Heilsame Gnade

Letzten Montag ist in einer Schule in England, in Stalham, etwas Eigenartiges passiert. Der Schulchor hat am Abend in der örtlichen Kirche ein Konzert mit Weihnachtsliedern gegeben. Und am Ende des Konzertes fragte die Pfarrerin der Kirche ein paar Schüler, worum es ihrer Meinung nach an Weihnachten geht.
Und als einige Schüler laut riefen: Um den Weihnachtsmann! sagte die Pfarrerin dass es den Weihnachtsmann doch gar nicht gibt, dass er eine Fantasiefigur ist.
So weit, so gut. Und die Kinder hatten damit auch gar kein Problem.
Aber leider haben das auch ein paar Eltern mitbekommen – und die machten ein Riesenproblem daraus: "Ich war wütend", sagte eine Mutter der Lokalzeitung "Eastern Daily Press". "Ich schnaufte vor Wut, aber ich habe es letztlich geschafft, meine Tochter zu überzeugen, dass der Weihnachtsmann real ist."
Auf facebook gab es einen großen Aufruhr, so dass sich die Pfarrerin schließlich entschuldigen musste für ihre „unsensible, spontane Bemerkung.“ Sie habe niemandem diese besondere Zeit verderben wollen.
http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/wahrheit-ueber-weihnachtsmann-pfarrerin-in-england-erzuernt-eltern-a-1009292.html#js-article-comments-box-pager
Als ich das gelesen habe, da habe ich gedacht:
Geht’s noch?
Eine Pfarrerin muss sich dafür entschuldigen, dass sie die Wahrheit sagt?
Eltern, die ihre ganze Energie einsetzten, damit ihr Kind an den Weihnachtsmann glaubt?
Und dann habe ich mir gedacht:
Das ist doch vielleicht einfach ein prima Beispiel dafür, wie eine Nebensache zur Hauptsache werden kann und diese Hauptsache in den Hintergrund gedrängt werden kann.

Worum geht es eigentlich an Weihnachten?
Für diese Eltern aus England geht es um die Weihnachtsstimmung.
Für den Einzelhandel geht es um das Weihnachtsgeschäft.
Für viele Kinder geht es um die Geschenke.
Für die meisten Menschen – so hab ich es einmal in einer Umfrage gelesen – geht es an Weihnachten vor allem um die Familie.
Endlich einmal in Ruhe beisammen sein, endlich einmal Zeit haben für die Kinder, für die Familie.

Ich glaube, das ist alles nicht so verkehrt. Sich Zeit nehmen für die Familie, einander mit Geschenken eine Freude machen, in schöner Stimmung feiern, ….
Aber irgendwie kommt mir das vor wie ein ganz toller Rahmen, in dem das eigentliche Bild fehlt.
Ich glaube, niemand von uns würde einen leeren Bilderrahmen in sein Wohnzimmer hängen, so glänzend und kostbar er auch aussehen mag. Ohne Bild ist der Rahmen einfach hohl und leer.
Was ist dann das Bild von Weihnachten?
Paulus hat es einmal für seinen Freund Titus beschrieben. Weil Paulus nicht malen kann, hat er es in einem Brief beschrieben, in einem einzigen Satz.
Im griechischen Original ein Bandwurmsatz mit 64 Wörtern, aber immerhin: Ein Satz nur:

Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen. Sie bringt uns dazu, dass wir dem Ungehorsam gegen Gott den Abschied geben, den Begierden, die uns umstricken, und dass wir besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben, als Menschen, die auf die beseligende Erfüllung ihrer Hoffnung warten und darauf, dass unser großer Gott und Retter Jesus Christus in seiner Herrlichkeit erscheint. Er hat sein Leben für uns gegeben, um uns von aller Schuld zu befreien und sich so ein reines Volk zu schaffen, das nur ihm gehört und alles daran setzt, das Gute zu tun.
Ich gebe zu: Besonders weihnachtlich sind sie nicht, diese Worte! Wir vermissen etwas fürs Herz. Wo ist der Stern, die Krippe, der Gesang der Engel, das Kind?

Aber was mich anspricht, das ist das mit der heilsamen Gnade für alle Menschen.
Heilsame Gnade.
Unsere Welt ist so heillos. Menschen sind heillos zerstritten. Heillos verschuldet. Heillos krank.
Heillos, Hoffnungslos, Aussichtslos. Friedlos.
Und wir leben in einer Welt, die oft gnadenlos ist.
In einer Welt, in der jeder zusehen muss, wie er am besten durchkommt.
In einer Welt, in der am weitesten kommt, der seine Ellbogen gut einsetzten kann.

Und auch in mir ist so vieles unheil:
Da sind Wunden, die mir Menschen geschlagen haben, mit Gemeinheiten, mit Worten, mit Taten.
Da sind Enttäuschungen über Hoffnungen und Herzenswünsche, die nie erfüllt worden sind.
Da ist Leiden an Ungerechtigkeiten, die ich einstecken musste.

Und auf der anderen Seite habe ich schon so viel Mist in meinem Leben gemacht, anderen wehgetan, Unrecht zugefügt, was ich nicht mehr so einfach wieder gut machen kann.

Wen ich dafür zur Rechenschaft gezogen werde, dann schaut’s schlecht aus mit mir.

Heilsame Gnade – das klingt gut. Das weckt in mir eine Sehnsucht.
Und ich glaube, ich bin nicht der einzige, dem es so geht.
Ich glaube, dass heute so viele Menschen in die Kirche gekommen sind, hängt damit zusammen:
Mit einer Sehnsucht nach heilsamer Gnade.

Und dazu heißt es:
Die heilsame Gnade ist erschienen. Sie ist da.
Das Leben ist nicht mehr gnadenlos.
Die heilsame Gnade ist erschienen in Jesus Christus, dem Sohn Gottes.
Die heilsame Gnade ist erschienen in einem Kuhstall in dem Kaff Bethlehem.

Es hat schon zu allen Zeiten Leute gegeben, denen ein Gott zu banal ist, der im Kuhstall zur Welt kommt, die ihn lieber in etwas luxuriöserer Ausstattung hätten, so mit Goldschleife oder so. Aber damit kann ich leider nicht dienen. Ich kenne bloß den Gott ohne fromme Glanzverpackung, der geboren wurde als Mensch, wie du und ich.
Mich interessiert bloß der Menschgewordene Gott, dem kein Raum in dieser Welt zu hässlich und zu primitiv ist, um darin zu wohnen.
Dem kein Mensch zu verdorben, zu gering, zu schmutzig oder zu sündig ist, um mit ihm Freundschaft zu schließen.
Der die Banalitäten meines Lebens aus eigener Erfahrung kennt und dem ich deshalb auch mit den banalen Problemen meines Lebens kommen kann.

Die heilsame Gnade ist erschienen für alle Menschen. Gnade ist umsonst.
Das ist erst einmal ein großes Angebot.
Ein Geschenk Gottes, das unser Leben verändern will und kann.
Über Nacht kann alles anders werden.

Ich sage: Kann.
Denn das geht nicht automatisch.
Die heilsame Gnade Gottes wirkt nicht von selber.
Sie kann nur da ihre Kraft entfalten, wo wir sie hineinlassen. Wo wir Jesus hineinlassen.

Wenn wir für Jesus auch nur einen Platz im Futtertrog haben, dann wird sich nichts ändern.
Wenn wir Jesus nur mal kurz reinlassen, um weihnachtlichen Glanz zu verbreiten, dann wird sich nichts ändern.
Die heilsame Gnade Gottes wird anfangen unser Leben zu verändern, wenn wir Jesus hineinlassen in unser Leben.
Wenn Jesus sozusagen statt im Kuhstall in unseren Herzen einziehen darf.
In unsere Gedanken.
In unser Tun.
In unsere Geldbeutel und Terminkalender.
Dann wird vieles anders.
Wunden beginnen zu heilen.
Neue Hoffnung wird lebendig.
Und auch wir werden anders.

Denn die heilsame Gnade will uns verändern.
Luther hat übersetzt: Sie nimmt uns in Zucht.
Wenn ich das höre, gehe ich innerlich drei Schritte zurück.
Zucht – das klingt nach Zwang, nach Unfreiheit, nach Strafe, nach Zuchthaus.
Aber so ist es nicht gemeint.
Paulus hat ja auf Griechisch geschrieben, und er hat geschrieben: paideuousa.
Da steckt die Pädagogik drin.
Man könnte sagen:
Die heilsame Gnade Gottes eröffnet mir Lernprozesse und zeigt mir auf, dass ich mich verändern kann. Die Gnade Gottes will etwas aus mir machen.

Einen Menschen, der aufhört, als Rebell gegen Gott und seine heilsamen Ordnungen zu leben.
Einen Menschen, der nicht mehr der Sklave seiner Begierden ist.
Einen Menschen, der besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt lebt.

Mir ist dabei wichtig: Es geht um einen Lernweg.
Niemand muss vollkommen sein.
Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.
Unser Gott erlaubt es Fehler zu machen. Immer wieder.
Es kommt drauf an, nie aufzugeben auf diesem Lernweg.

Und es geht auch gar nicht:
Denn wer erlebt hat, dass Gott ihm gnädig ist, der kann nicht mehr gnadenlos sein wollen.
Wer die Barmherzigkeit Gottes erfahren hat, kann nicht mehr unbarmherzig sein wollen.
Der wird sich gerne von der heilsamen Gnade Gottes besonnen, gerecht und fromm machen lassen

Besonnen, gerecht und fromm.

Besonnen ist, wer einen festen Halt unter den Füßen hat. Wer nicht in Panikreaktionen verfallen muss, weil er eine Hoffnung hat, die ihn trägt.
Besonnen ist, wer sich gehalten und getragen weiß, und der deshalb keine Angst haben muss, zu kurz zu kommen.
Besonnen ist, wer wichtig und unwichtig unterscheiden kann und deshalb vieles gelassen hinnehmen kann.
Ein besonnener Mensch reagiert nicht gleich spontan, wenn ihn etwas ärgert, sondern nimmt sich Zeit um zu überlegen, was jetzt gut und richtig ist.
Besonnene Menschen sind eine Wohltat für ihre Umgebung.
Die heilsame Gnade Gottes möchte uns zu besonnenen Menschen machen.

Und zu gerechten.
Ich glaube, da brauche ich gar nicht viel dazu sagen.
Wer schon einmal unter einem ungerechten Lehrer oder Schiedsrichter oder Chef gelitten hat, der weiß Gerechtigkeit zu schätzen.

Aber das mit der Frömmigkeit, das ist etwas anders. Da muss ich was dazu sagen.
Fromm – das hat einen ganz schlechten Klang. So altmodisch und verstaubt.
Ich versuch es einmal mit einer Geschichte zu erklären, und dazu müssen wir ein bisschen Hebräisch lernen.
Also: Auf hebräisch steht da, wo wir das Wort "fromm" lesen, das Wort "Chäsäd", das bedeutet nicht nur fromm, sondern zugleich: Güte, Liebe, Treue und Zuwendung. Und der Storch – nun der heißt "Chasida". Das hört man schon am Klang: das hängt irgendwie zusammen.
Und nun kommt die kleine Geschichte, die wir benötigen, um uns und das Wort "fromm" zu verstehen.
Einst ging ein Rabbi mit zweien seiner Schüler nachdenkend spazieren.
Die Schüler nun fragen: "Rabbi, eines verstehen wir nicht, eines möchten wir gern wissen."
"Nun", sagt der Rabbi.
"Der Storch hat einen so schönen wunderbaren Namen: der Storch heißt Chasida – das erinnert an das Wort Chäsäd, was doch bedeutet der Menschen Frömmigkeit und zugleich Gottes Liebe, Fürsorge und Treue. Der Storch hat einen so schönen Namen – und gehört doch zu den unreinen Tieren! Das, nein das verstehen wir nicht!"
"Ihr versteht das nicht, meine Jünger", fragt der Rabbi und schweigt lange, dann sagt er: "denkt nach!"
Nun denken die Schüler nach – einen ganzen Nachmittag. Das kürzen wir jetzt ab.
Am Abend fragen sie ihren Meister wieder: "Rabbi, wir verstehen das nicht: der Storch heißt Chasida, hat einen so schönen Namen, der erinnert an der Menschen Frömmigkeit und Gottes Güte, Liebe und Treue, an das schöne Wort Chäsäd. Und doch, und doch ist der Storch ein unreines Tier. Das, nein das verstehen wir nicht."
Und jetzt antwortet ihnen der Rabbi: "Der Storch hat einen so schönen Namen, Chasida, was an der Menschen Frömmigkeit und Gottes Liebe, Güte und Treue gemahnt und erinnert, denn fromm heißt Chäsäd – der Storch hat einen solchen schönen Namen, weil er für seine Brut alles tut, ja für seine kleinen Störche sogar sein Leben gibt. Darum hat der Storch einen solchen Namen: Chasida, was erinnert an Chäsäd: Güte, Liebe, Treue und Frömmigkeit.
Aber: weil der Storch alles, was er tut, nur für seine Brut tut – darum ist er ein unreines Tier."

"Fromm in dieser Welt" leben heißt also nicht nur für die Seinen, sondern auch für die Anderen da zu sein: es gibt kein fremdes Leid, es gibt kein fremdes Glück, es gibt nicht mein Land und dein Land, meine Welt und deine Welt: die ganze Erde gehört Gott. In dieser für diese zu leben: das ist fromm. D. h. ohne Ausgrenzung zu leben. Alle Menschen sind Gottes Kinder. Wer das weiß, ist fromm. Wir also sollten fromme Leute sein und fromm in dieser Welt leben. Den Menschen wird es gut tun – und IHN wird es erfreuen.

Denn die heilsame Gnade Gottes ist erschienen für alle Menschen. Sie bringt uns dazu, dass wir dem Ungehorsam gegen Gott den Abschied geben, den Begierden, die uns umstricken und gefangen nehmen, und dass wir besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben.

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