erlebter Geschichte eines Jungen fließen lässt. Man ahnt seine Geschichte, die er womöglich seinem gleichaltrigen Sohn erzählen möchte.
Aber vielleicht ist es auch einfach die Erfahrung, ebenso wieder ein Fünfzehnjähriger zu sein, der an der Schwelle zwischen Kinder- und Erwachsenenwelt versucht zu begreifen, was da gerade mit ihm geschieht und wie sich Liebe mit ihrer Sehnsucht, ihren schlaflosen Nächten, den wirren Gedanken im Kopf und dem wilden, unkontrollierten Schlagen des Herzens in der Brust anfühlt, auch wehtun kann, wenn sie ohne Antwort bleibt, und der oder die Geliebte einen nicht wahrnimmt, links liegen lässt, als ob man nicht existiert, nicht interessant oder nicht schön genug ist.
Vielleicht, weil diese Sehnsucht, zu lieben und geliebt zu werden im Leben ja nie aufhört, auch Menschen im fortgeschrittenen Alter wie Teenager unterwegs sein können in Sachen Liebe.
Wahrscheinlich stimmt die Erinnerung der Jugendlichen, der er, oder die wir einmal waren, nie wieder so geliebt zu haben, weil es nie wieder dieses eine erstes Mal gab.
Und all unser Denken, Reden, unsere Hoffnung und Sehnsucht, unser dann real gelebtes Leben, unsere Vorstellung von Liebe, die wir uns für unser Leben wünschen, haben ihre Wurzeln nicht nur in der Liebe der Eltern, die uns vermitteln, das das Leben schön ist und unser Dasein für sie und viele Grund genug ist, sich zu freuen, sondern ebenso in der Erfahrung zu lieben, sich ohneeinander verloren und unvollständig zu fühlen: es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei….
Auf seine Art und Weise schreibt Navid Kermani mit seiner „großen Liebe“ wie jeder und jede mit seiner oder ihrer Liebesgeschichte ein eigenes „Hohes Lied der Liebe“ wie das in der Bibel, die manche ja insgesamt einen Liebesbrief Gottes nennen, der alles vom Verlieben kennt bis zum Entlieben zwischen Mensch und Gott oder Gott und Menschm, das bei Navid Kermani einen mindestens ebenso großen Raum einnimmt wie das Verlieben.
Ob ein Mensch in seinem Leben glücklich wird oder zeitlebens auf der Suche bleibt, hängt vielleicht auch damit zusammen, wie sehr er von dem Vorschuss an Erfahrung, geliebt zu sein,zehren kann.
Spätestens hier ahnen wir, dass wir von der Liebe aber auch noch ganz anders und viel größer reden müssen als nur mit der Erinnerung an Herzklopfen, Schweißhände und zitternde Stimme.
Die Liebe der Eltern ist das Staunen über das Wunder und das Geschenk des Lebens.
Die Liebe in der Partnerschaft ist die Entdeckung, sich nicht allein genügen zu können und durch einen Partner, eine Partnerin sein ganz persönliches DU zu finden, ohne zugleich sein ICH aufgeben zu müssen.
Aber auch wer, wie immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft, nicht in Partnerschaft, sondern in Freundschaften und ansonsten allein lebt, ist getragen von der genauso wertvollen und lebensnotwendigen Erfahrung, in der Zuwendung und Zuneigung anderer aufgehoben zu sein.
Vielleicht haben manche in vergangenen Woche die Dokumentation von Nico gesehen, der, heute 27 Jahre alt, seit seiner frühen Kindheit an einer fortschreitenden Muskelschwäche leidet. Es wurde berichtet, wie sich seine Freundschaften seit seiner frühen Kinderzeit in Kita und Schule so entwickelt haben, dass seine Freunde ihn heute pflegen, aber auch mit ihm um die Häuser ziehen und ein vielleicht letztes mal mit ihm zusammen in den Urlaub nach Portugal fliegen und von dieser Freundschaft auf bewegende Art berichten. So sollte es doch eigentlich sein – war mein stilles Fazit.
So sollte es sein, sage ich, weil ich die ganzen anderen Geschichten auch kenne: Beziehungen scheitern, Freundschaften zerbrechen, Verletzungen heilen nicht wirklich, Enttäuschungen machen ängstlich und übervorsichtig, ja misstrauisch. Neid und Konkurrenz bestimmen das Miteinander und Kälte und Lieblosigkeit, Hass und Gewalt auf den Straßen, die vorher ja schon in den Herzen zu Hause gewesen sein müssen, scheinen  Alltagssprache zu werden jenseits der schöngeistigen Literatur, wo sich trefflich die große Liebe beschreiben lässt.
Die christliche Rede von der Liebe, die ja nicht nur eine Himmelmacht ist, die Rede von der Nächstenliebe, von der Feindesliebe, auch von der Selbstliebe, die erst Zuwendung zu anderen möglich macht, überfordert augenscheinlich und lässt Menschen ratlos und teilnahmslos zurück.
Wir dürfen nicht zu sehr überall den Fünfzehnjährigen suchen, der nie wieder so geliebt hat wie in dieser einen Woche.
Wer zu laut hinausposaunt, dass er doch alle liebt , immer wieder verwirrt ruft „aber ich liebe doch euch alle“ macht sich am Ende sogar lächerlich.
Ich liebe nicht alle, ich muss ehrlich zugeben, dass es Menschen gibt, die mir unsympathisch sind und bleiben, es gibt Personen, die kann ich nicht riechen, nicht ausstehen, egal wie sehr ich mich anstrenge. Da bin ich einfach machtlos, hilflos und wohl auch einem großen Missverständnis erlegen. Ich kann und soll nicht die ganze Welt und alle Menschen in mein Herz schließen, dass würde nur zu einem emotionalem Vakuum in mir führen, mich aussaugen und ausbrennen.
Ich darf die Sehnsucht nach der einen großen Liebe oder der Vertrautheit und Verlässlichkeit der Freundschaften oder der Zuneigung der Menschen, die Zeit meines Lebens oder zeitweise meine Wegbegleiter waren, weiter in meinem Herzen tragen. Hätten wir sie nicht mehr, gäbe es auch keine Hoffnung mehr.
Aber dann müssen wir den Kopf auch wieder frei bekommen und begreifen, dass es nicht die ganze Zeit um unsere Befindlichkeiten und Gefühle geht.
Wer Liebe auf ein Gefühl reduziert, tut ihr am Ende Gewalt an.
Liebe ist mindestens ebenso wie Herzklopfen eine Lebenshaltung und Einstellung.
Ich kann sie daran ablesen, wie Menschen einander begegnen: respektvoll, wertschätzend, Grenzen, auch Abstand respektierend.
Mit einem Blick für die Not, die offenkundig ist, und den Mut zu tun, was dagegen in diesem Augenblick getan werden kann: etwas zu Essen geben oder  etwas zu Trinken, etwas warme Kleidung und ein Dach über dem Kopf, hinschauen statt wegschauen, Menschen und nicht nur Fälle und Zahlen sehen, auch Grenzen ziehen und Eigenverantwortung anmahnen, aber nie alle über einen Kamm scheren und pauschal verurteilen oder verdächtigen, nach Ursachen und Gründen fragen und dort mit Lösungen ansetzen.
Das gilt in der großen Politik in diesen Tagen, wo ich nicht begreifen kann , wie Menschen glauben mit hassverzerrten Gesichtern, Gewaltbereitschaft gegen Menschen und dumpfen Parolen ohne Sympathie und Mitgefühl für Benachteiligte das christliche Abendland retten zu können.
Das gilt aber auch im Kleinen, wo oft mehr übereinander als miteinander geredet wird, und es viel leichter ist, überkommene Vorurteile zu pflegen, als sie in Frage zu stellen.
Haltungen und nicht so sehr Gefühle mahnt der Apostel an. Und dass wir nicht vergessen, dass all unsere konkreten Erfahrungen von Liebe nichts ohne die Grunderfahrung denkbar ist, dass Gott längst Ja zu uns gesagt hat, aber eben nicht exklusiv zu mir allein, sondern zu jedem Geschöpf, egal wann und egal wo, und deshalb kann es gar nicht anders sein, als Paulus es beschreibt für alle Fünfzehnjährigen und für alle Fünfzigjährigen und jedes andere Alter:
Liebe ist geduldig, Liebe ist freundlich. Sie kennt keinen Neid, sie spielt sich nicht auf, sie ist nicht eingebildet. Sie verhält sich nicht taktlos, sie sucht nicht den eigenen Vorteil, sie verliert nicht die Beherrschung, sie trägt keinem etwas nach. Sie freut sich nicht, wenn Unrecht geschieht, aber wo die Wahrheit siegt, freut sie sich mit.
Amen

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