Paulus läuft: Schöne neue Fitnesswelt

Pünktlich zum neuen Jahr stellen ALDI, Kaufland & Co Fitnessangebote in ihre Werbeprospekte. Der Kundschaft werden Hometrainer, Fitness-Bänder, Jogging-Ausrüstung, Sportschuhe, Gymnastikbälle offeriert. Der Weihnachtsspeck soll weg. Es wird gestrampelt und gewalkt und gejoggt. Die Vorsätze, die die Leute zu Silvester gemacht haben, wollen umgesetzt werden. Damit lassen sich gute Geschäfte machen.  Schöne neue Fitnesswelt! Was werden die Leute in Korinth gedacht haben, als sie in einem Brief von Paulus gelesen haben: Wisst ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt. Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge; jene nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen. Ich aber laufe nicht wie aufs Ungewisse; ich kämpfe mit der Faust, nicht wie einer, der in die Luft schlägt, sondern ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn, damit ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde. (1 Korinther 9, 24-27)
Paulus hatte anderthalb Jahre in Korinth gelebt und kannte die Begeisterung, die die Stadt bei den Isthmischen Spielen packte: atemberaubende Kopf-an-Kopf-Rennen, glänzende Siege, verpatzte Chancen, Sportwetten, für deren Ergebnis vorher bezahlt wird. Willkommen in der Welt des Sports, damals und heute, mit Publikum, das nach Unterhaltung giert – Brot und Spiele – , mit Fans, den echten und denen mit den ausländerfeindlichen und homophoben Sprüchen, bei findigen Doktoren, legendären Trainern  oder korrupten Funktionären, die, wenn sie je hinter Gitter wandern, schon nach der Hälfte der Zeit entlassen werden. Als 2014 Massen aus der ganzen Welt gebannt am Fernseher klebten, hat die Bevölkerung in Brasilien wochenlang gegen die Fußball-WM in ihrem Land demonstriert, weil ganze Stadtviertel plattgewälzt wurden und für Schulen und Krankenhäuser noch weniger übrigblieb als vorher schon und schon gar nichts für Schulturnhallen, Gymnastikräume oder Bolzplätze für alle. Die einen gewinnen und die anderen verlieren.
Macht’s noch Spaß? Da kann es schon einmal passieren, daß ein Marathonläufer im Ziel tot zusammenbricht. Der Olivenkranz zahlte sich auch in der Antike schon mit barer Münze aus. Zuhause empfingen die Städte die Sieger mit Geschenken und Ehrungen, Verpflegung und kostbarem Geschirr.

Ist Paulus unter die Sportler gegangen, unter die Leichtathleten – die Läufer – oder die Boxer? Das ist kaum anzunehmen. Paulus war eher ein kränklicher Typ, vielleicht Epileptiker, häßlich, stotternd. Einen Marathonlauf hätte er wohl nie gewonnen.
Aber er kannte den Eifer beim Training, die Verbissenheit, die sich von Rückschlägen nicht entmutigen läßt.  Er kannte vielleicht auch Geschichten von Karrieren von ganz unten bis zum Siegertreppchen. Er wußte, was  Leute durch Talent und Fleiß erreichen können, wenn sie ein Ziel vor den Augen haben.

Sport und Hobbies motivieren, vor allem, wenn jemand aus dem Tritt gekommen ist. Nicht nur die Kinder und Jugendliche, auch Ältere brauchen Vorbilder und Ziele im Leben. Träume können  einem  Menschen eine Perspektive geben. Manche brauchen gelegentlich  einen Schubs. Wovon träumen wir? Welche Ziele haben wir in unserem Leben? Wenn wir so dahintrudeln, ist es hilfreich zu schauen, wo geht es eigentlich hin?

Sport kann verbinden. Er kann der Weg sein, daß Fremde ankommen und Alteingesessene sich den Neuen öffnen. Wenn sich alle den Ball zuspielen, wenn sie gemeinsam rudern oder joggen, dann werden Hautfarbe und Herkunft nebensächlich. Sport kann aber auch trennen und ausgrenzen. „Wisst ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegespreis?“ Eine*r gewinnt, alle anderen verlieren. Was wird mit den anderen? Zu Paulus‘ Zeiten konnte das böse ausgehen, es konnte tödlich enden.  Was ist mit den Leuten, die heute verlieren?  Radprofis verlieren ihre  Verträge und sind weg vom Fenster.
Ungeschickte werden in Talkshows heruntergemacht.  Die kapitalistische Weltordnung lebt davon, daß die einen gewinnen und viele dafür zahlen. Das sind dann die Abgehängten,  die Globalisierungsopfer, die Wendeverlierer.  Menschen, die nicht so schnell mithalten können, nicht so fit, anpassungsfähig sind und nicht soviel leisten können.  Kinder, Kranke, Behinderte, Arme. Die Bevölkerung des Südens. Die Logik von Jesus ist eine andere. Wir brauchen keine Ellenbogenmentalität, keine Siegertypen, sondern welche, die anderen die Hände reichen und ihnen helfen. Wir brauchen keine Leute, die auf Kosten anderer durchstarten, sondern Solidarität. Das Spiel bei Jesus erfindet  andere Regeln: Eine*r gewinnt und viele gewinnen mit. Die alten Kirchenlieder wissen noch, wie das geht: Jesus siegt und zieht uns mit.

„Ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn“, behauptet  Paulus von sich. Das könnte in den Fitness-Ratgebern heute stehen. Nicht aufgeben. Weitermachen. Grenzen ausreizen Und doch macht mich dieser Satz misstrauisch. Welches Verhältnis hat Paulus eigentlich zu seinem Körper und zur Körperlichkeit?  Ist sein  Körper sein Feind? Er hat es wohl so erlebt.  Ich finde diese Einstellung gefährlich, auch wenn sie sehr populär ist. Müssen wir dem Körper Höchstleistungen abringen und gegen ihn kämpfen, ihn trimmen, designen, liften und optimieren? Er ist doch von Gott geschenkt als kostbares Gut, mit dem unser Leben – hier jedenfalls – untrennbar verbunden und verwoben ist. Wir brauchen nicht gegen unsere Natur, gegen uns selbst zu kämpfen. Gott hat uns gut geschaffen.

Die Letzten werden die Ersten sein und die Ersten die Letzten. Das ist auch so ein Satz von Jesus. Der dreht das Leistungs- und Wettbewerbsdenken einfach herum. Die Geschichte von den Tagelöhner*innen im Weinberg [Mt 20,1-16] schildert, wie am Ende alle einen Denar, einen Preis bekommen. Es gibt keine Verlierer, alle werden belohnt. Denen, die auf Leistung und Effizienz getrimmt sind, fällt das schwer und sie müssen sich umstellen. Aber so gewinnen alle. Das lohnt zumindest einen Ideen-Wettbewerb.

Mehr Predigten: www.queerpredigen.com

drucken