Ich sehe was, was du nicht siehst!

Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist grün! Ich glaube, dieses Spiel hat wohl jeder von uns als Kind oft gespielt, und viele von uns werden es schon mit ihren eigenen Kindern oder Enkelkindern gespielt haben.
Ich sehe was, was du nicht siehst – das ist auch ein Spiel, das in unserem Alltag eine große Rolle spielt, denn immer gibt es Menschen, die sich besser auskennen und die deshalb mehr sehen als andere.
Ein Freund von mir ist Förster, und wenn wir zusammen im Wald spazierengehen, dann sehe ich nur Bäume, und er sieht viel mehr. Er liest im Wald wie in einem offenen Buch. Und so ist es oft: Experten sehen mehr, und dafür werden sie auch bezahlt.
Und die Nachfrage ist groß, denn wir möchten oft mehr sehen können, als wir sehen können.
Und viele Menschen haben auch den Wunsch, in die Zukunft sehen zu können, gerade jetzt, vor der Jahrtausendwende. Diese Ungewißheit macht vielen Menschen Angst. Es wäre so beruhigend, wenn die Zukunft nicht so offen und ungewiß wäre, wenn wir Bescheid wüßten über das, was auf uns zukommt.
Viele Menschen leben davon, indem sie vorgeben, sie könnten in die Zukunft schauen. Es gibt in Deutschland mehr hauptberufliche Wahrsager, Hellseher und Zeichendeuter als evangelische und katholische Pfarrer zusammen.
Auch in der Bibel begegnen uns Menschen, die mehr sehen als andere. Man nennt sie Propheten, Menschen mit göttlichem Durchblick. Johannes war einer davon, und was er gesehen hat, hat er im Buch der Offenbarung für uns aufgeschrieben:

[TEXT]

Ein großes, eindrucksvolles Bild. Es ist ein Bild des Heils, der Erlösung und des Friedens, das Johannes da sieht und uns beschreibt. Sprachgrenzen und Grenzen zwischen Staaten, Hunger und Durst, Bedrängnis und Hitze, Leid und Tränen – das hat in diesem Bild alles keinen Raum. Ein schönes Bild. Ich spüre in mir eine Sehnsucht, in dieses Bild hineinzugehen. Weil ich ganz andere Bilder vor mir habe, wenn ich in die Zeitung schaue, wenn ich mit offenen Augen durch die Welt gehe. Ich will damit nicht sagen, daß diese Welt nur schlecht und häßlich ist. Wenn ich an einem sonnigen Wintertag von Stiefenhofen nach Oberstaufen fahre, dann bin ich ganz überwältigt davon, wie schön das ist. Und wenn ich mit meinen Kindern schmuse und tobe, dann bin ich einfach überglücklich. Aber ich sehe auch die andere Seite, und was mir vor allem zu Schaffen macht, ist die Todverfallenheit von allem. Vielleicht können Sie besser damit umgehen als ich, aber mich macht der Gedanke an den Tod immer wieder wütend und alles in mir schreit: Nein! Ich will leben, nicht sterben. Nicht immer wieder loslassen müssen, nicht immer wieder Abschied nehmen. Darum spricht mich dieses Bild der Erlösung, das Johannes beschreibt, so sehr an. Aber was nützt mir ein Bild, wenn es nicht Wirklichkeit wird. Ist das nicht nur eine Vertröstung auf die Zukunft, dieses Bild? Wo finde ich dieses Bild als Wirklichkeit? Dieser Einwand wird oft geäußert. Zum einen stimmt dieser Einwand. Das, was Johannes sieht, ist so in dieser Welt nicht zu finden. Johannes schaut hinein in eine andere Wirklichkeit, in die Welt Gottes, die für uns noch verborgen ist. Die für uns noch in der Zukunft liegt. Aber der Einwand stimmt nur zum Teil. Denn immer wieder geschieht es, das ein Mensch Berührung hat mit dieser anderen Welt Gottes. Daß es ihm ist, als würde er mit in diesem Thronsaal stehen und er erlebt, wie ihm die Tränen abgewischt werden. Wenn ein Mensch im Gebet Antwort auf drängende Fragen bekommt. Wenn ein Mensch es erlebt, wie er aus Trübsal und Bedrängnis befreit wird. Wenn wir Abendmahl feiern und die Gegenwart Gottes spüren.

Was uns mit den Menschen aus dem Bild verbindet, das kommt in dem Bild auch vor: Dort heißt es. „Sie haben ihre Kleider hell gemacht im Blut des Lammes.“ Was uns verbinden kann, was uns mit hineinnehmen kann in dieses Bild von Erlösung, das ist, daß Jesus für einen jeden, eine jede von uns sein Leben am Kreuz gegeben hat. Als Lösegeld. Um uns Vergebung und Versöhnung zu erkaufen. Um uns loszukaufen aus der Macht des Todes. Anteil daran haben wir durch den Glauben, und dadurch, daß wir das für uns in Anspruch nehmen. Es heißt nicht: Ihre Kleider wurden automatisch hell gemacht, sondern: Sie haben ihre Kleider hell gemacht. Sie haben ihre Kleider gewaschen. „Da wo Vergebung der Sünden ist, da ist Leben und Seligkeit“ hat Luther im Katechismus geschrieben. Leben und Seligkeit, Heil und Erlösung. Darum geht es.

Sie werden sich vielleicht fragen, was das mit Weihnachten zu tun hat? Ich habe mich das auch fragen müssen und ich bin mehr und mehr dazu gekommen: Eine ganze Menge. Denn Weihnachten, da feiern wir, daß Gott Mensch geworden ist, in unsere Welt gekommen ist. Ich habe mal die schöne Formulierung gelesen: Weihnachten ist das Fest, an dem sich Himmel und Erde berühren. Himmel – die Welt, die Wirklichkeit Gottes, und die Erde – unsere Wirklichkeit. Gott ist in unsere Welt gekommen, hat unsere Wirklichkeit berührt. Und das hat er nicht aus Jux und Tollerei gemacht, nicht um den Einzelhandel anzukurbeln und auch nicht, damit wir alle Jahre wieder schöne, besinnliche Stunden haben können, wo es uns warm ums Herz wird und das war es dann. Nicht, daß wir uns nicht schöne, besinnliche Stunden machen dürften – aber es darf nicht alles sein. Gott ist nicht zu einer Sight-seeing-tour in diese Welt gekommen, sondern zu einer Kreuzfahrt. Nicht Romantik war sein Ziel, sondern Erlösung. Um uns Menschen zu befreien aus unserer Gefangenschaft, aus unserer Todverfallenheit, dazu ist Jesus Christus in unsere Welt gekommen. Und Johannes hat das Ende dieses Weges sehen dürfen: Die Schar der Erlösten. Und er läßt uns teilhaben an seiner Vision. Mehr als nur eine Zukunftsvision, sondern eine Wirklichkeit, die schon angefangen hat, mitten in der Wirklichkeit dieser Welt, und die ihrer Vollendung entgegengeht. Wir haben jetzt schon Teil an dem, was Johannes sieht. Ich sehe was, was du nicht siehst. Manchmal wird es uns wieder so gehen, daß wir es nicht sehen, nicht glauben können. Und dennoch gilt es: Wir, die wir glauben, wir gehören schon zu den Erlösten. Und uns ist verheißen, daß auch wir einmal vollkommen sehen werden, was er sieht.

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