Das Weihnachtspaket des lieben Gottes

Liebe Gemeinde,

eine der beeindruckendsten Weihnachtsgeschichten, die ich kenne – und manche von Ihnen vielleicht auch -, beginnt außerordentlich ungemütlich: Nämlich an einem grauen Dezembertag in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts in Chicago. Wieder einmal hatten Tausende von Menschen ihre Arbeit verloren. Wieder einmal stieg die Verzweiflung und mit ihr auch der Alkoholkonsum in der Stadt. Und die Hoffnung auf irgendeine Besserung sank. Und auch die Temperaturen sanken, ein eisiger Nordostwind pfiff vom Michigan-See her durch die ganze Stadt und machte das Ganze noch ungemütlicher.

In einer Kneipe drängten sich angetrunkene Männer um einen Tisch. Einer von ihnen hatte sich einen kleinen Spaß gemacht: er hatte eine Tageszeitung zusammengefaltet und mit mehreren Lagen einer weiteren Zeitung umwickelt, sodass es ein richtiges kleines Paket war, was schließlich auf dem Tisch lag. Einen etwas schüchterner Mann, der in sich gekehrt und allein in einer Ecke an einem Tisch saß, forderte er mit rauher Stimme auf: Los, Jimmy, das hier ist für dich! Pack aus! Der so Angesprochen zögerte natürlich und ahnte wohl schon, dass es sich um einen blöden Scherz handelte, der die allgemeine Trostlosigkeit des Abends nur noch größer machen würde. Aber schließlich machte er sich doch daran, Schicht um Schicht das wertlose Zeitungspaket auszuwickeln. Richtige Spannung entstand nicht im Raum, nur das Gegröhle der umstehenden Männer wurde immer größer. Bis auf einmal der arme Kerl, der mit dem Auspacken beschäftigt war, stutzte. Seine Augen blieben an einer kurzen Notiz der Zeitung vom Vortagehaften, mit der das Paket umwickelt war, er las und las, seine Augen wurden immer größer, und dann begann er so befreit an zu lachen, wie man in diesen Tagen wohl niemanden in ganz Chicago hatte lachen hören.

Die anderen Männer drängten sich erstaunt um ihn und fragten, was es denn da zu lachen gäbe. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie begriffen hatten, was dieser verschüchterte Zechkumpane ihnen da erzählte. Vor Jahren war er zu Unrecht wegen eines schweren Verbrechens angeklagt worden. Einen Verteidiger konnte er nicht bezahlen, daher war er rechtzeitig vor der Verurteilung untergetaucht. Seitdem, seit mehreren Jahren, lebte er im Untergrund, mehr schlecht als recht, ständig auf der Flucht und in Angst und. Und nun las er in ausgerechnet in jener Zeitung, mit der das blödsinnige Weihnachtspaket eingepackt war, einen Polizeibericht, in dem stand, dass der wahre Täter überführt und gefasst worden sei und er, der seit dem Prozess Flüchtige und Ruhelose, damit rehabilitiert wäre.

Das Lachen des so Überraschten steckte an, und bald lachte die ganze Kneipe, und alle freuten sich mit ihm, und zwar so sehr, also ob es in Chicago keine Arbeitslosigkeit und keinen Hunger und keinen kalten Nordostwind mehr gäbe. Dabei war längst nicht allen an jenem Abend in der Kneipe klar geworden, dass nicht irgendjemand dieses Weihnachtspaket gepackt hatte, sondern Gott.

Mit genau diesen Worten endet diese ziemlich unweihnachtliche Weihnachtsgeschichte. „Das Weihnachtspaket des lieben Gottes“ – so heißt sie. Geschrieben wurde sie, man glaubt es kaum, von Bertold Brecht, der als sehr kritischer und dem kommunistischen Denken nahestehender Schriftsteller ein sehr spezielles Verhältnis zum lieben Gott hatte. Die Bibel, so sagte er aber einmal, war seine Lieblingslektüre. Er sah sie allerdings vor allem als Geschichtenbuch an, mitten aus dem Leben gegriffen und mitten in das Leben hinein sprechend. Ganz biblisch hielt er aber stets daran fest, dass Not und Ungerechtigkeit nicht das Letzte bleiben dürften, sondern dass es irgendeine Lösung, irgendeinen Ausweg geben müsste. Ob nun von Menschen in die Wege geleitet oder irgendwie anders, das mochte er nicht entscheiden. Wir brauchen keine Herren, sagte er einmal, wir sollen uns auch nicht als Herren aufspielen, sondern ganz einfache freundliche Menschen sein.

So geschieht es auch in unserer ungemütlich Weihnachtsgeschichte, die eine ungeahnte Wendung nimmt. Von der Trostlosigkeit zu überschwänglicher Freude. Ja, liebe Gemeinde: Genau das ist Weihnachten: Die Wende von Trostlosigkeit zu überschwänglicher Freude. Es ist darum kein Wunder, dass unendlich viele Weihnachtserzählungen mit Armut und Elend, mit Kälte und Verlassenheit beginnen, ungemütlich und traurig, so wie unsere Geschichte aus Chicago. Mit der biblischen Weihnachtsgeschichte ist es ja nicht anders. Der Beginn liegt in einer elenden Notunterkunft in einer Höhle bei Bethlehem. Aber weil wir Menschen solch einen Anblick nur schwer ertragen können, haben wir aus dieser Höhle einen gemütlichen kleinen Stall gemacht. Denn wir wollen zu Weihnachten ja keine schrecklichen Bilder sehen, sondern lieber schöne. Nicht ungemütliche, sondern lieber behagliche. Weihnachten soll uns ja nicht Kälte vermitteln, sondern Wärme.

Schreckliche Bilder, so werden viele sagen, haben wir in den vergangenen Wochen und Monaten genug gesehen. Die Flüchtlingstrecks auf dem Weg nach Europa, die Menschenschlangen an den Grenzübergängen und Essensausgaben, die Notunterkünfte. All das möchten wir zumindest in diesen Tagen nicht so gerne sehen, auch wenn uns klar sein sollte, dass all diese Bilder nur überdeutlich an das erinnern, was sich damals in Bethlehem abgespielt haben mag: Autoritäre und rücksichtslose Machthaber setzten Menschenmassen in Bewegung, vor den Meldestellen gab es lange Schlangen, Hilfsbereitschaft ließ zu wünschen übrig, Unterkünfte fehlten, Essen wurde knapp. Und mitten in diesem Chaos soll Gott Mensch geworden sein?

Hören wir nun an dieser Stelle einige Verse aus dem Predigtext für die diesjährige Christvesper am Heiligen Abend, aus dem Titusbrief im Neuen Testament. Ein Text, der beim ersten Hinhören nicht besonders weihnachtlich klingt, uns aber doch sagen kann, worum es zu Weihnachten geht:

Die rettende Gnade Gottes ist offenbar geworden, und sie gilt allen Menschen. Sie bringt uns dazu, dass wir dem Ungehorsam gegen Gott den Abschied geben … und dass wir besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben, als Menschen, die auf die … Erfüllung ihrer Hoffnung warten und darauf, dass unser großer Gott und Retter Jesus Christus in seiner Herrlichkeit erscheint. Er hat sein Leben für uns gegeben, um uns von aller Schuld zu befreien und sich so ein reines Volk zu schaffen, das nur ihm gehört und alles daran setzt, das Gute zu tun.

Die rettende Gnade Gottes. In der Lutherübersetzung heißt es: Die heilsame Gnade Gottes. Rettung und Heil sind, um es modern auszudrücken, Gottes Hilfsprogramme für uns Menschen in unserer chaotischen Welt. Für alle, die sich verloren vorkommen und verloren zu gehen drohen, für alle, die Unheil verbreiten oder erleiden und heillos in den Verhältnissen unserer Welt verstrickt sind.

Wieder diese vielen negativen Begriffe, so werden manche einwenden, wo bleibt denn da die frohe Botschaft? Sie ist da, liebe Gemeinde. Aber sie ist nicht immer so ohne weiteres erkennbar. Wie im Dunkeln oder Halbdunkeln eines Stalles. Oder im funzeligen Licht einer Großstadtkneipe. Gottes rettende Gnade ist eine Kraft, die sich denen erschließt, die sie brauchen. Aber vielleicht gar nicht erwarten. Die nicht mit ihr rechnen.

Gottes Gnade, Gottes Heil ist aber auch für die bestimmt, die meinen, sie könnten oder wüssten alles besser. Abschied vom Ungehorsam gegen Gott heißt, ganz und gar seinen Geboten zu folgen und seinen Verheißungen zu trauen, nämlich der Verheißung, dass am Ende nicht einfach alles gut ist, wie wir so schnell daher sagen, sondern das alles gut wird, wenn wir uns auf den Weg der Nachfolge Jesu machen, durch Schuld und Entschuldigungen hindurch, durch Versagen und Fehler hindurch uns auf neue Anfänge einlassen. Im privaten Leben wie in der Politik, in der Kirche und überall dort, wo wir als Menschen gefragt sind. Und wohl zunehmend auch, wo wir als Christenmenschen gefragt sind, ob denn etwas dran ist an unserer Hoffnung, die mit Jesus Christus zur Welt gekommen ist. Danach wird man uns immer mehr fragen, je mehr auch solche Menschen unter uns leben, die davon nicht wissen oder davon nichts halten. Ihnen müssen wir Rede und Antwort stehen.

Und wir können es doch auch! Weihnachten hilft uns dabei! Wir können von der großen Freude weitererzählen und vom Frieden und von der Liebe etwas weitergeben und setzen damit Zeichen der Hoffnung mitten hinein in die Alltäglichkeit und die Widersprüchlichkeit unsere Welt.

„Widersprüche sind Hoffnungen“ sagte Bertold Brecht einmal, und damit ist er wieder mitten drin in der Weihnachtsbotschaft. Ja, wenn sogar jemand wie Bert Brecht meint, hinter solch einem schäbigen Weihnachtspäckchen wie damals in Chicago würde Gott selbst stehen, wie sollte Gott dann nicht auch hinter all dem stehen und zu entdecken sein, was wir tun, was wir verschenken, was wir an Hilfe leisten? Diese Hoffnung, die aus den Widersprüchen und Dunkelheiten heraus wächst, wird auch unsere Begleiterin und Stärkung im Neuen Jahr sein, wenn wir nur den Grund dieser Hoffnung nicht aus den Augen verlieren: Gottes Nähe und Liebe zu uns. Im Kind in der Krippe.

Vielleicht würden Maria und Josef heutzutage vielleicht Zeitungspapier genommen haben, um ihr Kind vor der Kälte zu schützen. Das wäre dann das ganz besondere Weihnachtspaket des lieben Gottes. Mit seiner guten Nachricht für uns und für alle Menschen. Amen.

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