Hundert Prozent

Ich will/ Alles oder gar nichts / Will hundert Prozent
Kann es sein, dass dieser Wahnsinn/ Uns irgendwann trennt
Meine Sehnsucht wird dich nie verlieren / Und sie findet dich
Wo du auch immer bist / Will mit dir leben / Für jetzt und für immer
Eine Liebe, die kennt / Nur hundert Prozent (Helene Fischer)

So klingt zwar vor allem die bunte, heile Schlagerwelt, da wo von Herz und Schmerz gesungen und bunt-fröhlich dazu getanzt wird. Keiner hört sich das offiziell an, was sich dennoch hunderttausendfach verkauft und zu guten Einschaltquoten führt, weil es ja eben keiner hört, aber: jeder kennt es…Genau drum geht es aber: in bestimmten Dingen gibt es kein vielleicht und keine Halbherzigkeiten, nur hundert Prozent!
Wenn zwei Menschen (bewusst so offen formuliert!) Ja zueinander sagen und ihr Leben verantwortlich miteinander teilen wollen, wenn jemand überzeugt ist, die Liebe seines Lebens gefunden zu haben, dann geht kein halbherziges: wir werden mal sehen und vielleicht ein bisschen, sondern dann muss es heißen: Ja oder Nein, ganz oder gar nicht. Ein unentschiedenes JEIN ist keine gute Basis für die Zukunft.
Wer seine Berufung gefunden und zum Beruf gemacht hat, der kann auch nicht halbherzig sagen: das geht mich jetzt aber gerade nichts an.
Zumindest erwarten wir dies von helfenden Berufen: von Lehrern, Ärzten, auch Pfarrerinnen/Pfarrern, dass sie mit ganzem Herzen und ganzem Einsatz bei der Sache sind und nicht ständig private Befindlichkeiten überordnen. Natürlich hat die Privatsphäre, die Familie, die Zeit außerhalb des Berufes ihr guten Recht und es kommt ganz entschieden auf eine gute Balance zwischen Privat- und Berufsleben an, um im eigenen Leben zufrieden und ausgeglichen zu sein, aber ich kann meine Berufung und Bestimmung eben auch nicht einfach an der Garderobe abgeben und so tun, als hätte sie mit mir jetzt nichts mehr zu tun. Es gibt die Dinge, die fordern mich zu hundert Prozent, die kann ich nur ganz oder gar nicht tun.
Und wer in seinen persönlichen Beziehungen getragen wird und Liebe erfährt, wer in seinem Beruf aufgeht und erlebt, dass das , was er tut, nicht vergeblich ist, sondern einen tiefen und nachhaltigen Sinn macht, der wird allen Einsatz und alles Engagement nicht als Opfer verstehen, selbst wenn er manches dafür opfern wird, was anderen selbstverständlich ist. Er wird aber vieles gewinnen, was anderen vorenthalten bleibt.
Als sich in jungen Jahren das erste Kind ankündigte und das zweite ein Jahr später zur Welt kam, war bei manchen das Entsetzen groß: wie könnt ihr nur eure Jugend und eure Freiheit so früh aufgeben. Aber: wie viel Glück und wie viele neuen Kontakte hat die frühe Elternschaft auch gebracht.
Ist es ein Opfer, was Eltern für ihre Kinder tun, ist es ein Opfer, wie und was Freunde füreinander durchstehen, aushalten oder einsetzen? Auf die Idee würde wahrscheinlich nur ein Unbeteiligter kommen. Auf alle Fälle werden es in der Regel 100 Prozent sein und ausgelöst, getragen und belohnt wird es nur und ausschließlich in der Währung der Liebe, die so viele Spielarten kennt und immer den Menschen, den Anderen im Blick hat, wenn sie denn mehr als Selbstliebe ist. Die ist zwar ebenso wichtig und darf auf keinen Fall halbherzig daherkommen, aber wer nur sich liebt, der wird am Ende zum Opfer seiner Selbstbezogenheit, ohne dass dieses Opfer auch nur irgendetwas bringt.

Wenn ich etwas tue, dann mache ich es richtig, zu hundert Prozent, ganz oder gar nicht…Das ist nichts anderes als – vernünftig und mit dem Herzen bei der Sache.
Wenn Gott etwas tut, dann tut er es richtig. Mit Gottes Liebe verhält es sich da nicht anders. Das haben wir gerade auf wunderbare, eindrückliche und vielfältige Weise mit den vielen schönen Gottesdiensten zum Weihnachtsfest gefeiert: Gott ist Mensch geworden.
Ganz und gar, zu einhundert Prozent, mit ganzem Herzen und in die Tiefe aller menschlichen Erfahrungen und Empfindungen hinein, wollte er Leben und Menschsein mit uns teilen, zum Menschsein verhelfen und in seine Gegenwart, die Gegenwart Gottes, führen, die nicht fernab, sondern ganz nah in unserem Alltag und in unserem Leben ihren Ort hat. Gott ist eben nicht (nur) im Himmel, sondern mitten auf der Erden, in unserer Mitte, ganz und gar. Alles ausgelassene Feiern, alle Pracht und aller Überschwang der Weihnachtstage, die ja noch nicht vorbei sind, haben da ihren tiefen Grund!

Jetzt klingt es aus und nach. Der Tonfall des Apostels Paulus nimmt einen mahnenden Klang an: wenn ihr es ernst meint und richtig macht mit der Weihnachtsfreude und dem Weihnachtstrubel, dann macht es nicht halbherzig, sondern ganz. Das ist ein Opfer, aber es tut euch nicht weh. Es kostet euch euer Leben, aber ihr werdet danach entdecken, wie lebendig ihr mit einem mal seid. Es besetzt eure Gedanken, aber ihr werdet nicht besessen sein von einer verrückten Idee. Ihr werdet nicht mehr euren Willen einfach durchsetzen, mit dem Kopf durch die Wand wollen und euch dbei blaue Flecken holen. Ihr werdet aber entdecken, dass Gottes Wille in euch etwas Gutes, Wohlgefälliges und Vollkommenes ist und ihr nichts verliert, wenn ihr nicht euren Willen bekommt. Ihr werdet alles gewinnen, wenn Gottes Willen in euch Raum greift. Ihr könnt alles prüfen und dann entscheiden, ihr gewinnt Maßstäbe und Orientierung, ihr entdeckt eine Richtung und ein Ziel für euer Leben, ihr stochert nicht mehr im Dunklen und fischt auch nicht im Trüben, sondern gewinnt Profil und Klarheit.

Ein neues Jahr beginnt ja oft mit guten Vorsätzen. Die Ermahnung des Apostels könnte ja durchaus fruchten und zu klarer Orientierung führen:
Ich möchte in diesem Jahr in jedem Menschen, der mir begegnet, den guten Gedanken Gottes entdecken, von ihm nicht weniger halten, als ich von mir halte, und ihm mit dem Respekt begegnen, den auch ich mir wünsche.
Ich möchte Gott die Ehre geben und dem Frieden unter dem Himmel dienen, in dem ich beherzige, dass Gott alle Menschen liebt und nicht nach Herkunft, Abstammung und Aussehen, ihrer sexuellen Orientierung oder ihren Lebensentwürfen unterscheidet.
Ich möchte das Leben als Geschenk und kostbare Gabe Gottes achten, in dem ich jedem das Recht auf ein auskömmliches Leben in Frieden und Sicherheit zubillige und nicht alles Recht allein für mich beanspruche.
Ich möchte, dass Hass und Gewalt, soziale Kälte und Egoismus keinen Platz unter uns haben, sondern möchte mit anderen nachsichtig und vergebungsbereit umgehen.
Ich möchte mich daran orientieren, dass Menschen angstfrei leben und sterben können. Ich möchte, den Tod nicht verschweigen, sondern als Teil des Lebens verstehen und kann mir „Sterbehilfe“ im eigentlichen Sinne des Wortes nur als Lebens-Begleitung zu einem angstfreien und würdevollen letzten Wegstück im Leben vorstellen.
Ich möchte Glaube und Alltag als Einheit verstehen und nicht mit der Schere im Kopf Wanderer zwischen getrennten Welten sein. Ich habe nur ein Leben und lebe nur eine Wirklichkeit.
Ich möchte erzählen, von dem, was mich trägt und in meinem Denken und Handeln prägt.
Ich möchte nicht dem Zeitgeist hinterrennen, aber dennoch das Gebot der Stunde erkennen und mich den Herausforderungen der Gegenwart stellen.
Paulus hat recht: alle diese Vorsätze sind ja nicht nur gut gemeint, sondern sie machen Sinn, sind vernünftig. Sie sind eigentlich sogar, um einen heißen Kandidaten für das Wortes des Jahres zu bemühen, alternativlos oder eben ein vernünftiger Gottesdienst. Der gehört eben nicht nur am Sonntag in die Kirche oder den Gemeindesaal, sondern mitten ins Leben und in die vielfältigen Aufgaben, die wir da haben. Dabei dürfen wir mit unserem Denken, Handeln und Fühlen Gott die Ehre geben. Amen

drucken