Goldene Hochzeit der Liebe

Liebe Gemeinde,

heute ist der Tag der „Goldenen Hochzeit“ von Gertrud und Hans.
Ein Dialog.

Gertrud:
Eigentlich ist doch heute ein Tag wie jeder andere. Hans ist wieder vor mir aufgestanden. Er kocht Kaffee und deckt den Frühstückstisch. Das macht er schon seit Jahren so, seit er auf Rente ist. Ich finde, das ist ein feiner Zug. Ich komme doch immer so schwer aus dem Bett. Ohne Kaffee springt mein Diesel einfach nicht an.

Heute ist der Tag unserer „Goldenen Hochzeit“. Wir haben abgemacht, dass wir kein großes Brimborium darum machen wollen. Also, ich bleibe noch ein bisschen liegen. Harre der Dinge, die da kommen. Es ist doch eigentlich ein Tag wie jeder andere, oder?

Hans:
Kein Brimborium will se haben, die Gertrud! Als ob das ein Tag wäre, wie jeder andere! Also, manchmal ist sie doch schon schrullig. 50 Jahre sind wir heute verheiratet, das ist doch was! Wer schafft das heute noch! Nee, so ganz ohne was, das geht nun gar nicht. Nachher kommen die Pfarrerin und der Bürgermeister. Die Nachbarn natürlich auch. Also, ein Tag wie jeder andere ist das ganz und gar nicht.

Ob sie wohl jetzt aus den Federn kommt? Sollte ich nochmal nach ihr schauen? Ich liebe es, ihr beim Schlafen zuzusehen. Sie sieht so…… ja wirklich, sie sieht so süß aus, wenn sie schläft. Fast wie früher.

Gertrud:
Wie alt wir geworden sind! Gestern standen wir nebeneinander vor dem Spiegel. In Gedanken hab ich unser Hochzeitsbild gesehen. Ich suchte nach Spuren unserer früheren Persönlichkeiten.

Hans hat ein sehr scharfkantiges Gesicht bekommen. Seine Haare sind einem breiten Scheitel gewichen. Die Schultern hängen ein bisschen. Wenn er geht, zieht er das linke Bein etwas nach. Die Hüfte – ja, er wird nächstes Jahr ein neues Hüftgelenk bekommen. Nein, er ähnelt dem jungen Mann von damals kaum mehr. Unmerklich hat er sich verändert, im Laufe der Jahre.

Und ich? Oje, ich will es gar nicht wissen. Es sind nicht nur die Falten im Gesicht. Es ist der ganze Körper, die Haare, einfach alles. Und trotzdem, er mag mich immer noch. Er sagt es mir des Öfteren. Er zeigt es mir jeden Tag mit kleinen Berührung oder einem Lächeln. Das hat was, gemeinsam alt werden, das hat was.

Hans:
Früher flogen bei uns die Fetzen. Ich weiß gar nicht mehr genau warum. Wir haben uns so viel gestritten. Einerseits ging es um die Kinder, andererseits um das Geld – es fehlte einfach an allem. Manchmal wussten wir nicht weiter und schon war der heftigste Streit im Gange. O-Man, wir waren aber auch zwei Hitzköpfe. Und dazu meinte ich damals noch, mich als Mann durchsetzen zu müssen. Wenn ich etwas erreichen wollte, habe ich mit Menschen- und Engelszungen geredet. Aber da war ich bei ihr an der falschen Adresse. Sie hat nicht klein beigegeben, nicht meine Gertrud.

Und wie engagiert sie sich für uns eingesetzt hat. Für die Kinder hat sie mit den Lehrern gestritten. Mit den Behörden hat sie für unser Haus gekämpft. Sie hatte Feuer in der Seele, immer schon. Dafür habe ich sie geliebt und dafür liebe ich sie noch heute.

Gertrud:
Ja, wir hatten schwierige Zeiten. Ich hab mich manchmal so allein gefühlt. Hans ließ mich immer alles machen. Er hüllte sich in adliges Schweigen. Und dann gab es die Zeit, wo ich mich selbst aufgegeben hatte. Ich funktionierte nur noch und kämpfen mochte ich auch nicht mehr. Ich fühlte mich wie ein verlöschendes Licht. Ich fühlte keine Liebe mehr, nicht für die Kinder, nicht für ihn, nicht für mich. Er konnte nichts dafür, aber irgendwie doch.

Wir hätten uns damals beinahe verloren. Es ist wohl nur seiner brandenburgischen Sturheit zu verdanken, dass wir das überstanden haben.

Hans:
Ich erinnere mich noch immer gut an unsere kirchliche Trauung. Gertrud hatte gegen den Willen ihrer Mutter ein weißes Kleid nach der neuesten Mode gekauft. Es ging gerade mal bis über die Knie. Dazu trug sie ein keckes Hütchen, sie sah so bezaubernd aus. Hi Hi, dem Pfarrer konnte ich ansehen, er hätte uns am liebsten aus der Kirche gejagt. Gertrud konnte diesen abschätzigen Blick so köstlich nachmachen. Bis heute brechen wir jedes Mal in Lachen aus, wenn wir daran denken.

„Die Liebe ist langmütig und freundlich“ sagte der Pfarrer in seiner Predigt. „Sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.“ Als hätten sich diese Worte in meine Seele gebrannt. Immer wieder habe ich an diese Worte gedacht. Liebe erträgt alles, glaubt alles, hofft alles und duldet alles. Erst heute kann ich so intensiv lieben, damals konnte ich es nicht.

„Richtig lieben, das muss man lernen und einüben“, so hab ich’s neulich meinem Enkel erklärt. Der hat mir kein Wort geglaubt. Kein Wunder, ich hätte es damals auch nicht glauben wollen.

Gertrud:
Ach nein, ich möchte nicht wieder jung sein. Alles war so schwierig damals und ich war so anstrengend. Ich hatte große Pläne und große Träume. Eigentlich träumte ich von einem anderen Leben.

Viel Anerkennung, Zuspruch und Liebe brauchte ich. Und war soo sehr mit mir selbst beschäftigt. Ich habe Hans und die Kinder geliebt. Aber heute kann ich dies viel selbstloser tun. Weder er noch sie müssen so sein, wie ich sie haben will. Sie sind sie selbst. Ich bin ich selbst. Jetzt akzeptieren wir einander mehr und geben uns Freiheit. Das war ein langer Weg bis zu dieser Erkenntnis. Ich bin soo froh, dass wir ihn gegangen sind.

Was sagte der Pfarrer damals noch? „Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind.“ Aus der Bibel stammen diese Worte, wie wahr sie sind!

Hans:
Es ist ein Wunder, dass wir diesen Tag erleben dürfen. Viele unserer Freunde sind nicht mehr da. Klaus starb bei einem Autounfall ein halbes Jahr nach unserer Hochzeit. Meine Schwägerin Lisa hatte Krebs, sie wurde nur 52 Jahre alt. Aber wir beide sind noch da, Gertrud und ich.

Recht fit sind wir auch noch. Eigentlich haben wir nie eine wirkliche Erkrankung gehabt. Ein noch größeres Wunder ist, wie wir diesen Tag erleben dürfen. Ich sehe sie an und denke: „Wow, meine Gertrud.“ Wir verstehen uns wortlos, oft reichen Blicke. Wir teilen unsere Gedanken. Wir sind ein harmonisches Ganzes geworden im Laufe der Jahre. Ein Leben ohne sie kann ich mir nicht vorstellen.

Gertrud:
Nein, heute ist kein Tag wie jeder andere. Ich muss jetzt aufstehen. Wir wollen diesen Tag doch in voller Länge genießen. Der Kaffeeduft zieht durchs Haus. Hans wartet sicher schon ungeduldig. Nachher kommen ja der Bürgermeister und die Pfarrerin. Vorher will ich noch ein bisschen Zeit mit Hans alleine haben.

Wann habe ich ihm eigentlich das letzte Mal gesagt, wie sehr ich ihn mag? Und auch, wie sehr ich ihn brauche? Das will ich heute tun!

Ich fühle mich mit ihm vollständiger, das will ich ihm auch sagen! Wenn er nicht da ist, bin ich irgendwie nur halb. Früher, als wir arbeiten mussten, war mein Bild von mir und von uns so verschwommen. Wie wenn ich in einen trüben Spiegel blicke. Jetzt gemeinsam, miteinander, sind wir irgendwie vollkommen.

Hans:
Gertrud kennt mich in- und auswendig. Trotzdem hat sie mich lieb. Manchmal bin ich ein bisschen pedantisch, das geht mir selbst oft auf die Nerven. Gertrud kann damit umgehen. Gelegentlich bin ich auch ein bisschen jähzornig – immer noch – und sage dann Dinge, die mir später leidtun. Gertrud trägt mir nichts nach.

So stelle ich mir Gottes Liebe vor: Groß, irgendwie groß. Größer als ich erfassen kann. Das ist wahre Liebe. Übrigens, ich hab Rosen gekauft. 50 Stück. Was sie wohl dazu sagen wird?

Gertrud:
50 Jahre. Gott, was für eine lange Zeit. „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen“ – das war unser Trauspruch, ich habe ihn nie vergessen. Zum Glauben habe ich erst spät gefunden. Ich blicke zurück und spüre, er war schon immer da.

Hoffnung ist das, an dem Hans und ich immer festgehalten haben. Wir haben uns gegenseitig gestärkt und einander Mut gemacht, wenn mal gar nichts mehr ging. Und die Liebe? Ich war unsicher. Manchmal dachte ich, wir hätten sie verloren, unsere Liebe. Heute weiß ich, wir haben sie nur nicht wiedererkannt. Das was uns anfangs verband, hat sich verändert. Was uns heute verbindet, ist größer, ist mehr. Irgendwie fehlen mir die Worte, es richtig zu beschreiben. Ich habe das Gefühl, da ist etwas dazugekommen. Aber nicht aus uns selbst. Ich fühle mich so beschenkt, so unverdient beschenkt.

Hans:
Nun muss sie aber bald mal runterkommen. Was sie wohl anhat? Ob sie sich ein bisschen hübsch gemacht hat? Oder bleibt es bei dem „Kein Brimborium“? Ich stell mich unten an die Treppe. Dort will ich auf sie warten. Und dann führe ich sie ins Esszimmer. Ich hab heute das gute Geschirr genommen. Die Rosen stehen auf dem Tisch.

Ich freu mich auf unser gemeinsames Tischgebet: „Segne Herr, was deine Hand, uns aus Gnaden zugewandt“. Heute wird es anders klingen als an den vielen Tagen zuvor. Danach reichen wir uns immer beide Hände und wünschen einander einen guten Appetit. So wird es auch heute sein.

Aber heute ist kein Tag wie jeder andere. Heute ist der Tag unserer Goldenen Hochzeit. Und ich danke Gott, dass ich ihn mit Gertrud erleben und feiern darf.

Die Liebe Gottes, die höher ist als all unsre Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in herzlicher und inniger Zuneigung zu unseren Ehepartnern, Lebensgemeinschaften und Freundschaften im Geiste unseres Bruders Christus Jesus. Amen.

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Inke Raabe.)

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