Der Weg ist frei!

Die tollen Tage des Karnevals und der Fastnacht sind vorüber. Die gesperrten Straßen in Düsseldorf, Köln und Mainz sind wieder offen. Der Weg ist frei. Die Überbleibsel der Umzüge sind weg. Einige Führerscheine auch.

Die Fastenzeit hat begonnen. Eine Zeit, die in unserer Kultur ohne jeden Einschnitt abläuft. Um so beeindruckender finde ich es immer wieder, wenn einzelne in den kommenden Wochen Verzicht leisten auf unterschiedlichen Gebieten. Es wird nicht leicht für sie sein, sich von liebgewordenen Gewohnheiten zu lösen und der Versuchung zum Nachgeben zu widerstehen.

Vielleicht sind welche unter uns, die es seit Aschermittwoch mit der Brigitte Diät oder Jokebe versuchen. Ich für mein Teil lasse die Pfeife im Schrank und den guten Wein im Keller. Dann sind die Geschmacksnerven an Ostern wieder richtig sensibilisiert.

Wobei schon klar sein muss: Um solche Kleinigkeiten geht es hier nicht, wenn es heißt, Christus war versucht wie wir. Hier geht es um Wesentliches. Um Letztgültiges.

Weil einer der Versuchung erlag, kam Leid und Tod in die Welt, ging die Pforte des Paradieses für immer zu.

Weil einer der Versuchung widerstand, wurde der Weg in den Himmel für alle wieder möglich.

Wenn wir Versuchung hören, denken wir an Schokolade mit zartem Schmelz. Wir denken an Schecks und Scheine, mit denen Fifa Funktionäre winken, wenn Stimmen fehlen. An Chemiecocktails, nicht nachweisbar, mit denen Sportler ihre Bestzeit um ein paar Zehntelsekunden steigern können.

Man sollte erwarten, ein Bibelabschnitt zu diesem Thema wird uns eine schwarze Liste präsentieren. Eine Aufzählung aller Gebiete, wo die Gefahren drohen. Fehlanzeige. Hier wird nicht gewettert gegen das Böse und seine Auswirkungen. Es kommen auch keine Ratschläge und Rezepte, wie wir unsere guten Vorsätze ein klein wenig länger durchhalten:

Der Hebräerbrief macht es anders. Er zeigt uns Jesus. Er zeigt, wie groß Jesus ist. Was wir an ihm haben.

Wo ist Jesus jetzt gerade? Im Himmel. Was macht er da? Das läßt sich nur in Bildern ausdrücken. (V14 lesen) „der die Himmel durchschritten hat“. Dabei ist an den Tempelgottesdienst in Jerusalem gedacht. Da gingen die Priester durch verschiedene Zonen. Erst ins Heiligste, dann ins Allerheiligste. Da mußten sie durch zwei Vorhänge durch. Das durfte nicht jeder.

Ins Allerheiligste, also dorthin wo die Bundeslade mit den Tafeln der Gebote war und die Lade mit dem Cherubenthron. Dahin durfte nur der Hohepriester und auch das nur einmal im Jahr. Er brachte die Anliegen der Gläubigen vor Gott. Die Erwartung war, dass er das besser und wirksamer kann als die Normalsterblichen. Die hätten keinen Zutritt. Deren Anliegen bekämen ohne priesterliches Zutun keine Beachtung an höchster Stelle.

Mancher Asylbewerber, der sich durchkämpfen muss bei Behördengängen, kann das gut nachempfinden. Wer da ohne sprachkundige und vor allem selbstbewusste Begleitperson auftaucht, hat von vornherein schlechte Karten. Der wird leicht von oben herab behandelt oder gar nicht erst vorgelassen. Und die Akte landet ganz unten im Stapel.

Es ist ein Segen, wenn man einen Fürsprecher hat. Was damals die priesterlichen, speziell hohepriesterlichen Vollmachten und Aufgaben waren, sind in unserer Zeit Aufgaben eines Anwalts.

Ein Anwalt vertritt das Anliegen des Mandanten, der ihn beauftragt. Jesus war, als er hier auf Erden wirkte, Gottes Anwalt. Er hat Gottes Anliegen vertreten. Er war Gottes Sprachrohr, hat für Gott gesprochen, hat Gottes Anliegen der Liebe, der Versöhnung, der Gerechtigkeit vertreten.

Im Himmel hat Jesus jetzt eine andere Aufgabe. Er ist dein Anwalt. Genauer:
Er stellt sich als solcher zur Verfügung. Im Namen Jesu beten wir zu Gott. Das heißt wir bitten Jesus, daß er unsere Anliegen vertritt.

Normalerweise entstehen für einen erfolgreichen Anwalt hohe Kosten. Das können die Juristen bestätigen, die der VW Konzern angeheuert hat zwecks Schadensbegrenzung im Dieselgate Verfahren. Die lassen sich das gut bezahlen.

Hier ist es umgekehrt: Jesus bezahlt für dich. Jesus hat bezahlt, damit du freigesprochen wirst. Freigesprochen von dem, was du Gott schuldest an Treue, an Dank, an Erfüllung deiner irdischen Aufgaben. Was du deinem Nächsten schuldest an Zuwendung, an Respekt.

Es wäre fatal, ja lebensgefährlich, wenn du meinst: Auf diesen Anwalt kann ich verzichten, ich komme schon alleine klar.

Nun heißt es hier nicht bloß Jesus ist wie ein Hohepriester. Er ist viel besser. Schimmert da eine Kritik durch am Priestertum? Klingt ganz danach. Da liegt ja wirklich manches im Argen. Das hat auch diesmal wieder im Karneval Munition geliefert für manche Büttenrede. Der Bischof von Limburg ist längst versetzt, aber seine Amtsführung unvergessen. Es ist nicht bloß die Böswilligkeit der Atheisten, wenn sie bei ihrer Kritik am Christentum so gern die Geistlichkeit aufs Korn nehmen. Vieles ist da wirklich treffend beobachtet.
Es gibt in allen Konfessionen einen Typ Priester. Der zelebriert das vorgeschriebene. Der vollzieht den Ritus, aber immer mit Abstand zur Gemeinde, so wie der Altarraum etliche Meter und etliche Stufen Abstand hat von der Gemeinde. Er ist nicht wirklich bei den Gläubigen und für sie da. Ein unnahbarer Typ, ein kühler Zeremonienmeister.

Priesterlich agieren soll ja eigentlich ein Zubringerdienst sein. Der Priester nimmt den Gläubigen die Anliegen und Sorgen ab und bringt sie vor Gott. Immer ist dabei die Gefahr, in allen Religionen, dass sich das Amt verselbständigt. Und eine unnahbar entrückte Gestalt erzeugt. Ein Kirchenagent mit einstudierten Formeln und Riten. Über dessen wirkliche Gefühle und geistliches Leben, wenn es denn eines übt, nichts zu erfahren ist.

In der Bergpredigt ist dieser Berufsgruppe ein Spiegel vorgehalten. Da wird aufgezählt, wie diese Leute sich gern auf dem Markt grüßen lassen, bewußt lange Gebete verrichten und bei den Festtafeln die Ehrenplätze bevorzugen.

Jesus ist ganz anders. Er bleibt nicht vornehm-kühl-unbeteiligt-neutral. Wir haben einen Hohepriester, der mitleidet. Das ist um so unbegreiflicher, als ja ausdrücklich betont wird, er ist der Gottessohn. Wie sehr hat er sich erniedrigt, wenn er eingeht auf deine und meine Schwächen.

Wir haben in ihm einen Herrn, der versucht wurde. Versucht wie wir.

Ich sprach mit einigen meiner früheren Gemeinde darüber, was ihre großen Versuchungen sind. Viele der dabei aufgezählten Dinge kreisen um den Konsum. Es ist schwer, das Geld zusammenzuhalten. Es ist schwer, sich bei Essen und Trinken zurückzuhalten, wenn die leckeren Dinge nur einen Griff entfernt sind. Wahrscheinlich sind all diese Dinge noch gering verglichen mit den wirklich großen Versuchungen.

Der Reiz, die vom Schöpfer gesetzten Grenzen auszuloten, ja zu überschreiten, wie bei den Kloning-Experimenten. Die Versuchung zur Macht. Oder glauben wir wirklich, die Kandidaten für die höchsten Posten in München und Berlin wollen sich nur selbstlos für unseren Staat verdient machen Die Versuchungen spielen immer mit, auch bei unseren hehren Vorhaben.

Versuchungen sind starke Wünsche. Wir wollen etwas sein, etwas haben, etwas erreichen. Auf allen möglichen Wegen möchten wir bekommen, was uns reizt. Oft sind es Dinge, von denen wir wissen, es ist eigentlich nicht gut für mich. Wir kennen die Versuchungen und müssen uns überwinden, sie zu meiden. Der Alkoholiker die Flasche, der Messie den Flohmarkt, der Spieler den Rouletttisch. Diese Leute wissen: Hinter den Versuchungen lauert Abhängigkeit, Bindungen.

Christen wissen noch mehr darüber. Sie wissen: Hinter den Versuchungen steht eine dunkle Macht, die will uns in den Abrund ziehen. Es gilt also, auf die Versuchung vorbereitet zu sein. Wo andere einfach reinstolpern, oder sagen na und, das machen doch alle, da schreckt ein Christ zurück.

Denn für Christen ist Sünde nicht normal. Sie haben eine Antenne, ein Sensorium für Versuchung bekommen, als sie zum Glauben kamen. Wer sein Leben Jesus anvertraut und anfangen will, nach den Grundsätzen des Neuen Testaments zu leben, der merkt auf einmal, welch dämonische Kräfte hinter mancherlei Gewohnheiten stehen, die man bis dato als ganz normal angesehen hat.

Und wenn du es dann lassen willst, dann merkst du erst recht, welche Bindungen, welche Mächte dahinter stehen. Hinter der Versuchung steckt der Versucher. Du kannst es nicht lassen, weil er dich nicht lassen will. Sünde ist für Christen nicht mehr normal. Sie ist wohl alltäglich, weil wir dauernd damit zu tun haben. Aber nicht normal, denn wir wollen uns nicht daran gewöhnen.

Was sich geändert hat, seit man Christ geworden ist? Es ist der Kampf. Wenn du entschlossen bist, daß Jesus in allem dein Herr sein soll, dann meldet sich der Teufel. Er will einen zurück haben. Es ist die Unruhe, weil die Hölle aufgescheucht ist und Kopf steht, daß ein Eigentum der Hölle nun dem Herrn Jesus gehört. Deshalb gibt es überhaupt den Kampf in unserm Leben.

Einer hat gesagt: „Früher lief ich hinter der Sünde her, heute läuft sie hinter mir her!“ Sie läuft hinter uns her und versucht, uns zu Fall zu bringen. Dich persönlich, aber auch uns als Gemeinde. Satan will, dass eine Bastion und Festung Gottes in dieser verlorenen Welt geschwächt wird.

Jesus gibt uns die Kraft, in den Versuchungen zu bestehen. Wie er hier auf Erden so vielen Versuchungen widerstanden hat, gibt uns Ansporn. Die drei Versuchungen, von denen wir im Evangelium gehört haben, waren nicht die einzigen. Die Jünger z.B haben ihn manches Mal enttäuscht. Sollte er nicht lieber das Team wechseln, wie es die Bundesligatrainer tun, wenn ihre Mannschaft eine Negativserie hinlegt.

Schon Mose hat darüber nachgedacht. Als das Volk ums goldene Kalb tanzt, macht Gott ihm ein Angebot: Du kannst eine zweite Chance kriegen als Anführer eines besseren Volkes. Besser als dieser undankbare Haufens, der deine Verdienste nach ein paar Tagen Bergwanderung vergessen hat. Mose ließ sich darauf nicht ein.

Es heißt, Jesus war in allem versucht wie wir, doch ohne Sünde. Wir sind der Versuchung 100mal, ja 1000mal erlegen. Jesus nicht ein einziges Mal.

Er war versucht, die Stunden auf dem Berg der Verklärung auszudehnen. Ach ist das schön hier mit meinen drei besten, dem Petrus und den Jungs vom Zebedäus. Da verlängern wir mal ein paar Wochen. Was soll ich mich gleich wieder mit dem Rest rumärgern, dem Judas und seinem Römerhaß, dem Thomas mit seinen ewig gleichen Zweifeln. Versuchung bestanden.

Da waren die guten Ratschläge seiner Familie, komm zurück nach Nazareth, Mutter braucht dich jetzt. Versuchung bestanden.

Die Ratschläge von Petrus, was, leiden, das widerfahre dir nur nicht. Nicht nachgegeben, Versuchung bestanden.

Oder beim Brotwunder und nach dem Einzug. Jetzt ist die Gelegenheit, Herr.
Nutze die Begeisterung aus und räum die Quertreiber unter den Pharisäern beiseite, das Volk steht hinter dir. Nicht nachgegeben, Versuchung bestanden.

Wir haben noch nie eine Versuchung bis zum Ende durchgestanden. Entweder hat der Teufel uns vorher zur Strecke gebracht, oder aber Gott hat dem Bösen alles abgeschnitten. Wir werden nicht über unsere Kraft versucht.

Anders Jesus. Er wurde versucht mit allen Tricks, mit aller Gewalt des Teufels bis zu dem letzten Punkt. Und deshalb gibt es Versuchungen, von denen wir keine Ahnung haben, die kein Mensch jemals auf dieser Erde erfahren wird, weil keiner von uns so angefochten war wie Jesus selbst.

Darum darfst du wissen: Wenn dich wieder mal die Versuchung anspringt und will dich runterziehen. Dann sei gewiß, sie hat keine letzte Macht über dich, Jesus hat ihr die Spitze abgebrochen. Er leidet und kämpft da mit dir mit. Er weiß ja Bescheid. Er war schon in dieser Situation.

Nie wieder brauchst du klagen: „Mich versteht keiner!“ Doch, Jesus weiß Bescheid und kann mitfühlen. Mehr noch, er hilft dir überwinden.

Und wenn du trotzdem mal wieder Mist gebaut hast, darfst du wissen, du kannst zu ihm kommen mit deinem Versagen, auch dann noch, mit Zuversicht.

Das Wort „Zuversicht“ ist der Fremdkörper in diesem Beispiel vom Hohepriester im Tempel. Der Hohepriester ging nicht mit Zuversicht in den Tempel. Er ging mit Furcht und Zittern. Besonders, wenn sein Weg einmal im Jahr ins Allerheiligste führte. Er hatte kleine Glöckchen an seinem Gewand. So konnten die da draußen hören, ob sie bimmelten und der Priester noch lebte.

Eine jüdische Geschichte erzählt, wie man dem Hohepriester ein Seil um den Fuß gebunden hat. Falls ihm etwas zustoßen sollte, konnte man ihn an diesem Seil wieder aus dem Gefahrenbereich heraus ziehen. Man durfte ja nicht einfach zwei Sanitäter hinein schicken.

Weil Jesus alle Versuchungen bestanden hat einschließlich der letzten und schwersten am Kreuz, deshalb ist dieser heilige Bereich auf einmal für alle zugänglich. Wir dürfen uns Gott nahen. Jesus hat den Weg frei gemacht.

Nun dürfen wir zu Gott kommen, wie wir sind. Mit Zuversicht. Nicht ängstlich, gebückt, verzagt. Nein freudig, gern, oft, hin zu Jesus, wann immer dich nach seiner Nähe verlangt.

Und dann bist du gestärkt für den Alltag, wenn die Rückschläge kommen und der Satan dich lockt oder schüttelt.

Der schwedische Bischof Bo Giertz erzählt:

In einer Familie mit vielen Kindern war ein Junge, der konnte sehr heftig werden. Mit ihm gab es öfter Krach und Schwierigkeiten. Nun waren diese Leute bewußte Christen. Auch die Kinder waren im Glauben aufgewachsen. Sie wußten viel von Jesus und hatten ihn gern. Aber sie wußten auch von der Sünde und von dem Widersacher, dem Satan. Sie nannten ihn den Mogler, weil er der Betrüger ist, der immer lügt, alles verkehrt und versucht, uns mit seinen Lügen von Gott abzubringen.

Wieder einmal war etwas vorgefallen. Der Junge ging in sein Zimmer. , um mit Gott darüber zu reden. Die Mutter kommt vorbei. Die Tür ist nur angelehnt. Sie hört den Kleinen sagen: „Siehst du Mogler, und ich darf doch Gottes Kind sein!“

Das heißt vertrauensvoll vor den Thron der Gnade treten.

Zu dem Herrn, der mit allen Versuchungen fertig wird. Ihm können wir unsere Schuld und Schwäche bringen. Mit Zuversicht. Der Weg ist frei.

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