Sei mir ein starker Fels

Estomihi – sei mir ein starker Fels.

Ich brauche einen starken Halt, ein stabiles Fundament, wo so Vieles meinem Glauben an die Substanz will. Nichtchristliche Organisationen wie Pegida, die angeblich für den Erhalt des christlichen Abendlandes kämpft und deswegen Menschen gerne zu ihren Schlächtern zurück schicken möchte. Ich brauche einen Halt, um all dem, was mich und mein Bekenntnis kaputt machen will, zu widerstehen.

Eine Gesellschaft und eine Welt, in der christliche Werte immer mehr an Bedeutung verlieren, in der für Viele Christ sein nur heißt, Gott einen lieben Mann sein zu lassen. Da muss der Glaube schon stark bleiben.

Und dann schlägt mir die Predigtordnung einen Text der mich ermutigen will. Einen Text, den der Apostel Paulus an die Gemeinde in Korinth schickt, eine Gemeinde, in der auch Streit herrscht. Ihnen schreibt er, was das Wichtigste ist:

[TEXT]

Auch in Korinth gibt es das schon, dass Menschen einander eifersüchtig beäugen, dass sie miteinander streiten und nicht unbedingt nur die Wahrheit suchen.

Ihnen gibt Paulus einen Maßstab an die Hand, an dem sich alles messen lassen muss – die Liebe. Liebe heißt nicht automatisch alles gut und richtig finden. Aber Liebe heißt jeden Menschen freundlich anzusehen. Und mit ihm freundlich zu diskutieren, auch wenn er anderer Meinung ist und auch dann, wenn ich seine Meinung für falsch halte. Die Liebe kann unseren Umgang miteinander neu definieren.

Die Liebe erträgt alles, glaubt alles, hofft alles: Das klingt nach trotteligen und einfältigen Eheleuten oder Vorgesetzten, die gar nicht merken, wie sie hintergangen werden.

Oder es wird klar beschrieben, wer Jesus Christus für uns gewesen ist. Und damit wird auch darauf hingewiesen, dass, wer wirklich liebt auch immer an der Grenze steht. Für Jesus bedeutet das Leiden und Tod. Für seine Nachfolgerinnen und Nachfolger könnte es bedeuten, sich selbst zum Trottel zu machen. Liebe bleibt immer ein Risiko.

In seinem Bild vom Spiegel macht Paulus deutlich, wie ich in der Liebe wachsen kann: Wenn ich naiv in einen Spiegel schaue, wie die böse Königin im Märchen von Schneewittchen, dann bekomme ich auch nur die Antwort die ich hören will oder bekomme eine Essstörung, weil ich etwas sein will, das ich nicht bin. Wenn ich erwachsen hineinschaue, sehe ich meine Mängel und erkenne, dass ich an manchen arbeiten kann und manche akzeptieren muss. Und vielleicht erkenne ich im Lichte meiner Fehler auch die Größe der Liebe Gottes und die Größe der Liebe, die mir Menschen entgegenbringen.

Es gibt eine Entwicklung, ein erwachsen werden, das altersunabhängig ist, ein erwachsen werden im Glauben. So wie ich als Kind mich nur sehr ungenau erkenne und erst als Erwachsener mich meiner ganzen Wirklichkeit stellen kann, so ist es auch im Glauben: Erwachsen bin ich, wenn ich spüre, dass ich mich selbst noch nicht verstehe und trotzdem bei Gott erkannt und geborgen bin. Erwachsen bin ich wohl auch, wenn ich Gottes Liebe auch dann akzeptiere, wenn sie den Menschen gilt, die ich nicht leiden kann. Mein Leben besteht darin, dass ich immer mehr erwachsen werde, immer mehr Gott erkenne. Und immer mehr spüre, dass ich seine Gnade brauche, auch wenn ich mich noch so sehr bemühe, immer das Richtige zu tun.

Dieses sogenannte Hohe Lied der Liebe ist ein bekannter und beliebter Text zur Trauung, den ich dann auch gerne als Lesung benutze. Vielleicht auch gerade, weil es kein Text über die Liebe zweier Menschen ist, sondern über die Liebe Gottes, die uns in Jesus Christus erschienen ist und über die Liebe zueinander, zu der uns Jesus Christus Mut machen will.

Die Liebe ist eine Gabe – dass ich geliebt werde und dass ich lieben kann.

Diese Gabe dürfen wir leben und erleben. Vielleicht wird sie in der Paarbeziehung oder der Beziehung zwischen Eltern und Kindere besonders deutlich. Aber sie will unser ganzes Leben durchdringen unseren alltäglichen Umgang miteinander. In der Familie, im Beruf, in der Schule, in der Nachbarschaft, ja sogar im Umgang mit dem Finanzamt oder der Polizei.

In vorhergehenden Kapitel 12 geht es Paulus um die Wirkung der Gaben des Geistes. Alle Geistesgaben müssen sich einordnen unter der Liebe, sonst sind sie wertlos. Das Leben in der Gemeinde kann unter der Überschrift stehen: Liebe. Nicht dass einer gut predigen, gut beten, gut organisieren oder gut singen kann, ist entscheidend. Nur wenn ein Mensch Liebe hat, ergeben auch seine Geistesgaben Sinn, kann mir ihm die Gemeinde blühen. Wo es keine Liebe gibt in einer Gemeinde, da ist sie tot, auch wenn es viele Gruppen und tolle kulturelle Angebote gibt.

Alles menschliche Tun ist Stückwerk. Das muss ich erst einmal zugeben können. Paulus kann das. Gut wird mein Tun erst durch die Liebe.

Auffällig ist, wie Paulus besonders Stellung bezieht gegen Häme: Die Liebe freut sich nicht an Ungerechtigkeit. Schadenfreude zerstört Liebe.

In der Pädagogik weist man manchmal drauf hin, dass auch Fehler in Ordnung sind, wenn die Liebe von Eltern deutlich bleibt. Dieses Beispiel kann mich befreien. Ich mache Fehler, aber solange ich die Liebe habe, sind auch meine Fehler nicht entscheidend.

Die Liebe kann im Sinne dieses Sonntags Estomihi ein starker Fels sein, der uns allen hilft, miteinander Gemeinde zu leben.

Die Liebe aber ist das Größte: Drei Symbole stehen für Glaube, Hoffnung und Liebe: Kreuz, Anker und Herz. Ob das alle wissen, die sich damit schmücken. Vielleicht, wenn wir anfangen, das zu leben.

drucken