Von dem lasse ich mir etwas sagen!

„Von dem lasse ich mir doch nichts sagen!“ „Von dem lasse ich mir doch nichts sagen!“, ist Ihnen, ist Dir dieser Satz auch schon mal doch den Kopf gegangen oder über die Lippen gekommen?

Ich gehe über die Kreuzung, da kommt ein Auto, das rechts abbiegen wil und hupt mich an. „Was will der denn? Von dem lasse ich mir doch nichts sagen!“

Wir sagen es, weil wir uns im Recht fühlen oder meinen, dass wir es besser wüssten. „War doch noch grün, als ich losgegangen bin!“ War es das wirklich? Oder ist der Autofahrer vielleicht sogar nur aus Versehen an die Hupe gekommen?

„Von dem lasse ich mir doch nichts sagen!“ Sagen wir manchmal, weil wir von dem anderen nicht viel halten. „Typisch Autofahrer!“ Oder ihm unterstellen, bei ihm läge eigentlich das Problem und nicht bei uns selbst. „Keine Ahnung vom Straßenverkehr! Lern mal Autofahren! Den Führerschein sollte man dir wegnehmen.“

Wie ein Moment, in dem wir plötzlich angehupt werden, sind auch manche Worte, die uns treffen. Sie schrecken uns auf, erschrecken uns, rütteln uns wach und lassen uns innehalten für einen Moment.

Da mache ich etwas und jemand sagt: „So geht das nicht!“ Da habe ich eine Meinung zu etwas und jemand sagt: „Wie kann man so reden, so denken!“ Da bewege ich mich in gewohnten Bahnen und jemand sagt: „Wieso ist das so?“

Worte, die einen aufschrecken lassen, einen manchmal sogar erschrecken, wachrütteln oder innehalten lassen für einen Moment.

Und dann? Was machen wir, was machen Sie, machst Du, mache ich, wenn so ein Wort trifft?

Was wir mit so einem Wort machen, hängt meist davon ab, wer es uns sagt. Wer da vor uns steht.

Wenn ich zum Beispiel etwas plane, mir meine Sachen zusammensuche und zusammenstelle, und jemand, den ich mag bzw. der mich mag, mein Partner, mein Freund oder wer auch immer zu mir sagt: „So geht das nicht!“, dann horche ich auf und höre hin, was er zu sagen hat, was er darüber denkt, was er vielleicht sogar für Vorschläge hat.

Wenn aber jemand kommt, der mir fremd ist oder den ich nicht mag oder der mir nicht besonders wohl gesonnen ist, dann reagiere ich zunächst meist skeptisch oder gar abwehrend, à la: „Von dem lasse ich mir doch nichts sagen!“

Oder wenn ich mir mein Bild von etwas gemacht habe und jemand hat ein anderes Bild von der Sache, sagt: „Wie kann man nur so reden, so denken!“ Dann fange ich, wenn es ein Mensch ist, dem ich freundlich oder gar freundschaftlich gegenüberstehe, an, mich mit ihm und seinen Gedanken auseinanderzusetzen, lasse ich mich auf ein Gespräch ein. Kommen diese Worte aber von einem, den ich nicht weiter kenne oder von dem ich nicht viel halte, dann nehme erstmal eine abwehrende Haltung ein oder reagiere vielleicht gar nicht erst auf seine Worte, schalte auf Durchzug.

Gleiches gilt für Worte, die meine Gewohnheiten hinterfragen. Kommen sie von jemandem, über den ich positiv denke, fallen sie auf guten Boden bei mir. Kommen sie von jemandem, dem ich eher negativ gegenüber eingestellt bin, fahre ich dieses oder jenes Schutzschild hoch.

Das Schutzschild: Ich hör gar nicht erst zu. Lass mich nicht treffen von den Worten. Ins eine Ohr rein, aus dem andern hinaus. Oder das Schutzschild: Ich weiß es ohnehin besser. Oder das Schutzschild: Eigentlich meint der gar nicht mich, sondern sich selbst. Er hat ein Problem mit der Sache. Ich doch nicht! Oder das Schutzschild: Der meint es ja eigentlich gar nicht so, wie er es sagt. Oder gar das Schutzschild: Ja, was der da sagt, trifft genau auf xy zu. Und blende ganz aus, dass eigentlich ich gemeint bin.

Schutzschilde, die auf den Punkt gebracht, nichts anderes bedeuten als: „Von dem lasse ich mir doch nichts sagen!“ So oder so ähnlich können wir es an uns selbst beobachten, wenn Menschenworte uns quasi anhupen.

Und wie ist das mit Gottes Wort? Wie reagieren wir, wenn Gottes Wort uns anhupt? Gottes Wort ist ja nicht immer nur freundlich und lieb, nicht immer nur aufbauend, tröstend, ermutigend, sondern eben auch oft wie eine Hupe, die uns aufschrecken lässt oder eben so, wie es im Hebräerbrief beschrieben wird, im 4. Kapitel, dem Predigttext des heutigen Sonntags: „Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.“

Gottes Wort, lebendig und kräftig und schärfer als ein zweischneidiges Schwert. Ein durchdringendes Wort, ein richtendes, das ein Urteil spricht, das beurteilt, was in unserm Herzen, in unserm Geist und unserer Seele vor sich geht.

Wenn wir hören, dass Gottes Wort so ist, so sein kann, was löst das aus in uns, in Ihnen, in Dir und mir?

Unbehagen, Abwehr oder Vertrauen, Hoffnung oder gar Gleichgültigkeit?

Der eine oder andere von uns macht sich vielleicht auch Gedanken darüber, was Gottes Wort eigentlich ist.

Ist es das, was in der Bibel steht? Der eine sagt: Ja. Im Großen und Ganzen schon. Der andere: Aber das sind doch nur Worte, aufgeschrieben von Menschen, die ihre Erfahrung mit Gott gemacht haben. Und wenn ich historisch und exegetisch kritisch an die Sache rangehe, dann bleibt da nicht viel Göttliches übrig. Ein Schutzschild, so zu denken? Oder ist da was dran?

Es ist wirklich nicht einfach, zu sagen: Dieses oder jenes ist Gottes Wort, selbst für mich als Theologen nicht.

Lese ich die Propheten, aus deren Mund kommt: „So spricht der Herr…“, dann kann ich sagen: So wird es wohl gewesen sein oder aber auch: Da haben Menschen Gott ein Wort in den Mund gelegt. Sehe ich auf Jesus Christus, dann kann ich sagen: Er ist das menschgewordene Wort Gottes. Was er gesagt und getan hat und was mit ihm geschehen ist, ist Gottes Wort in Person, zum Begreifen. Oder aber ich kann sagen: Was ich in der Bibel über Jesus lese, haben doch auch nur andere über ihn berichtet und jeder hat es so geschrieben, wie es in seiner Situation angemessen war.

WAS Gottes Wort ist, das ist oft nicht einfach herauszufinden. Aber wie es wirkt und was es macht, das kann ich deutlich aus dem herauslesen, was in der Heiligen Schrift, der Bibel, steht. Gottes Wort ist nie etwas nur so Dahingesagtes. Gottes Wort ereignet sich, es geschieht, es ist in Bewegung, eben lebendig und kraftvoll, wie es auch der Hebräerbrief beschreibt.

Wo Gott spricht, da werden Blinde sehend und Taube hören wieder. Auch wir? Wo Gott spricht, da entsteht etwas: Himmel und Erde. Auch meine Welt? Wo er spricht, da werden Tote lebendig. Auch ich?

Doch es ist kein Automatismus, dass all das geschieht, sich ereignet, wenn Gottes Wort mich trifft. Denn er hat mich als Partner geschaffen. Als Mensch mit freiem Willen. Als einen, der die Ohren anklappen oder seine Ohren spitzen kann.

Wenn ich höre, wie Jesus zum Beispiel sagt: „Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut (Mt 6,3).“ Was macht das dann mit mir? Geschieht da Gottes Wort in mir? Fällt es auf guten Boden in mir oder fällt es nur einfach auf meinen Weg und ich laufe drüber, zertrete es oder überlass es anderen,es zu zertreten? Weil ich meine, es besser zu wissen: „Na, das ist ja wieder die XY-mafia, die da die Hand aufhält. Oder: Der versäuft das ja doch nur. Und und und…

Oder wenn ich ein durchschnittlicher Christ bin, mal an Weihnachten oder sogar Ostern in die Kirche gehe, meine Kinder taufen lasse und sie zur Konfirmation schicke, und in meinem Leben damit beschäftigt bin, meine kleine Welt am Laufen zu halten, es mir selbst und denen um mich herum angenehm und bequem zu machen und höre dann, wie Jesus sagt: „Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert (Mt 10,38).“ Was passiert dann in mir?

Werde ich das Wort in mir tragen, an Gott festhalten, wenn das Leben dann doch noch so manch unschöne Überraschung für mich bereithält oder hat mein Glaube, mein Vertrauen in Gott keine echten Wurzeln schlagen können, weil ich zu selten meine Ohren aufgespannt habe, um zu hören, was Gott mir sagen will, so dass sein Wort bei mir wie auf Felsen fällt, wo es verdorrt?

Oder was ist zum Beispiel, wenn Gottes Wort mich erreicht, wenn Jesus sagt: „Nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, werden in das Himmelreich kommen, sondern die, die den Willen meines Vaters im Himmel tun. (Mt 7,21)“ Werde ich diesem Wort Raum geben, mich nach ihm ausrichten, mein Leben daraufhin ausrichten, auch wenn dieses Leben so viel von mir fordert oder lasse ich dieses Wort langsam ersticken wie Dornen der aufgehenden Saat Sonne und Luft nehmen?

Gottes Wort, wo es mir geschieht, in mein Leben fällt, wie ausgesäter Samen – es ist nicht immer nur freundlich und lieb, nicht immer nur aufbauend, tröstend, ermutigend, sondern eben auch oft wie eine Hupe, die mich aufschrecken lässt oder eben wie ein zweischneidiges Schwert.

Doch auch wenn es mir durch Mark und Bein geht, Herz, Geist und Seele durchdringt und mein Gewissen zwickt und zwackt: Es schneidet sauber, denn es ist scharf, schärfer als ein zweischneidiges Schwert. Gottes Wort richtet kein Blutbad an mit ausgefransten Wunden. Gott knallt mir nichts vor den Latz und lässt mich dann im Regen stehen, sondern sein Wort schneidet wie ein Skalpell, sauber und glatt.

Was es wegschneiden will? All das, was mich daran hindert, heil zu sein, ganz zu sein. Gott trennt die Tat vom Täter, die Sünde vom Sünder, damit mein Leben hundertfache Frucht bringen kann. Weil er uns Menschen liebt, Sie und Dich und mich.

Ich kann die Ohren einklappen, Schutzschilde auffahren und denken: „Von dem lasse ich mir doch nichts sagen!“ „Mit mir ist alles in Ordnung!“ Das ist dann ungefähr so, als hätte mir mein Arzt gesagt, ich sei schwer krank und müsste dringend operiert werden, gehe dann aber nicht wieder hin, geschweige denn lasse mich anständig behandeln, wehre also ab, weil mir bei der ganzen Sache unbehaglich ist.

Oder aber ich betrachte Gott als einen, der mir wohl gesonnen ist, einen der mich mag, mir freundlich und freundschaftlich begegnet. Vertraue auf seine Diagnose, seinen Richterspruch und hoffe, dass es gut mit mir werden wird mit seiner Hilfe. Oder anders gesagt: Habe Ohren und höre. Und sage: „Doch! Von dem lasse ich mir etwas sagen!“

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