Sie werden lachen: die Bibel (Hebräer 4,12.13)

„Sie werden lachen: die Bibel!“ soll Bert Brecht auf die Frage geantwortet haben, welches Buch denn am meisten Eindruck auf ihn gemacht habe. Da hatte er gerade seine Dreigroschenoper veröffentlicht und feierte große Erfolge mit ihr. Dabei ist die Antwort alles andere als lächerlich, vielleicht unerwartet, allerdings  nicht wirklich überraschend, weil sich oft auch gerade die Kritiker der Religion und des Glaubens gut mit ihr, der Bibel, auskennen. Sie lassen gut und sachkundig mit sich über Gott und die Welt reden, allerdings ohne dann am Ende fromm zu werden.
Gar nicht zum Lachen fanden dagegen viele das Ergebnis einer Umfrage, welche Zitate denn wohl aus der Bibel und welche aus dem Koran stammen würden. Denn sie hatten alle gewalttätigen Anspielungen selbstverständlich dem Koran, alle Rede von Liebe und Barmherzigkeit selbstverständlich der Bibel zugeordnet und damit zu hundert Prozent daneben gelegen, aber gängige Vorurteile wunderbar bedient. Und wenn es mit der Bibel  immer  eindeutig wäre, dann würden sich nicht so viele über das rechte Verständnis und die rechte Auslegung entzweien.
Es gibt  genügend Christenmenschen, die ihre Bibel genau kennen und kritiklos mit ihr die Welt, das Leben, Menschen und ihre Verhalten deuten. Für Zweifel und für Fragen ist da kein Platz. Alles scheint eindeutig und „Klarheit“ und „Wahrheit“ sind gewissermaßen die Grundsätze ihres  evangelischen Schriftverständnisses.
Wie kompliziert es werden kann, haben wir am Montag abend hier in der Nikolaikirche gemerkt als es bei der Frage nach der einen Trauung für alle Paare, die eine gesetzlich geregelte, auf Dauer angelegte und auf Verantwortung beruhende Partnerschaft unabhängig von ihrer geschlechtlichen Orientierung eingehen wollen, vor allem darum ging, ob denn so etwas mit der Bibel geht oder ob sie nicht dieser Praxis eindeutig widerspricht. Es reicht nicht, genügend Bibelzitate für die eine  oder andere Position zitieren zu können. Ja, gerade die Wertschätzung („sie werden lachen : die Bibel) erfordert doch etwas mehr an intellektueller Bemühung um das rechte Verstehen. Denn Auslegung ist Arbeit!
Unser Predigttext hat eine hohe Meinung vom Gotteswort : es ist lebendig und kräftig und schärfer als ein zweischneidiges Schwert.
Dieses Bild hat mich schon als Kind beeindruckt. Durch die Schärfe der Schneidefläche lässt sich alles spielend leicht trennen, scheiden, zerteilen: das Gute vom Schlechten, das Wahre vom Falschen, das Richtige vom Verwerflichen. Und die Unentschiedenen gewinnen mit Leichtigkeit Klarheit über ihren Weg – dachte ich.
Und ich hielt das auch für gut evangelisch, denn schon Luther widerstand vor dem Kaiser und den Fürsten des Reiches mit der Überzeugung: nur wenn ich mit Argumenten der Schrift und der Vernunft widerlegt werde, will ich widerrufen: Klarheit und Wahrheit mit der Bibel in der Hand oder mit der Hand auf der Bibel. Für ihn waren Schrift und Vernunft Verbündete im Streit um und für die Wahrheit. Zumindest in dieser Überzeugung würde ich ihm uneingeschränkt bis heute folgen. Es ist vernünftig zu glauben und es lohnt sich, mit Vernunft und Verstand die Bibel zu lesen und das ist alles andere als lächerlich, sondern in höchstem Maße dienlich, nützlich und förderlich, will man Klarheit und Entschiedenheit für sein Leben gewinnen.
Aber es ist die Vernunft, die mich auch lehrt, dass die Bibel nicht nur Gotteswort sein kann, sondern auch Menschenwort ist. Ich kann mit ihr also nicht nur Wahrheit und Lüge voneinander trennen, ich kann mit ihrer vermeintlich so eindeutigen Wahrheit auch lieblos Menschen erschlagen, sie ausgrenzen, abstempeln, verurteilen, weil ich meine immer schon zu wissen, was Gott denkt und sagt.
Natürlich ist die Bibel Gottes Wort, weil Menschen in ihr von so vielen Erfahrungen berichten, in denen sie von Gott gerufen, gefordert, begleitet, auch gerichtet und wieder aufgerichtet werden. Und allein in diesen verdichteten Gotteserfahrungen ist Gott zu spüren und zu erleben, ergreift seine Wahrheit auch von meinem Leben Besitz, verändert mich, lässt mich nicht mehr los. Aber der Buchstabe, mit denen diese Erfahrungen festgehalten werden, kann Gott und sein Wort nie wirklich letztlich fassen. Er ist mit seinem Wort immer mehr. Im Menschenwort muss das Gotteswort immer erst gefunden werden.
Heilige Bücher versuchen sich oft dadurch Autorität zu verschaffen, dass sie behaupten, Abschriften oder Diktate der himmlischen Originale zu sein und so die absolute, nämlich göttliche Wahrheit zu repräsentieren. Ich finde diesen Anspruch so in der Bibel nicht, sondern lese, dass sie mir aufgibt das Göttliche gewissermaßen an den Früchten zu erkennen, der Wirkung nachzuspüren, zu erleben, dass Gottes Wort nicht vom Himmel fällt und einfach daliegt, sondern geschieht, sich ereignet, etwas mit mir macht und daran erkannt werden will.
Und so kann Gott dann auch durch Menschen, manchmal sogar durch Predigten sprechen, aber auch aus Liedversen oder dem Losungswort, obwohl es doch im Losungsbüchlein so ganz seines Kontextes beraubt, gleichsam entkleidet wurde.
Es gilt aber auch hier beinahe wie in der Werbung: zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie ihren … manchmal auch Arzt oder Apotheker, wenn es kluge und womöglich sogar Christenmenschen sind, vielleicht auch den Pfarrer, die Pfarrerin, aber ebenso auch ihren Nachbarn auf der Kirchenbank .
Werden sie misstrauisch, wenn einer zu selbstbewusst und selbstverständlich mit der Bibel in der Hand verkündet, wie es sich mit Gott und der Welt in Wahrheit verhält. Denken sie vielmehr daran, dass es Eindeutigkeit und Klarheit erst geben kann, wenn wir Gott von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen , sehen und gesehen werden. Bis dahin müssen wir fragen, ringen, diskutieren und über allem beten.
Fragen dürfen wir beispielsweise: was würde Jesus dazu sagen?
Für Martin Niemöller war diese Frage seit seinem neunten Lebensjahr die alles entscheidende Frage in allen strittigen Dingen: Und dann wurde er mit der Bergpredigt von einem kriegsbegeisterten Nationalisten, der er in jungen Jahren auch war, zu einem Bekenner deutscher Kriegsschuld, auch der Schuld der Kirchen und zu einem Friedensstifter und Versöhner in der Zeit des Kalten Krieges.
Eindeutig war für ihn nur die Einsicht aus Barmen: Jesus Christus ist das eine Wort Gottes, dem wir zu trauen und zu gehorchen haben.
„Was würde Jesus dazu sagen“ – das ist vielleicht einfacher zu verstehen als der reformatorische Grundsatz beim Bibellesen „alles was Christum treibet.“ Die Liebe ist das entscheidende Kriterium: die Feindesliebe, die Nächstenliebe und am Ende wie am Anfang auch die Liebe zu den eigenen engen Grenzen und mit den engen Grenzen, mit denen wir im Leben, Denken und Fühlen immer unterwegs sind.
Es reicht also nicht, einfach nur die Bibel aufzuschlagen und anderen ein Wort wie einen Brocken hinzuwerfen.
Soll das Wort Gottes Richter der Gedanken und der Sinne des Herzens sein, dann muss ich mich dafür öffnen, dass genau dies geschieht, meine Gedanken und mein Herz auf Empfang stellen und ihnen erlauben, in Frage gestellt zu werden und muss anfangen zu suchen, zu hören, zu studieren. Die Wahrheit ist selten ganz einfach. Gottes Wahrheit kann es gar nicht sein, weil er all mein Denken und Fühlen immer übersteigen wird. Aber miteinander kann man sich auf die Suche machen. Man kann den Umgang und die Hörbereitschaft üben. Tägliches Lesen ist wie das tägliche Sprechen einer mir eigentlich fremden Sprache, die ich erst noch erlernen muss. Auf die Übung kommt es an. Ich kann das alleine tun und mit anderen gemeinsam. Ich kann nachschlagen, wie andere etwas verstehen und nach eigenen Worten suchen. Und ich kann anfangen zu entdecken, wie sich in mir etwas verändert.
Augustin suchte lange nach seinem Weg zu Gott, bis eine kindliche Stimme ihn aufforderte: „nimm und lies“ . Er schlug die Bibel auf und las:
»Lasst uns ehrenhaft leben wie am Tag,
ohne maßloses Essen und Trinken,
ohne Streit und Eifersucht.
Legt (als neues Gewand) den Herrn Jesus Christus an«
Das war der Augenblick seiner Bekehrung, denn es hatte den Nagel auf den Kopf getroffen, sein bisherigen Leben treffend charakterisiert und den Ausweg gezeigt, es hatte ihn bildlich gesprochen nackt gemacht, ohne ihn zu zerstören.
Luther quälte sich im Kloster als Mönch auf der Suche nach einem gnädigen Gott und las mit einem Mal, als ob ihm die Augen erst aufgingen, im Römerbrief: die Gerechtigkeit Gottes wird in ihm, dem Evangelium offenbart!
Da sah er mit einem Mal den Himmel offen und all seine Fragen beantwortet und er war ans Ziel gekommen.
So kann das Wort der Bibel mit Lesern und Hörern etwas machen und mit einem Mal ist Gott kein stummer Gott mehr, sondern einer, der mit mir spricht und mir etwas zu sagen hat und mich nicht ständig im Nebel umherirren lässt.
Es tut einer Kirche auf der Suche nach ihrem Weg und ihrer Haltung immer gut, nie aufzuhören zu suchen und zu fragen, aber sie sollte sich hüten, zu meinen, sie hätte Gottes Wort schon immer und wüsste, was es sagt und tut, bevor es dazu die Chance bekommt
Gottes Wort geschieht überraschend und da ist scharf, manchmal auch verletzend, wenn es mich wachrütteln will, vor allem aber wegweisend, Wenn ich mich von der Liebe leite lasse, ist seine Kritik – das heißt nichts anderes als „scheiden, trennen“ – immer hilfreich, weil sie dem Leben dient und nie nur zerstörerisch ist.
Und es ist aktuell, ich darf es aus der Perspektive der Liebe, die Christus schenkt, auch zur Gegenwart befragen: sein Geist ist ein zeitgenössischer, Gottes Wort ist Zeitgeist, weil es die Kraft in sich trägt auch überkommene Wahrheiten in Frage zu stellen, Wahrheiten, die sich auch meinten mit gutem Recht auf dieses Buch berufen zu dürfen.
„Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau, denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ Unsere Gesellschaft und unsere Kirche ist immer noch dabei zu begreifen, was das bedeutet, dass Christus alle Unterschiede, von denen wir meinten, dass Gott sie macht, aufhebt.
Das ist die alles sprengende Kraft des Gotteswortes. Und davon wünsche ich uns in unseren Herzen und in unseren Händen, in unserem Reden und in unserem Handeln einen unerschöpflichen Vorrat!

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