Lernen, auf Gott zu vertrauen

Mein christliches Selbstbewusstsein gerät manchmal ins Wanken. Ich suche Antworten auf Fragen meines Alltags und finde sie weder in der Bibel noch in den Schriften der Reformatoren.

Und ich spüre: Ich selber muss Antworten finden auf die Fragen, die so vor 500 oder 2000 Jahren nicht gestellt wurden. Denn damals stellten sich auch Fragen nach Krieg und Frieden, nach Ausländerhass oder Selbstbehauptung anders als für uns heute. Und schon gar in den Fragen der alternativen Energien, des Umweltschutzes oder der Familiengestaltung. Es reicht nicht einfach auf das Wort Gottes zu hören. Ich muss immer neu suchen nach tieferem Sinn, nach Inhalten, die mir helfen können, meine Position aus dem Wort Gottes heraus zu finden.

Ein wenig Mut machen, bei diesem Unterfangen möchte mir der Hebräerbrief, ein anonymes Lehrschreiben an eine Gemeinde, von der wir wenig wissen.

[TEXT]

Erst einmal ist das ein abschreckendes Wort der Warnung an die Gemeinden und die Einzelpersonen: Das, was ihr tut, müsst ihr auch verantworten (können) – vor Gott und vor eurem Gewissen.

Nackt und bloß stehen wir vor Gott, wir können weder etwas verbergen noch Gott etwas vormachen. Wir können ihn nur bitten, in unserem Leben bei uns zu sein und unsere Entscheidungen mit seinem Heiligen Geist zu begleiten.

Deutlich wird, dass es nicht reicht zu sagen: Das Wort Gottes ist immer lieb, und alles, das nicht aneckt, ist darum Gottes Wille. Nein, Gottes Wort ist scharf und trennt, es tut manchmal weh, führt auch manchmal in Konflikte und kann den, der mit ihm lebt, auch einsam machen. Nicht jeder Streit ist automatisch gegen Gottes Willen, wir müssen sogar streiten, wenn es um Gottes Wort und unser Leben geht.

Das Wort Gottes ist nichts Leeres und ist nicht immer nur lieb. Es stellt mich vor Entscheidungen, die ich dann verantworten muss, vor meinem Gewissen und vor Gott. Sein Wort ist lebendig und es macht die Glaubenden lebendig. Lebendig, weil sie nicht hilflos einem Gesetz unterworfen sind, sondern in der Freiheit eines Christenmenschen leben und sich selber auf den Weg machen können, den Willen Gottes herauszufinden. Lebendig auch, weil ich vor meinem Gewissen verantworten muss, was ich in seinem Namen tu oder lasse.

Der Text hat einen bedrohlichen Unterton – gerade jenes zweischneidige Schwert, das trennt. Da bekomme ich Angst vor dem Schwert, mit dem Menschen zu allen Zeiten versucht haben, sich die Köpfe einzuschlagen, auch im Namen Gottes. Da bekomme ich Angst vor ChristInnen, die versuchen alles niederzumachen, was nicht christlich ist genauso wie vor Islamisten und anderen FanatikerInnen, die versuchen alles Christliche auszulöschen.

Da bekomme ich auch Angst davor, dass die Gewalt immer weiter Teil meines Lebens bleibt. Ich glaube nicht, dass das der Hebräerbrief heraufbeschwören will. Sicher er weiß um Gewalt gegen Christinnen und Christen und er weiß um die menschliche Neigung, Probleme mit Gewalt zu lösen. Aber hier wendet er ein Bild an. Wie jedes Bild muss auch das Bild vom zweischneideigen Schwert, das scharf und lebendig ist, gedeutet werden. Das Wort Gottes steht im Mittelpunkt und seine Eigenart, Menschen vor Entscheidungen zu stellen. Ich muss Stellung beziehen. Ich muss immer aufs Neue auf Gottes Wort hören und prüfen, was das in meinem Alltag bewirken will. Im Sinne des Wochenspruchs: ‚Heute, wenn ihr seine Stimme hört, so verstockt eure Herzen nicht. Gottes Wort ist lebendig und zugleich kraftvoll. Das will der Vergleich mit dem Schwert sagen.

Es geht auch darum, wie ich mich selbst wahrnehme. Wie stehe ich wirklich zum Wort Gottes, wo lasse ich mich herausfordern oder ärgern. Ich muss mein eigenes Herz befragen. Und ich muss bereit sein, meine eigene Bequemlichkeit und meine eigenen Ziele in Frage zu stellen. Und manchmal muss ich wohl auch bereit sein zu Konsequenzen, die weh tun, die mich selbst verletzen.

So wie manchmal im Eheleben Scheidungen unvermeidlich sind, auch wenn sie weh tun  und keiner das wirklich will. So ist es auch im christlichen Leben. Ich muss mich entscheiden und manchmal auch verabschieden von liebgewonnen Überzeugungen und Meinungen. Das Wort Christi ruft mich in die Entscheidung. Und ich spüre deutlich: Viele Antworten in meinem Leben ergeben sich aus Erlebnissen im Alltag. Das grundsätzliche Nachdenken über Ethik, das theoretische Durchspielen möglicher Entscheidungen muss ergänzt werden durch ganz praktische Handeln, durch den Umgang mit meinem Alltag. Nur kopfgesteuertes Leben ist zum Scheitern verurteilt, nur gefühlsgesteuertes allerdings auch.

Ich muss alle meine Möglichkeiten einsetzen, den richtigen Weg im Leben zu finden, die passenden Antworten selbst auf die Fragen, die sich ganz neu auftun, die mir keiner bisher gestellt hat.

In der Kindererziehung erleben wir das ja mitunter. Junge Eltern bereiten sich auf die Geburt vor, studieren Ratgeber und Zeitschriften, wie man am besten mit Neugeborenen und kleinen Kindern umgeht, worauf man achten sollte. Sie saugen die Informationen geradezu auf. Und das ist auch gut so. Wenn dann das Kind da ist, werden sie feststellen, dass die Wirklichkeit ganz anders aussieht, dass ein Kind nicht immer nach Lehrbuch und Ratgeber funktioniert. Trotzdem war die intensive Vorbereitung wichtig. Sie hat geholfen herauszufinden, was für einen selbst wichtig ist und hat geholfen, manche Probleme kommen zu sehen und vielleicht auch den Geist und die Wohnung schon einmal vorbereitet auf die vielen Aufgaben, die der Alltag stellt. Trotzdem passiert noch so viel Unvorhergesehenes, auf das ich sofort eine Antwort, eine Reaktion finden muss. Und manchmal denke ich dann abends, was ich alles falsch gemacht habe.

Das ist wichtig. Ich lerne, dass ich mich immer wieder entscheiden muss und dass ich immer wieder neu über meine Entscheidungen nachdenken muss. Und dass ich oft froh bin, wenn ich auf Erfahrungen und angelesenes Wissen zurückgreifen kann. Trotzdem muss ich dann meine eigenen Entscheidungen aus dem Glauben heraus treffen und verantworten.

Ein französischer Geistlicher hat auf diesen Text mit folgendem Gebet reagiert:

Herr, behüte mich davor, an die Stelle deines Erbarmens meine Gutmütigkeit, an die Stelle Deiner Versöhnung meinen Hang zur Nachgiebigkeit zu setzen. Erhalte dem Salz der Erde seine Schärfe.

Ich glaube von dem Mann kann ich lernen. Ich kann lernen, auf Gott zu vertrauen, auch in den Härten des Alltags.

Ich brauche nicht den niedlichen, alles verzeihenden Gott. Ich habe den Gott, der will, dass Leben gelingt und der darum Gebote, regeln und Grenzen gibt, aber auf dessen Begleitung ich mich verlassen darf.

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