Messerscharfes Evangelium

Die Gnade, die in Jesus Christus offenbar wurde,
und die Liebe, die Gott schenkt,
und die Gemeinschaft, die der Heilige Geist stiftet,
sei mit euch allen. Amen

Wochenspruch:

Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht.(Hebr. 3, 15) „verhärtet“(Menge Übs), „verschließt euch seiner Rede nicht“ Neue Genfer Übs.)

Hebräer 4, 12 f.

12 Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. 13 Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen. (Luther-Übers.)

Liebe Gemeinde,
man muss schon genau hinhören, um aus diesem messerscharfen Gotteswort das Evangelium, die Frohe Botschaft, herauszuhören. Denn dieses Predigtwort, das ist schon der Hammer, pardon: das Schwert, Dass man sich hier innerlich duckt – das verstehe ich. Und dass Gottes Wort mit einem zweischneidigen Schwert verglichen wird, kann einen  erschrecken. Ein Schwert, das ist eine Angriffswaffe, bedrohlich, verletzend, mitunter tötend – und niemals heilend. Da nützt es auch nichts, wenn ich mir das Schwert verkleinert vorstelle, es in Gedanken immer kleiner werden lasse, bis daraus ein handliches Skalpell wird, das Leben rettet.

Es bleibt ein ungutes Gefühl bei dem Gedanken von einem Schwert, das durch Mark und Bein, durch Geist und Seele geht. Ich komme mir verletzlich vor. Auch bedroht. Und der Gedanke, bloßgestellt, bis ins Innerste aufgedeckt und entlarvt zu werden, das hat nichts mit meinem Hoffen auf Gott zu tun. Eine zweischneidige Sache, dieses zweischneidige Schwert. Zweischneidig im Sinne von doppelbödig, zweideutig, ambivalent.

Zweideutigkeit in Glaubensdingen, das ist kontraproduktiv. Zweideutigkeit, ein Sowohl als Auch in Glaubensdingen, das verunsichert mich. Was soll ich mit einer Botschaft, die je nachdem, Trost oder Drohung sein kann, Liebe oder Ablehnung, Hoffnung oder Auswegslosigkeit. Oder liegt hier ein Missverständnis vor? Und es verhält sich ganz anders?

Vielleicht ist das Einschüchternde hier so wenig bedrohlich wie, sagen wir, das Auftreten eines göttlichen Boten, eines Engels, in der Bibel. Die Engel mussten bekanntlich die Menschen zunächst oft beruhigen: „Fürchtet euch nicht!“ Wenn Gott auf den Plan tritt, ins Leben eines Menschen eintritt, gehen damit nicht selten Gefühle von Furcht und Zittern einher. Die Bibel weiß an vielen Stellen davon zu berichten.

Schauen wir nochmals etwas ruhiger hin. Und halten wir Ausschau nach dem Evangelium in diesem verstörenden Wort.

„Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig (gr. energäs, voller Energie, die Energie selbst, steht da im Original), und viel schärfer als selbst ein zweischneidiges Schwert.“

Warum ist dem Hebräerbrief dieser Hinweis wichtig? Ja, warum nur wird betont, dass Gotteswort so voller Energie sei, warum nur hat es solche erschreckende Kraft? Weil, so ein kluger Kommentar, den 1. Timotheusbrief zitierend, weil „Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (1. Tim. 2, 4). Das leuchtet mir ein. Erkenntnis und Wahrheit, das gehört zusammen. Ohne Erkenntnis, oft schmerzhafte Erkenntnis, ist Wahrheit nicht zu haben. Erkenntnis deckt auf, ent-deckt etwas, was heilsnotwendig ist. Das griech. Wort für Wahrheit (a-letheia) heißt übersetzt: das Aufgedeckte, nicht mehr Verborgene. Gott will uns helfen, und dazu muss manches aufgedeckt und entdeckt werden. Ein Chirurg operiert auch nicht unter der Bettdecke, wenn Sie diesen schiefen Vergleich gestatten, Gott ist es, der Mensch und Welt erkennt, durchschaut, und manchmal eben auch den Finger auf die Wunde legt… “Es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes (V. 13).

Wie, lb. Gd., soll uns denn geholfen werden, wenn wir in höchsten Nöten sind, oder in harmloser Selbstzufriedenheit unsere Verantwortung verschlafen, wenn unser Gott nur ein guter alter Mann wäre, der uns wissen ließe: „Seid umschlungen Millionen“ oder „Seid nett zueinander“.

Wie sollten wir und unsere leidgeprüfte Welt denn zu der „Ruhe der Kinder Gottes“ kommen, von der unser Hebräerbrief an anderer Stelle immer wieder spricht, wenn wir nicht einen Heiland hätten, einen Helfer (gr. therapeutäs), der den Kern der Sache, den wunden Punkt in unserem Leben und Zusammenleben nicht ebenso scharf  treffen könnte wie ein erfahrener Therapeut, der uns manchmal auch die Wahrheit über uns selbst zumutet?

Wie sollte sich denn in unserem Leben, in unserer Welt etwas zum Guten verändern, wenn das Wort Gottes nicht die tiefsten und dunkelsten Beweggründe unserer Gedanken und Sinne einschneidend treffen und verändern könnte? Wer daran nicht glauben mag, wer dafür nicht zu beten wagt, der würde in der Tat „billige Gnade“ (Bonhoeffer) predigen. Der verkündete einen hilflosen, machtlosen Gott mit einem „ewigen Konto von Nachsicht und Geduld“, (ders.), der im Grunde für uns nichts verändern kann.

 

Nun aber, liebe Gemeinde, ist das Wort Gottes, das einschneidende, klärende, die Wahrheit über uns aufdeckende Wort Gottes kein anderes Wort – als das Wort der Liebe. Das missverständliche Bild vom zweischneidigen Schwert trifft hier völlig daneben., Dieses Wort Gottes, das einen Namen hat und Jesus Christus heißt, ist nicht Schlag-Wort, Droh-Wort, sondern Grund und Garant unsers Vertrauens, gerade auch dann, wenn es uns schonungslos wissen lässt, was mit uns los ist.

Denn Jesus Christus, das ewige Wort Gottes, schlägt nicht zu, er entwaffnet, er entkrampft und vermenschlicht. Er deckt auf, um so zu heilen. Und motiviert gerade so zum Neuanfang –je tiefer er bei uns eindringt mit seinem Wort von der Gnade und Wahrheit In der Taufe ließ er uns wissen: „Ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen – du bist mein“.. Und dabei bleibt er, lebenslänglich, ewig. Es gibt kein anderes Evangelium!

Wenn uns also jemand einflüstern will: Du bist verloren, bist verdammt – Und wäre es das eigene unruhige Herz – So wollen wir dieser Stimme keinen Glauben schenken. „Denn das Wort Gottes ist lebendig (e. neuer Gedanke) und kräftig“ haben  wir gehört. Lebendig, d. h. nicht tot, es lebt noch, es gibt es noch. Noch heute ist es unterwegs und zeugt vom lebendigen, ewigen, uns liebenden Gott. Noch heute kann es sein, dass es uns, anspricht, trifft, auf uns triff, bei uns ankommt.

Vielleicht haben Sie das ja schon selber einmal erfahren, liebe Gemeinde. Vielleicht hat Sie auch schon einmal ein Wort der Schrift, Gottes Wort, unvermittelt angesprochen. Wo Sie sagten, wußten: das gilt jetzt mir. Das gilt jetzt gerade mir in meiner jetzigen Lebenssituation.

Das kann uns geschehen mit Worten, die wir schon hundertmal gehört haben und plötzlich geht uns der Sinn, ganz anders als bisher gedacht, auf, erklärt mir etwas, tröstet mich, eröffnet mir Zukunft.

Gottes Wort, lebendig und kräftig. Ob beim Bibellesen, Predigthören, ob beim plötzlichen Aufleuchten des alten Konfirmations- oder Trauspruches, immer wieder trifft uns  das Wort Gottes, energiegeladen, so dass wir es wahrnehmen.

Und es uns verändert: Aus Unsicherheit wird Gewissheit, aus Verzagtheit Trost, aus Lähmung Bewegung. Und wie es Ihnen vielleicht schon ergangen ist, ist es schon anderen Mitchristen ergangen. Es fehlt in der Kirchengeschichte nicht an eindrücklichen Beispielen.

Habe ich bisher eher allgemein über das lebendige und kraftvolle Gotteswort gesprochen, möchte ich zuletzt, liebe Gemeinde, ein Beispiel bringen, an das ich sofort denken muss, wenn von Gottes lebendigem Wort die Sprache ist.

Ich denke an die eindrückliche Biographie einer unserer größten Kirchenlehrer. An Augustinus. Von seinen tiefsinnigen Schriften nähren sich noch heute Generationen von Theologen und auch Nichttheologen. Er starb 430.

Augustinus war ein leidenschaftlicher Mensch. Leidenschaftlich sowohl in seiner Wahrheitssuche, als auch leidenschaftlich im Umgang mit dem anderen Geschlecht. Bevor er Christ wurde, war er, der aus der röm. Provinz Numidien in Nordafrika stammte,  Professor in Mailand – Philosophie, Rhetorik, er war ein berühmter Lehrer. Aber er war nicht „satt“, trotz aller Erkenntnis, viel Anerkennung – er spürte ein Gefühl des Mangels. Zwar kannte er die christlichen Schriften, besonders die des Apostels Paulus, aber irgendwie erreichten sie ihn nicht. Bis zu jenem Tag, als ein Wort Gottes bei ihm einschlug wie der Blitz, das lebendige Wort Gottes, es ging ihm durch Mark und Bein. Wir wissen von dieser Begebenheit, denn er hat sie aufgeschrieben in einem Buch, das ich unbedingt mit auf die Insel nehmen würde, sie wissen ja… Dieses Buch heißt im lat. Urtext „Confessiones“, was man übersetzten kann mit „Bekenntnisse“, aber auch mit „Geständnisse“. Unter dem Titel „Die Bekenntnisse des Augustinus“ ist es in die Literaturgeschichte eingegangen.

Bevor ich Augustinus selbst zu Wort kommen lasse, erkläre ich kurz die Szene dieses großen Erlebnisses. Es war im Jahr 386, Augustinus gerade 32 Jahre alt und lebte auf einem Landgut in der Nähe Mailands. Dorthin zog er sich oft zurück, zum Forschen und Studieren. Mit ihm Freunde, sein unehelicher 10 jähriger Sohn und seine Mutter, die Hl. Monika – schon lange vor ihm Christin geworden und inbrünstig für den Sohn betend.

Er ist in einer Existenzkrise. Er spürt: er wird nicht satt, etwas Wesentliche fehlt ihm. Tränen der Verzweiflung fließen. In dieser Seelenverfassung müssen wir uns Augustinus vorstellen, wenn er nun schreibt . (Zum besseren Verständnis: Manchmal spricht er in seinem Bericht Gott direkt an, manchmal uns, die Leser). Hören wir also von dieser berühmten Gartenszene, irgendwo in der Nähe von Mailand:

„Ich warf mich unter einen Feigenbaum zu Boden… Und ließ den Tränen ihren Lauf, und Ströme brachen aus meinen Augen, und vieles sagte ich dir, (Gott), nicht in Worten, aber in diesem Sinne: ‚Und du Herr, wie lange noch? Wie lange noch Herr ? Ach denke doch nicht mehr unserer alten Missetaten‘. So sprach ich und weinte in der bittersten Zerknirschung meines Herzens. Da, auf einmal, hörte ich aus dem Nachbarhaus die Stimme eines Knaben oder Mädchens, einen Singsang, immer wieder: ‚Nimm es , lies es, nimm es, lies es…‘(tolle, lege…). Augenblicklich machte ich andere Miene, …ich hemmte die Gewalt der Tränen und stand auf: ich wusste mir keine andere Deutung als dass mir Gott befehle, das Buch zu öffnen und die Stelle zu lesen, auf die ich zuerst träfe…“ (Er las vorher im Römerbrief, aber ohne innere Bewegung, oder Berührung). „ So ging ich an den Platz, an dem ich das Buch des Apostels hingelegt hatte und las still für mich den Abschnitt, auf den zuerst mein Auge fiel: (Römer 13, 13) ‚Nicht in Schmausereien und Trinkgelage, nicht in Schlafkammern und Unzucht, nicht in Zank und Neid, vielmehr ziehet an den Herrn Jesus…‘ Weiter wollte ich nicht lesen, und weiter war es auch nicht nötig. Denn kaum war dieser Satz zu Ende, strömte mir Gewissheit als ein Licht ins kummervolle Herz, dass alle Nacht des Zweifelns…verschwand“. Wir (sein Freund Alypius und er), wir gehen hinein zur Mutter, sagen‘s ihr: sie freut sich. Wir erzählen, wie alles herging: Sie jubelt und frohlockt, und immer wieder pries sie dich, ‚der du mächtig bist, mehr zu tun, als wir erbitten und erdenken“.

Soweit, liebe Gemeinde, die Schilderung des Augustinus‘, den Bericht seiner Begegnung mit dem lebendigen und energetischen Wort Gottes.

Und es stimmt ja, auch hier: Man muss schon genau hinhören, um auch hier aus dem messerscharfen Wort Gottes die Frohe Botschaft, das Evangelium, herauszuhören. Ja, das Wort Gottes ist lebendig, die Energie selbst, und manches Wort ist ein „Richter der Gedanken und Sinne des Herzens“ (V. 12).

Aber es heilt. Führt zur Ruhe. Es führt zu dem, wessen wir so sehr bedürfen, es führt uns zu Wahrheit und: Gnade.

Deshalb, wenn wir heute, oder morgen, wann immer, seine Stimme hören, wollen wir unser Herz nicht verschließen. Amen.

[Predigtlied: EG 578, 1-5 (Walte, walte…)]

drucken