Bilder einer Ausstellung

Liebe Gemeinde!

Es ist schon einige Jahre her, dass ich zusammen mit meiner Frau eine Ausstellung mit Gemälden des französischen Malers Claude Monet besuchen konnte. Es war ein großartiges Erlebnis, die Bilder dieses großen Impressionisten anzusehen, an ihnen entlang zu gehen wie auf einem wunderschönen Spaziergang. Monet hatte die Eigenart, jedes Motiv mehrere Male darzustellen, bis zu zwanzig Mal. Ob es ein schlichter Heuschober ist oder die Kathedrale von Rouen, eine liebliche Flusslandschaft oder eine zerklüftete Küste, eine Reihe von Pappeln oder eine japanische Holzbrücke über dem Teich in seinem eigenen Garten – Monet hat jedes einzelne Bild immer wieder gemalt, immer in anderer Beleuchtung: Im hellen Morgenlicht, dann wieder im Abendsonnenschein, beigleißender Sonne oder in tiefem Schnee, mystisch verborgen im Nebel und dann wieder an einem farblosen, grauen Tag. Wie der Name „Impressionismus“ schon sagt: Immer wieder hat man einen ganz neuen, ganz anderen Eindruck.

Wie ich da so an den Bildern entlang wanderte, nahm ich die unterschiedlichen Stimmungen in mir auf und verglich sie mit meinem eigenen Erleben. Nicht nur um Tages- oder Jahreszeiten geht es da mit ihrem unterschiedlichen Licht, sondern um das eigene Erleben, die eigene Befindlichkeit. Ob ich an einem Urlaubstag morgens aus dem Fenster blicke, oder vom Krankenbett aus oder an einem Arbeitstag kurz vor Aufbruch zur Arbeit – derselbe Anblick löst Unterschiedliches in mir aus. Das gleiche gilt für die Begegnung mit Menschen. Ich kann mit jemandem abends gemütlich zusammen sitzen und feiern – und am nächsten Morgen begegnet er mir in einer Sitzung sachlich und nüchtern und fast fremd.

So ist es wohl auch mit mir, mit uns selbst, wenn wir von anderen gesehen werden und mit ihnen zusammenkommen. Die unterschiedlichen Schattierungen der Begegnungen prägen unser Leben und machen dessen ganze Farbigkeit aus.

Das Gleiche entdecke ich nun in dem Predigttext, den ich eben gelesen habe. Der Beginn des Hebräerbriefes im Neuen Testament. Auch er enthält eine Reihe von Bildern – und wie bei Monet – mit immer dem gleichen Motiv in verschiedenen Farbtönen und Schattierungen. Gehen wir doch einmal an diesen Bildern entlang – wie an den Bildern in einer Ausstellung. Und vielleicht entdecken sie mit mir immer das gleiche Motiv. Ein weihnachtliches Motiv. Nämlich den Stall von Bethlehem. Aber immer wieder anders.

Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten. So die ersten Worte. Das erste Bild.

Ich sehe ein kleines Dorf, und am Rande einen Stall. In grauer Vorzeit. An einem grauen Tag. Ganz neu gebaut ist der Stall. Andere Gebäude daneben liegen noch in Ruinen. Es muss einen Krieg gegeben haben, Zerstörung, Besatzung. Einige wenige Menschen haben sich hinter dem Stallversammelt, die einem alten Mann zuhören. An einer fast verborgenen Stelle. Aber immerhin unterfreiem Himmel. Wortfetzenklingen und aus dem Bild entgegen: „Und du, Bethlehem Ephrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir kommen, der in Israel Herr sei.“

Eine Stimme aus grauer Vorzeit, wie gesagt. Prophetenworte. Den damaligen Herren im Lande gefielen sie ganz und gar nicht. Würde es heutigen Herren und Machthabern gefallen, wenn man ihnen ankündigen würde, dass ihre Zeit bald abgelaufen sein wird? Wohl kaum. Darum: ein düsteres Bild. Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten. So die unvollständige Überschrift dieses ersten Bildes. Das nächste muss gleich kommen.

Wir gehen einen Schritt weiter: Nun heißt es. Er hat in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn, den er eingesetzt hat zum Erben über alles… Das nächste Bild. Das gleiche Haus. Der gleiche Stall am Dorfrand. Einige hundert Jahre später. Die Hütte ist in die Jahre gekommen. Wieder eine kleine Menschenansammlung. Dieses Mal im Stall. Vertraute Szenerie. Der Stall von Bethlehem. Maria, Joseph, das Kind. Nacht. Dunkelheit, Kälte. Man spürt sie geradezu, wenn man dieses Bild sieht. Das gleiche Motiv, aber ein ganz anderes Bild.

Im Unterschlupf des Stalles ist ein Kind geboren. Ausgerechnet hier. Das Kind in der Krippe. Gottes Sohn, Der Erbe. Erbe über alles? Kaum zu glauben. Wie ein Schleier liegt es vielleicht vor meinen, vor unseren Augen. Nur schwer zu erkennen und nur schwer zu glauben, dass es mit diesem Kind etwas ganz Besonderes auf sich haben soll. Vielleicht liegt es ja an der Dunkelheit der Nacht, an der Dunkelheit dieses Bildes? Immerhin: Ein kleiner Stern leuchtet durch das halbverfallene Dach. Vielleicht ein Hinweis darauf, dass hinter diesem kleinen Kind, oder über diesem kleinen Kind, Gott selbst steht?

Gehen wir ein Bild weiter, einen Halbsatz weiter: Der Erbe,… durch den er auch die Welt gemacht hat. Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens Wieder der Stall, immer noch Dunkelheit. Aber in sie kommt jetzt ein Glanz hinein. Von innen, wie auf einem impressionistischen Bild von Monet. Weitere Menschen sind nun zu sehen. Sind es Hirten? Sind es Könige? Sind es Kinder aus dem Dorf? Sie alle beugen ihre Knie. Sie wissen vielleicht gar nicht, warum. Sie ahnen es vielleicht nur, so wie wir, die Betrachter des Bildes, es auch nur ahnen: Der Schöpfer der Welt und ihrer Menschen wird selbst Mensch. Ein kleiner Mensch. Uns allen zum Verwechseln ähnlich. Und jetzt nicht mehr in völligem Dunkel. Sondern, wie gesagt, von ihm geht ein geheimnisvolles Licht aus , das einfach da ist. Wie das Licht des ersten Schöpfungstages.

Er trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort… Der nächste Halbsatz, das nächste Bild in der Reihe. Wieder der Stall, so wie es ihn zu Hunderten im Nahen Orient gibt. Ist es noch Bethlehem? Oder anderswo? Auf jeden Fall: Jetzt ist heller Tag, die Sonne brennt, im Schatten der Hütte haben sich Männer zur Rastniedergelassen Hauses. Sie schlafen aber nicht. Sie sind hellwach. Sie scheinen einem aus ihrem Kreis aufmerksam zuzuhören. Ähnlich, wie es auf dem ersten Bild zu sehen war. Aber das Gesicht diese Mannes kommt einem irgendwie bekannt vor. Und die Worte, die aus seinem Mund kommen, kann man sich ohne Weiteres vorstellen, wenn man die bisherige Reihe der Bilder und Sätze aufmerksam verfolgt hat. „Ich bin das Licht der Welt“, klingt es aus dem Bild heraus, und: ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ Ich und der Vater sind eins“. Ich bin die Auferstehung und das Leben.“: Lauter hohe, ehrfurchtsgebietende Worte. Ist das noch ein Prophet, der da spricht? Oder ist das nicht der, der Jahre zuvor dort geboren wurde? Licht im stall, Licht der Sterne, himmlisches Licht, Licht in Worten – immer wieder neu zeigt sich dieses Licht in den Variationen des einen Bildes.

Er hat vollbracht die Reinigung von den Sünden und hat sich gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe. Damit endet der Abschnitt aus dem Hebräerbrief, damit schließt sich auch der Reigen der Bilder. Noch einmal der Stall, nun uralt, windschief. Ein kleines Schild hängt an der Tür. „Komme bald wieder“, ist darauf zu lesen. Und eine Art Unterschrift. INRI. Das kennen wir doch? „Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum. Jesus von Nazareth, der König der Juden“. Ich stutze beim Betrachten dieses Bildes. Diese Inschrift gehört doch gar nicht dorthin. Oder doch? Hat da jener ein Zeichen hinterlassen, der aufgrund seiner Reden und Taten damals gekreuzigt wurde?

Ich betrachte das Bild genauer. Die Umgebung hat sich völlig geändert. Neue Häuser wurden gebaut. Siedlungen, Hotels. Einige zeigen aber Einschusslöcher. Und eine Mauer zieht sich quer im Hintergrund,. Riegelt die Stadt ab. Schwer bewaffnete Soldaten stehen davor, auch auf der Straßenkreuzung. Autos werden kontrolliert. Vor der alten Hütte am Rand stehen einige Leute stehen auf der Straße. Araber, Juden, Europäer, Afrikaner. Sie gestikulieren, scheinen miteinander zu reden, schauen zum Himmel hinauf. Ist dort etwas zu ersehen? Ein Licht? Eine Erscheinung? Das Bild lässt es offen. Hinter der Gruppe sitzt eine junge Frau. Auf ihrem Schoß ein Kind. Niemand achtet auf sie.

Ob sich manches im Leben wiederholt? Im Bild wie in der Wirklichkeit? Und wie geht es weiter? Mit der Bildergalerie sind wir am Ende angekommen. Waren es Impressionen? Oder Illusionen? Fantasie oder Utopie?

Gottes Sohn. Abglanz seine Herrlichkeit. So haben wir gehört, vielleicht auch etwas davon gesehen, mitten in der Zerrissenheit unserer Welt. Weihnachten ist morgen wieder vorüber. Der Alltag holt und wieder ein. Doch die Bilder bleiben. Und hoffentlich bleibt auch die Botschaft, die in diesen Bildern steckt.

Von den Hirten, damals am Stall von Bethlehem, hieß es in der Weihnachtsgeschichte: „Und sie kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten…“. Vielleicht ist das ja auch unser Weg. Zurück in den Alltag. Vielleicht sind ja auch wir durch Weihnachten, durch die Bilder, Texte und Lieder ein wenig gestärkt worden. Und gehen wie die Hirten als veränderte Menschen weiter. Nicht unbedingt beflügelt wie die Engel. Aber mutig und zuversichtlich und voller Hoffnung, Dankbarkeit und Freude. Das würde schon viel ausmachen! Amen.

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