Geschenkauspacker

Liebe Gemeinde,
was für ein Geschenkauspack-Typ sind Sie eigentlich?
Der klassische Aufreißer, der das Papier gnadenlos zerfetzt bis der Inhalt sich zeigt.
Oder eher der Pedant? Er knotet sorgsam die Schleife auseinander, die Klebestreifen werden vorsichtig abgezogen und das Papier wird nach dem Auspacken sorgfältig geglättet.
Vielleicht sind sie auch der Respektvolle. Dieser Typ lobt nicht nur das Geschenk, sondern auch das schöne Geschenkpapier und die beigelegte Grußkarte.
Der Frager hält sich für besonders clever. Er rätselt laut mit dem Geschenk in der Hand herum, was denn darin ist und bekommt durch die Reaktionen des Schenkers schon wertvolle Tipps, bevor das Geschenk überhaupt geöffnet wurde.
Dann gibt es den Besorgten. Dieser Typ würde das Geschenk am liebsten im stillen Kämmerchen öffnen, damit keiner und keine seine Miene erkennt, die eventuelle Enttäuschung, die ihm oder ihr dann ins Gesicht geschrieben steht. „Oh, was für schöne Socken“. Zu diesem Typ gehöre ich.
Oder vielleicht gehören Sie auch zur Kategorie der Schüttler. Der spielerisch veranlagte Show-Mensch, der seine Geschenke erst schüttelt und dann wild assoziiert. „Oh das hört sich so weich an. Ist da vielleicht ein Hamster drin.“

Ich habe ihnen heute am 1. Weihnachtstag auch ein Geschenk zum Auspacken mitgebracht. ?Es ist in einem Satz und vielen Worten verpackt und unser heutiger Predigttext im 3. Kapitel des Titusbriefes.
4 Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, ?5 machte er uns selig – nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit – durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist, ?6 den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland, ?7 damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden nach unsrer Hoffnung.

Schöne Bescherung sagt jetzt vielleicht der Besorgte. Da komme ich am 1. Weihnachtsfeiertag in den Gottesdienst und will in Ruhe die weihnachtliche Stimmung genießen und dann diese theologische Packung.
Der Aufreißer hat das Geschenk schon mit dem Geschenkpapier weggeworfen: „Wie, da war noch etwas für mich drin?“.
Vielleicht hat der Pedant mehr Glück:?Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, ?machte er uns selig – nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit

„Freundlichkeit“, „Menschenliebe“, „Barmherzigkeit“. Diese Begriffe passen gut in die Weihnachtszeit.
Als Pedant kniffle ich weiter an den theologischen Schleifen „selig machen“, „Werke der Gerechtigkeit“.
„Selig machen“ heißt im Wortsinne mehr als der Zustand nach weihnachtlich gutem Essen und Trinken im harmonisch-befriedeten Wohlfühlambiente. ?„Selig machen“ bedeutet Rettung aus tiefster Not!
Das Erscheinen Gottes in dieser Welt mit all seiner Freundlichkeit und Menschenliebe wird in unserem Predigttext als Rettungstat beschrieben.
?Nur ein Vers davor wird der Grund genannt: Diese Welt ist voller Unvernunft, Ungehorsam, Entgleisung, Verirrung, maßloser Selbstbedienung zur Befriedigung der eigenen Begierden, Bosheit, Neid, Hass.
Worte, die sich durch die Menschheitsgeschichte ziehen.
Selbst an Heilig Abend können Lametta und Kerzenglanz nicht ganz das Gefühl vertreiben, das da noch etwas fehlt. Manchmal auch jemand.?„Selig-gemacht-Sein“ – das fühlt sich oft anders an. Die Rettungs-Dienste in unserer Stadt haben in dieser Nacht Hochkonjunktur wie sonst nie im Jahr.

Wir kennen die unrettbaren Zustände in dieser Welt und in uns selbst. Da hat sich zwischen der Zeit als Jesus geboren wurde und heute nicht viel verändert.?Damals hatte der Mensch keinen Glauben mehr in Gott den Schöpfer und Retter. Er war den Menschen fremd geworden. Religion zeigt sich von ihrer grausamen Seite: Ehebrecherinnen wurden gesteinigt, vermeintliche Gotteslästerer geköpft.
Krankheit war ein Zeichen der Gottesferne. Behinderung war unwert in der Gesellschaft der gottverwöhnten Schönen und Gesunden. ?Der Fremde war unrein und gefährlich für den religiösen Kultbetrieb. ?Die Politik kungelte mit den Besatzern der römischen Weltmacht und der Klerus arrangierte sich mit ihnen.
Für viele war der Glaube nicht mehr relevant. Gott war zu fern vom Alltag der Menschen.
Existentielle Fragen nach dem Sinn des Seins, nach Zuwendung in tiefster Not, die Sehnsucht nach erfülltem Leben fanden keine Antwort in den traditionell erstarrten Reden von Gott.
Viele Menschen rechneten nicht mehr mit Gott. Sie pflegten eine nostalgische Festtagsfrömmigkeit und doch eigentlich blieb es leer in ihnen.
Und die auf der Sonnenseite des Lebens standen, brauchten Gott schlichtweg nicht mehr. Wer braucht Gott schon im Paradies?

Die Antwort auf diese heillosen Momente und Fragen des Menschen war und ist die menschliche Erscheinung Gottes in unserer Welt.
Dieser Gott war in Jesus von Nazareth den Menschen zur Rettung geeilt in Güte, Milde, Brauchbarkeit, Freundlichkeit, in zarter Umgänglichkeit mit seiner Schöpfung so beschreiben die Worte im griechischen Urtext – ich gebe zu etwas pedantisch aufgeschnürt – Gottes Erscheinen in dieser Welt. Loving and careing – diese Worte würden wohl heute dastehen.
Das war keine göttliche Herablassung, sondern eine Menschwerdung, eine neue Schöpfung der Barmherzigkeit, die gewaltige und manchmal auch gewalttätige Spuren bis heute hinterließ.
Gottes Erscheinen in dieser Welt sorgt auch für Missverständnisse und Unruhe. Er war nicht allen Willkommen. Für einige passte dieser Gott in Menschengestalt nicht in ihr Welt- und Gottesbild. Sie meinten Gott besser zu kennen. Sie ergötzten sich an ihren religiösen Großtaten und hatte ihren Gott verpackt in Tradition und Ritual. Kein Geschenkaufreißer hätte ihn daraus befreien können. Nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen

„Nichts, nichts hat dich getrieben, zu mir vom Himmelszelt?als das geliebte Lieben, damit du alle Welt?in ihren tausend Plagen und großen Jammerlast,?die kein Mund kann aussagen, so fest umfangen hast.“

Barmherzigkeit ist die Antwort Gottes auf seine tief empfundene, aufwühlende Erschütterung über die Heillosigkeit und Verlorenheit seiner Schöpfung.
Viele haben dieses Gefühl in den letzten Monaten selbst in sich gespürt.
Wenn sich angesichts der Flut der Bilder alles in einem zusammenkrampft über das menschliche Elend.
Wenn es uns schon so packt im Angesicht von Leid und Not, wie sehr mag es den Schöpfer dieser Welt wohl getrieben haben rettend einzugreifen.
Die Rettung Gottes fing nicht zufällig dort an, wo die Not am größten war und der Hunger nach Frieden, nach Gerechtigkeit, nach Lebensatem groß.
Trostloser als ein Viehstall in einem militärischen Besatzungsgebiet kann ein Ort nicht sein für Gottes Erscheinen in der Welt.
Christ der Retter ist da.
Gottes Rettungstat an Weihnachten wurde zum Beginn einer neuen Zeitrechnung, eines neuen Zeitalters.
Gott wurde im Schwachen mächtig. Er gewann das Vertrauen zurück und mit den Menschen seiner Gnade begann sich das Antlitz dieser Erde zu verwandeln.
Dass der Fremde willkommen ist, das Freundlichkeit und Menschenliebe unsere Gesellschaft mehrheitlich trägt, ist ein Weihnachtsgeschenk!

Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, die Güte, Milde, Brauchbarkeit, die zarte Umgänglichkeit unseres Heilands, ?machte er uns selig, rettete er uns – nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit

durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist, ?den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland,

Ich ziehe – nicht zu pedantisch – an den nächsten Schleifchen unseres Geschenkes.
Mit dem Hinweis auf die Taufe und die dynamische Kraft des Heiligen Geistes verändert sich der Focus dieser Rettungsgeschichte Gottes.
„Du empfindest diese Welt und dich als rettungsbedürftig, dann tritt in Erscheinung“ „Mach deins draus, was da erschienen ist.“
Frei nach dem Slogan eines schwedischen Möbelhauses, wendet sich dieses Weihnachtsbekenntnis von der Erscheinung Gottes nun dem Menschen zu.
Dieses Präsent wird erst zum Geschenk, wenn ich es selbst in die Hand nehme.
Gottes Erscheinen in dieser Welt hat einen Widerschein. ?Christus war die erste Kreatur einer neuen Schöpfung. Licht vom Lichte.
Nun sind wir, die Kinder des Lichts, dran ihm gleich zu tun; es Weihnachten werden zu lassen in dieser Welt.
Der Neuanfang Gottes mit seiner Schöpfung braucht mich. ?Er braucht mein persönliches Weihnachts-Bekenntnis. ?Einen kleinen Satz am 1. Christtag – schmuckvoll verschachtelt oder in schlichten Worten.
Der Hinweis auf die Taufe, auf das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist, wehrt allen Versuchen das Geschenk des Heiligen Abends vorzeitig zu den übrigen Socken zu legen oder in der Vitrine mit dem anderen Menschheitskitsch verstauben zu lassen.
„Wiederentstehung“, „Wiedererneuerung“ als Übersetzungsvarianten gefallen mir dabei besser als „Wiedergeburt“, denn sie machen deutlicher, dass es sich um einen stetigen Prozess handelt.
Alle Jahre wieder.
Religion heißt nichts anderes als dieses „immer wieder“ sich erneuern und entstehen.
Kirchenjahresfeste sind religiöse Akte, die uns immer wieder neu mit der Menschenliebe Gottes in der Welt verbinden und dabei nach uns selbst fragen.

„Mach deins draus, was da erschienen ist.“ Unser Predigttext ist in der Tat eine weihnachtliche Geschenkpackung, die in sich hat. ?Was machen wir Christen nach dem Heiligen Abend mit Weihnachten in der Welt?
Zurück in die Kiste mit den Christbaumkugeln und den Krippenfiguren bis zum nächsten Weihnachtsfest?
Oder es Weihnachten werden lassen in dieser Welt? Das Geschenk des menschlichen Erscheinen Gottes in dieser Welt in Freundlichkeit und Menschenliebe weiter auspacken.
Schleifchen für Schleifchen, Schritt für Schritt, von Weihnachten über Pfingsten bis Ostern.
Unseren Hunger und den Hunger dieser Welt nach Rettung zu beschenken mit der Erfahrung von Güte, Milde, Brauchbarkeit, Freundlichkeit, der zarten Umgänglichkeit mit seiner Schöpfung – Loving and careing.
Hirtengleich von der heilvollen Erfahrung erzählen, getrieben von der Sehnsucht und der Leere allen Unrettbaren auch in uns.

Liebe Gemeinde,
unser Predigttext ist ein Bekenntnis. Ein „Ja“ zum Auspacken eines großen Geschenks.
Und das Geschenk selbst? Das Geschenk ist so einfach und doch so kompliziert, so dass es viele Schleifen und Schichten braucht bis es sich ganz entfaltet.
Das Geschenk, das ich auspacke ist das Leben selbst im Lichte der Erscheinung Gottes in dieser Welt.
Leben mit all den wunderbaren Lebensgeschenken und unserer Lebensnot.
Ein Leben im Bewusstsein des Verlorenseins und als Christenmensch, der gerettet ist.?Befreit zu einer Sicht auf die Welt, die sich dem Erscheinen Gottes anvertraut.

Die Ereignisse in dieser Welt und unserer Stadt haben 2015 wieder beides gezeigt: Wir halten das Geschenk schon in Händen und packen es aus. ?Und: Wir brauchen nach wie vor Gottes rettendes Handeln.
In diesem Bewusstsein bleiben wir in der Dynamik einer Kraft, eines Geistes, die uns weitertreibt und auch vor den größten Knoten am Lebensgeschenk nicht verzweifeln lässt. Denn wir leben im Vertrauen, dass sich alles am Ende lösen und zeigen wird.
7 damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden nach unsrer Hoffnung.

Liebe Gemeinde,
Viele Geschenkschleifchen müssen noch aufgeknotet werden. Weihnachten ist erst der Beginn nicht das Ende. Das Geschenk des Lebens soll sich entfalten.
Lasst uns das Erscheinen Gottes in dieser Welt mit der Heiligen Nacht zu einer Botschaft werden, die diese Welt befreit, sie heilt und erlöst. Sie rettet. Herzensfroh und mit dem Zauber eines Neuanfangs, der unscheinbar mächtig und scheinbar schwach in Windeln gewickelt die Menschen gewinnt für Gottes Güte, Milde, Brauchbarkeit, Freundlichkeit, in zarter Umgänglichkeit mit seiner Schöpfung – Loving and careing.

Damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden nach unsrer Hoffnung.
Packen wir das Leben wie es in Gott in dieser Welt erschienen ist aus.
Alle Typen sind gefragt – egal ob Aufreißer, Pedant, respektvoll, fragend oder besorgt.
Wichtig allein ist nur, dass das Leben in dieser Welt wieder zum Geschenk wird.
Frohe Weihnachten uns allen.

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