Leben in Freiheit und Verantwortung

Der für heute vorgeschlagene Predigttext steht im Brief an die Hebräer (Hebräer 4,14-16). Wir wissen heute nicht, wer diesen Brief geschrieben hat und an wen er genau gerichtet war.

Zu erschließen ist immerhin, dass er an eine oder mehrere Gemeinden gerichtet war, die ihren Ursprung im jüdischen Glauben hatten. Darum kann er sich auch auf jüdische Rituale beziehen und Kenntnisse jüdischen Glaubens voraussetzen.

So geht er mit seinen Leserinnen und Lesern in den Tempel. Die heiligen Hallen, in denen Menschen unterwegs sind, weil sie Gott Opfer darbringen wollen. Sie finden Priester, denen sie ihre Gaben anvertrauen, weil direkt mit Gott zu kommunizieren, das ging ja gar nicht.  Sie brauchten Priester und Hohepriester als Mittler zu Gott, der für das Volk nicht direkt zugänglich war. Ein Vorhang trennte Tempel und Vorhöfe. Hinter diesem Vorhang hatten nur die Priester etwas zu suchen. Sie durften im Opfer mit Gott kommunizieren.

Dass das alles nicht mehr sinnvoll ist, will der Autor den Menschen erklären. Darum schreibt er an sie:

[TEXT]

Zugegeben, was er da schreibt, klingt für uns heute theoretisch und weit entfernt. Aber für die Menschen, die seinen Brief gelesen haben, war es eine Befreiung. Wir brauchen keine Priester mehr zu bemühen, um Gott anzusprechen. Wir haben Mittler, einen Hohepriester: Jesus Christus. Er eröffnet uns einen direkten Zugang zu Gott. Nicht umsonst ist an Karfreitag der Vorhang im Tempel in zwei Teile zerrissen.

Opfer, mit denen wir Gott gnädig stimmen könnten, gibt es nicht mehr. Wir können Gott nichts Gutes tun und keine Leistung erbringen, die unsren Status verbessert. Wir können nur unser Leben leben und gestalten. Und wir können begreifen, was wir diesem Gott wert sind und darum unser Leben neu sortieren. Vielleicht sogar dahin kommen, dass unser Leben, weil wir Gott so viel wert sind, eine neue Richtung bekommt. Wir müssen unser Leben nicht verändern, um Gott zu gefallen. Wir können es verändern, weil wir Gott etwas wert sind.

Jesus ist nicht nur unser Weg zu Gott, er ist auch unser Vorbild und unser Bruder. In ihm ist Gott uns ganz nah gekommen. Und er war ganz Mensch, weil er versucht wurde wie wir und weil er gelitten hat. In ihm kann Gott leiden, er kann mitleiden, Mitleid empfinden. Gott ist nicht länger der ferne und Unnahbare. Er leidet an uns und mit uns. Er fühlt mit uns.

Wir brauchen keine heiligen Hallen mehr. Wir brauchen eigentlich auch keine Kirchen mehr. Zumindest nicht, um Gott zu begegnen. Vielleicht aber, um den Menschen zu begegnen. Sie wahrzunehmen als seine Geschöpfe, unsere Schwestern und Brüder, mit denen wir auf einem Wege sind. Mit denen wir auch gemeinsam mit Gott reden dürfen und gemeinsam über Gott reden dürfen. Mit denen wir gemeinsam schweigen können und gemeinsam handeln können.

Durch Jesus Christus können wir unsere Schuld Gott sagen und darauf vertrauen, dass er uns Schuld vergeben will. Wir können direkt reden, wir brauchen niemanden zum Vermitteln.

Ganz eindringlich lädt uns der Hebräerbrief dazu ein: Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis. Er macht uns Mut, immer wieder uns selbst zu pushen, uns selbst anzufeuern, dass wir diesen direkten Zugang zu Gott wirklich benutzen, um dann unser Leben zu gestalten. Vielleicht wollte das in anderer Weise auch Angela Merkel mit ihrem legendären ‚Wir schaffen das‘ – Mut machen, dass wir das, was wir können, auch tun. Uns anstacheln, das Gute zu tun.

Wir sind wie Jesus Christus: Wir werden versucht – da ist so Vieles, das unsrem Wissen und unserem Glauben an die Substanz will. Versuchung ist ja nicht nur die Schokoladentafel. Versuchung ist alles, was uns vom Weg mit Gott abbringt. Versuchung, das ist unser Streben alles selbst zu wissen, alles selbst zu erreichen, selbst ganz viel darzustellen. Versuchung, das sind unsere Phantasien von Macht und unsere Träume von Erfolg.

Viele Menschen begehen die Passionszeit als Fastenzeit ‚Sieben Wochen ohne’. Manchmal sind das Selbstversuche. Komme ich so lange ohne Süßigkeiten, ohne Alkohol oder Fernsehen aus? Das kann spannend werden und mir weiterhelfen in dem Bild, das ich von mir selber habe. Aber es ist nicht unbedingt das, was ich brauche. Ich brauche das Hinsehen auf Gott, der in Jesus Christus Mensch wird, der bereit ist zu leiden an den Menschen. Und ich brauche das Schauen auf mich, das ehrliche Hinsehen, wo ich unvollkommen bin, wo ich auch meinen eigenen Ansprüchen nicht genüge. Mich selber muss ich kritisch ansehen, nicht um mich runterzumachen, sondern um die Dankbarkeit zu bewahren, dass ich geliebt werde, so wie ich bin.

Jesus Christus – versucht wie wir. Ich lasse mich versuchen von Alkohol und Süßigkeiten, aber auch von bequemen Ausreden von billigen Fluchtwegen oder von der Faulheit mich den Anforderungen meines Lebens zu stellen.

Der Text benennt etwas, das wir längst haben. Wir müssen uns nicht darum bemühen, wir können es uns nicht verdienen: wir haben einen Hohepriester, der uns retten will.

Das könnte ein Grund sein, einfach loszugehen und unser Leben in die Hand zu nehmen. Ein bisschen rücksichtslos, ohne Rücksicht auf meinen guten Ruf und ohne Rücksicht, wie ich vor Gott dastehe. Weil Beides nicht entscheidend ist.

Entscheidend ist, dass ich mein Leben lebe, weil Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist und mich befreit hat. Darum kann ich leben in dieser Freiheit und in Verantwortung vor meinem Gewissen, zusammen mit Schwestern und Brüdern, die mit mir Gemeinde leben.

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